Halbfeld­flanke

Unentschieden in Überzahl. Großartig. FC Bayern München – FC Schalke 04, 1:1

Im letzten Jahr gab es fiese Klatschen gegen die Münchener, die fein gezaubert haben. Das sollte dieses Jahr und speziell seit dem Trainerwechsel anders werden. Diesmal waren die Vorzeichen eigentlich schlecht. Und doch, konnten die Lederhosen in Schach gehalten werden. Zwar lange in Überzahl, dabei aber weit weniger Ängstlich und zurückhaltend als oft zu lesen war.

Die Startformationen zu Spielbeginn.

Die Startformationen zu Spielbeginn.

Der FC Bayern

Die Bayern wurden im Rückrundenauftaktspiel von Wolfsburg sauber an die Wand gespielt. Das Erfolgsrezept bestand großteilig aus der Dynamik überfallartiger Angriffe und darin Alonso konsequent aus dem Spiel zu nehmen. Ergebnis war eine fiese Klatsche, ein 4:1.

Sowas mögen die Bayern nicht. Es war überall zu lesen/hören/spüren, dass der Rekordmeister darauf brannte die Schmach wieder gut machen zu können. Da kam Schalke nur vier Tage später wie gerufen. Und so war es dann auch, Bayern lieferte eine großartige Leistung ab. Von Anfang an nahmen sie das Heft in die Hand.

Guardiola ließ zu Spielbeginn in einem 3-4-3/3-2-2-3 aufbauen. Flankiert von Bemat und Weiser bildete die Doppel-6 Alonso & Schweinsteiger. Alonso hielt sich dabei über das ganze Spiel meist direkt vor der Abwehr auf, während Schweinsteiger teils neben ihm aber auch teils stärker aufrückend spielte.

Die bayerischen Flügelspieler hatten die Schalker Flügelspiel sehr gut im Griff. Fuchs und Uchida kamen nur auf unterirdische Passquoten (beide 72%). Besonders deren Angriffe konnten die Bayern meist abfangen und in eigenen Ballbesitz ummünzen.

Auch die rote Karte hatte auf die Bayern keinen spürbaren Effekt. Sie waren sehr flink unterwegs, im Geiste wie zu Fuß, mit Ball und ohne. Sie kombinierten und ackerten. Ein feiner Pass nach dem anderen, Ballstafetten zum mit der Zunge schnalzen.

Und dazu noch dieser Guardiola. Er stellte alle Nase lang um und die Mannschaft präsentierte sich dann immer als würde ein Schalter umgelegt worden sein. Von 3er Kette auf 4er Kette und zurück. Eine Halbzeit mit drei Offensivkräften, eine mit zweien. Von klarer Symmetrie auf starke Asymmetrie (Lewandowski mit Robben rechts und Alonso mit Schweinsteiger links). Eine Halbzeit mit Volldampf nach vorne, die zweite Halbzeit stark kommenlassend. Dazwischen unfassbar viele kleinere Anpassungen.

Die Bayern waren tatsächlich sauer. Und nahezu in Hochform. Verletztenausfälle, rote Karte… geschenkt. Der FC Bayern München spielte bemerkenswert guten Fußball hier.
Doch genutzt hat’s nix.

Der FC Schalke

Der starke Gegner wurde in Schach gehalten. Wann immer ein Gegenspieler in Strafraumnähe an den Ball kam wurde er unter Druck gesetzt und ihm die Anspielgelegenheiten genommen. Diese Isolation funktionierte meist recht gut. Immer wieder konnte Raumdeuter Neustädter etwa die Passwege zu Schweinsteiger dicht machen. Der bayerische Kombinationsfußball nahm mit Nähe zum Schalker Tor deutlich ab.

Im eigenen Ballbesitz suchte Schalke den schnellen Weg nach vorne. Den Anspruch um Alonso, Alaba und Schweinsteiger beständig rumkombinieren zu können, kann Schalke noch nicht haben. Dafür ist Di Matteo noch zu neu im Amt. Sie aber umspielen zu können klappte ganz gut.

Konterfußball gegen Kombinationsfußball

Die Diskussion ist so alt wie der Fußball selbst. Die Mannschaft mit mehr Ballbesitz wird der Mannschaft mit weniger Ballbesitz immer vorwerfen nichts für das Spiel zu tun. Solcherlei Vorwürfe gab es diesmal auch zu hören.

Natürlich kann man den Bayern den Ballbesitz nicht streitig machen. Dafür sind sie zu gut und zu erprobt im Kombinationsfußball. Aber heißt 60% Ballbesitz tatsächlich das Spiel gnadenlos zu dominieren? In der zweiten Halbzeit war das Ballbesitzverhältnis sogar ausgeglichen. Der vielgelobte FC Bayern München formierte sich hier oft tief und abwartend. Ziel war ganz offensichtlich Schalke zu locken. Jeder Ballverlust wurde mit einem heftigen Konter bestraft. Ein Arjen Robben ist nunmal nicht so einfach aufzuhalten. Doch Schalke war schlau und ließ sich nicht locken. Schalke spielte das gleiche Tempo, den gleichen Rhythmus, über die kompletten 90 Minuten.

Die Spielweise selbst war dabei aber deutlich offensiver als es die öffentliche Wahrnehmung wiederspiegelte. Schalke spielte ein Viertel der Pässe im Angriffsdittel. Prozentual gesehen genauso viele wie die Bayern. Schalke spielte dort aber auch sicherer, erreichte 70% Passerfolg, die Bayern nur 63%. Die Münchener spielten dagegen deutlich mehr Pässe vor dem eigenen Strafraum, 19% gegenüber 14%. Dabei zeigten sich besonders Sam und Boateng sehr beweglich und wuselten immer und überall herum.

Übermäßig defensiv war Schalke dabei nicht. Vielmehr agierte Di Matteo mit der gebotenen Vorsicht. Es gab schließlich auch so genug brenzlige Situationen. Weniger Fokus auf die Defensive hätten leicht in einem Debakel enden können. Wir reden hier schließlich von einer der besten Mannschaften der Welt mit namhaften Offensivkünstlern in der ersten Reihe. Und dahinter. Und dahinter. Und ganz hinten.
Schalkes Angriffe waren direkter, als die der Bayern. Bayern kombiniert, Schalke kontert. Das sind erstmal die Fakten. Das muss aber natürlich nicht jedem gefallen.

Nachklatsch

Zum ersten Mal seit 5er Kette gab es Matip als Zentralverteidiger zu bewundern. Endlich. Und wie erwartet spielte er eine großartige Partie. Rückte aus, wann es sinnvoll war, hatte den Defensivverbund immer fest im Griff und ließ nichts anbrennen. Gemeinsam mit Nastasic und Höwedes werden wir da noch viel Spaß haben, glaube ich. 🙂

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

Kategorie: Spielbericht

Defensive Stabilität, Schalke 04 – Real Madrid, 0:2 » « Ballorientierte Verteidigung mit Abwehrketten

3 Comments

  1. Top! Dass der Ballbesitz in der 2. HZ so ausgeglichen war, war mir gar nicht so bewusst…

  2. Danke für diese aufschlussreiche Analyse 🙂 Ich habe mich auch gewundert, dass J. Matip so schnell so gut ins Spiel gefunden hat.

  3. Klasse Analyse! So etwas, nur im Ansatz (sic!), würde ich mir mal von Presse, Funk und Fernsehen wünschen. Statt einfach nur den Bayern nach dem Mund zu reden. Aber he, dann müsste man sich ja tatsächlich mit dem Spiel beschäftigen, statt einfach nur Plattitüden runter zu schreiben…

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