Halbfeld­flanke

Ein Wintermärchen: Als der DFB die WM in Katar absagte

Ich hatte da kürzlich einen Traum. Es ging darum, wie der DFB als größter Verband in der FIFA den Rücken gerade macht, seine Teilnahme an der WM in Katar absagt und mit einer großartigen Alternative die Menschen weltweit begeistert. Aber der Reihe nach…

Alles begann mit einer mitreißenden Rede des DFB Präsidenten, kurz vor Meldeschluss der Verbände für die Qualifikation zur Weltmeisterschaft. Zuvor hatte es bereits ein paar Gerüchte gegeben, aber so ganz konnte und wollte es niemand glauben… bis schließlich diese Worte in der Weihnachtszeit 2019 über den Äther gingen:

Fußball ist ein Sport des Volkes, des globalen Miteinanders. Die Weltmeisterschaft in Katar ist dies nicht.

Die Ausbootung der Menschen zur Realisierung dieser Weltmeisterschaft hat nie gesehene Dimensionen erreicht. Dazu kann eine passende Infrastruktur kann nur auf Kosten der Umwelt entstehen. Schließlich gilt das Land als noch unwirtlicher als die anderen arabischen Wüstenstaaten. Dementsprechend steht Katar nicht nur in Punkto Größe in keinem Vergleich zu Ländern wie Russland, Brasilien oder Südafrika. Alle Fans, alle 32 Teams und alle 12 Austragungsorte, alle Funktionäre, alle Medienvertreter und Sendeanstalten, werden sich auf einer Fläche etwa halb so groß wie Hessen gegenseitig auf den Füßen rumstehen.

Diese Weltmeisterschaft in Katar ist keine Weltmeisterschaft der Menschen. Diese Weltmeisterschaft verfolgt wie keine andere zuvor ausschließlich finanzielle Ziele. Das kritisieren wir deutlich. Darum wird die Deutsche Fußball Nationalmannschaft sich nicht um eine Qualifikation bemühen.

Diese Kritik schlug weltweit große Wellen. Reaktionen, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten. Die einen schimpften, die anderen applaudierten. Manche machten sich lustig, andere zollten Respekt. Spieler, Funktionäre, Politiker, Pop Stars und wer immer von Zeitungen abgedruckt wurde, hatte eine Meinung.

Kurz nach der Europameisterschaft 2020, die in ganz Europa verteilt ausgespielt und von der deutschen Nationalmannschaft souverän gewonnen wurde, zeigte sich aber, dass kein anderes der großen Teams mitzog. Deutschland stand allein da. Natürlich gab es eine Menge politischen Drucks und Drohungen wie Versprechungen aller Art. Dennoch blieb der DFB standhaft, die WM 2022 sollte ohne Deutschland stattfinden.

In der Zeit, die der Rahmenterminkalender der UEFA für Qualifikationsspiele vorsah, bestritt der DFB Testspiele gegen die Top Teams der Welt. Nach etwa einem Jahr von Anfeindungen und Lobeshymnen aus den unterschiedlichen Lagern merkte man jedoch, dass die freigesetzte Energie der Kritik genutzt werden sollte. Der DFB wollte nicht einfach nur Spaßbremse sein, sondern seine politische Motivation mit Maßnahmen unterstützen. Und so wurde binnen kürzester Zeit ein Fußball Turnier für das Volk und zur Vernetzung der Welt aus dem Boden gestampft. Eine Alternative zur Fußballweltmeisterschaft in Katar…

Freedom Cup in Deutschland

Der DFB nannte es den Freedom Cup. Das Teilnehmerfeld sollte so bunt wir möglich sein. Zunächst wurden alle die Länder eingeladen, die in einem Play-off Spiel knapp an der WM Qualifikation vorbei geschrappt sind. Nicht alle kamen natürlich, aber einige ließen sich auf die Party ein.

Dazu wurden viele kleinere Länder eingeladen, die eigentlich nicht mal wagen von einem Turnier zu träumen. Länder wie San Marino, Andorra, Luxemburg, Buthan, Fiji, die Cookinseln und die Bahamas. Dem DFB waren aber auch jene Nationen besonders wichtig, die auf Grund von ökonomischen und politischen Problemen im Land ganz andere Sorgen haben als Fußball. Mit finanzieller Unterstützung vom DFB kamen also noch ein paar Nationen dazu, etwa aus Afrika oder dem mittleren Osten. Zusätzlich wurden auch Mannschaften eingeladen, die von der FIFA nicht anerkannt sind, wie etwa das Baskenland oder Kurdistan.

Als Sahnehäubchen gab es noch eine Weltauswahl von internationalen Top-Spielern die kurz zuvor in Rente gegangen sind. Xavi und Ronaldo, Rooney und Schweinsteiger, alle inzwischen um die 40, gaben sich noch einmal die Ehre und begeisterten mit einem Spiel, das nicht immer schnell war, dafür aber gespickt von Zaubereien und technischen Leckerbissen.

Der DFB als Veranstalter war ja nicht an die wahnwitzigen Regularien von FIFA oder UEFA gebunden und konnte so ein Fußballturnier kreieren, das wirklich für die Menschen war. Weil es keine gesonderten Anforderungen an die Stadien gab, konnten wirkliche Schätze ins Scheinwerferlicht gerückt werden. Neben den großen Schauplätzen die es schon bei der WM 2006 gab, wurden Partien etwa in Aachen, Bielefeld, Dresden, Mainz, Freiburg & Rostock ausgespielt. Die komplette Infrastruktur der ganzen Nation wurde genutzt und es gab insgesamt 24 Spielstätten für die 32 Teams. Auf Grund der Verteilung waren nur wenige Umbauten nötig, kein Vergleich zum Aufwand für die WM 2006.

An jedem Spielort gab es um den Spieltag herum ein kleines Festival, das hauptsächlich Lokal motiviert war. Natürlich gab es eine einheitliche Identität durch Design und dergleichen, aber das war es auch schon. Der Fokus lag auf der Region, in der Gespielt wurde. Und so achteten die Organisatoren penibel darauf, die örtlichen Gewerbe einzusetzen. Der Kiosk, die Wurstbude und der Dönerladen ums Eck vom Stadion verkauften ebenso selbstverständlich am Spieltag ihre Waren, wie kleine Buden von den teilnehmenden Teams rund ums Stadion. Musikalische Gäste waren keine Internationalen Superstars, sondern lokale Künstler und solche, die Ihre Mannschaften begleiteten. Ein großes Multikulti-Festival.

Ein Wintermärchen

Freedom CupUnd so kam es dann auch. Die Top Teams der Welt bereiteten sich ab Ende Oktober für die Weltmeisterschaft vor. Die alternative Fußballwelt fand sich in Deutschland ein. Einen Tag nach dem WM-Auftakt in Katar, folgte dann der Anstoß zum Freedom Cup in Berlin. 5 Wochen lang wurde ein rauschendes Fußballfest in der Vorweihnachtszeit gefeiert. Im ganzen Land wurde gefeiert und auf der ganzen Welt sahen die Menschen begeistert zu. Die Einschaltquoten weltweit waren auf einer Stufe mit denen der Weltmeisterschaft.

Zuschauer und Fans kamen von überall her, nicht nur aus den Teilnehmerländern. Auch aus Ländern, die eigentlich in Katar spielten. Gemeinsam genossen Alt und Jung, Frauen und Männer, die Atmosphäre und den kulturellen Austausch. Quer durch die Republik gab es immer wieder das gleiche Muster zu bestaunen: Gäste aus wärmeren Regionen der Welt schimpften über die Kälte, um dann von Deutschen in den alten Brauch des Glühweinschlürfens eingeweiht zu werden.

Das Turnier selbst wurde mit viel Freude angegangen, von den Mannschaften aber auch ernst genommen. Alle wollten in diesem außergewöhnlichen Event eine gute Figur abgeben. Am Millerntor spielte Neuseeland gegen San Marino um den Gruppensieg. Anner Castroper trafen sich Schottland und Nepal im Viertelfinale. Interessante Paarungen allerorts und erstaunlich guten, ehrlichen Fußball.

Im Finale begegneten sich dann Deutschland und die in die Jahre gekommene Weltauswahl in der Arena auf Schalke, dem Stadion des amtierenden Triple-Siegers aus Bundesliga-Meisterschaft, DFB Pokals und Champions League Sieges. Ein großartiges Turnier kam durch ein großartiges Finale zum würdigen Abschluss, in dem sich die Weltauswahl mit 8:7 nach Verlängerung den Sieg sicherte. Thiago Silva entschied das Spiel spektakulär in der 118. Spielminute durch einen 72m Distanzschuss.

Kurz vor Weihnachten 2022 gewann also die ganze Welt den Freedom Cup und die Menschheit freute sich über ein Wintermärchen der besonderen Art. Im Nachgang gründete der DFB mit dem Erlös des Freedom Cups eine Stiftung, die sich gegen Unterdrückung von Frauen im Sport einsetzt und das definierte Ziel hat, ein solches Turnier binnen 10 Jahren zu wiederholen, diesmal mit Frauen Teams. Dabei kam eine erstaunliche Summe zusammen, denn im Endeffekt wollte nur jeder dabei sein und es wurde großflächig auf Bezahlungen verzichtet.

Nur wer Weltmeister wurde, das hab ich vergessen…

Freedom Cup Logo by Mathias Temmen.

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

Kategorie: Abseits

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5 Comments

  1. Wunderbar und schön geschrieben. Aber leider eben ein Märchen

  2. Klar, utopisch, ja, romantisch. Aber wenn man mal die einzig auf ultimative Gewinnmaximierung getrimmten Strukturen der FIFA & UEFA ignoriert, eine wirklich wunderbare Idee. Einfach mal abstimmen lassen, würd ich sagen! 😉

  3. Herrlich! Großartig … nicht nur eine Utopie finde ich, sondern mal kreativ, phantasievoll und konsequent weitergedacht. Solche Visionen braucht’s um zu zeigen, was möglich ist. Also ich bin gerne dabei, nicht nur als Zuschauer des Freedem Cups. Hoffentlich lesen auch beim DFB viele den Artikel, und Spieler und Zuschauer und und und….

  4. Wunderbar. Es wäre zu schön, wenn es tatsächlich dazu kommen würde. Aber leider hat beim DFB keiner die dafür nötigen Eier.

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