Halbfeld­flanke

Ruhrpott Derby wird zur Konterschlacht, FC Schalke 04 – Borussia Dortmund, 2:1

Vor knapp einem halben Jahr gab’s das letzte Ruhrgebiets-Derby. In der Gegend von Lüdenscheid damals. Damals spielten die beiden Kontrahenten um den 2. Platz in der Bundesliga auf sehr hohem Niveau. Diesmal spielten die beiden darum den Anschluss nicht schon so früh in der Saison zu verlieren. Dementsprechend war das Niveau auch flacher. Ansonsten gab es einige Gemeinsamkeiten zur Partie von damals.

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Weniger Pressing, mehr Kontern

Das Spiel endete damals 0:0 (hier mein Spielbericht von damals), weil sich beide Mannschaften gegenseitig totgepresst haben und kaum durchs Mittelfeld gekommen sind. Es gab viele Ballverluste, die Borussen kamen zwar gelegentlich etwas gefährlicher vor Tor, doch im Prinzip war das Unentschieden Leistungsgerecht.

Diesmal wurde bedeutend weniger gepresst. Schalke hat in dieser Saison noch kein konsequentes Pressing gezeigt und wollte auch hier keine Experimente wagen. Gegenpressing und intensives Mittelfeldpressing gab es in erster Linie von der Borussia, wenn auch weit weg von der gewohnten Qualität. Besonders in der ersten Hälfte beschränkten sich beide Teams darauf das Mittelfeld zuzustellen und die Gegner anzulaufen. Im Verteidigungsdrittel spielten ebenfalls beide mit einer starken Mannorientierung, so dass die Außenverteidiger sich dann ziemlich dediziert um die Flügelspieler kümmerten.

Die Kontrahenten

Wichtig war es für beide den Ball zu gewinnen und dann schnell in Richtung gegnerischem Tor zu gelangen. Die Dortmunder sind dafür ja inzwischen Europaweit gefürchtet, hier aber den Nachweis dafür schuldig geblieben. Zwar schafften sie es schnell nach vorne umzuschalten, blieben im Abschluss aber fatal ungefährlich. Hummels zeigte zwar schon ein paar gute Spieleröffnungen doch letztlich blieb viel im Netz der Schalker Verteidigung hängen. Aubameyang war dabei noch der auffälligste Akteur, immer wieder holte er sich den Ball und versuchte andere Spieler einzubinden oder in Tempodribblings zu gehen. Es verwunderte nicht wirklich, dass er dann auch den einzigen wirklich gut vorgetragenen Konter mit dem Tor abschloss.

Schalke hat seit ungefähr 2 Jahren Probleme mit Umschaltmomenten. Keller hat in seiner Amtszeit Schalke darum das Kontern abgewöhnt (siehe Statistik letzter Hinrunde). Das kann man gut finden oder nicht, jedenfalls gibt es handfeste Gründe. Umso mehr überraschte, dass Keller genau das die Taktik in diesem Spiel war: Kontern. Und das ohne die beiden gefährlichsten Schalker-Konter-Spieler Draxler & Farfan. Und so konterte Schalke dann auch…

Die Konter waren alle samt nicht überzeugend, am erfolgreichsten noch in der ersten Halbzeit über Sam. Doch nach seiner Auswechslung gab es da auch nicht mehr viel Substanz. Meyer & Choupo-Moting halten den Ball viel zu lange für effektive Konter. Huntelaar versuchte sich ins Spiel einzuschalten, kann die erforderlichen Pässe aber nicht präzise genug spielen und muss sowieso Passempfänger sein und Abschluss suchen. Und die Außenverteidiger durften nicht immer zu weit mit aufrücken, weil sie hinten nicht aufmachen durften. Insgesamt nahm Schalke aber das Herz in die Hand uns machte alles was fehlte mit Einsatzbereitschaft wett.

Fehlpassfestival

Beide Mannschaften versuchten also schnell nach vorne zu spielen, blieben aber abwechselnd beim Gegner hängen. Die große Gemeinsamkeit zum Derby der vergangenen Rückrunde. Auch wenn es diesmal eher aufs Stellungsspiel ging, denn auf das starke Pressing. Am Ende stand es 66% zu 71% nach Passerfolgsquoten. Das ist Unterirdisch. Ein gutes Beispiel dafür ist Christian Clemens, der für Sam eingewechselt wurde (37. Minute). Er sorgte für viel Wirbel und ging mit einer Menge Engagement ans Werk, brachte aber nicht mal jeden zweiten Ball zum Mitspieler (45% Passerfolgsquote).

Hüben wie drüben war es meist das gleiche. Jemand eroberte den Ball, versuchte direkt den Gegenangriff einzuleiten, spätestens der zweite Pass wurde dann aber von irgendjemandem abgefangen. Dazu hatten beide 4er Ketten das Geschehen eigentlich komplett im Griff.

Der kleine Unterschied

Die Angriffe der Borussia waren erschreckend harmlos. Insgesamt kamen sie zwar häufig ins letzte Drittel, kamen dann aber nicht durch die tiefstehenden Schalker und schlugen den Ball ins Toraus oder weit darüber hinaus. So stehen 6:5 Torschüsse für die Blauen als Zeichen mehr aus ihren wenigen Möglichkeiten gemacht zu haben, geschossen wurde immerhin 11:17 Mal.

Die wirkliche Effizienz zeigt sich aber bei den Ecken. Aus 3 Ecken machte Schalke zwei Tore. Dortmund versuchte es 9 Mal erfolglos. Und da lag der Hase im Pfeffer. Dortmund schien besonders in der zweiten Halbzeit sehr gefährlich und aktiv. Auch, weil Schalke nach etwa einer Stunde die Puste auszugehen schien. Zählbares kam aber nicht dabei hinaus. Insofern wäre es, wie beim Spiel vor einem halben Jahr, eigentlich ein Leistungsgerechtes 0:0 gewesen.
Doch, manchmal kommt es eben anders. 🙂

Kurzzusammenfassung

Beide Mannschaften verteidigten in einem engen 4-4-2, verschoben viel und aufwändig. Beide versuchten das wiederum durch Spielverlagerungen und schnelles direktes Spiel zu umspielen/durchbrechen, blieben aber spätestens an den jeweils sehr starken Innenverteidigern hängen. Der Versuch dem Konter lediglich auszukontern ist wenig kreativ, da aber beide die gleiche Idee hatten, ergab sich eine Mittelfeldschlacht, die sich durch Ballverluste und nicht durch spielerische Qualität auszeichnete. Am Ende hätte es 0:0 stehen können, wenn die Schalker nicht effizienter im Ausnutzen ihrer Torgelegenheiten (lies: Ecken) gewesen wären.

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

Kategorie: Spielbericht

Schalkes Probleme unter Jens Keller » « Mit 6er System und Einsatzfreude: Chelsea FC – FC Schalke 04, 1:1

5 Comments

  1. Alles richtig. Aber bei einem Punkt will ich einhaken: Passerfolgsquote. Die ist in der Statistik für mich die am wenigsten aussagekräftige oder besser: verzerrende Zahl. Spielt ein Team laaaangsam und hinten rum, geht die Passquote gegen 100, aber die Gefahr für den Gegner gegen 0. So gewinnt mal kein Spiel, und attraktiv ist das auch nicht. Wer Risikopässe spielt, wird in zwei von drei Fällen einen Fehlpass spielen und in einem Fall den entscheidenden Konter einleiten. Dann steht es 1:0 bei 33% Passquote.

    Dein Beispiel Clemens: Irre agil und mit viel Tempo unterwegs. Dazu Mut zum Risiko. So war für mich einer der Männer dieses Spiels, auch wenn seine Passquote schlecht ausfiel.

    Derweil habe ich das Spiel überhaupt gar nicht als Fehlpassfestival wahrgenommen. Aber auch nicht als Querpassfestival in den Abwehrreihen. Es wurde einfach viel vertikal gespielt – und das führt zu Zweikampfsituationen und Fehlpässen.

    • Du hast natürlich recht, dass Kontermannschaften selten 90% Passerfolg haben. Aber ein Fehlpass heißt immer Ballbesitz für den Gegner.

      Egal wieviel Du läufst, wenn alle Deine Pässe nach vorne hängen bleiben, machst Du etwas falsch.

      Und ob Du es jetzt Festival nennst oder „der Spielstil führt nunmal zu Fehlpässen“ ist sowieso eine Frage der Perspektive. Wenn Du aber Fehlpässe bedingungslos tolerierst, sind solche Diskussionen überflüssig. 🙂

  2. Was sagst Du zum Trainerwechsel?

    • Ich halte es für nötig Keller abzulösen. Die Gründe schreibe ich gerade auf, sind ja aber auch in den einzelnen Texten hier abzulesen.

      Bin aber nicht wirklich sicher, warum diMatteo ausgewählt wurde. Ich hätte jemanden geholt, der etwas mehr Erfahrung im Gepäck hat.

      Was meinst Du?

    • Ich hatte mir fest vorgenommen, keine Keller-geleiteten Schalke-Spiele mehr zu sehen (und das vor dem Hoffenheim-Spiel!). Insofern bin ich happy, dass ich wieder Fußball schauen darf :-). Di Matteo: a) klar, Tuchel wäre die ideale Wahl gewesen. Ich wette, Heldt hat es versucht, kommt aber in diesem Jahr nicht ran (ich wette auch, das Lieblingsszenario war eh, mit Keller durch die Saison und 2015 nett Danke sagen und Tuchel holen) b) die defensive Organisation wird er sicherlich verbessern. Er ist ja praktische ein Fußball-Italiener, bringt Italiener als Co-Trainer mit. Umgekehrt weiss ich nicht, ob er mit dem BL-Pressing-Niveau auf Augenhöhe ist c) eines der schönsten Fußballerlebnisse für mich war der Moment als Drogba den Bayern den Garaus gemacht hat. Ich liebe Defensiv-Fußball auf hohem Niveau und mag überhaupt keine Diskussionen über guten und bösen Fußball. Wenn die Schalker cool hinten die Bude zu machen und vorne das eine oder andere Törchen, gerne unverdient, gerne in der 90. Minute, gerne im CL-Finale, gerne gegen die Bayern, soll mir recht sein, d) nach vorne kann er eigentlich mit dem Material auch nicht viel falsch machen. Wenn er auf Dich hört und das eine oder andere gruppentaktisch und im Spielverbund eintrainieren lässt 🙂 e) Erfahrung: bin mir nicht sicher, wie wichtig das wirklich ist. Wenn die Richtung stimmt, kann er von mir aus 2-3 Jahre Erfahrungen auf Schalke sammeln. Hatte AF bei Manchester auch, und es gibt weitere Beispiele. e) Wichtig wird ein überzeugender Start sein. Da kommt es nicht auf Siege an. Wenn die Mannschaft sich Chancen erarbeitet, tollen Fußball spielt und 5-mal am Pfosten scheitert, hat er trotzdem das Publikum gewonnen. f) Ich habe keine Ahnung, gib ihm aber gerne Kredit und hoffe auf das Beste für unseren Verein g) der letzte Schuß von Horst Heldt. Ich hoffe, er trifft

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