Viel wurde geschrieben, dass Kevin Prince Boateng die Schalker Taktik auf dem Spielfeld angepasst hat, damit Kellers Job gleich mitgemacht und einen Punkt gesichert hat. Doch was hat er da wirklich gemacht? Und warum eigentlich?

Die Grundaufstellungen zu Spielbeginn.

Die Grundaufstellungen zu Spielbeginn.

Die Herangehensweisen

Robin Dutt hat sich das Derby ganz genau angesehen und die richtigen Schlüsse draus gezogen: Schalke kann sich aus konsequentem Pressing fast nicht befreien. Zwar ist der Großteil der Schalker Startelf als durchaus bis sehr Pressingresistent zu bezeichnen, doch fehlt dem Kollektiv die Fähigkeit ein Pressing zu umspielen. Zu oft fehlen die qualitativen Anspielstationen und der Ball landet häufiger durch Glück nach einem Befreiungsschlag beim Mitspieler denn durch feines Kombinationsspiel. Eine für Schalke wenig berauschende Passerfolgsquote von 76% belegt das.

Werder presste also recht hoch und auch aggressiv. Der Ballführende wurde schon in der eigenen Hälfte angelaufen, auf den Flügel gedrängt und dort gedoppelt. Mit der Raute versprach sich Dutt damit die nötige Präsenz im Mittelfeld und kurze Wege aus dem Halbfeld zum Flügel. Dementsprechend ging auch offensiv alles über die Seiten. Bagfrede agierte als Ausputzer und Hunt quasi auf dem ganzen Platz als Anspielstation und Ballverteiler.

Keller versuchte mit Schalke dafür mal wieder etwas Neues. Ihm war klar, dass Werder das Mittelfeld beanspruchen wollen würde und schickte dafür mit Neustädter und Goretzka zwei 6er ins Rennen, die ausgezeichnete Fähigkeiten im Auflösen von Engen haben. Boateng hat diese zwar auch, doch für den hat sich Keller etwas ganz Besonderes ausgedacht. KPB sollte als hängende Spitze agieren oder als zweiter mitspielender Stürmer. Denn auch Huntelaar zeigte sich sehr beweglich. Schalke spielte dementsprechend in einem verkappten 4-4-2, welches sich eher wie ein 4-2-2-1-1 anfühlte. Beide, Boateng und Huntelaar suchten ständig den Weg zum Tor und warteten nur so auf Zuspiele. Und genau da war die Krux.

Während Boateng und Huntelaar sich frei liefen und auf Anspiele in Tornähe warteten ging der Ball ein ums andere Mal auf dem Weg dahin verloren. Den beiden fehlte komplett die Anbindung ans Spiel. Das lag zum einen daran, dass die Bewegungen der beiden nicht sonderlich gut abgestimmt waren. Meist liefen sie sich fast über die Füße oder versuchten gleichzeitig Löcher für den anderen zu reißen, die dann von niemandem sonst mehr genutzt werden konnten. Zum anderen lag es aber auch schlicht daran, dass Schalke eine weitere Anspielstation fehlte um so weit nach vorne zu kommen. Dementsprechend musste Schalke viel nach vorne dribbeln, was dem Bremer Pressing in die Karten spielte.

Die Boateng’sche Rotation

Die Boateng'sche RotationKurz nach dem Gegentor wurde es Boateng zu bunt. Schneller als Keller analysierte er die Lage goldrichtig und stellte um. Er installierte sich selbst wie zuletzt auf der 6 um das Spiel aus dem Zentrum voran zu treiben und setzte Draxler ins zentrale offensive Mittelfeld um als Anspielstation und Ballverteiler zu agieren. Goretzka auf den rechten Flügel komplettiert die große Rotation.

Es ging Boateng bei dieser Umstellung nicht darum selbst besser ins Spiel eingreifen zu können. Ziel war das Mittelfeld wieder zu erobern. Darum wechselte er nicht nur seine eigene Position sondern er baute die komplette Formation der Schalker um. Das neusortierte 4-2-3-1, Schalkes Standardformation, schaffte es dann von da ab und bis zur Halbzeitpause auch deutlich besser das Pressing Bremens durch das Zentrum zu umspielen und gleichzeitig Angriffe auf den Flügeln zu entschärfen. Boatengs Plan ging also vollends auf.

Die weiteren Veränderungen

Ein paar Minuten nach der Pause stellte Dutt dann seinerseits wieder um und machte aus der Raute im Mittelfeld eine flache 4. In Verbindung mit dem weiterhin starken Pressing Bremens wurde Schalke damit das Mittelfeld wieder streitig gemacht. Zwar schafften die Knappen es weiterhin in der Defensive kompakt zu stehen und relativ sicher Werders Angriffe abzufangen, doch klappte selbst nicht mehr viel in den Angriffsbemühungen.

Jetzt mit Doppel-6 schaffte es Bremen deutlich besser der Staffelung Schalkes zu entgehen. Die Verbindungsspieler (Draxler, Goretzka, Obasi) wurden meist sehr gut abgeschirmt und zugestellt, so dass sich für Schalke nicht viele Optionen boten. Mit Meyer reagierte Keller nochmal auf diese Situation und versuchte mehr Qualität in Sachen Übersicht und Ballverteilung auf den Platz zu bringen. Doch Schalke schien konditionell mit dem Bremer Ansturm nicht mehr mithalten zu können. Und konnte sich letztlich über einen Punkt freuen.

Fazit

Boatengs Wechsel von einem 4-4-2 auf ein Spiel mit 10er hat Schalke das Spiel nicht verlieren lassen. Für mehr war Werder an diesem Tag zu stark. Außerdem fehlt der blauweißen Rasselbande dafür noch das geeignete Mittel sich starkem Pressings im Kollektiv zu entledigen.

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.