Halbfeld­flanke

Mit agilem 3er Mittelfeld.
FC Schalke 04 – Hamburger SV, 3:2

Die letzten Spiele liefen nicht so wie man sich das auf Schalke erhofft hat. Das konnte an dieser Partie abgelesen werden. Sowohl den schlechten Einfluss der Vorwochen, als auch das, was Breitenreiter als Reaktion darauf änderte.

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Hamborger Veermaster

Nominell könnte man beide Teams eigentlich als 4-2-3-1 beschreiben, die Ausrichtungen in diesem Spiel waren jedoch leicht anders. Die Hamburger spielten ein 4-4-1-1 mit Lewis Holtby als hängender Spitze hinter Pierre-Michel Lasogga. Die Außen und die Doppel 6 agierten insgesamt recht klassisch, allerdings ging es hier zu keinem Zeitpunkt wirklich darum Flanken zu schlagen. Es wurde stattdessen versucht ab der Mittellinie, manchmal auch etwas höher, starken Druck auf zu bauen und schnell durch zu kontern. Zielspieler war ganz klar Holtby, der dann in erster Linie versuchte Lasogga, aber auch Drmić und Müller einzubinden.

Beides klappte eigentlich sogar ganz gut. Die Konter wurden gradlinig nach vorne gespielt und schnell abgeschlossen. Das Pressing klappte ebenfalls ganz gut und hätte das Schalke der Vorwoche sicher das Genick gebrochen. Heute aber war etwas anders…

Schalker Mittelfeld

Statt wie zuletzt mit einem Johannes Geis, der sich extrem an den Innenverteidigern orientiert, einem 8er (ob Leon Goretzka oder Pierre-Emile Højbjerg macht hier den Braten eher nicht fett), der relativ allein zentral und einem 10er, meist Max Meyer, der sich stark nach vorne orientiert, gab es in diesem Spiel ein echtes 3er Mittelfeld zusehen. Breitenreiter ließ die drei deutlich variabeler spielen, Geis teilweise ziemlich hoch, Meyer und Højbjerg teilweise sehr tief, alle überall. Jeder versuchte ständig in Bewegung und Anspielbar zu sein. So konnte sich Schalke vom Hamburger Pressing weitestgehend gut befreien.

Durch die Bewegungsfreude im Mittelfeld, die schon viel zu lange auf sich warten ließ, bildete sich ein 4-3-3. Allerdings waren die beiden Flügelspieler sehr unterschiedlich. Schöpf ging sehr vertikal die Linie hoch und dann rein in den Strafraum, Belhanda dagegen meist recht horizontal zwischen Flügel und Zentrum nahezu parallel zur Grundlinie. Die beiden Neuzugänge machen nach den ersten Spielminuten Lust auf mehr. Schöpf ist unglaublich schnell und hat einen starken Zug zum Tor. Belhanda hat ein starkes Raumgefühl und steht meist sehr passend. Wie oft stand er schon an der Strafraumkante und ein Ball fiel ihm vor die Füße, so dass er nur noch drauf zimmern musste.

Man of the Match

Spieler des Spiels war aus meiner Sicht Roman Neustädter. Aber nicht die gleiche Kategorie wie Messi immer Spieler des Spiels wird, weil er 7 Tore geschossen, 19 Vorlagen gegeben und 83 Zweikämpfe gewonnen hat. Neustädter hat dieses Spiel geprägt und war immer wieder an entscheidenden Aktionen direkt beteiligt. Übrigens (Spoiler Alert!) habe ich kürzlich ein Interview mit Ihm geführt, welches es in kürze hier zu lesen geben wird.

Die Roman Neustädter Show. 84/88 Pässe angekommen, 4/8 Luftduellen gewonnen,. Quelle: FourFourTwo.

Die Roman Neustädter Show. Quelle: FourFourTwo.

Aber zurück zum Spiel. Am Anfang war da natürlich das Missverständnis, das zum 0:1 führte (4. Spielminute). Offensichtlich nagte das an ihm, denn von da an riss er das Spiel an sich, wie selten zuvor. Immer wieder putzte er nach hinten aus, etwa als er Lasogga in der Rückwärtsbewegung den Ball vom Fuß grätschte (35.). Grätschte! Wann hat man Roman Neustädter schonmal grätschen sehen? Er unterband Konter bereits im Mittelfeld, kam da aber auch gelegentlich etwas spät, etwa bei seinem Taktischen Foul (42.). Allerdungs rückte er auch recht weit auf und schaltete sich so auch als Innenverteidiger immer wieder kurzzeitig im Halbfeld mit ein. So zum Beispiel, als er auf dem Weg zum Strafraum einen Zweikampf gewann und so den Ausgleich vorbereitete (37.).

Und das ging in der zweiten Halbzeit munter so weiter, wie ein tiefer 6er agierte er als Antreiber von hinten heraus. Dadurch, dass das 3er Mittelfeld sich auch wirklich im Mittelfeld tummelte, hatten die Innenverteidiger mehr Luft die Angriffe einzuleiten. Die beiden teilten sich das ein bisschen auf, Neustädter erschloss Räume über seine Passe und lief Räume zu, Matip sicherte ab und rückte auf. Und während Neustädter das Spiel so dirigierte, lief es bei Matip noch etwas unrund. Er dribbelte häufig an und lief in Räume hinein. Es kam aber nur wenig zählbares hinaus und es reichte nur zu einer Passerfolgsquote von für ihn unterirdischen 71.9%.

Eine Halbzeit gegen 10

Hamburg fehlte ein Spieler für die zweite Halbzeit. An der Grundausrichtung änderte sich aber nicht viel. Es wurde dann ein 4-4-1, das Pressing und der Wille zu Kontern war aber weiterhin ungebrochen. Hamburg war fest entschlossen hier Zählbares mitzunehmen. Doch Schalke machte das schlau, ließ die Hanseaten laufen und entledigte sich des Pressings durch viel Bewegung. So konnten auch die Konter meist gut entschärft werden. So spielte die Überzahl Schalke natürlich in die Karten, entscheidend etwas geändert hat sich allerdings nicht. Auch in der ersten Halbzeit kam Schalke mehrfach in aussichtsreiche Positionen.

Nervosität

Das klingt eigentlich alles sehr gut, das Mittelfeld bewegt sich viel, die Außen sind Agil und die Innenverteidiger auch sehr aktiv. Das aber fehlt. Hier ist es, es war die Nervosität. Die letzten Spiele und das was drumrum damit passiert ist haben die Spieler nicht kalt gelassen, das wurde in der Partie offensichtlich. Daraus resultierte eine gewisse Nervosität, die ich als Ursache für viele Flüchtigkeitsfehler sehe. Nicht selten gab es billige Fehlpässe von Spielern denen sowas eigentlich nicht passiert. Oder technische Unsauberkeiten bei der Ballannahme oder –verarbeitung.

Aber sowas gehört dazu, wenn die Mannschaft sehr jung ist, da haben Unruhen einen größeren Einfluss. Wichtig ist, dass Hamburg daraus keinen Profit schlagen konnte. Der Anschlusstreffer in der Nachspielzeit war meiner Meinung nach übrigens einer der angesprochenen Flüchtigkeitsfehler. Ich glaube in dem Spiel gab es genug Positives um in die nächste Partie wieder gelöster gehen zu können.

Alles in allem…

… ein spektakuläres Spiel. Schalke agierte zwar ängstlich, aber, angetrieben durch einen Neustädter der seinen Fehler wieder gut machen wollte, auch sehr agil. Breitenreiter stellte das 3er Mittelfeld sehr dynamisch auf und die Mannschaft konnte sich ein deutliches Chancenplus erspielen. Wenn jetzt noch das nötige Selbstbewusstsein und dadurch wiederrum eine gewisse Souveränität hinzukommen, kann das noch eine sehr unterhaltsame Rückrunde werden.

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

Kategorie: Spielbericht

Eine Halbzeit Totaal Voetbal.
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4 Comments

  1. Lesenswerte Einschätzung! Ein Interview mit Neustädter?! Klasse, ich frei mich drauf und bin gespannt!

  2. in der Tat war die Nervosität nicht zu übersehen, sie kippte aber nicht in Ängstlichkeit um, der Druck blieb bestehen. Das hat mir am meisten gefallen

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