Halbfeld­flanke

Benedikt Höwedes, linker Außenverteidiger der deutschen Nationalmannschaft

Benedikt Höwedes, Schalker Innenverteidiger und gelegentlich auf-rechts-Aushelfer gibt in der Nationalelf bei dieser Weltmeisterschaft den Linksverteidiger. Er und Löw werden dafür häufig kritisiert. Nicht ganz zurecht…

dfb_wm2014Keine Frage, Höwedes ist kein Alaba oder Marcelo. Von solchen Linksverteidigern träumt wohl jeder Trainer, ich hab’s nicht verifizieren können, aber aller Wahrscheinlichkeit auch Jogi Löw. Nur, von solcher Qualität gibt es auf der Position nicht allzu viele. Deutschland hätte da niemanden zur Verfügung, nein auch Schmelzer, Jansen oder Aogo in Bestform können da nicht mithalten. Die Diskussion ist aber überflüssig, weil keiner von denen in Bestform ist. Der Kader gibt dann nur noch den sehr unerfahrenen Erik Durm her. Philipp Lahm ist vor der Abwehr von höherem Nutzen als auf einer Seite der Verteidigung. Löws Idee Innenverteidiger auf die Außenbahn zu ziehen zeigt also, dass er sehr wohl versucht das Beste aus dem zur Verfügung stehendem Kader zu machen. Jerome Boateng auf rechts wie auch Höwedes auf Links sind dabei natürliche Kandidaten. Beide haben schon regelmäßig Außenverteidiger gespielt. Beide sind schnell, Zweikampfstark, Passsicher und haben ein gutes Stellungsspiel. Im Duell gegen Christiano Ronaldo durfte Höwedes sich im Februar schon auf rechts probieren, diesmal sollte Boateng diese Ehre zu Teil werden.

Die Innen auf Außen Idee

Doch Innenverteidiger als Außenverteidiger auflaufen zu lassen ist weit mehr als eine Behilsmaßnahme. Sie sind elementarer Teil der strategischen Herangehensweise an diese Weltmeisterschaft. Kurz vor dem Turnier wurde ein Interview mit Urs Siegenthaler veröffentlicht, seines Zeichens Chef-Spielbeobachter des DFBs. Er mahnte, dass das Klima der härteste Gegner dieser WM sein würde und man mit Europäischem Spielstil nicht weit käme. Das frühe Ausscheiden von Spanien, England und Italien die erfolgreichen Lateinamerikaner ließe sich etwa so erklären. Letztlich würde es um Effizienz gehen und das Einteilen der Kräfte. Darin sehe ich den Grund für eine 4er-Kette aus Innenverteidigern.

Von den Personen mal losgelöst betrachtet spielte Deutschland in der Gruppenphase dieser Weltmeisterschaft eher vorsichtig und abwartend. Der Defensivverbund rückte zwar auf, aber nicht ansatzweise so weit, wie es noch während der Qualifikation der Fall war. Am stärksten fällt dies bei den Außenverteidigern auf. Ein hohes Aufrücken findet sehr selten statt. Selbst in dem Spiel, in dem dies am häufigsten passierte, gegen die USA, suchten die Außenverteidiger immer wieder schnell die Bindung zu den Innenverteidigern. Es wird deutlich, dass Deutschland sein Tor nicht entblößen und die Gefahr in einen Konter zu laufen klein halten will. In der Gruppenphase traf Deutschland ausschließlich auf Mannschaften die Spiele über Konter für sich entscheiden wollen. Und auch im weiteren Turnierverlauf wird das auf Grund der Spielstärke der deutschen Mannschaft meist der Fall sein. Wenn ich jedoch ein Spiel beherrsche, aber Probleme habe gegen eine tief stehende Mannschaft zu treffen, kann ein einziges Kontertor das Turnieraus bedeuten. Nicht zuletzt, weil es der Mannschaft in dem Klima schwer fällt das volle Tempo über die volle Distanz zu gehen. Eine Aufholjagd in Nordeuropa wäre um ein vielfaches einfacher als im tropischen Klima der Äquator-Nähe.

Das verhaltene aufrücken der Außenverteidiger ist auch darin geschuldet, dass deren Vordermänner im Defensivverhalten eher unauffällig agieren. Özils Defensivbemühungen auf rechts begrenzen sich auf ein Minimum, sind dabei aber noch deutlich stärker als die von Götze auf links. Besonders in einem 4-3-3 auf das die deutsche Nationalmannschaft zur Weltmeisterschaft gewechselt ist, ergeben sich so große Löcher auf den Flügeln. Die Außenverteidiger können allerdings auf Grund der Kontergefahr nicht allzu weit aufrücken. Darum agieren die beiden 8er oft recht breit und auch der 6er bessert auf den Flügeln aus. Da wird ersichtlich, dass Lahm im Zentrum unverzichtbar ist, weil er quasi beide Seiten gleichzeitig mitverteidigt. Außerdem schafft es gerade Hummels unglaublich viel Platz gleichzeitig abzudecken.

Im Falle der Flanke von Ghana war genau das alles nicht der Fall. Götze verteidigte nicht, kein Mittelfeldspielter kam schnell genug auf die Seite und auch Hummels konnte zur Absicherung nicht auf den Flügel rücken, weil bereits 3 Gegenspielter in den Strafraum ziehen. Höwedes versuchte zu verzögern, doch die Flanke kam schneller, und auch Mustafi konnte den Treffer nicht verhindern. Diesen Treffer einem einzelnen Spieler in die Schuhe zu schieben ist albern. Vielmehr zeigte sich, dass der DFB bei konternden Gegnern vorsichtiger agieren sollte.

Kein linker rechter Fuß

Der einzige wirkliche Nachteil mit Höwedes auf links ist aus meiner Sicht schlicht, dass er ein Rechtsfüßer ist. Seine zuspiele mit links sind deutlich schlechter als die mit rechts, von Flanken brauchen wir gar nicht reden, da hat er im laufenden Turnier noch nicht eine geschlagen. Dadurch wird der linke Flügel deutlich harmloser. Wie beschrieben ist das ja eine strategische Überlegung, die Außen sollen nur selten nach vorne. Allerdings kann ein gelegentliches herausrücken der Außenverteidiger die gegnerische Verteidigung aufbrechen. Wenn Höwedes seinen Vordermann überläuft, also nahe an ihm vorbei entlang der Seitenauslinie nach vorne sprintet, wird er meist nicht oder zumindest nicht voll gedeckt. Die Gefahr, die von einem Spieler ausgeht, der über den linken Flügel kommt aber nur mit recht schießen kann, ist überschaubar. Erstrecht, wenn ihm kein Raum gelassen wird ins Zentrum zu ziehen, so wie es Lahm früher immer gemacht hat oder es Robben heute ständig macht.

Nichtsdestotrotz funktioniert die Anbindung recht gut. Höwedes hatte in den drei Gruppenspielen eine Passerfolgsquote von 87% braucht sich damit keinesfalls hinter Passmaschinen wie Kroos (93,1%), oder Mertesacker (96,5%) verstecken. Auch wenn es immer wieder so scheint, als würde ihm die linke Position nicht ganz behagen, so ist er jedoch bei weitem kein Unsicherheitsfaktor.

Fazit

Als Rechtsfuß hat es ein linker Außenverteidiger immer schwer heutzutage. Doch dafür macht Höwedes eine relativ gute Figur. Die grundsätzliche Idee Innenverteidiger auf Außenverteidigerpositionen spielen zu lassen ist zunächstmal nichts Neues. Höwedes wie auch Boateng haben bereits häufiger außen gespielt. Gleichzeitig wird dadurch die Defensive gestärkt, Balance ist das oberste Gut der deutschen Nationalmannschaft in diesem Turnier. Im Ghana-Spiel offenbarten sich hier noch ein paar Feinabstimmungsprobleme, die wurden gegen die USA beeindruckend gelöst. Die defensive steht fest. Und nur so gewinnt man Turniere.

So, und jetzt geh ich Koffer packen. Morgen geht’s nach Brasilien. Wenn Deutschland gegen Frankreich spielt, guckt Euch das Publikum genau an, einer mit einem breiten grinsen wird winken.
Das bin dann ich. 🙂

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

Kategorie: National-11, Spiel & Spieler

Roman Neustädter, Fußballgott » « A contrasting Season for Schalke 04

1 Comment

  1. Gute Analyse. Und Dir ne gute Reise und viel Spaß! Bring nen Brasilianer oder so für Schalke mit! 😉

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