Halbfeld­flanke

Das Millionen-Geister-Spiel:
PAOK – Schalke, 2:3

Nach dem halbblamablen 1:1 auf Schalke mussten die Blauen in Saloniki mindestens eine Hütte gegen PAOK machen um in die Gruppenphase der Champions League einzuziehen. Das gelang, doch bis zum 3:2 Sieg haben sich die Blauen das Leben selbst ein bisschen schwer gemacht.

Die Startaufstellung

Startaufstellung beim Champions League Qualifikations Rückspiel.

In der Startaufstellung der üblichen 4-2-3-1 Formation begann Santana neben Höwedes in der Innenverteidigung. Wie bereits im Hinspiel wurde auf Neustädter verzichtet und Höger-Jones bildeten die Doppelsechs. Das hat mich insofern irritiert, als dass ich die schwache Absicherung als Problem (v.a. beim Gegentor) ausgemacht habe. Und genau das ist ja Neustädters ausgewiesene Spezialität.

Die Griechen begannen ebenfalls in einem 4-2-3-1 System. Wesentlich weniger defensiv als die Grundstellung beim Hinspiel, da Salpingidis oft hinter Klaus aufrückte. Uns Huub schien das Mittelfeld als Schwachstelle ausgemacht zu haben und sollte damit recht behalten.

Die erste Hälfte

Besonders in der Anfangsphase waren die Außenverteidiger noch etwas schüchtern. Besonders Fuchs stand für seine Verhältnisse auffällig selten wirklich tief. Die 4er Kette war deutlich um defensive Stabilität bemüht. Im Laufe der Partie löste sich die Anspannung allerdings und Uchida-Fuchs standen zusehends tiefer, bzw. hinterliefen ihre Vordermänner nun häufiger.

Die erste Halbzeit war sehr verfahren. Und auch wenn bei langweiligen Spielen immer irgendjemand behauptet, dass es taktisch gesehen ein Leckerbissen sei, war das hier definitiv nicht der Fall. Schalke spielte ruhig und konzentriert, war darauf bedacht den Ball nicht zu verlieren und auf eine sich auftuende Chance zu warten. Das war aber auch schon alles was die offensive hergab. Gleichzeitig spielte PAOK sehr kompakt und verschoben fleißig. Das Mittelfeld war komplett undurchdringlich und auch auf den Seiten wurden Schalke fast keine Löcher offenbart. Wurde die erste Pressinglinie kurz vor der Mittellinie dann doch mal durchbrochen stach die zweite kurz vor’m eigenen Strafraum.

Bei PAOK funktionierte das Umschaltspiel wesentlich besser und auch die Geschwindigkeit bei Angriffen der Griechen war deutlich höher. Schalke spielte das alles dagegen sehr behäbig und ängstlich. Es wurde bei jedem Pass auf Sicherheit gespielt und nur viel zu selten mal schnell. Die knapp 2/3 Ballbesitz in der ersten Hälfte kamen so zwar zustande, allerdings kaum ernsthafte Torgelegenheiten. Es fehlte ein geeigneter Plan im Aufbauspiel, den auch ein gelegentlich abkippender Jones nicht parat hatte.

Erst gegen Ende der ersten Hälfte machten die Schalker das Spiel tatsächlich mal schnell und kamen prompt zu einer Großchance (Farfan, 40.). Kurz darauf kam ein langer Ball von Jones auf Uchida, der sich noch in den Strafraum tankt und auf Szalai zum 1:0 ablegt.

Die zweite Hälfte

Das berühmte Tor tat dem Spiel gut, auch wenn die Halbzeitpause dazwischen kam. Die Griechen machten von Anfang der zweiten Hälfte viel Druck – mit Erfolg. Das defensive Mittelfeld der Blauen schien überfordert und zeigte deutliche Mängel in Organisation und Absicherung. Das Tor zeichnete sich schon früh ab. Ganz ähnliche Situationen gab es vermehrt in dieser Zeit.

Schalke hatte der PAOK-Drangphase nur wenig entgegen zu setzen und griff viel zu häufig zu langen Bällen. Wieder fehlte der Plan zum konstruktiven Spielaufbau. Den sollte Meyer mitbringen (Auswechslung gegen Clemens, dem die Anbindung an das Spiel fehlte). Ziel war es mit mehr Kreativität den Ball näher zum Tor zu bringen. Doch dann ging alles ganz schnell: Jones zeigt dass seine Raumbeherschung mangelhaft ist und wird dafür vom Platz gestellt. Mit einem Mann weniger zeigen die Knappen, wie schon am Wochenende in Hannover, dass sie ja doch auch gut Fußballspielen können und machen das Spiel schnell. Mayer holt sich den Ball im Mittelfeld ab, steckt durch auf den losrasenden Draxler, der zur erneuten Führung einschiebt. Noch im Torjubel bekommt Meyer Bescheid, dass er direkt wieder ausgewechselt werden muss.

Der Grund dafür zeigte sich deutlich, denn ohne Jones gab es eklatante Lücken im defensiven Mittelfeld. Und obwohl er sich jetzt dorthin fallen lies, konnte Draxler nur bedingt Abhilfe schaffen. Also kam Neustädter für Meyer und tat was er am besten kann: Das Mittelfeld absichern. Er dirigierte und lief viel, die Verbesserung war sehr deutlich. Doch immer wieder zeigten sich noch Probleme im Mittelfeld, so dass nach einem Freistoß zum zweiten Gegentreffer Matip für Farfan eingewechselt wurde.

Nach 80 Minuten wirkte Matip deutlich frischer als seine Manschaftskollegen (oh wunder) und spielte zum Teil fast wie ein Libero. Er bewegte sich frei und schnell vor der Abwehr und stopfte alle Lücken. Prinzipiell stellte Keller damit allerdings auf ein 4-3-2 um, mit Höger, Neustädter und Matip auf der Dreifachsechs.

Zum Ende des Spiels herrschte wieder viel Druck von PAOK. Schalke brachte fast nichts außer Befreiungsschlägen zustande. Die Spieler schienen stehend KO, besonders Szalai war das anzumerken. Und dann konnte Matip sich plötzlich aus dem Druck lösen, spielt einen wundervollen Schnittstellenpass auf Draxler, der lässt noch zwei Verteidiger und den Torhüter alt aussehen bevor er eben jenem Szalai sein Doppelpack gönnt.

Fazit

So sehr ich mich über den Ausgang freue, zeigt das Spiel auch, dass das Aufbauspiel nach wie vor die größte Baustelle im Schalker Spiel ist. Es scheint keinen Plan zu geben, das Spiel nach vorne zu gestalten. Auf Lichte Momente von Draxler zu hoffen scheint mir etwas eindimensional. An der defensiven Stabilität muss natürlich auch gearbeitet werden, aber immerhin war heute schon sowas wie ein Pressingkonzept erkennbar. Spätestens ab dem Zeitpunkt, da Jones runter musste, konnte sogar auch schnell gespielt werden. Das kennt man von den Blauen in dieser Saison noch gar nicht.

Insgesamt wage ich mich, mit dem Mute der Verzweiflung, also ganz, ganz vorsichtig in Optimismus und behaupte (lies: hoffe), dass Keller weiß wie er an all dem arbeiten kann, die Vorbereitung war nur zu schnell vorüber…

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

Kategorie: Spielbericht

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5 Comments

  1. treffend analysiert. aber hatte trainer keller nicht genug zeit in der vorbereitung um spielkonzept zu erstellen? mir fehlt auch die galligkeit und die lust solch ein spiel zu bestreiten. ich sehe die trainerkonstellation bereits als gescheitert an.
    auf der 6 würde ich es mal mit neustädter und matip versuchen. denn eine schlechtere zweikampf und passquote als jones haben sie ganz gewiss nicht. damit könnte man etwas sicherheit schaffen. gerne würde ich auch goretzka auf einer der beiden stellen sehen, wenn er soweit ist.
    für samstag habe ich aber überhaupt kein gutes gefühl.

  2. Prinzipiell hatte Keller natürlich schon eine Menge Zeit. Aber auch bei den Bayern hakt es gerade etwas und die haben ja angeblich den besten Trainer der Welt. Ich bin einfach nicht bereit zu glauben, dass ein Bundesligatrainer kein Spielkonzept hat, auch wenn es gerade stark danach aussieht…

    Ich tu mich immer ein bisschen schwer was Zweikampfquoten angeht, aber die Passquote vom Jones ist typischerweise so schlecht nicht. Dafür finde ich sein Stellungsspiel erschreckend. Und den „er reißt sich den Arsch auf und motiviert alle anderen“ Effekt wage ich zu hinterfragen.
    Matip halte ich allerdings frühestens für eine Alternative auf der 6, wenn Papa wieder fit ist. Ansonsten ist der al IV viel zu wichtig.

    • Gut analysiert. Mir fehlt auch zu oft der Wille. Über den Kampf ins Spiel kommen, das hat in Unterzahl in Hannover geklappt und teilweise auch gg PAOK. Allerdings ist echt erschreckend wie schwach der Spielaufbau bei Schalke ist. Die 6er wissen wenig mit dem Ball anzufangen und schaffen es viel zu seltn Angriffe einzuleiten, sie sind mehr mit Ballannahme beschäftigt oder mit dem ausbügeln der eigenen Fehlpässe. Fuchs bringt seit einem halben Jahr keine Leistung mehr, früher hat er nur Defensivschwächen offenbart, nun läuft nach vorn auch nix, keine Flanken, keine Torschüsse. In der Innenverteidigung stimmt oft die Zuordnung und die Abstände nicht. Wo Santana beim 1:1 gestern rumläuft versteht kein Mensch. Die Abstimmung stimmt dort überhaupt nicht. Auch Höwedes schafft es nicht den Laden zusammen zu halten, bleibt zu hoffen das Papa in alter Form bald wieder da ist, aber auch das ist nur ein Strohhalm.
      Der Trainer muss endlich mal ein Konzept erkennen lassen, das viel trainierte Kurzpasspiel habe ich gestern nur zwischen Höwedes und Santana gesehen, zwischendrin kommen die Spieler mal auf die Idee zu pressen aber ein wirkliches taktisches Konzept sehe ich dort noch nicht. Mit der Verletzung von Szalai wird es nun vorne auch wieder eng…bleibt zu hoffen, dass man in den nächsten 3 Spielen wenigstens ein paar Punkte sammelt, dann sieht es personell vielleicht auch wieder besser aus und Keller hat die Möglichkeit die Mannschaft ohne den Mannschaftsarzt aufzustellen.

  3. Seit 2 Vorbereitungen (er hatte ja auch schon die komplette Wintervorbereitung) und in > 6 Monaten Spielbetrieb entwickelt sich die Mannschaft unter Keller immer mehr zurück. Mittlerweile ist athletisch, spieltaktisch, kämpferisch und psychologisch das unterste Niveau erreicht. Also ich weiß nicht, was da mit mehr Zeit besser werden soll.

    Wenn nicht spätestens (!) nach 6 Monaten in taktischer aber auch psychologischer Hinsicht eine echte Handschrift zu erkennen ist, ist ein Trainer nach meiner Auffassung (und nach der von Marcello Lippi von dem dieses Zitat stammt) verbraucht…

    BWG

    U.

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