Nach Ende der vergangenen Saison sprach Vorstand Sport Horst Held davon, dass Schalke sich neu erfinden müsse. Bei Dienstantritt sagte der neue Coach André Breitenreiter, dass das Spiel der Mannschaft die Herzen der Fans zurückgewinnen müsse. Die ersten Schritte sind gemacht. Eine Bestandsaufnahme nach 4 Pflichtspielen.

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Der neue Head-Coach versprach Offensivfreude und energisches Pressing über den ganzen Platz. Die Fans sollten wieder begeistert werden, indem die Mannschaft als eingeschworene Gemeinschaft auf dem Platz einen Kampf abliefert. Kumpel & Malocher Club würde auch auf dem Rasen wieder Wahrheit. Damit hat er gleich diverse Baustellen auf einmal aufgemacht…

Baustelle 1: Die Mentalität der Mannschaft

Die letzte Saison ging mit einem gebrochen Rudel von Spielern zu ende. Wie in der Saison-Analyse beschrieben, fiel die Mannschaft irgendwann im März/April komplett auseinander. Die Arbeit im Kollektiv nahm immer mehr ab und konnte von der individuellen Qualität nur teilweise Kompensiert werden. Zum Ende der Saison schien es, als hätte Schalke vor allem ein Mentalitätsproblem, dass Roberto Di Matteo nicht lösen konnte.

Die Mentalität einer Mannschaft ist von außen sehr schwer einzuschätzen. Darum will ich das hier gar nicht probieren. Es wirkt auf den Zuschauer aber so, als würden die Spieler wieder stärker an einem Strang ziehen. Ein Indiz dafür ist die Laufleistung.

Baustelle 2: Wir wollen Euch kämpfen sehen!

Seit ich diesen Blog betreibe, hab ich immer wieder zu hören bekommen, dass die Schalker beim Spiel letztens nicht genug gelaufen sind. Das Argument habe ich oft entkräftet, letztlich zeigt der Kommentar als solcher aber, dass die Fans mit der Laufleistung nicht zufrieden waren, das Gefühl machte sich breit Schalke kämpfe nicht für den Sieg, gäbe sich keine Mühe und wäre Emotionslos. Auch dagegen habe ich oft Argumente geliefert, doch Gefühle lassen sich schwer wegargumentieren.

Breitenreiter will den Kampf wieder bringen. Wie die Fans fordern solle sich der eigene Arsch für den Club auf- und viele Meter abgerissen werden. Und das zündete, vom ersten Spiel an. Egal, was es in den bisherigen 4 Spielen zu beanstanden gab, den Willen gewinnen zu wollen und die Kampfbereitschaft wurde Schalke weder von Fans noch von den Medien abgesprochen. Nicht nach dem 4. Tor gegen Duisburg, nicht nach dem 3. Tor von Wolfsburg und auch nicht im Versuch das Spiel gegen Darmstadt noch zu gewinnen, außerdem konnte das Spiel gegen Bremen nur so gewonnen werden. Doch das gilt in erster Linie für die Offensive.

Baustelle 3: Pressing auf dem ganzen Platz

Jedes Team der Bundesliga spielt ein starkes Pressing, die Pressingliga. Schalke presste mit, aber nie besonders stark. Unter Keller war es sehr passiv, unter Di Matteo dann sehr tief. Das führt beim Publikum zu oben beschriebenem Gefühl, dass nicht gekämpft würde. Dem wollte Breitenreiter mit offensivem Pressing begegnen und schnellem Umschaltspielt und harten Gegenpressing.

Bisher war das nur teilweise zu sehen. Das Umschaltspiel funktioniert, immer wieder drischt Schalke überfallartig nach vorne. Das Pressing jedoch ist noch nicht sonderlich intensiv. Vom ersten Spiel an, stand die Verteidigung relativ tief und die Gegenspieler wurden angelaufen, aber nur selten in Zweikämpfe verwickelt. Das ist sinnvoll, weil der Gegner so unter Druck gesetzt und zu Fehlern gedrängt wird, man aber gleichzeitig nicht Gefahr läuft einen Zweikampf zu verlieren und den Gegner zu nahe ans Tor ziehen zu lassen. Auch das Gegenpressing ist bisher nur in Ansätzen zu erkennen. Aber sowas muss auch sehr gut aufeinander abgestimmt sein um effektiv zu sein.

Baustelle 4: Abstimmungsprobleme

Um intensives Pressing auf dem ganzen Platz zu zeigen und dass Kämpfen nicht verpufft, muss die Mannschaft gut aufeinander abgestimmt sein. Es geht hier um mehr als nur die Automatismen zwischen den Spielern. Das gruppentaktische und mannschaftstakische Verhalten muss genau aufeinander abgestimmt werden. Wenn ein Spieler eine Aktion zu früh oder zu spät und damit losgelöst vom Kollektiv startet, kann das Sabotage gleich kommen.

Die Abstimmungsprobleme sind besonders gegen Wolfsburg offensichtlich geworden. Hier auch besonders der Grund dafür: Die Spieler sind noch nicht aneinander und an das System gewöhnt. Das liegt wiederrum zum einen daran, dass insgesamt erst seit ein paar Wochen miteinander gearbeitet wird, zum anderen aber auch daran, dass der Kader recht wenig hergibt.

Baustelle 5: Der Kader ist zu dünn

Ebenfalls ungefähr seit Dienstantritt bemängelt Breitenreiter den Kader. Auch hier war schon häufiger zu lesen, dass die Kaderstruktur nicht besonders klar ist, eher ein Patchwork Kader. Ein Mix aus Wünschen verschiedener Trainer und Schnäppchen des Managers. Für den Trainer macht es das schwer ein System zu finden, in denen die Qualitäten der Spieler bestmöglich zur Geltung kommen.

Dazu kommt, dass die Qualität stark abnimmt. Sprich es gibt einen guten Spieler für eine Position, fällt dieser aber aus, kann er eigentlich nicht kompensiert werden. Nehmen wir als Beispiel hierfür mal den GoalImpact von Spielern (Was ist der GoalImpact?). Eine Aufstellung mit den höchsten Werten bei Schalke 04 würde so aussehen:

Die GoalImpact Aufstellung. Die Zahlen entsprechen dem Wert der Spieler.

Die GoalImpact Aufstellung. Die Zahlen entsprichen dem Wert der Spieler.

Der von mir stark favorisierte Neustädter taucht hier nicht auf, weil er seit einer Überarbeitung des Algorithmus nur noch einen GoalImpact (GI) von 90 hat, dem tiefsten im Schalker Kader. Aogo (GI 102) ist ein ganz ähnlicher Fall. Beide würde ich deutlich höher einschätzen, als es der Wert wiedergibt.

Kevin Prince Boateng hat übrigens einen GI von 139.  Außerdem ist der junge Kaan Ayhan auffällig mit einem sehr hohen Wert für sein Alter. Aber seit langem spielt er keine wirkliche Rolle mehr auf Schalke. Da gibt sicherlich Gründe für, das Auftreten in Spielen allerdings hat mich bisher jedoch jedes Mal überzeugt. Sam hat einen hohen Wert, ist aber Verletzungsanfällig. Und dann war da ja auch diese Interne Geschichte…

Sané (93), Goretzka (103) und Højbjerg (109) sind noch sehr jung, und auch Geis (114) wird sich noch entwickeln. Sie alle werden regelmäßig spielen können und qualitativ schnell aufschließen. Die Erwartungshaltung bei Di Santo (95) sollte aber vielleicht nicht zu hoch geschraubt werden.

Jetzt sehen wir aber noch größere Probleme in der GI-Aufstellung. Uchida hat einen sehr hohen Wert, ist aber ewig verletzt. Dahinter kommen Riether (104) und Caicara (117). Letzterer mit einem deutlich höheren Wert, je nach Strategie kann es aber sinnvoll sein das zu ignorieren. Ein Wert gibt die Stärken eben immer nur sehr unscharf wieder. Dementsprechend spielten die beiden auch abwechselnd bisher, je nach Taktik. Ähnlich nur viel schlimmer verhält es sich auf dem linken Flügel.

Baustelle 6: Julian Draxler ist futsch

In den ersten 4 Partien dieser Saison war Julian Draxler der beste Schalker. Schon kurz nach Verpflichtung Breitenreiters war klar, dass dies das Jahr Draxlers werden würde. Das System Breitenreiter ist ihm wie auf den Leib geschnitten. Schnell über die Flügel, dabei viel Freiräume für kreative Ausflüge. Draxler wurde zum ersten Mal seit er im Profifußball aktiv ist wirklich richtig gut eingesetzt und nutzte das in den ersten Spielen (abzüglich des Anfangs auf der 10 gegen seinen jetzigen Arbeitgeber) hervorragend.

Doch nu isser wech.

Mit Draxler fehlt der beste Spieler auf Schalke dieses Jahr und der Schlüsselspieler für das System. Aber viel schlimmer noch, jetzt fehlt der linke Flügel. Komplett. Denn es gibt keinen anderen linken Flügelspieler im Kader. Sicher, Choupo-Moting oder Sané oder Goretzka können da spielen. Sind aber eigentlich nicht mehr als Verlegenheitslösungen. Besonders Goretzka gehört ja sowieso nicht auf den Flügel (wie hier schon diskutiert).

Im Prinzip fängt Breitenreiter also nochmal neu an und muss das System anpassen. Und zusätzlich noch einen fehlenden Spieler kompensieren, gleichzeitig sogar einen fehlenden Spielertyp. Das macht einen anderen Aspekt der Arbeit komplizierter…

Baustelle 7: Die Flexibilität

Roberto Di Matteo wechselte ein paar Mal zwischen dem 5-3-2 und dem 4-2-3-1, aber nur während des Übergangs von der einen Formation in die andere. Kellers Formationswechsel waren nur kurzfristige Ausflüge und selten von Erfolg geprägt. Breitenreiter wechselte bisher in jedem Spiel die Formation. Dabei waren beide Formationen sehr flüssig und in sich stimmig. Von den Abstimmungsproblemen die bereits angesprochen wurden abgesehen.

Die Standardformation scheint gerade ein klares 4-4-2, zumindest schien sie es zu sein, bis zu Draxlers Abgang. Ich habe hier auch oft von einem 4-2-2-2 gesprochen, weil die Rollen so klar verteilt sind. Es gibt 2 Mittelfeldspieler, 2 Flügelspieler und 2 Stürmer. Der 10er Raum und das gesamte Mittelfeld wird dabei vernachlässigt, die Musik spielt in den Halbräumen und auf dem Flügel.

Mit einem Wechsel baut Breitenreiter dann um auf eine Formation die das Mittelfeld etwas stärkt und mehr Leute zum Überladen eines Flügels bereitstellt. Der Flügelfokus bleibt allerdings größtenteils bestehen. Hierzu wird meist einer der Stürmer gegen einen Mittelfeldspieler gewechselt.  Das ergibt dann im Mittelfeld oft eine Kombination aus 6er, 8er und 10er. Ein Dreieck, das je nach Personal etwas anders liegt. Und dadurch ergeben sich unterschiedliche Formationen und Systeme. Es gab 4-1-4-1 und 4-2-3-1 und 4-3-2-1 und alles dazwischen.

Diese Flexibilität macht Schalke schwer ausrechenbar. Mit dem gleichen oder ähnlichen Personal unterschiedliche Systeme spielen zu können und sich auf den Gegner einzustellen ist eine Qualität die für Schalke das Zünglein an der Waage sein könnten.

Fazit: Es gibt viel zu tun

André Breitenreiter hat alle Hände voll Arbeit. Das ist nicht verwunderlich, weil er ja auch eigentlich gerade erst damit angefangen hat. Gleichzeitig sind die ersten Erfolge aber auch bereits deutlich sichtbar. Die größte Herausforderung wird jetzt allerdings die Kompensation von Julian Draxler.

Die Arbeiten werden noch eine ganze Weile andauern. Bei aller Begeisterung über die Fortschritte und Erfolge die gelegentlich gefeiert werden, dürfen wir nicht vergessen, dass es lange braucht bis die Baustellen geschlossen und neue aufgemacht werden können.

Auf jeden Fall gilt, dass die Baustellen, die hier genannt sind, sehr grob geschnitten sind. Ferfeinern kann man immer alles und sie werden wohl nie wirklich geschlossen. Perfektion gibt es im Fußball schließlich nicht. Aber allein, dass all die Baustellen identifiziert sind, adressiert werden und bereits Besserung zeigen hinterlässt bei mir ein gutes Gefühl. Wir sind in guten Händen.

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.