Halbfeld­flanke

Der Beginn des Ballbesitzfußballs, FC Schalke 04 – Sporting CP Lissabon, 4:3

Das zweite Spiel unter Di Matteo war direkt ein entscheidendes: In der Königsklasse musste endlich ein Sieg her, wollte man darin überwintern. Das klappte letztlich sogar, auf spektakuläre Art und Weise. Gleichzeitig war es ein Blick in die Zukunft, wo es mit dem neuen Trainer hingehen könnte.

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Die Spielideen

Sporting baute sich, ähnlich wie Schalke, in einem 4-2-3-1 auf, mit zwei 6ern und einem 10er Flankiert von zwei Flügelspielern. Auffällig dabei war, dass Nani zunächst links spielte. Er sollte damit vermutlich den als Schwachpunkt identifizierten Uchida auf rechts attackieren. Die Portugiesen pressten sehr hoch und mit einer starken Mannorientierung. Und das eigentlich über die gesamte Spieldauer mit recht hoher Intensität. Anschließend versuchten sie schnell mit dem Ball in Richtung Tor zu preschen.

Roberto Di Matteo hatte schon angekündigt, dass Schalke versuchen werde, das Ballbesitzspiel Lissabons zu unterbinden. Das funktionierte großteilig auch sehr gut. Schalke schaffte es den Ball zu halten und zog sich immer wieder auch damit zurück. So sollte Sporting aus der Reserve gelockt und Platz für Konter geschaffen werden.

Defensiv stellten beide Teams zwei 4er Ketten auf. Diese jedoch bei beiden Teams sehr variabel mal höher, mal tiefer, jedoch meist sehr kompakt.

Selten passte eine Drittelung eines Spieles für dessen Analys besser und punktgenauer als hier. Darum gehen wir die Zeitachse entlang…

Bis zur 30. Spielminute: Vom Anpfiff bis Ampelkarte

Schalke zeigte ein paar interessante neue Mechanismen im Spielaufbau. Meist kippte ein 6er zwischen die Innenverteidiger um Anspielstationen zu schaffen, wenn die vordersten beiden Sporting Verteidiger anfingen Druck aufzubauen. Und das war oft der Fall. Gleichzeitig schoben die Außenverteidiger vor. So dass sich, mit dem anderen 6er und dem 10er eine 4er Kette im Mittelfeld bildete. Die Flügelspieler und der Stürmer bewegten sich dann auch häufig auf einer Linie, es ergab sich also ein 3-4-3 im Angriff.

Das war Teil der Strategie, denn Schalke wollte den Ball ja von Sporting fernhalten und nicht nach Kopflosen Angriffen direkt wieder verlieren. Die Überzahl im Mittelfeld wurde dabei hervorragend ausgenutzt, Schalke hatte zur Halbzeit knapp 70% Ballbesitz. Um die Angriffe aber doch konsequent und zügig, aber kontrolliert und sicher auszuspielen, bemühte man sich etwas, dass ich mal Treppenpässe nennen möchte. Ein Verteidiger spielte den Ball nach vorne, zum 6er, der mit dem Gesicht zum eigenen Tor stand. Dieser leitet den Ball direkt weiter , allerdings horizontal an einen Nebenmann. So muss er sich nicht erst drehen und die Situation checken. Dieser hat aber das Spielfeld im Blick, steht also mit dem Gesicht zum gegnerischen Tor und kann den Ball direkt weiter nach vorne Leiten. Das gleiche wiederholte sich dann, vertikal, horizontal, immer abwechselnd. So wurde kein blinder Pass über das ganze Feld gespielt, sondern das Pressing der Portugiesen schnell aber nicht unvorsichtig durchkombiniert.

Zu diesen Treppenpässen gab es auch immer wieder flache Pässe über eine Linie hinweg, besonders wenn es Schalke gelang die Portugiesen auseinander zu ziehen und so Lücken schaffte. Zwar wurde so mehr Risiko ins Spiel gebracht, aber eben auch mehr Geschwindigkeit. Zuletzt gab es noch den geregelten Aufbau, über kurze Kombinationen, wie man es noch aus der Ära Keller kannte. Schalke schaffte es also die Geschwindigkeit stets zu wechseln und blieb unberechenbar.

Besonders das Mittelfeld, Neustädter, Höger und Boateng verstanden es in dieser Phase ausgezeichnet den Ball laufen zu lassen, Gefahr zu erzeugen, sich aber nicht unter Druck setzen zu lassen. Allerdings hatten besonders die 6er auch ein paar Probleme, weil die Außenverteidiger nicht immer aktiv in der Defensivarbeit waren und die „Vorderen 4“ oft nur sehr träge ihren Weg zurück fanden. Gleichzeitig Presste Sporting aber sehr stark und kam hier und da mal durch. So auch bei dem Angriff, der zur Ecke führte, die in dem 1:0 endete.

Nichtsdestotrotz spielte Schalke eigentlich recht stark. Verwaltete den Ball und die Spielgeschwindigkeit. Selbst wenn Sporting die Blauen dann auf den Flügel festnageln wollte, kamen immer Boateng und/oder mindestens ein 6er dazu um die Situation aufzulösen. Lissabon kam dann oft zu spät, hier und da nur mit einem Foul… Ampelkarte, Ausgleich.

30. – 60. Spielminute: Erst Überzahl dann Siegeswille

Beide Mannschaften hatten so ihre Mühe mit der neuen Situation. Sporting brauchte bis zur Halbzeit, bis es sich richtig sortiert hat und Schalke brauchte noch etwas länger, bis es verstanden hatte, was Überzahl heißt. Die Portugiesen bauten sich fortan mit nur noch einem 6er auf, zusätzlich wurde die Rollenverteilung zwischen dem 6er Carvalinho und dem 10er Silver arg aufgeweicht. Oft spielten beide pendelnde 8er. In der Defensive wurde jetzt zwischen einem 4-4-1 und einem 4-3-2 gewechselt. Der 10er rücke häufig aus der 4er-Kette um den gegnerischen Aufbau zu stören.

Die Grundformationen zu Beginn der zweiten Halbzeit.

Die Grundformationen zu Beginn der zweiten Halbzeit.

Die Lücken, die sich so ergaben, waren nicht besonders groß. Sporting war unglaublich engagiert bei der Sache und versuchte die Unterzahl durch Laufleistung wett zu machen. Gleichzeitig schaffte es Schalke lange nicht, diese Lücken auszuspielen.

In dieser Periode funktionierte aber all das, was ich zuvor beschrieben habe recht gut. Schalke verschärfte das Tempo oder ließ es etwas schleifen, je nach Geschmack. Dazu kombinierte man sich auf die eine oder andere Weise gelegentlich Richtung Tor. Bis dann, 3:1.

Dazwischen, nach dem 2:1, tauschten Nani und Carrillo die Seiten. Vermutlich weil man dachte, dass Erstgenannter den schwachen Tag Aogos besser ausnutzen könne.

Ab der 60. Spielminute: Von Zurücklehnen zur Panik

Es war ein schleichender Prozess, der eigentlich schon kurz vor dem 3:1 begann, aber dadurch beschleunigt wurde. Schalke zog sich spürbar zurück, die Intensität wurde aus dem Spiel genommen. Zwar wurden die genannten Mechaniken weiter eingesetzt (Tempowechsel, Spiel in die Spitze), jedoch war jetzt anscheinend die Luft raus und die Konzentration ging abhanden. Viele dumme kleine Fehlerchen häuften sich und besonders die zentralen Spieler machten nicht immer eine glückliche Figur.

Immer häufiger gab es jetzt sinnfreie lange Bälle, die keinen Mitspieler fanden. Auch wurde der Ball jetzt viel länger gehalten. Symptome für das gleiche Problem, Schalke spielte zu träge. Es gab selten Anspielstationen oder Unterstützung. Dadurch hatte Sporting mehr Raum, den es häufig nutzte und wieder ausglich.

Schalke dagegen verfiel immer mehr in Panik und warf sämtliche guten Absichten über Board. Besonders im eigenen Strafraum gab es eine wilde Unordnung. Es gab zwar lichte Momente, aber nur wenige. Einer jedoch führte zu einer Flanke, die zu des Hunters Kopf, der dann zum Handelfmeter und der wiederrum zum Siegtreffer.

Fazit

In diesem Spiel hat Di Matteo gezeigt, dass das Vorurteil ihm gegenüber falsch ist. Prinzipiell steckt in ihm ein Ballbesitzender Angriffsfussballer. Die Defensive zu stabilisieren ist jedoch der erste Schritt dahin. In seinem zweiten Spiel konnte das natürlich noch nicht in Vollendung klappen, aber man konnte Ansätze sehen.

Aus diesem Spiel leite ich ab, dass sich die Medien nach den ersten Schalke Spielen und Di Matteos Champions League mit Chelsea zu früh auf ein „Schalkenaccio“ eingeschossen haben. Das ist nur der erste Schritt. Mittelfristig, wird das eine Angriffslustige und Kombinationsstarke Mannschaft.

Ob das ganze Wunschdenken ist, bleibt abzuwarten…

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

Kategorie: Spielbericht

Catenaccio… Watt?! » « Roberto Di Matteo

2 Comments

  1. Vielen Dank für den schönen Artikel. Meiner Menung nach war es das beste Spiel der Schalker seit über einem Jahr, und ich habe dieses Gejammer der Medien überhaupt nicht verstanden, dass sich bei Schalke nichts ändert etc. Ich habe jede Menge sinnvolle Bewegungen und Aktionen gesehen, und generell für Schalker Verhältnisse einen äußerst kontrollierten Spielaufbau. Fährmann war es offensichtlich verboten, außer in Notlagen, weit nach vorne zu dreschen. Sporting war dabei allerdings auch der ideale Aufbaugegner. Sie pressten sehr hoch, aber waren nicht sehr konsequent und kompakt in den Linien dahinter. D.h. Schalke war gefordert sich gegen das agrressive Pressing durchzuspielen (was sehr gut gelang), die Aufgabe war aber auch nicht so überfordernd, dass man es gar nicht erst versucht (wie gegen Leverkusen, wo das Pressing mit weiten Bällen einfach überspielt wurde mit mäßigem Erfolg aus vielen Gründen). In den darauffolgenden Spielen eben gegen Leverkusen und jetzt gegen Augsburg hat man schon gesehen, dass Presisng der Marke BL schon noch ein ganz anderes Niveau hat. Übrigens fand ich das Aufbauspiel von Ayan in der ersten HZ besonders stark, der jede Menge tiefe, flache Pässe gespielt hat – in der Anlage schon ein kleiner Hummels. Die ersten beiden Gegentore waren unglücklich, daran war nicht wirklich was systematisch verkehrt, außer der von Dir beschriebene Schlendrian. Die Tore 1-3 der Schalker selber keine Zufallsprodukte oder isolierte Einzelaktionen (so wie in etlichen Spielen unter Keller) , sondern das Produkt der dominanten, Chancen-erzeugenden Spielweise. Dass man in Panik wieder in alte Muster verfällt, dürfte ebenfalls niemanden überraschen. So kam das 3:3 zu Stande. Am Ende war es mir persönlich völlig egal, wie das Spiel ausgeht. ich hatte gesehen, was ich sehen wollte: Der Hausherr hat in der Arena wieder echten Fußball gespielt. Ich möchte nicht so euphorisch sein wie Du, aber wir machen unter DMT die ersten Schritte in die richtige Richtung. Ihm immer diesen Defensiv-Stempel aufzudrücken, ist definitiv zu kurz. Aber eben auch eine tolle, weil einfache Geschichte für die Medien .

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