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Schalke 04 – Eintracht Braunschweig, 3:1

Zwischen den Königlichen aus Spanien und dem Derby in der Nähe von Lüdenscheid kommt die Eintracht aus Braunschweig als Tabellenletzter in die Arena. Ein Spiel, wie gemacht für eine blau-weiße Niederlage. Doch unerwarteter weise entschied man sich den Gegner an die Wand zu spielen.

Die Grundformationen zu Spielbeginn

Die Grundformationen zu Spielbeginn

Braunschweig

Lieberknecht wollte es machen wie Tuchel, als Mainz es kürzlich schaffte die Schalker Siegesserie zu beenden. Braunschweig baute entsprechend auch im 4-3-3 auf mit einer Sonderrolle für Kumbela, wie sie Koo bei Mainz hatte. Der Stürmer zeigte sich sehr beweglich und wich immer wieder nach hinten und zu den Seiten aus, so dass sich verschiedene Formationen bildeten, wie auch immer wieder ein 4-1-2-1-2, wenn er sich hinter seine Außen positionierte. Doch das gelang nicht häufig.

Braunschweig spielte zwar ein engagiertes Pressing, doch Schalke schaffte es relativ leicht dieses zu umspielen. Relativ schnell stand Braunschweig dann hinten drin, meist in einem 4-1-4-1 oder einem 4-4-2.

Die Offensivbemühungen der Niedersachsen sahen lediglich schnelle Konter vor. Durch weite Bälle wurde oft versucht das Mittelfeld großteilig zu überfliegen, vors Tor zu kommen und den Abschluss zu suchen. So richtig Erfolgreich war das allerdings selten. Die beiden 8er fanden fast nicht ins Spiel, weil sie entweder im Deckungsschatten der Schalker 6er standen oder von denen umspielt wurden…

Schalke

Mit 7 Spielern aus der eigenen Jugend (mit Höwedes ist Nummer 8 verletzt) liefen die Knappen mit einem erstaunlich jungen Durchschnittsalter (Goretzka als 19 Jähriger zählt da ja nicht zu) auf. Dabei erinnerte das Spiel sehr an die Hinrunde. Beim Mittelfeldpressing wurde der Gegner angelaufen, wenn auch nicht aggressiv attackiert. Aber viel offensichtlicher trat ein altes Problem wieder zu Tage: Das Problem das Spiel machen zu müssen/wollen.

Wenn der Gegner sich hinten rein stellt, muss man den Ball behaupten. Das ist prinzipiell nichts Schlimmes. Allerdings muss man darauf achten ihn auch zu behalten. Ballverluste gegen solche Mannschaften können fies Enden. Darum spielt man lieber sicherheitshalber einen Rückpass, als etwas dummes zu riskieren.

„Solange wir den Ball haben, können die anderen kein Tor schießen.“
Johan Cruijff

Doch mit Ballbesitzfußball hat Schalke immer so seine Probleme. Das liegt am Aufbauspiel und am Abschluss. In der Rückrunde hat Schalke gefühlt komplett auf ein geregeltes Aufbauspiel verzichtet. Typischerweise schlägt Fährmann jeden Ball auf die linke Seite der Mittellinie und die Schalker erkämpfen sich den Ball oder den Abpraller dann mit schlichter Regelmäßigkeit.
Heute jedoch nicht.

Schalke baute fast ausnahmslos geregelt über die Innenverteidiger auf. Ayhan machte das bei seinem Bundesligastartelfdebüt glänzend. Braunschweig wollte das jedoch unterbinden und presste das aufbauspiel hoch im 4-4-2, die beiden Spitzen je auf die beiden Innenverteidiger. Es sollte ein schneller Ballverlust in direkter Strafraumnähe provoziert werden. Darum kippte früh ein 6er ab und konnte sich so besser dem Druck entledigen. Dennoch tat sich Schalke recht schwer damit den Ball wirklich nach vorne zu bringen.

Im Mittelfeld schufen die klugen Bewegungen und Pässe von Boateng/Neustädter Raum und der Ball gelange relativ schnell ins Angriffsdrittel. Doch dort fand man die Lücke nicht. Immer wieder schossen Schalker darum aus der zweiten Reihe auf’s Tor. Braunschweig mauerte sich ganz gut ein und Schalke fand kein Mittel diese Mauer aufzubrechen. Die wenigen Spielverlagerungen waren meist zu langsam gespielt und die Überladungen wirkten uninspieriert und konnten von Braunschweig meist leicht aufgelöst werden. Immerhin zeigte sich die Angriffsriege sehr fluide. Draxler, Meyer und Goretzka tauschten quasi ständig die Positionen und auch Huntelaar wich mit steter Regelmäßigkeit aus um Lücken zu reißen. Das alles erzielte nur selten die erwünschte Wirkung.

Alles in allem…

Wenn wir von taktischen Betrachtungen im Fußball reden, dann dreht es sich eigentlich nicht um den tatsächlichen Torerfolg. Der ist größtenteils ein Zusammenspiel aus individueller Leistung (Torschütze vs. Torhüter) und Zufall. Worum es sich aus taktischer Sicht stattdessen dreht ist in aussichtsreiche Position zu kommen um den Torabschluss zu suchen. Sprich: Wie schaff ich es, einen prima Pass auf den Stürmer zu bringen, der frei im Strafraum steht. Oder eben: Wie vermeide ich, dass der Gegner sowas schafft?

Wenn man das Spiel unter diesem Gesichtspunkt sieht, kann von Abreibung für Braunschweig gesprochen werden. Trotz der eklatanten Schwächen im Aufbauspiel und im Abschluss, spricht die Statistik hier eine deutliche Sprache. Schalke hatte 2/3 der Zeit den Ball und zirkelte mit einer Passerfolgsquote von 85% über das gesamte Spielfeld. Dabei schossen die Blauen 32 Mal in Richtung Tor, davon 11 Mal aufs Tor. Braunschweig schaffte es aus 33% Ballbesitz und mit einer Passerfolgsquote von 63% immerhin noch 4 Mal aufs Schalker Tor zu schießen.

Müdigkeit und Frustration, nicht mehr Tore geschossen zu haben, auf Schalker Seite machte die Schlussviertelstunde, wie schon gegen Augsburg, noch einmal spannend. Letztendlich wurde das Spiel, wie so oft, im Mittelfeld entschieden. Boateng/Neustädter hatten zu jedem Zeitpunkt alles unter Kontrolle, spielten groß auf. Beide hatten eine Passerfolgsquote um die 90%, Neustädter 88% mit 70 erfolgreichen Pässen und Boateng sogar 92% mit 63 erfolgreichen Pässen. Immer wieder hört man, dass die Spielgestalter jetzt eine Reihe weiter hinten zu finden sind. In diesem Spiel war das gut zu sehen.
Zumindest bis zur Einwechslung von Anthony Annan…

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

Kategorie: Spielbericht

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1 Comment

  1. „Doch unerwarteter weise entschied man sich den Gegner an die Wand zu spielen. “

    Geschmunzelt, aber ich glaube, dass es das sehr gut trifft => mentale Stärke.

    Toller TExt, weiter so.

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