In der Sommerpause ist auf Schalke eine ganze Menge los gewesen. Neuer Trainer, neue Spieler, neuer Umgang und eine ganze andere Stimmung. Und auch wenn die Testspielergebnisse eher so Mittel waren, gliedern sie sich perfekt ein. Porto, Twente & Duisburg zeigen die gleiche Herangehensweise, aber auf unterschiedlichen Stufen. Hier eine kleine Analyse, wie Breitenreiter spielen lassen will.

Die Grundformationen bei Spielbeginn.

Die Grundformationen bei Spielbeginn.

Die Gastgeber aus Duisburg

Der MSV ging durchaus engagiert an die Sache. Offensiv wurde im 4-2-3-1 gespielt, dass defensiv dann zum 4-4-2 wurde. In der Defensive orientierten sich die Duisburger stark am Mann, besonders die beiden 6er wurden, sobald sie die eigene Hälfte verließen, in direkte Manndeckung genommen.

Offensiv hielt sich Brandstetter meist sehr weit vorne auf um für Konter gewappnet zu sein. Das hat aber nie so recht geklappt, denn Konter wurden von Schalke meist direkt kaputt gepresst. Das Problem war hier aber weniger das herausragende Pressing Schalkes. Das war schon ganz nett anzusehen, in der Bundesliga wird das allerdings nicht so leicht damit erfolgreich zu sein. Denn bei allem Respekt, Duisburg hatte deutliche Probleme mit der Pressingresistenz.

Nach etwa 25 Minuten häuften sich die Fouls, das Zebra ging auf dem Zahnfleisch und kam nicht mehr mit. Die Ampelkarte für Bajic war daher logische Konsequenz, obwohl ich der Meinung bin, dass Huntelaar vorher beim Pass von Draxler einen Meter weit im Abseits stand. Anschließend rissen sich die Duisburger aber deutlich am Riemen und mobilisierten alles was sie hatten, ohne dabei weiter so ungestüm zu sein.

Die Gäste aus Gelsenkirchen

Schalke kam kernsaniert aus der Sommerpause, was nach der desolaten letzten Saison auch nötig war. Der neue Trainer André Breitenreiter versprach schon bei seiner Vorstellung, dass er starkes Pressing spielen lassen will, und die Spieler aktiver das Spielgeschehen gestalten sollen. Er hielt Wort. Es wurde viel gepresst und gegengepresst und gelaufen. Bei jedem Ballgewinn zogen direkt einige Spieler mit nach vorne. Immer wieder kam Schalke so gefährlich in Strafraumnähe, die starke Duisburger Endverteidigung und schwache Schalker Chancenverwertung vermieden ein höheres Ergebnis.

Schalke stand dabei sehr tief. Von Anfang an war klar, dass der Gegner hier ernst genommen wird. Die Außenverteidiger rückten nur selten weit mit auf und Geis suchte fast durchgängig die direkte Nähe zu den Innenverteidigern. Meist kippte er ab, was auf Schalke seit über einem Jahr eigentlich niemand mehr so richtig getan hat.

Dadurch nahm Schalke den Duisburgern den Platz zum Kontern und schufen sich selbst welchen. Wann immer die Hausherren den Ball hatten mussten sie weit nach vorne kommen um damit etwas anzufangen. Schalke provozierte dann immer wieder weite Pässe hinter oder an die 4er Kette, die dann aber fast alle abgefangen werden konnten. So hatte dann aber wiederum Schalke plötzlich Platz zu kontern.

Die beiden Systeme unter Breitenreiter. Besonders interessant die Rolle des 8ers (im weißen Oval).

Die beiden Systeme unter Breitenreiter. Besonders interessant die Rolle des 8ers (im weißen Oval).

Die beiden Formationen

Wie schon bei den Tests gegen Porto und Twente spielte Schalke zwei verschiedene Systeme im gleichen Spiel. Zu Beginn baute Schalke offensiv mit 2 Mittelfeldspielern, 2 Flügelspielern und 2 Stürmern auf. Nicht unähnlich dem System, das Real Madrid letzte Saison viel spielte. Das mag man jetzt 4-4-2 nennen oder 4-2-2-2. Interessant war, dass die Flügelspieler sehr unterschiedlich agierten. Choupo-Moting stand meist sehr hoch, war fast auf Höhe der Stürmer, und immer bereit für Anspiele. Draxler auf der anderen Seite, ließ sich meist fallen und schaltete sich in den Spielaufbau. Nicht selten überlief Aogo ihn, so dass dieser vorne Flanken kann. Draxler zog auch gerne früh ins Zentrum um neben Goretzka als zweiter 8er zu fungieren. Sehr häufig spielte Draxler dann auch diagonale Bälle auf Choupo-Moting, damit dieser dann ins Zentrum flanken kann. Das war auch der Spielzug, der zum 1:0 führte.

Insgesamt gab es viel Trubel auf den Flügeln und in den Halbräumen. Das Zentrum und besonders der 10er Raum verwaisten weitestgehend.

Für die letzte halbe Stunde baute Breitenreiter um und brachte Meyer statt Di Santos. Dieser spielte weiter hinten und Goretzka rückte weiter auf. Damit ergab sich ein 4-1-4-1, bzw. 4-2-3-1, je nachdem wie sich Goretzka gerade bewegte. Der lupenreine 8er mutiert zum Schlüsselspieler im System Breitenreiter. Seine Vielseitigkeit macht den Systemwechsel durch einen einzigen Spielertausch überhaupt erst möglich. Während er sich im 4-2-2-2 stark nach vorne orientiert und für die Flügel die Anspielstation und Unterstützung im Halbraum gibt, bewegt er sich im 4-1-4-1 eher nach hinten. Hier hilft er dem anderen 8er oder verkapptem 10er (hier Meyer) bei der Überbevölkerung im Zentrum, lässt sich aber gern fallen und hilft dem 6er nicht nur defensiv, sondern auch beim Spielaufbau.

Ist Schalke jetzt unschlagbar?

Nein. Schalke hat was tolles gemacht, dass in den letzten Jahren nicht immer der Fall war: Seinem Potenzial entsprechend gespielt. Die Hoffnung ist, dass das häufiger der Fall sein wird. Denn Potenzial hat Schalke einiges. Aber wir müssen auch etwas relativieren. Der Abstand zum Gegner in Sachen Geschwindigkeit, technischer Fähigkeiten und Pressingresistenz wird in der Bundesliga deutlich kleiner sein. Und Schalke steht mit seiner Entwicklung ja auch noch am Anfang. Drei der 5 Toren folgten auf Standards, unglaublich viele Hochkaräter wurden liegen gelassen. Schalke hat vor allem auch ein Abschlussproblem.

Was aber klar wurde ist welche Spieler von dem System Breitenreiter profitieren. Nicht zuletzt während des Schalke Podcasts „Glückauf-Pils“ habe ich schon gesagt, dass es eine merkwürdige Idee Draxlers wäre Schalke genau jetzt zu verlassen. Das neue System ist ihm quasi auf den Leib geschrieben. Und das hat man im Spiel gegen den MSV deutlich gesehen. Er hat viele Freiräume und kann all seine Qualitäten einbringen.

Ganz ähnlich verhält es sich mit Goretzka. Wenn er es schafft diese Saison von Verletzungen verschont zu bleiben und sich noch ein bisschen in die Rolle einfindet, dann kann er sich mit all seiner Variabilität und seinem Spielverständnis und seinem Zug zum Tor auf Schalke so richtig verwirklichen.

Meine Voraussage ist, dass der Boulevard im November bereits bei beiden von einer Leistungsexplosion reden wird. Meyer wird es dagegen etwas schwerer haben, weil er die engen Räume braucht. Längere Pässe liegen ihm nicht zwingend. Darum glaube ich, dass Breitenreiter ihn eher als Dosenöffner einsetzen wird.

Über Geis hab ich hier noch gar kein Wort verloren. Sehr deutlich seine Präsenz und mit welcher Leichtigkeit er die Bälle verteilt. Aber besonders hier gilt es zu beobachten, wie sich das unter mehr Druck verhält. Sowohl auf ihn selbst, als auch auf seine potenziellen Anspielstationen. Ich bin gespannt, aber deutlich optimistisch.

Eins ist aber sicher, wenn sie weiterhin so versuchen zu spielen, wird Schalke seinen Anhängern und der ganzen Liga viel Spaß bereiten.

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.