Erst der zweite Eintrag in der Literatur Kategorie, und schon eine Ausnahme. Diesmal werden zwei, mit der Übersetzung sogar drei Bücher gleichzeitig besprochen. Dabei sind die Inhalte aber weitgehend ähnlich (besonders bei der Übersetzung), dennoch jeweils lesenswert. Es geht um die Geschichte des Fußballs anhand der taktischen Entwicklung.

Der Inhalt

Fußball hat irgendwann mal auf der Insel irgendwie angefangen und ein paar Cousins und Cousinen, die sich etwa Rugby oder Football nennen. Und dann war irgendwie kick and rush und irgendwann ein Libero und jetzt halt die 4er Kette. Das bekommen die meisten noch so auf die Kette. Aber wie es dazu kam und was da entscheidende Einflüsse waren eher nicht so.

Wer diese Bücher (oder eins davon) gelesen hat, hat da einen deutlichen Wissensvorsprung. England spielte eine ganze Weile keine Länderspiele gegen Gegner die nicht von der eigenen Insel kamen. Und doch entwickelte sich der Fußball dann stark in Osterreich und dem was man zwischendurch mal Sowjetunion nannte. Und dass Catenaccio eigentlich keine Italienische Erfindung ist, sondern aus der Schweiz kommt, erfährt man auch.

Besonders interessant sind im geschichtlichen Zusammenhang die Regeländerungen, die es immer wieder gab, und die den Fußball revolutionierten. Hervorstechend ist da natürlich die Abseitsregel, die schon den Unterschied zum Rugby fest machte, und das Spiel in den 1920er Jahren nochmal deutlich beeinflusste. Plötzlich wurde Verteidigung ein Thema und in England wurden nicht nur die Zahlen auf dem Rücken erfunden sondern auch das WM System, um Angriff und Verteidigung besser balancieren zu können.

Während zu Beginn des Jahrhunderts irgendwie alle nur Tore schießen wollten, wurde plötzlich mehr darauf geachtet, dass der Gegner das nicht macht. So wurde der Libero geboren und in Deutschland erst viel zu spät wieder abgeschafft, als nämlich alle anderen schon wieder von Manndeckung auf Raumdeckung gewechselt sind und der DFB von den wackeren Dänen im EM Finale 1992 abgewatscht wurde.

All das ist aber natürlich nicht nur eine trockene Abhandlung der geschichtlichen Ereignisse. Beide Bücher berichten über die Änderungen der Formationen und Systeme, aber auch die Gedanken der Trainer dazu und wie sie darauf gekommen sind. Fast immer steckt eine interessante Anekdote dahinter. Und wo die Einflüsse dazu herkamen und wie das alles in Zeiten ohne Internet funktionierte.

Das Deutsche Ding

biermannChristoph Biermann ist in meinen Augen der Fußball Autor schlechthin. Ich lese seine Artikel und Bücher sehr gern, weil mir sein Schreibstil sehr gefällt und seine Texte stets von Fachwissen geprägt sind. Der Grund dafür ist vielleicht auch dieses Buch. Gemeinsam mit Ulrich Fuchs bezieht sich das Buch zwar immer wieder auf Deutschland, ohne aber wirklich den Fukus auf Deutschland zu setzen.

Dieses Buch markiert meinen Anfangspunkt. Nach regelmäßigem Lesens auf Spielverlagerung.de wurde ich im Frühjahr 2012 auf dieses Buch aufmerksam. Und habe es verschlungen. Das Buch erschien zu einer Zeit in der in Deutschland der Libero weit verbreitet und Raumdeckung über eine 4er Kette noch ein Exot war, mit dem Fußball-Deutschland fremdelte.

Dabei ist das Buch mit unter 200 Seiten nicht zu wuchtig. Es ist leicht verständlich und verfolgt eine klare Linie. Vor allem aber bedient es sich der Deutschen Begriffe. Einen 6er oder 8er gibt es so im Englischen Sprachgebrauch nunmal nicht und es gibt natürlich auch Beispiele für die umgekehrte Richtung.

Das Internationale Standardwerk

wilson„Inverting the Pyramid“ ist DAS Standardwerk, dass rund um den Globus von allen empfohlen wird, die sich mit Fußballtaktik beschäftigen. Auch wenn die Inhalte im groben denen zu „Der Ball ist rund“ entsprechen, gibt es hier deutlich mehr Details und Nebenschauplätze die erörtert werden. Das schlägt sich natürlich im Umfang nieder, knapp 500 Seiten (über 500 Seiten für die deutsche Übersetzung) sprechen eine deutliche Sprache.

Apropos Sprache. Jonathan Wilson ist Engländer und hat sein Buch naheliegender Weise auf Englisch geschrieben. Genau das habe ich gelesen. Es ist aber auch eine deutsche Übersetzung erhältlich, über die ich leider keine genaueren Angaben machen kann, weil ich die noch nie in der Hand hatte. Da es sich aber um eine Übersetzung handelt, gehe ich mal davon aus, dass die Bücher annähernd Identisch sind, was Qualität und Inhalte angehen. Falls dem nicht so ist, würde ich mich über einen Kommentar freuen.

Fazit

Zwei schöne Bücher um eine Einführung in die Taktik zu bekommen und die Fußballgeschichtlichen Zusammenhänge zu verstehen. Und auch wenn es prinzipiell um das gleiche geht, sind beide für sich lesenswert.

Meiner Meinung nach muss man eins von beiden gelesen haben. Auch wenn man mit Taktik eigentlich nicht viel am Hut hat, denn es erklärt die Entwicklung des Spiels, das wir alle so lieben. Ich finde aber, dass man gern auch beide lesen kann. Da jedes für sich eine etwas andere Perspektive bietet und mit anderen kleinen Anekdoten aufwartet.

Christoph Biermann & Ulrich Fuchs, 1999. Der Ball ist rund, damit das Spiel die Richtung ändern kann – Wie moderner Fussball funktioniert

Jonathan Wilson, 2008. Inverting the Pyramid – The History of Football Tactics (Englisch)
Jonathan Wilson, 2011. Revolutionen auf dem Rasen – Eine Geschichte der Fußballtaktik (Deutsche Übersetzung)

 

Ein Buch mit klarem Fokus auf den deutschen Fußball und auf Taktik (also trennscharf zu den beiden Werken hier) gibt es inzwischen auch, Tobias Eschers „Vom Libero zur Doppelsechs“ nämlich. Das lese ich aber gerade noch, meine kleine Buchbesprechung folgt also.
Nachtrag: Inzwischen bin ich damit durch, Tobias Escher: Vom Libero zur Doppelsechs.

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.