Halbfeld­flanke

Quasi-Augenhöhe in der Pressingschlacht. Bayer Leverkusen – FC Schalke 04, 1:1

Der Spielplan hatte Schalke einen harten November beschert. Wolfsburg war schon recht früh in der Saison, die drei weiteren Champions League Teilnehmer folgen hier komprimiert: Dortmund, Bayern und jetzt eben Leverkusen. Auch wenn sie mehr Probleme haben als in der Vorsaison, so sind die Leverkusener mit ihrem krassen Pressing doch ein Härtetest für das junge Schalker Team.

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Die Pillendreher

Leverkusen presste wie immer sehr stark. Es war ein schnelles Spiel, mit viel Druck und wenig Pausen. Dabei kam Kampl über den linken Halbraum und Kramer war der weiträumig arbeitende 6er. Mehmedi war eine hängende Spitze hinter Chicharito und die beiden Außen Bellarabi & Çalhanoğlu machten die Flügel unsicher.

Im Offensivspiel zeigte Leverkusen häufig ein für Schalker wohlbekanntes Problem: Ohne Verbindung zum Mittelfeld stehen 5 Angreifer nebeneinander an der Abseitskante und warten auf Zuspiele. Das gab es speziell unter Keller ständig auf Schalke, aber auch in dieser Saison ist es noch hier und da zu sehen. Letztlich ist sowas recht einfach zu verteidigen und so verhungert diese Offensivkraftanhäufung jämmerlich.

Ansonsten machte Leverkusen kein schlechtes Spiel. Es wurde stark kombiniert und immer wieder wurden Torchancen erspielt. Einzig die Verwertung war suboptimal, so dass Schalke am Ende mithelfen musste ein Tor zu schießen.

Die Kohleförderer

Schalke kam mit einem, für mich etwas überraschend, sehr offensivem Personal nach Leverkusen. Mit Goretzka und Højbjerg (zu letzterem später noch mehr) im Mittelfeld ließ Breitenreiter eher mit einer Doppel 8 spielen denn mit einem 6er. Davor gab Meyer mal wieder einen echten 10er und machte ein großartiges Spiel. Choupo-Moting auf links ebenfalls. Es war also das Spiel derer, die nur wenig Platz brauchen um den Ball zu verwerten. Sané, der eher etwas mehr Platz braucht und auch (noch) nicht ganz so zweikampfsicher ist wie die anderen beiden, war zusätzlich noch eingekeilt zwischen bis zu drei Leverkusenern und sah nur wenig Land.

Offensiv versuchte Schalke das Mittelfeld schnell zu überbrücken. Man war sich des Leverkusener Pressings bewusst und wollte über lange Bälle so schnell wie möglich in die gegnerische Hälfte kommen um dort den Konter aufzunehmen und zuende zu spielen. Lange Bälle werden aber immer mal wieder abgefangen, daher die verhältnismäßig schlechten Passerfolgsquoten der Innenverteidiger.

Die Konter selbst waren dann aber frei improvisiert. Wie schon in den Spitzenspielen gegen Dortmund und die Bayern war das Offensivspiel vom Ideenreichtum der Vortragenden abhängig. Diesen Zufallsproduktionen etwas mehr Systematik beizubringen sehe ich als eines der Hauptprojekte für die Winterpause.

Defensiv versuchte Schalke ebenso zu pressen wie Leverkusen. Die Knappen attackierten früh und stellten Anspielmöglichkeiten zu. Insgesamt wurde schon hoch in der Leverkusener Hälfte gepresst, so dass Leverkusen das Aufbauspiel arg erschwert wurde. Abgesehen von…

Schalkes 20 Minuten Pressing-Pause

Nach etwa 20-25 Minuten zog sich Schalke zurück. Der Gegner wurde jetzt nicht mehr hoch angegriffen. Schalke versuchte vielmehr Kompakt zu stehen und es Leverkusen um den Strafraum schwer zu machen. Allerdings ist deren System für genau so etwas ausgelegt und so kam die Werkself in den letzten 20 Minuten der ersten Halbzeit verstärkt zu Chancen. Einzig die schwache Verwertung bewahrte Schalke vor einem Rückstand.

Warum Schalke das tat, kann ich nicht beantworten. Allerdings kam Schalke aus der Pause und griff wieder hoch an. Das war zwar deutlich kraftraubender, doch Leverkusen war nun deutlich nicht mehr so überlegen, wie vor dem Seitenwechsel. Der Unterschied war nur noch dadurch sichtbar, dass sich Leverkusen die qualitativ besser mit Kontersituationen umging. Die hatten einen Plan, Schalke nicht.

Das Rätsel um Pierre-Emile Højbjerg

Højbjerg hat Hummeln im Hintern. Er bewegt sich viel, aber selten abgestimmt mit dem Rest. In dieser Partie hielt er sich sehr an seine Position und verließ sie nur selten. Häufig kam es allerdings zu Situationen in denen er ausrückte um einen Gegenspieler zu attackieren, seine Bewegung aber nicht balanciert wurde. Auch lässt er sich leicht ausspielen, weil er ausrückt, obwohl die Anspielstationen noch gar nicht zu gestellt sind. Schwuppdiwupp, steht ein Spieler vor der 4er Kette und der Däne guckt aus sicherer Distanz zu.

Dazu kommt seine Zweikampfschwäche. In diesem Spiel hatten nur Huntelaar und Sané noch schlechtere Zweikampfquoten. Seine Passquote ist nicht grandios, aber auch nicht schaurig. Wer aber genauer hinsieht bemerkt, dass seine Pässe oft nicht gut sind. Viele Bälle müssen sich vom Adressaten erlaufen werden oder geraten direkt in einen Zweikampf. Oft verleiht er harmlosen Situationen auch Brisanz indem er sich den am schlechtesten positionierten Mitspieler als Anspielpartner aussucht.

Als der Däne ausgeliehen wurde, habe ich mich sehr gefreut. Sein Ruf eilte ihm voraus. Inzwischen muss ich gestehen, dass ich nicht verstehe, wie er zu diesem Ruf gelangt ist. Ich bin davon überzeugt, dass er eine ganze Menge Qualität hat. Allein gesehen habe ich davon noch nicht viel. Hoffe aber, dass es nur noch Probleme mit der Abstimmung hat, weil er sehr spät zur Mannschaft gestoßen ist. Wir erleben dann in der Rückrunden einen komplett anderen Pierre-Emile Højbjerg.

Ich würde das gern mit Euch diskutieren. Was haltet Ihr von Ihm? Wie erlebt Ihr seine Spielweise und was versprecht Ihr Euch noch von ihm? Hinterlasst doch einen Kommentar, wenn Ihr mögt.

Fazit

Es wurde hüben wie drüben stark gepresst. Beide Mannschaften taten sich schwer beim Toreschießen. Schalke gönnte sich im Spiel eine kleine Auszeit und schien dem Sieg dennoch näher als Leverkusen. Wenn die Konter auf absehbare Zeit allerdings nicht strukturierter werden, wird es auch in Zukunft gegen solche Gegner schwer bleiben.

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

Kategorie: Spielbericht

Glückauf Pils Podcast, Folge 6 » « 5er Kette, aber anders! FC Schalke 04 – FC Bayern München, 1:3

3 Comments

  1. Ich kann Hojbjerg gut leiden. Aber er wird sich nicht auf Schalke und schon gar nicht bei den Bayern durchsetzen. Ich finde, dass du mit der Balance & der Eingliederung recht hast!
    Auch seine Pässe sind oft nicht die besten. Aber er kann Traumpässe spielen (gesehen bei Augsburg) und gerade sein Fernschuss kann zur Waffe werden!
    Auch muss man unterstreichen, dass er eine richtige Kampfsau sein kann (siehe Derby)!
    Vielleicht läuft es gerade nicht so bei ihm, weil er einfach mit zu hohen Erwartungen gekommen ist.

    Ich denke er sollte sein Glück noch ein bisschen bei Mannschaften wie Augsburg, Frankfurt oder Mainz suchen. Da kann er sich einen Stammplatz erobern, sich weiter entwickeln, in Ruhe an seinen Defiziten arbeiten und dann glaube ich kann er Stammspieler bei einem international spielenden Klub werden!

  2. Bevor das „Jahrhunderttalent“ Goretzka von der Castroper Straße gekommen ist, habe ich ihn nie spielen sehen. Seine ersten Auftritte bei uns haben mich skeptisch gemacht. Inzwischen ist Goretzka in meinen Augen Beleg, dass von Peter Neururer bis Horst Heldt nicht ausschließlich Idioten am Werk sind.

    Die ob der Vorschusslorbeeren erwarteten Taten von Højbjerg hat er Bisher sicher nicht getan, ich finde allerdings, dem jungen Mann sollte man bis zum Ende der laufenden Saison Zeit geben.

    Sollte er bis dain noch keine Verstärkung sein, muss er zurück….

  3. Rheinlandschalker

    4. Dezember 2015 — 16:48

    Ich denke, deine Einschätzung trifft es ganz gut. Højbjerg bringt in Sachen Physis und Technik vieles mit, was auf einer Position im zentralen MF nützlich ist. Taktisches Geschick im Positionsspiel und Antizipation gehen ihm jedoch bisher nahezu völlig ab – insofern ist er so etwas wie der Anti-Neustädter: Wirkt stets dynamisch, steht aber letztlich zur falschen Zeit am falschen Ort. Kein Wunder, dass der Juego de Posición-Fanatiker Guardiola an ihm keinen Narren gefressen zu haben scheint.

    Durch unsere Ausfälle bin ich froh, ihn als Backup zu haben, aber eine echte Perspektive sehe ich auf Schalke für ihn nicht.

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