Halbfeld­flanke

Ein kurzer taktischer Blick auf Borussia Mönchengladbach – FC Schalke 04, 4:1

Wer sagt, dass Schalke von Borussia Mönchengladbach zerlegt wurde sagt nur die halbe Wahrheit. Denn eigentlich haben die Königsblauen das ganz gut selbst geschafft. Zwar war die Ballsicherheit wieder da, aber die Trägheit im Umschaltmoment brach Schalke das Genick.

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Fohlen mit beweglicher Doppelspitze

Die Borussia aus Mönchengladbach spielte offensiv wie defensiv im 4-4-2 mit Kruse und Raffael vorne dran. In der Offensive spielte letzterer meist etwas hängend und verteilte die Bälle in bester Spielmacher-Manier. Beide waren dabei sehr beweglich und in der kompletten offensive zu finden. Johnson und besonders Hahn beackerten die Flügel, Kramer den Bereich dazwischen. Xhaka auch, war aber deutlicher in die Defensivarbeit eingebunden. Die Außenverteidiger waren etwas vorsichtiger mit dem Aufrücken, aber waren brachten den Ball immer wieder bis über die Mittellinie um das Flügelspiel zu stärken.

Die Defensive stand komplett unter dem Kredo „Kompaktheit“. Die beiden 4er Ketten bauten sich unweit vom eigenen Strafraum auf und machten ein Durchkommen schwer.

Insgesamt war der Auftrag klar, über die Flügel schnell nach vorne kommen und überfallartig Richtung Strafraum zu stürmen. Ansonsten schert sich Gladbach nicht sonderlich um Ballbesitz und versucht den Gegner lediglich vom Tor fern zu halten.

Knappen fallen langsam auseinander

Der FC Schalke 04 hatte bisher in dieser Saison hauptsächlich damit zu kämpfen, dass die prägnante Ballsicherheit der letzten Saison abhandengekommen ist. Die ist jetzt wieder da: 85% Passerfolgsquote. Das ist prima. Und damit war’s das auch mit den positiven Aspekten…

Der zweite Problempunkt in dieser Saison (wie auch schon in der Vorsaison zur Hinrunde) ist das Umschalten in die Defensive. Das ist blöd, vor allem, wenn man sich auf einen Gegner einstellt, der sich auf’s Kontern konzentriert. Zwar schaffte Schalke es weitgehend den Ball von der Borussia Mönchengladbach fern zu halten, doch wurde es bei jedem Ballverlust gefährlich. Und mit laufendem Spiel wurde dies immer deutlicher.

Im Angriff fehlten Schalke wiedermal komplett die Ideen. Letztlich gab es immer nur Flanken, die niemand verwerten konnte. Trotz der Ballsicherheit schafft Schalke es faktisch nicht, sich durch die gegnerische Verteidigung zu kombinieren oder Lücken zu suchen/finden/reißen.

Die Schalker Lethargie

Im Aufbauspiel hat Gladbach die Spieler gespiegelt und früh unter Druck gesetzt. Das heißt, wenn nur über die Innenverteidiger aufgebaut werden sollte, dann standen da zwei Gladbacher um diese anzulaufen. Wenn ein 6er abkippte, dann kam auch noch ein dritter hinzu. Schalke war sich also früh Druck ausgesetzt und konnte diesen dann, wie so häufig zuletzt, nicht umspielen. Ergebnis war ein weiter Abschlag, der dann im Mittelfeld häufig direkt verloren ging. Der zweite Ball wurde in dieser Saison auch noch nicht konsequent erobert.

Die Defensive, und auch das kennen wir vom Beginn der Vorsaison, agierte sehr passiv. Das ist ein Spielansatz, den man mögen kann oder auch nicht. Passives Pressing ist nicht sonderlich schön anzusehen, dabei aber nicht zwingend ineffektiv. Das wird es aber, wenn die Spieler ihre Gegner nicht mal mehr anlaufen. So wie in dieser Partie und ganz speziell in der zweiten Hälfte. Dazu gab es kein erkennbares Gegenpressing oder sonstige engagierte Defensivmaßnahmen die den Gegner hätten bremsen können.

Das bitterste dabei war die 4er Kette, die diesen Namen nicht verdiente. Das Aufrückverhalten und die Abstimmung der Spieler erzeugte den Eindruck, als hätte Schalke erst letzte Woche auf 4er Kette umgestellt. Die Spieler schienen sich nie so recht sicher zu sein, ob gerade der Raum verteidigt wird oder der Mann. Oft kam es gar nicht zu einer Entscheidung, der Gegner war mit dem Ball schon weg oder der Ball im Tor.

Einzelbetrachtungen

Das komplette 3er Mittelfeld war von der Rolle. Neustädter, Höger und Boateng konnten zum Spiel selten mehr beitragen als etwas Ballzirkulation. Oft wurde das Spiel verschleppt, das Tempo anzuziehen gelang nur sehr selten. Besonders in der Defensive standen sie oft falsch oder kamen zu spät.

Clemens ist kein Rechtsverteidiger. Und ganz besonders nicht hinter Sam. Dieser fühlt sich für die Defensivarbeit nicht sonderlich zuständig. Gleichzeitig ist Sam aber offensiv ein deutlicher Lichtblick. Er schaffte es immer wieder Lücken zu finden. Leider konnte seinen Geistesblitzen meist wieder niemand folgen. Das Offensivspiel ist weiterhin weitestgehend frei improvisiert und wenig Gruppentaktische Abstimmung sind zu erkennen.

Fazit

Borussia Mönchengladbach spielte, wie sie immer spielen. Und wie auch viele Gegner Schalkes sich auf Begegnungen einstellen (u.a. Chelsea und Dortmund): Schnelle Konter sind die Devise.

Schalke zeigte eine katastrophal agierende 4er Kette. Schalke zeigte keinerlei Umschaltspiel in die Defensive oder gar Gegenpressing. Schalke zeigte eine Angriffsreihe die sich nicht durch einen gegnerischen Verteidigungsriegel tanken kann oder das gegnerische Pressing umspielen kann. Es fehlte also an ganz grundsätzlichen Dingen, die nicht nur auf verletzte Spieler geschoben werden können.

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

Kategorie: Spielbericht

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3 Comments

  1. Vielen Dank mal wieder für die schnelle und sehr gute Analyse. Kann Dir in (fast) Allem zustimmen. Wenn ich mir ein paar Bemerkungen erlauben darf: 1) Ich fand das Presssing gar nicht so schlecht und nicht so passiv wie Du schreibst (o.k., vergessen wir die zweite Halbzeit, ich rede mal nur von der esrten HZ): Die aufbauenden IV und teilweise auch der Torart wurden angelaufen, die 6er in den Deckungsschatten genommen, so dass ich den Eindruck hatte, dass der Aufbau der Gladbacher auf die Flügel geleitet werden sollte, worauf Schalke attackiert hat und gleichzeitig Anspielstationen zugemacht hat, wonach Gladbach mit dem Spielaufbau in der Regel am Ende war und den Ball abgegeben hat. Sah ein bisschen nach einer Idee aus . 2) Der Spielaufbau war bemüht und manchmal gar nicht so schlecht, wenn auch etwas langatmig. Der Ball kam schon regelmäßig ins zweite und dritte Drittel. Das Problem ist viel mehr die mangelnde Durchschlagskraft vorne (wie Du schreibst und auch aus den Gründen, die Du nennst (mangelnde Gruppentaktik etc.). Manchmal zum Gotterbarmen wie sich Sam oder Choupo-Moteng alleine an drei Gegenspielern abmühen fast ohne Unterstützung 3) Wie gegen Hannover fängt sich Schalke Kontertore ein, wo eigentlich nichts los ist. Hahn war eigentlich alleine gegen noch 4 Schalker auf gleicher Höhe und in Reichweite (im Vergleich dazu Leverkusen: fangen sich Kontertore ein, weil alle Feldspieler wie irre auf 10 qm den Gegner pressen und gegenpressen, und dann kommt die weite Spielverlagerung auf die andere Seite, wo kein Leverkusener ist. Das lass ich mir noch gefallen, da ist Logik hinter, gewissermaßen die kalkulierte Gegenseite der Medaille). Aber beim ersten Gegentor: Eigentlich ein Konter der Schalker. Nur: Choupo und Boateng spielen den alleine aus, keiner rückt nach. Boateng legt ab dahin, wo sinnvollerweise einer der Nachrückenden sein müsste, ist aber keiner (so wie beim 4ten Gladbacher Tor als Raffael zur Stelle ist, wenn eine Ablage oder ein Abpraller kommt). Ist auch keiner da, der dann den Gegenkonter durch Gegenpressing abfangen könnte. Aber wo sind sie denn alle? Hängen irgendwo im Spielfeldnirwana rum ohne klare Idee, was sie leisten sollen. Nicht Fisch, nicht Fleisch. Weil zum Abischern sind sie auch zu weit entfernt. Da fragt man sich glatt : Wenn die vorne nicht richtig sind, und hinten auch nicht: Laufen die dann zu wenig? Kann ich aber anhand der Laufleistung im Vergleich zu den Gladbachern nicht sehen. Laufen daher eher wohl falsch.
    Sorry, langer Kommentar. 🙂

    • Mein Text bezieht sich großteilig auf die 2. Halbzeit, fokussiert auf das was falsch lief. Ich muss zugeben nach dem Spiel etwas frustriert gewesen zu sein. Und das liest man da wohl raus. Entschuldigung dafür. Ich bin halt auch nur Schalker. 😉

      Nichtsdestotrotz hast Du natürlich recht, in der ersten Halbzeit war nicht alles schlecht. Der Ballbesitzfußball schien relativ flüssig von der Hand zu gehen und die Passsicherheit lag in der ersten Phase bei 88%. Darauf ließe sich aufbauen. Nach der zweiten Halbzeit halte ich das aber eher für ein Versehen…

      Übrigens glaube ich nicht, dass man die Höger-Neustädter Doppel-6 jetzt direkt verteufeln sollte. Die haben in der vergangenen Saison mehrfach gezeigt, dass sie es wunderbar drauf haben.

      Wie seit 1½ Jahren glaube ich an Besserung. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

  2. Ach ja, hätte ich beinahe vergessen: Neustädter/Höger auf der Doppel-6: Habe ja bisher geglaubt und mehrfach vehement geäussert, das wäre der Schlüssel zum Schalke-Glück: Muss ich zurücknehmen. Die These ist nach dem Spiel so nicht mehr haltbar.

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