Halbfeld­flanke

Defensive Stabilität, Schalke 04 – Real Madrid, 0:2

Die Königlichen gegen Königsblau. Champions League. Achtelfinale. Wiedermal. Doch diesmal war’s etwas anders. Schalke wurde nicht abgeschlachtet, sondern schaffte es Madrid über weite Teile des Spielgeschehens zu neutralisieren. Schalke setzte auf seine Stärke…

Die Grundformationen zu Spielbeginn

Die Grundformationen zu Spielbeginn

Die Ausrichtungen

Die Spanier liefen in ihrem üblichen 4-3-3 auf. Kroos hielt dabei engen Kontakt zur Abwehr und rückte nur selten wirklich auf. Der Grund dafür ist wohl in der Schwäche bei gegnerischen Kontern und der Schalker Konterstärke zu suchen. Die beiden 8er die ihn flankierten waren da deutlich weniger Zurückhaltender, Isco und Silva orientierten sich deutlich nach vorne und spielten der geballten Offensivkraft mit Bale, Benzema und Ronaldo in die Karten.

Schalke formierte sich in dem bewährten 5-3-2. Diesmal mit Aogo auf links statt Fuchs. Außerdem lief Neustädter wieder auf der 6 auf, doch dazu später mehr. Die 8er Höger und Boateng sind sehr unterschiedliche Spieltypen und interpretierten ihre Rolle dementsprechend. Ersterer etwas enger Positionsgetreuer, letzterer etwas weiträumiger.

Die Spielgestaltung

Generell fehlt Schalke nach wie vor ein Ballbesitzspiel. Der Fokus auf die Defensive ist klar, es wird versucht zu kontern. Um sich vor Gegen-Konter zu schützen waren die Spieler nochmal extravorsichtig und rückten noch weniger auf als sowieso zuletzt so häufig bemängelt wird.

Schalke spielte sehr kompakt und versuchte Real immer wieder in Zweikämpfe zu verwickeln. Damit haben die Spanier zuletzt häufig so ihre liebe Mühe. Doch Schalke spielt typischer Weise deutlicher Passiver und kam nicht besonders gut in die Zweikämpfe, bzw. verlor 62% von denen.Man könnte auch sagen, dass Real die individuelle Klasse hat sich aus dem schwachen Schalker Pressing zu befreien.

Madrid schien gut auf Schalkes aktuelle Spielweise vorbereitet. Zu der krassen Zweikampfüberlegenheit kam noch hinzu, dass das 3er Mittelfeld häufige Spielverlagerungen eingestreut hat. Da Schalkes 5-3-2 die Flügel recht offen lässt, wurde der Ball relativ oft von einem Flügel auf den anderen geschoben. Schalke musste dann viel verschieben und Real hoffte auf Lücken. Um diese zu bespielen. Die fanden sie aber nur selten, dabei taten sie einiges dafür. Weil Uchida gemeinsam mit Höger oder Höwedes den Weltfussballer relativ gut abschirmen konnten, wich dieser häufig auf den anderen Flügel aus. Isco und Silva stießen immer wieder mit vor und auch die Außenverteidiger Marcelo und Carvajal machten mächtig Druck. Doch die Schalker Defensive verschob geduldig und hielt dicht…

… bis zur 20 Minute etwa. Da ging Schalke kurzzeitig die Puste aus. Die Gegner wurden nicht mehr so direkt angelaufen und das Verschieben wirkte generell etwas behäbiger. Madrid nutzte diese Gelegenheit direkt und ging in Führung. Beim ersten Spiel letztes Jahr ist Schalke dann auseinander gefallen. Diesmal nicht. Diesmal wurde es als Weckruf verstanden. Die Mannschaft schüttelte sich kurz und schraubte die Intensität in der Defensive für den Rest des Spiels wieder hoch.

Immer wieder versuchte Schalke dann zu kontern, wollte dabei aber nur wenige Leute nach vorn bringen. Was das Kontern schwierig macht. Dadurch wurde es ein Spiel der wenigen Torschüsse (8:11). Schalke ist jedoch bekannt für seine Effizienz und hatte Hoffnung so punkten zu können.

Schalke wird offensiver

Im Rückstand liegend, stellte Di Matteo nach etwa einer Stunde um. Für seine Begriffe wurde jetzt mit der totalen offensive gespielt. Sein Offensivfeuerwerk hieß Jan Kirchhoff.
Roman Neustädter löste seine Aufgabe mit Bravour. Das Mittelfeld war dicht. Madrid schaffte es nie wirklich ins Zentrum, musste immer über die Flügel ausweichen. Auch direkt vorm Strafraum war kaum etwas zu holen. Neustädter (90% von 42 Pässen erfolgreich) hatte einen großen Anteil daran.

Um mehr Drive nach vorne zu bringen kam Jan Kirchhoff. Im Vergleich mit Neustädter sieht Kirchhoff in den Bereichen Pressingresistenz oder Passsicherheit alt aus. Allerdings sind seine Zweikampfwerte besser. Als 6er spielt er dazu deutlich offensiver im Vergleich zu Neustädter. Beim Bayern-Spiel zu Beginn dieser Saison habe ich das konstrukt bemängelt, letztlich kommt es natürlich darauf an, wie die Spieler eingebunden sind, bzw. wie deren Stärken eingesetzt werden. Und so kam Kirchhoff (74% von 23 Pässen erfolgreich) um die offensive anzukurbeln. Neustädter stand ungefähr doppelt so lange auf dem Platz und spielte ungefähr doppelt so viele Pässe, doch das Verhältnis in welchem Spielfelddrittel die Pässe gespielt wurden, spricht Bände.

neustädter-kirchhoff

Damit steht der Wechsel von Neustädter auf Kirchhoff als Symbol für die offensive. Ab jetzt rückten mehr Spieler mit auf. Immer noch vorsichtig und zurückhalten, aber immer häufiger auch ein oder zwei Mann mehr. In solch einer Situation hat es dann ja auch für einen Lattenschuss gereicht.

Fazit

Schalke schafft es von Real Madrid nicht abgeschlachtet zu werden und denen das Siegen schwer zu machen. Nicht mehr und nicht weniger. Es gab ein paar Torgelegenheiten, wirkliche Torgefahr strahlte Schalke aber zu keinem Zeitpunkt aus. Allerdings schaffte Schalke es, dass für Madrid etwas ganz ähnliches galt.

Schalke ist im Anfangsstadium einer Entwicklung und definiert sich derzeit über eine stabile Defensive. Sowas reicht aber nicht auf Dauer und es wird ein Plan entwickelt werden müssen, wie mit Ballbesitz umgegangen werden soll. Das wird kommen, da bin ich sicher, und dann sind solche Spiele auch mal zu gewinnen. Bis dahin allerdings bleibt es bei einem Leistungsgerechten 0:2 für den amtierenden Champions League Sieger.

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

Kategorie: Spielbericht

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3 Comments

  1. Sehr interessant mit Neustädter und Kirchhoff!

  2. Vielen Dank für die Analyse. Kommt noch was zum Bremen-Spiel? Ich muss sagen, dass ich da etwas ratlos bin. Dass RDM gegen Gladbach, gegen Bayern und gegen Real nicht auf Ballbesitz aus war, hake ich unter sehr vernünftige Taktik ab. Auch gegen Frankfurt auswärts in der aktuellen Aufbauphase vertretbar, zumal mir das ruhige, aber dennoch sehr vertikale Umschaltspiel mit vielen Chancen in der ersten Halbzeit gefallen hat. Nun gegen Bremen zwar mal wieder die 50%-Ballbesitz-Marke genommen, aber bei unter 75% angekommener Pässe kann man kaum von Ballbesitz sprechen. Die 50%-Marke kommt nur deshalb zu Stande, weil Bremen (68% Passgenauigkeit) noch weniger Lust hatte, das Spiel an sich zu reißen. Woran liegt das? Ich habe jetzt nicht die Risikobälle in die Spitze gesehen, die diese wiederholt schlechte Marke angekommener Pässe rechtfertigt. Mit Neustädter und Meyer waren explizit zwei auf dem Platz, die einen äußerst sauberen Pass spielen können. War das Presisng der Bremer so stark? Das habe ich auch nicht gesehen. Wie gesagt: Etwas ratlos. Ich nehme mal an, gegen Dunkelgrau-Dunkelweiss wird Schalke wieder mehr auf Konter setzen als auf Dominanz.

    • Ja, das Spiel hat mich auch etwas ratlos hinterlassen. Pressing gab’s da bei beiden Teams ja nicht sonderlich stark. Auch wurde auf schnelle Konter verzichtet, gleichzeitig gab es aber keinen Spielaufbau. Sehr verwirrendes Spiel. Ich arbeite aber noch an einer Analyse. Bis zum Wochenende ist die aber sicher online.

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