Halbfeld­flanke

Ohne jede Kontrolle im Mittelfeld: Sparta Prag – FC Schalke 04, 1:1

Das Hinspiel auf Schalke ging Unentschieden aus, weil Schalke den Gegner unterschätzt zu haben schien. Das wollte man diesmal anders machen. Die Liste der Ausfälle allerdings machte einen Strich durch die Rechnung. Die neue Innenverteidigung war dabei weniger Unsicherheitsfaktor als das defensive Mittelfeld davor.

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Sparta

Die Hausherren spielten genauso wie schon auf Schalke. Sehr couragiert, aggressives Pressing und mit hohem Einsatzwillen. Sie formierten sich in einem 4-3-3 oder 4-5-1. Insgesamt waren sie darin aber recht flexibel. Insgesamt störte Prag schon sehr früh, der Spielaufbau wurde in einem hohen Mittelfeldpressing gestört. Damit waren die Tschechen jederzeit gefährlich. Sie lauerten ständig auf Kontersituationen, die sie dann meist recht ordentlich zu Ende spielen konnten. Im Vergleich zu Schalke hatte der Gastgeber das deutlich bessere Umschaltspiel.

Die Schalker kamen mit dem ganzen Druck nicht wirklich klar. Angriffe wurden meist über lange Bälle und Schnittstellenpässe probiert. Ein Grund dafür war die relativ schlechte Schalker Staffelung, die ja auch noch recht gut von Prag zugestellt wurde.

In ihren Bemühungen ein geregeltes Aufbauspiel zu unterbinden fokussierten sich die Prager sehr auf Geis. Sinnvollerweise, ist er doch der Hauptverantwortliche was das angeht. Er wurde immer wieder dediziert attackiert und hatte nur wenig Raum zur Verfügung. Darunter litt besonders in der ersten Halbzeit das komplette Schalker Spiel.

Die Doppel-6: Geis & Højbjerg

Geis war nicht nur Dauerdruck ausgesetzt, sondern zeigte sich auch besonders Anfällig dafür. Im passierten viele Flüchtigkeitsfehler. Außerdem kam sein nicht immer sauberes Stellungsspiel hier noch stärker zum Tragen. Sich dessen bewusst, dass der Gegner ihn besonders zustellt, versuchte er sich dem Zentrum fern zu halten. Die meiste Zeit verbrachte er daher im rechten Halbraum, vor dem Innenverteidiger, gelegentlich auch rechts neben die Innenverteidiger gekippt oder gar auf dem Flügel hinter Caicara.

Dazu kam, dass es so wirkte als müsse er sich erst wieder daran gewöhnen wieder auf dem Platz zu stehen. Besonders in der ersten Halbzeit lies sich Geis fast ohne Gegenwehr aus dem Spiel nehmen. Im zweiten Durchgang wurde das besser und er konnte mehr Präsenz erlangen, insgesamt zeigte Geis aber keine gute Partie, was auch an seinem schwachen Partner lag.

Eine Betrachtungsweise einer Doppel-6 ist, dass da zwei Leute im Zentrum stehen, die sich Gegenseitig den Arsch retten. Das hier wäre so ein Spiel dafür gewesen. Der eine wurde zugestellt, das gibt dem anderen eine ganze Menge Freiheiten. Wenn sie es schlau anstellen. Taten sie aber nicht.

Wenn Geis im rechten Halbraum festgetackert wurde, dann meist auch weil Højbjerg viel zu nah dran stand. Das spielte Prag in die Karten, konnten sie doch ohne viel Mehraufwand gleich beide 6er aus dem Spiel nehmen, das Spielfeld stark verkleinern und auf Konter nahe am gegnerischen Strafraum spekulieren. Solche Situationen waren häufig zu sehen und fast immer stand Neustädter im gegenüberliegendem Halbraum mit extrem viel Platz. Eine kurze Verlagerung hätte den 6ern den Druck weggenommen und gleichzeitig einen Schalker Konter eingeleitet, es standen ja viele Prager sehr hoch. Chancen dieser Art wurden jedoch fast nie genutzt.

Højbjerg bewegte sich wieder sehr viel und war überall auf dem Platz zu finden, aber selten da wo er gerade gebraucht wurde. Ich finde seine Bewegungen insgesamt sehr verwirrend, das habe ich ja hier schon häufiger erwähnt. Er ist ziemlich Passsicher (67 Pässe, 86,6% Passerfolg), streut aber immer wieder auch hanebüchene Fehlpässe tief in der eigenen Hälfte ein.

Ein Beispiel: Irgendwann in der zweiten Halbzeit kommen die Prager gefährlich in den Strafraum, Neustädter fängt den Ball ab, will klären, trifft aber aus kurzer Distanz einen Mitspieler. Der Ball prallt ab, kurz vor dem Strafraum einen Spartaner vor die Füße, der direkt abzieht und den Ball nur knapp am Tor vorbeisetzt. Der Schalker, der da versehentlich angeschossen wurde war Højbjerg. Sowas passiert. Verkettung unglücklicher Umstände. Ich habe allerdings keine Ahnung, warum der Däne da überhaupt stand. Er stand komplett allein.

Beide 6er waren überhaupt nicht Pressingresistent und konnten sich auch gemeinsam nicht des Druckes entledigen. Dafür schien die Kombination deutlich zu uneingespielt. Die Unterstützung im Angriffsspiel war auch eher so mittel. Da fehlte es an Unterstützung nach vorne. Noch schlimmer war aber die Absicherung nach Hinten. Denn auch da zeigten beide deutliche Schwächen. Das Mittelfeld hätte beherrscht werden sollen, doch ging großteilig an Prag.

Die neue Innenverteidigung: Ayhan & Neustädter

Darunter hatten vor allem das neue Duo in der Innenverteidigung zu kämpfen. Zunächst zur Hauptaufgabe: die Defensive. Immer wieder waren sie auf sich allein gestellt, weil von vorne die Unterstützung sehr gering ausfiel. Dadurch sahen sie sich dem großen Prager Druck gelegentlich direkt ausgesetzt. Das lösten sie aber meist recht gut. Interessant war dabei der unterschiedliche Ansatz zu sonst. Wo Höwedes hauptsächlich über seine Zweikampfstärke kommt, wiegelt Neustädter über starkes Stellungsspiel ab. Ayhan orientierte sich daran und viele Situationen konnten so früh und einfach abgefangen werden. Wenn der Ball dann aber doch mal durch kam, anders als antizipiert, dann sah einer der beiden natürlich unglücklich aus. So etwa Ayhan beim frühen Gegentor.

Aber auch in die Offensive schalteten sich beide viel stärker ein, als es für Schalke in dieser Saison üblich ist. Neustädter agierte fast das ganze Spiel über als dritter 6er und balancierte Geis & Højbjerg aus und bildete ein Gegengewicht. Dazu spielte Ayhan immer mal wieder einen Geis-Ball: Weit und oft Diagonal. Und das gar nicht schlecht, Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass Ayhan hier der bessere Geis war.

Ohne Mittelfeld & einem Hunter wie nie

Das Mittelfeld konnte nicht unter Kontrolle gebracht werden. Die 6er waren alle beide nur wenig Unterstützung. Erst spät in der zweiten Hälfte, als den Pragern die Kräfte ausgingen wurde es besser. Aber da schien Schalke auch eigentlich keine Lust mehr zu haben.

Einer derer, die am meisten versucht haben das Mittelfeld irgendwie unter Kontrolle zu bekommen, war der Hunter. In der letzten Saison an dieser Stelle oft dafür gescholten mitspielen zu wollen, War er im Vergleich zu Goretzka der präsentere Mann im 10er Raum. Klar, Goretzka war deutlich Spielgestalterisch tätig, aber Huntelaar war fast immer Anspielbar, konnte den Ball behaupten. Auch die Weiterverarbeitung war nahezu exzellent.  Klaas-Jan Huntelaar hatte die zweitbeste Passerfolgsquote auf dem Platz: 85,2 % bei 27 gespielten Pässen! Zum Vergleich, Goretzka, der 10 Minuten länger spielte kam auf 78,3% bei 23 Pässen. Dabei auffällig war allerdings auch, dass Goretzka mehr und bessere Abschlüsse hatte als Huntelaar.

Wer gegen Prag im Mittelfeld kein Land sieht (bei allem Respekt), wird gegen Dortmund und die Bayern nicht viel Spaß haben. Der 6er Raum muss eine stabile Ausgangslage sein, mit gegnerischem Stress klar kommen und die Defensive unterstützen. Uneingespieltheiten kann sich Schalke hier eigentlich nicht leisten.

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

Kategorie: Spielbericht

Breitenreiter holt die Aufsteigertaktik raus: Borussia Dortmund – FC Schalke 04, 3:2 » « Ohne Geis, dafür mit 6er Spielereien. FC Schalke 04 – FC Ingolstadt 04, 1:1

8 Comments

  1. Wider Erwarten, hatte ich doch Zeit, das Spiel zu sehen, aber es war keine Freude. Gerade im Hinblick auf die nächsten Spiele, kann einem da Angst und Bange werden.
    Immerhin gibt es Lichtblicke: EMCM kommt wieder deutlich besser ins Spiel, Goretzka zeigt nicht nur technische Finesse, sondern auch körperliche Präsenz
    und der Manager ist sich sicher, dass der gelbe Rasen gepflügt wird…ähm ja…
    gruss
    a

    • Die Favoritenrolle ist ja klar belegt. Dazu kommt das Fehlen der Stammkräfte… eigentlich kann Schalke nur gewinnen. Denn prinzipiell müsste man ein schlimmeres Ergebnis als im letzten Derby erwarten.

  2. Richtig toller Beschreibung zum Spiel!
    Schön zu lesen dass der Analyse das gleiche ausweist als ich gedacht habe zu sehen.

    Mir hat der Højbjerg überhaupt nicht gefallen. Seine Verpflichtung kommt mir subjektiv fast vor wir eine Klausel aus dem Neuer Vertrag, wir zuvor Kirchhof.
    Sie haben beide den gleichen Stellenwert.

  3. Eine sehr treffende Analyse zu einem nebligen Donnerstagabend Europ-League-Spiel. Vor allem die kritische Beobachtungen zu Geis finde ich passend, zunehmend verliere ich den Glaube an einer wirklichen Verbesserung des Spiel durch diesen Transfers (auch mit Hinblick auf vergleichbare Alternativen im Kader s. Ayhan, Neustädter, Matip)
    Dabei möchte ich ein Thema anregen bezüglich der Arbeit von Horst Heldt, wie deine Einschätzung dazu ist? Dieses Diskussion über die Bewertung seines Schaffens wird besonders auf Schalke sehr launisch u. polemisch betrieben aus meiner Sicht. Wenn man mal alle politischen u. finanzielle Aspekte ausklammert, wie siehst du unter deinen Gesichtspunkten nur seine Einkäufe? Mir kommt sein Handeln dabei oft vor wie bei einem Managerspiel: Spieler werden gekauft aufgrund von Ausstiegsklauseln (Santana, Sam, Di Santo) oder aus aktuellen Launen (Pukki, Szalai). Wirkliche Überlegungen oder gar Absprachen mit Trainer, wie diese Spieler das Schalker Spiel bereichern können, erkenne ich selten…

    • Hallo Butz, vielen Dank. Als eine Verstärkung sehe ich Geis schon. Allerdings finde ich ihn bei den Schalkern generell arg überschätzt. In jedem Fall ist er aber noch sehr Jung. Genau wie Ayhan. Ich bin gespannt wo die Reise hin geht…

      Mit der Personalie Heldt beschäftige ich mich nicht wirklich. Ich bekomme viel zu wenig über dessen Wirken mit, um das beurteilen zu können. Auch von Breitenreiters Arbeit bekomme ich ja nur das Endergebnis zu Gesicht, das dafür aber deutlich klarer und 90 Minuten lang.

  4. Vielen Dank für deine zügige und geduldige Antwort, Karsten. Das mit der fehlende Informationsgrundlage für solche Urteile, war mir bislang gar nicht so bewusst, finde ich aber durchaus schlüssig und hilfreich. Nun ist mir deine grundsätzliche Haltung noch klarer und ich kann zukünftige Kommentare genauer gestalten.

  5. Definitiv die schlechteste Leistung bisher unter Breitenreiter. Und im Gegensatz dazu eine ganz hervorragende Analyse von Dir. Auf ohnehin schon hohem Niveau nochmal getoppt!

    Es war ja zu sehen, dass der ganze Auftritt insgesamt zu unorganisiert war. Dass Du das so klar auf die 6er bezogen hast, finde ich hervorragend rausanalysiert.

    Zu Neustädter: Ja, er war oft frei, und hat sich hervorragend rausbewegt. Aber was er nicht so gut kann (da ist Matip deutlich besser): Er mag es nicht, wenn er mit Ball am Fuß freien Raum vor sich hat. Da läuft er nicht gerne rein. Und da ist er unsicher, welchen Pass er spielen soll (das macht ihn übrigens in der Wahrnehmung manchmal undynamisch). Er mag es lieber, wenn er viel Druck von allen seiten hat, um dann das strukturell Klügste zu machen.

    Was darauf hindeutet, dass den Geis- oder Hjöjberg-Part (sich richtig unter dem Druck zu verhalten), besser von Neustädter verrichtet worden wäre (in dem Spiel). Wenn also mehrere Spieler das machen müssen, was sie gerade nicht besonders gut könne, dann hat der Trainer die Themen nicht ganz richtg verteilt.

    • Vielen Dank für die Blumen. Freut mich sehr.

      Stimmt, das war mir bisher gar nicht so bewusst. Mit dem Ball am Fuß bewegt sich Neustädter insgesamt nur höchst ungern. Interessant…

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