Halbfeld­flanke

Mentaler Aufbaugegner im Testspiel Derby. FC Schalke 04 – Borussia Dortmund, 2:2

Zwei Mannschaften in 3-4-3 Formationen treffen aufeinander, die sich großteilig im Mittelfeld zerpressen und egalisieren. Der Grund dafür liegt in der Personalwahl auf der einen und in den Köpfen der anderen Seite.

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Die Voraussetzungen

Tuchel schonte einen guten Teil seiner Stammelf und nutzte das Derby zum Ausprobieren der zweiten Garde. Der sachliche Analytiker in mir kann das nachvollziehen, der Schalker mal so gar nicht. Und während sich die echten Fans über den eigenen Trainer eschauffieren, pöbeln die gelben Eventfans, dass Schalke nichtmal gegen die B-11 gewinnen konnte… verrückte Welt.

Reden wir nicht darüber, dass Schalke eben auch nicht mit dem bestmöglichen Personal angetreten ist (Riether und Højbjerg waren etwa nur Verlegenheitslösungen weil Höwedes und Goretzka verletzt sind). Tatsächlich bewegten sich beide Mannschaften auf Augenhöhe. Die eine, die in Gelb, nur halb gut eingespielt, aber dennoch mit einem klaren Plan versehen, den Tuchel offensichtlich dem gesamten Kader bereits eingeimpft hat. Das an und für sich ist schon beeindruckend. Er stellt einfach Leute auf, die noch nie zusammen auf dem Platz standen, und trotzdem ist das Resultat sehr vergleichbar zu dem, wie die erste 11 gerade ihre Rekord-Saison spielt. Gleichzeitig natürlich aber auch um einen ganzen Batzen individueller Klasse beraubt.

Die andere Mannschaft, die in Blau, hatte die Verunsicherung ins Gesicht geschrieben und lediglich den Auftrag mehr zu kämpfen als in der Vorwoche. Eine klare Spielidee, wie der Gegner sie hat, gibt es auf Schalke noch nicht. Hier hat der Trainer ein Trümmerfeld übernommen und ist in Teilen noch immer damit beschäftigt Aufbauarbeit zu leisten.

Insgesamt bewegten sich die beiden Teams so auf Augenhöhe. Daran änderte sich auch nicht viel, als Dortmund die individuelle Klasse im zweiten Durchgang krass erhöhte. Doch der Reihe nach.

Die erste Halbzeit

Mit diesen Vorzeichen in die Partie gehend, waren beide Mannschaften in erster Linie darauf bedacht keine Fehler zu machen. Die einen, weil‘s dann noch mehr Stunk gibt und die anderen weil sie sich ja empfehlen wollten. So war die Riskobereitschaft hüben wie drüben eher überschaubar.

Schalke fing mit starker Manndeckung an, rückte davon nach einer ungemütlichen Anfangsphase aber wieder ab, weil die Borussen dafür zu Ballsicher waren. Immer wieder sah besonders Neustädter nicht gut aus, weil er herausrückte, in ein 2-gegen-3 verwickelt wurde, dem Ball hinterher ging, Pulisic dann viel Platz hatte und gut aussehen konnte. Dortmund konnte sich der Manndeckung also viel zu leicht entledigen und Schalke war nicht pfiffig genug darin um sie effektiv zuzuschnüren.

Insgesamt wurde recht hoch verteidigt, besonders von den Borussen. So wollten sie den guten Schalker Aufbau aushebeln, was aber wiederrum Schalke recht effektiv aushebeln konnte. Die Knappen schafften es immer wieder bis zur Mittellinie und knapp darüber hinweg, blieben aber da dann im gelben Geflecht hängen, weil die eigene Staffelung zu früh anfing und nicht passend mit aufrücken konnte/wollte. Im Prinzip hatten die Dortmunder ganz ähnliche Probleme, so dass es fast nicht zu torgefährlichen Situationen kam und wenn dann fast ausschließlich durch Individuelle Leistungen.

Schalke spielte interessanter Weise noch stärker Flügelbezogen als sonst schon. Selbst wenn Geis im Zentrum verwaist stand. Die Dortmunder Pressingfalle war deutlich einstudiert worden und wurde eisern vermieden.

Die zweite Halbzeit

Beide Teams wollten jetzt mehr Druck machen. Die Idee war, sich tiefer zu positionieren und dann über Geschwindigkeit Räume zu nutzen. Gepaart mit ein paar Starspielern von der gelben Bank, kam es dann auch schnell zum 0:1. Der pure Wille schaffte den Ausgleich, Pech und Unachtsamkeit die erneute Führung für die Gäste und schließlich endlich mal wieder ein Konter zum Ausgleich. Schalke stellte mit dem zweiten Rückstand auf 4-2-3-1 um, damit vorne mehr Personal zur Verfügung stand. So gab es ein paar gute Gelegentheiten, nicht zuletzt durch Meyer in der Nachspielzeit, aber die dünner besetzte Abwehr ließ jetzt auch Dortmund zu ein paar besseren Gelegenheiten kommen.

Aber zurück zu den tatsächlichen Toren. Das erste Tor von Schalke war eigentlich die Hölle, für das ich meinen Spielern die Ohren langziehen würde. Bei Sanés Schuss standen 3 Schalker auf der Torlinie: Belhanda, Huntelaar und Kolasinac. Der halbe Strafraum war leer, aber alle versuchen nach vorne zu rennen um den Ball irgendwie mit rein zu drücken. Sinnvoller wäre gewesen sich gut anspielbar am 5er zu positionieren.

Das zweite Tor war kick and rush. Fährmann auf Huntelaars Kopf, Sané bekommt den zweiten Ball, legt steil auf den Hunter und der wird im Strafraum gefällt. Würde Schalke seine Konter häufiger so gradlinig zuende spielen, würde die Tabelle anders aussehen. Auch in dieser Partie sind wieder viele Angriffe versandet. Ein Hauptgrund war diesmal aber Verunsicherung. Belhanda bringt den Ball nicht schnell genug weg, Højbjerg geriet, besonders nach seiner gelben Karte, mit jedem Ballbesitz nahezu in Panik und Sanés Ballbehandlungsprobleme wurden noch deutlicher als sonst schon. Die Bockstarke Innenverteidigung sucht seit Wochen nach seiner Form. Sowohl Matip als auch Neustädter lagen bei unter 80% Passerfolgsquote. Und die meisten oder die zweitmeisten Pässe kamen auch von keinem der beiden. Solche Werte gelten für die beiden als unterirdisch.

Laufen, grätschen, sprinten & kämpfen bis zum Umfallen

Breitenreiter kritisierte vor dem Spiel, dass die Mannschaft nicht genug gekämpft hätte. Er spricht dabei immer davon sich gegen Widerstände zu wehren und auch wehren zu wollen. Das habe ihm besonders in der Vorwoche gegen Ingolstadt gefehlt und das wolle er im Derby dringend sehen, gab er vorher sinngemäß zu Protokoll. Nun, ich glaube da wurde er nicht enttäuscht.

Huntelaar (17) und Höjbjerg (15) hatten mehr gewonnene Zweikämpfe als alle Dortmunder (Sokratis, 11), bezeichnend genug, dass das zwei Offensivspieler sind. Typischerweise tummeln sich bei den höchsten Werten eher Defensivakteure. Auch insgesamt waren die beiden Führungstreffer der Dortmunder wohl so ein Widerstand, von dem Breitenreiter da spricht, beides mal wehrte sich die Manschaft und glich aus. Da war, bei aller Unsicherheit, eine ganze Menge Wille im Spiel.

Doch alles gekämpfte bringt nichts, wenn es keine Idee gibt, wie Fußball gespielt werden soll. Oft genug krankte es wieder hier dran. Schalke kommt mehr oder weniger souverän in die gegnerische Hälfte und weiß dann nicht so richtig weiter. Und auch, wenn das Unentschieden sich wie ein überraschender Punktgewinn anfühlt, so ist das eigentlich eine Vorführung der Borussen gewesen, wie’s gehen könnte. Tuchel ist auch erst seit dieser Saison da. Und natürlich musste er nicht erst die Trümmer der Vorsaison auflesen. Und natürlich hat er anderes Spielermaterial zur Verfügung. Und natürlich waren die es schon gewohnt auf einem ganz anderen Level zusammen zu spielen. Dennoch, finde ich es bezeichnend, dass eine Truppe, die auf dem Papier deutlich unterlegen sein müsste (weil die ganze individuelle Klasse fehlte) Schalke nicht zur Entfaltung kommen ließ und teilweise sogar beherrschte.

Für das Spiel gegen Rot können sich die Blauen aus dieser Partie gegen Gelb hoffentlich einiges an Selbstvertrauen mitnehmen. Vieles hat gut geklappt, mit ein wenig Mut wäe es sogar noch besser. Gleichzeitig ist hinten eher wenig angebrannt. Darauf muss Schalke aufbauen. Denn auch die B-11 der Bayern strotzt vor individueller Klasse.

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

Kategorie: Spielbericht

Deckung oben, Deckung unten.
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9 Comments

  1. Vielen Dank für die perfekte Analyse.

  2. Gerne habe ich wieder deinen Text gelesen-diesmal bin ich aber etwas anderer Meinung.
    B-Mannschaft hört sich immer so nach 2. Wahl an. Ich finde Kagawa oder Ramos sind keine B Klasse Spieler- sieht man doch schon am Marktwert. Mit dieser Wortwahl wertet man die Leistung unserer Mannschaft ab. Jeder von unseren Spielern hat wahrscheinlich die Rückrunde vom letzten Jahr im Kopf. Wenn ich daran denke wird’s mir immer noch übel. Wieviel Hass und Häme über die Spieler ausgeschüttet wurde , das hat nichts mit respektvollem Umgang zu tun.
    Außerdem meine ich, dass es gerade hinten anbrennt. Der Spielaufbau ist sooo langsam und einfallslos, dass der Gegner sich in der Zwischenzeit mit 10 Mann in der eigenen Hälfte aufstellen kann und zu denen, die das Spiel langsam machen gehört für mich R.Neustädter. Und unsere Innenverteidigung kriegt als erstes Nervenflattern, ich bin wirklich froh, dass unsern Ralle sich davon nicht anstecken lässt.
    Aber ich kann ein Spiel auch nicht rational lesen, ich schau halt emotional mit meinem blauweißem Herzen 😉

    • Hallo Melodie, andere Meinungen werden hier leider nicht akzeptiert, ich muss Deinen Kommentar jetzt löschen.

      Ich mach nur Spaß. 😉
      Vielen Dank für das Feedback!

      Du hast natürlich völlig recht, dass B-Mannschaft in diesem Fall nicht mit unterklassigen Spielern gleichzusetzen ist. Allerdings ist es eben auch nicht die erste Geige, die etwa Kagawa oder Ramos typischer Weise beim BVB Spielen. Mein Ziel war eigentlich zu vermitteln, dass beide Mannschaften nicht 100%ig in diesem Derby waren. Die einen nicht was das Personal betrifft und die anderen waren im Kopf noch in Ingolstadt. Nichts läge mir ferner als Hass und Häme über irgendjemandem auszuschütten. Das wirfst Du mir auch nicht vor, ich möchte es nur nochmal betonen.

      Hinten wird schnell geschimpft. Keiner will Rückpässe sehen, dabei kann ich gar nicht verstehen was daran so schlimm sein soll. Auch wenn die Innenverteidigung in den letzten Wochen arg nervös wirkt, so finde ich defensiv steht Schalke meist gar nicht schlecht. Auch der Spielaufbau wird generell regelmäßig anders wahrgenommen als von mir. Ich glaube Schalke hat einen Bockstarken Spielaufbau, der von vielen Gegnern als sehr gefährlich eingeschätzt wird und darum versuchen sie den früh zu unterbinden. Du hast natürlich recht, dass der Spielaufbau meist sehr langsam ist. Dafür sicher. Und das Geschwindigkeitsproblem liegt mMn hier bei Fährmann, nicht bei Neustädter. Den Aufbau schnell machen funktioniert über schnelle zuspiele. Da fehlt es Fährmann, Neustädter ist da eher fix. Ein Innenverteidiger nach Ballgewinn quer durch die eigene Hälfte spurten sehen macht mich immer ein bisschen ängstlich. Schneller sind eh andere und der Ball ist schneller alleine als an irgendjemandes Fuß.

      Aber wie gesagt, andere Meinungen sind jederzeit willkommen. Und glaub mir, im Stadion seh ich sowas auch alles nicht, da bin ich viel zu aufgeregt. 🙂

  3. Bockstarker Spielaufbau, echt? Dortmund spielt wie ein gut eingespieltes Orchester. Jeder Ton sitzt, egal wer das Stück spielt. Ideenreich, schnell, Laufwege top. Und wir so? Im gegnerischen Strafraum fehlen die zündenden Ideen. Vielleicht kannst du mir Laien da auf die Sprünge helfen. Danke für deine wöchentlichen Analysen. Was würde ich nur ohne dein Blog machen? Danke.

    • Spielaufbau ist das Spiel aus der eigenen Hälfte heraus, also das Zusammenspiel mit Ball von den IV, AV und DM/ZM. Da ist Schalke wirklich ziemlich stark. Die Meinung, dass das, was weiter vorne passiert, meist eher in die Kategorie „uninspiriert“ fällt, hat Karsten auch, wenn ich seine Artikel bisher nicht vollkommen falsch verstanden habe.

      • Der Torwart nimmt natürlich auch am Spielaufbau teil, auch wenn Fährmann da nicht der allerbeste drin ist.

    • Ich finde Idioteqe hat das gut zusammengefasst. Spielaufbau ist für mich den Ball in die gegnerische Hälfte zu tragen. Und das macht Schalke tatsächlich ser souverän. Das hörst Du auch oft auf PRessekonferenzen, dass Gegnerische Trainer sowas sagen und dass sie im Spiel dann versuchen das zu unterdrücken. Wie Dortmund hier auch, übrigens.

      Und ja, dass was dann in der gegnerischen Hälfte passiert finde ich oft zum Haareraufen…

      Danke für die netten Worte. 🙂

  4. Danke idioteque.

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