Halbfeld­flanke

Halbzeitbilanz auf Schalke, Teil 2: Formationsspielereien. Wie können die Gegentore reduziert werden?

Im ersten Teil der Halbzeitbilanz habe ich gezeigt, dass Schalke zwar gut im Mittelfeld spielt, und auch eine gute Chancenverwertung hat, allerdings sehr anfällig für Konter ist. Bei Angriffen, speziell in Spielen in denen Schalke das Spiel machen will/muss, sind zu wenige Spieler hinter dem Ball, und der Gegner schafft es viel zu leicht vors Tor. Darum diskutiere ich hier mögliche Formationen, die der Kader erlaubt, die dieses Problem beheben könnten.

Die Lösung Gegenpressing, also den Ball direkt nach Verlust wieder zurückzuerobern (oder zumindest das zu probieren) kann nur funktionieren, wenn auch noch genügend Spieler in Ball nähe sind. Schalke hatte zuletzt viel zu Häufig bereits alle Kräfte in Nähe des gegnerischen Strafraums, wenn der Ball noch beim eigenen Innenverteidiger war.

Dieses Problem ist auch eins der Ordnung oder der Staffelung und damit eine Frage der Positionierung. Genau darum möchte ich hier Formationen diskutieren. Und zwar das gewohnte 4–2-3–1, sowie das 4–4–2 und das 4–3–3. Ich gehe davon aus, dass Keller hauptsächlich am 4–2-3–1 festhalten wird. Die anderen beiden Formationen können aber als Abwandlungen verstanden werden und Situativ oder als Anpassung an den Gegner auch mit dem gleichen Personal, also ohne Wechsel, gespielt werden.

„Neben dem gewohnten 4-2-3-1 kann es sein, dass wir in der Rückrunde auch mal im 4-4-2 oder im 4-1-4-1 auflaufen. Letztendlich sind es immer Nuancen. Wir haben viele Ideen und studieren einiges ein.“
Jens Keller, Cheftrainer

Grundsätzlich wird Formationen zu viel Bedeutung geschenkt. Es kommt darauf an, wie die Spieler ihre Rollen interpretieren, nicht wo sie auf dem Platz positioniert werden. Darum diskutiere ich hier die Staffelung, wie sie im Angriff und beim Gegenpressing von Nutzen sein kann und die Rollen wie sie verschiedene Spieler diskutieren können.

Hier widme ich mich lediglich dem Angriffsspiel. Ich gehe davon aus, dass Keller defensiv nach wie vor im 4–4–2 spielen lässt. Das Pressing ist zuletzt deutlich aggressiver geworden, und diese Entwicklung wird sicher weiter gehen.

Bei allen Formationen habe ich Papadopoulos nicht in der Innenverteidigung. Allerdings gibt es dafür keinen speziellen Grund. Ich sehe die Innenverteidiger Matip und Höwedes als sehr stark an und glaube, dass es Nuancen sind, die den Unterschied zwischen denen und Papa ausmachen. Es kommt also auf die Tagesform an und die gilt es für jedes Spiel abhängig vom Gegner neu zu eruieren.

Als Flügelspieler habe ich immer Draxler und Farfán aufgezeigt. Das ist das stärkste was Schalke auf den Positionen zu bieten hat. Allerdings haben beide einen starken Drang nach innen. Es kann dementsprechend also sinnvoll sein, abhängig vom Gegner, auf Clemens oder Fuchs als Flügelspieler zurückzugreifen, da diese die Breite besser halten und auch stärken im Flanken haben.

aufstellungen

4–2-3–1

Das 4–2-3–1 ist die Standardformation von Schalke seit ein paar Jahren. Bezeichnend ist die Doppel-6 die sich bei Angriffen zuletzt meist aufteilt, einer kippt zwischen die Innenverteidiger und hilft im Aufbauspiel mit, während der andere weiter vorne im Mittelfeld den Ball weiter trägt und den Ball auf die Flügel oder zum 10er weiter verlagert. Außerdem rücken die Außenverteidiger relativ weit auf, hinterlaufen die Flügelspieler sogar mit schlichter Regelmäßigkeit um Druck auf den Flügeln zu machen und den Ball dann zum Stürmer zu spielen.

Da dies die Formation ist mit der Schalke quasi die komplette Hinrunde bestritt, braucht es nicht viel Input zur Aufstellung. Ich sehe Goretzka als einzigen 6er oder 8er im aktuellen Kader (zumindest da Höger und Aogo verletzt sind) und genau das ist vermutlich zunächst noch die Schwachstelle. Eventuell könnte Meyer hier auch aufgestellt werden. Obwohl das von vielen so diskutiert wird sehe ich Boateng nicht als alternative auf der 6. Zu seinen Stärken gehören Zweikampfführung und Ballbehauptung. Das sind Werte, die vorne gebraucht werden. Hinten möchte man nicht in Zweikämpfe verwickelt werden, weil die verloren gegangen werden können. Und das ist schlecht. Darum kommt Neustädter auch nie in Zweikämpfe. Er ist Brillant darin diese zu vermeiden.

Bei den Außenverteidigern habe ich Kolasinac und Hoogland gelistet, weil die beiden vorsichtiger agieren und nicht so weit aufrücken. Das ist aber eine Strategie-Frage und Gegner abhängig. Gegen Mannschaften die sich lediglich hinten rein stellen wäre es sicher sinnvoll auch auf einen oder beide der offensiveren Alternativen zurück zu greifen: Fuchs und Uchida. Ferner könnte es sinnvoll sein, die Spielstärke zu erhöhen, womit Hoogland und Fuchs auflaufen sollten.

4–4–2

Die klassische Formation im deutschen Fußball der nach Libero-Ära, die sich dann später zum 4–2-3–1 gewandelt hat. Mit 4er-Kette, zwei Mittelfeld-Akteuren, zwei Flügelspielern und zwei Stürmern. Ich glaube, das kann als Kellers Lieblingssystem bezeichnet werden. Das erste Spiel nachdem er als Cheftrainer übernahm wurde ein klassisches 4–4–2 gespielt. Nach der Sommerpause 2013 und zu Saisonbeginn spielte Schalke häufig 4–4–2 in verschiedenen Abwandlungen. Das wurde dann schnell eingestellt, aber zuletzt wurde das 4–2-3–1 immer häufiger als ein 4–4–2 interpretiert. Boateng spielte dann weniger 10er als hängende Spitze, leicht hinter Szalai. Beide warteten dann darauf über die Flanken bedient zu werden.

Mit der Rückkehr Klaas-Jan Huntelaars scheint es sinnvoller auch zwei Stürmer nach vorne zu bringen. Ich würde Boateng als 8er dabei lassen, er ist zu Wertvoll um auf der Bank zu sitzen. Er kann das Spiel jederzeit durch die Mitte auch im Alleingang Gefährlich machen. Das wiederrum macht es auch bedeutend schwieriger für den Gegner zu verteidigen, da nicht lediglich die Flanken abgesichert werden müssen, sondern auch das Zentrum.

Der kritische Punkt im 4–4–2 ist die Balance. Oft besteht ein großer Unterschied zwischen Angriff und Verteidigung und es müssen weite Wege gemacht werden. Außerdem besteht immer die Gefahr im Mittelfeld ohne Absicherung zu stehen. Dafür kann meist ein Überzahlspiel auf den Flügeln hergestellt werden. Besonders gegen Teams die das Mittelfeld bevölkern, kann dies also eine gute Maßnahme sein. Drumherum spielen, sozusagen.

Das Flügelspiel im 4–4–2 kann außerdem das geeignete Mittel sein eine Mannschaft die tüchtig Beton anrührt zu sprengen. Überzahl auf den Flügeln, der Ball kommt durch bis zur Grundlinie, der Flügelspieler kann den Ball dann in den Strafraum geben, und ein Stürmer hoffentlich verwerten. Verschiebt der Gegner stark auf die Ballnahe Seite, ist der gegenüberliegende Flügelspieler frei und das Spiel kann verlagert werden.

In jedem Fall muss hier allerdings ein besonderes Augenmerk auf die Absicherung gelegt werden. Wenn Die Außenverteidiger sowie die Flügelspieler aufrücken und die Stürmer im gegnerischen Strafraum stehen, bleibt nicht mehr viel Personal fürs Gegenpressing oder die Absicherung nach Hinten.

4–3–3

Das 4–3–3 ist die vermutlich defensivste Variante der hier gelisteten. Oft wird hier übrigens von einer Spezialform, dem 4–1-4–1 gesprochen, bei der die 8er und die Flügelspieler auf einer Linie agieren. Das genauso wie ein 4–5–1 halte ich für sinnvolle Adaptionen einer soliden Grundformation, dem 4–3–3 nämlich. Ähnlich wie der FC Bayern es diese Saison macht, kann man diese Anpassungen in Abhängigkeit vom Gegner leicht treffen.

Im Endeffekt geht es allerdings um drei Spieler im Mittelfeld, einem Stoßstürmer und zwei Außenstürmern. Bei den Mittelfeldakteuren bietet sich Neustädter als alleiniger 6er an, sodass zwei weitere Kräfte offensiver wirken können, als 8er oder 10er. Schon bei deren Transfers habe ich von Boateng und Aogo in diesen Positionen geträumt, inzwischen hat sich Meyer gemacht und Keller auch schon so spielen lassen.

Bei einem 4–3–3 ist das Mittelfeld gut besetzt. Dafür muss man immer auf die Flügel Acht geben, weil die tendenziell unterbesetzt sind. Darum sollten die Außenverteidiger nur gezielt weit aufrücken. Vorne könnten sich Draxler & Farfán mit den 8ern und dem Hunter munter austauschen und so mit Druck vors Tor kommen.

So spielt Bayer Leverkusen übrigens auch und auf dem rechten Flügel steht Sidney Sam, der ja in der nächsten Saison auch für Schalke spielt. Bei dieser Formation wäre die Eingewöhnung für ihn sicherlich keine Schwierigkeit.

Fazit

Ich gehe davon aus, dass Keller das 4–2-3–1 nach wie vor als Standardformation nutzen wird. Es ist aber sinnvoll über die Formation Variabilität ins Spiel zu bekommen und den Gegner so zu überraschen, bzw. sich so auf den Gegner einzustellen. Dabei sind sowohl 4–4–2 und 4–3–3 in gewisser Weise Variationen. Das 4–4–2 legt den Fokus auf die Flügel und das 4–3–3 aufs Zentrum. Beides in der Schublade zu haben gibt Keller viele Möglichkeiten.

Die Formationen könnten sogar situativ eingesetzt werden. Allerdings wird es wohl eher von Spiel zu Spiel leichte Anpassungen an den Gegner geben, wie etwa durch Wechsel in der Halbzeitpause oder gegen Ende einer Begegnung, nicht von Spielzug zu Spielzug.

Letzendlich kommt es immer auf die Absicherung an. Das Ziel weniger Gegentore zu bekommen kann nur durch konsequenteres Gegenpressing erreicht werden. Und das wiederrum funktioniert nur, wenn immer genügend Leute hinter dem Ball sind. Ein 2–1-0–4 wie etwa beim Spiel gegen Freiburg darf da nicht mehr passieren.

Im dritten Teil nächste Woche nehme ich gemeinsam mit GoalImpact den Kader unter die Lupe umzu gucken, ob mehr drin wäre als Platz 7.

Saison 2013/2014, Halbzeitbilanz auf Schalke:
Teil 1: Wo kommen die vielen Gegentore her?
Teil 2: Formationsspielereien. Wie können die Gegentore reduziert werden?
Teil 3: Kaderanalyse. Ist Keller ein under-performer?

Kategorie: Spiel & Spieler

Halbzeitbilanz auf Schalke, Teil 3: Kaderanalyse. Ist Keller ein under-performer? » « Halbzeitbilanz auf Schalke, Teil 1: Wo kommen die vielen Gegentore her?

5 Comments

  1. Jawoll, das liest sich wirklich prima. Du entwirfst ganz wunderbare Ideen und tolle Idealvorstellungen.

    Aber ich bin ganz ehrlich: Das ist alles sehr optimistisch formuliert. Die in jedem Spiel aufs Neue zu sehenden individuellen Fehler, gerade die vom vielseits von dir gelobten Roman Neustädter (der – keine Frage – all das sein kann, was du umschreibst, es aber leider seit einem Jahr nicht mehr ist), erwähnst du nicht mit einem Wort. Wer sichert diese Böcke ab? Wer sorgt für eine bessere Staffelung bei der Innenverteidigung und für ein besseres Defensiv-Zweikampfverhalten unserer Außenverteidiger?

    Ich lese hier immer von Gegenpressing. Ich übersetze das so: bei Ballverlust sofortiges Umschalten auf Attacke und blitzartiger Überfall (gerne auch gedoppelt) des gerade erst in Ballbesitz gekommenen Gegners inklusive einem blitzartigen Zustellen der Räume. Ganz ehrlich: Das sehe ich bei vielen Bundesligisten, zumindest die Anlagen dazu. Aber nicht bei Schalke 04. Wir lassen oftmals bei Ballverlust offensiv übertölpeln. Gegentore nach eigenen Eckbällen sind bei uns doch Standard.

    Nichts desto trotz: ein schöner Debattenbeitrag von dir. In der Hoffnung, dass alles so himmelblau wird, wie du es hier zeichnest.

    Glück auf!

    • Vielen Dank für das Feedback, freut mich zu hören, dass es dir gefällt.

      Du hast natürlich Recht, das ist alles sehr optimistisch. Aber nur so geht’s ja: Du baust das Heile-Welt-Szenario und versuchst dem dann so nahe wie möglich zu kommen. Individuelle Fehler wird es immer geben, das ist Menschlich. Außerdem sind das ja alles keine Weltfußballer, sondern eben der Kader des S04. Darum ist eben niemand Perfekt und jeder hat so seine Schwächen. Darauf habe ich ja versucht einzugehen, wenn ich etwa sage, dass Fuchs und Uchi weiter aufrücken als Kola und Hoogland. Natürlich haben beide Seiten dann auch Stärken und Schwächen, aber Spieler-Bashing finde ich halt unpassend.

      Dass bei Ballverlust oft zu wenige Spieler hinterm Ball sind (darum lässt sich Schalke ja „zu oft übertölpen“, 4 gegen 3 ist leicht) erörtere ich hier doch recht intensiv. Zumindest war das mein Plan. Dafür muss kein Individuum sorgen, dass ist Mannschaftstaktik.

      Zu Neustädter: Was Du da schreibst höre ich häufiger. Besonders in der Arena wird der ja von den Rängen gern wüst beschimpft. Auch der macht natürlich nicht alles 100%ig, aber ich hab ehrlich gesagt keine Ahnung von welchen Böcken Du da sprichst. Die Fehlpassquote ist so schlecht nicht und defensiv steht er meist richtig. Die wenigen Fehlpässe fallen nur stark auf, weil sie fast alle brandgefährlich sind um im Erfolgsfall eine Torchance mit sich ziehen.

      Das jeder Ballverlust bitter ist, da wiederspricht natürlich niemand. Aber mir ist 100x lieber einen Fehlpass zu spielen, der einer schlauen Idee folgt, als gar keinen Pass zu versuchen.

  2. Interessanter Beitrag. Insgesamt sehr gut durchdacht! Ich fokussiere mal auf die Stellen die meiner Meinung nach Fehler sein könnten:

    1. Farfan ist finde ich ein RA der die Seite sehr extrem hält. Ich sehe ihn fast nie weiter innen.
    2. Ich würde die Formation Leverkusens nicht als 4-3-3 bezeichnen. Die meisten verstehen darunter ein Mittelfeld mit einem 6er und zwei 8ern. Leverkusen spielt im Zentrum meist mit drei defensiv denkenden Spielern, ich finde 4-3-2-1 (Tannenbaum) trifft es besser. Auch spielen die Stürmer im 4-3-3 doch meistens eher breit.

    • Das liest man gern, vielen Dank!

      1. Hmmm… naja, deutlicher als Draxler definitiv, aber würde er so stark auf dem Flügel bleiben hätte er ja schon nicht so viele Tore, oder?

      2. Ja, hast’e recht. Ich neige dazu Formationen vereinfacht zu beschreiben und dann die Rollen besser auszudefinieren. Darum schreibe ich hier ja auch von einem 4-3-3 und nicht 4-1-4-1, was dem vermutlich (besonders mit Boateng & Meyer) näher kommt.
      Letztendlich ist die Rolle Sams bei Bayer ja aber doch sehr ähnlich zu der Draxlers, oder findest’e nicht?

      • 1. Na ja, als Farfan zu uns gekommen ist hatte er in den Niederlanden (ok, ok) viel mehr Tore als richtige Spitze geschossen. In dieser Saison sind die meisten seiner Tore Elfmetertreffer. Ich würde daher Jeff schon als klassischen Flügelstürmer bezeichnen.

        2. Von den Fähigkeiten her finde ich Draxler und Sam auf jeden Fall vergleichbar. Die Rollen von Sam und Draxler sind ungleich schwieriger zu vergleichen. Leverkusen hat ein sehr klares gut durchdachtes Konzept in dem Son und Sam die Rolle des schnellen, dribbelstarken Konterspielers einnehmen die von den Halbpositionen nach innen ziehen. Draxler kann sowas sicher auch, wir spielen aber nicht (mehr) auf Konter. Draxler hat bei uns wohl die Anweisung den Flügel zu halten, obwohl er kein klassischer Flügelspieler ist der über Flankenläufe für Gefahr sorgt. Ich finde ihn stärker, wenn er freier zwischen LA und OM hin- und herdriftet.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

Copyright © 2016 Halbfeld­flanke

Theme by Anders NorenUp ↑