Halbfeld­flanke

Leroy Sané, der Schalke Speedster

Auf Schalke war er der große Gewinner der Saison: Leroy Sané. Genauso schnell wie in die gegnerische Strafräume stürmte er zur Stammkraft und zum Publikumsliebling. Inzwischen steht der 20-Jährige im DFB Kader für die Europameisterschaft und Mondsummen für mögliche Ablöse flimmern durch die europäischen Gerüchteküchen. Grund genug sich die Spielweise des spektakulären Offensivspielers mal genauer anzusehen.

Aufstieg in die Gerechtigkeitsliga

Regina Weber hat bei den Olympischen Spielen in Los Angeles 1984 die Bronze Medaille in Rhythmischer Sportgymnastik gewonnen (bis heute die einzige deutsche Medaille in dieser Sportart) und war die 80er über die in Deutschland dominierende Gymnastin. Souleymane Sané wurde in Dakar, Senegal geboren und wuchs großteilig in Paris auf. Er war in den 80ern und 90ern als Stürmer unter anderen für den SC Freiburg, den 1. FC Nürnberg und die SG Wattenscheid 09 aktiv und hat in 174 Bundesligaspielen 51 Tore erzielt (152 Spiele in der 2.Liga, 65 Tore). Das sind die Eltern von Leroy Sané. Soviel zum Thema gute Gene.

Dieser spielte seit seinem 5. Lebensjahr auch bei Wattenscheid. Kamm dann bald zu Schalke, ging ein paar Jahre nach Leverkusen und ist seit er 15 ist wieder Teil der Knappenschmiede. Unter Keller wurde er im April 2014 zum ersten Mal eingewechselt, in der Saison 2014/2015 dann zum erweiterten Teil des Schalker Lizenzkaders. Unter Di Matteo spielte seine ersten Partien, legte seine ersten Tore auf und schoss selbst welche. Allen voran das Champions League Achtelfinal-Rückspiel im Santiago Bernabéu gegen Real Madrid, als er ein Tor erzielte und Huntelaar eins vorbereitete.

Spätestens seit dem Weggang von Draxler wurde Sané unter Breitenreiter dann zum Dauerbrenner und Stützpfeiler. In nur einer Bundesligapartie kam Leroy Sané 2015/2016 er gar nicht zum Einsatz. Auf Schalke schoss nur der Hunter mehr Tore (12, Sané erzielte 8) und nur Meyer gab genauso viele Vorlagen (6). Die Passdaten weichen im Mannschaftsvergleich nach unten ab, das ist aber auch der Position geschuldet.

Mit seiner Passerfolgsquote von 77,5% bekleckert er sich zwar nicht zwingend mit Ruhm, liegt aber deutlich vor Kollegen Schöpf (74%), Huntelaar (72,7%), Choupo-Moting (72,5%) und Di Santo (63,5%). Ganz Ähnlich verhält es sich mit der durchschnittlichen Passanzahl. 18,8 Mal spielte er ab, Choupo-Moting (24,9) etwas häufiger, Huntelaar (16,9) etwas weniger. Schöpf (13) und Di Santo (12) würde ich hier rausnehmen, weil sie in der Bundesliga ja selten und oft nur kurzzeitig zum Einsatz kamen. Insgesamt findet sich in den Zahlen oft die Nähe zu den europäischen Offensiv-Superstars. Es gilt allerdings zu beachten, dass Breitenreiters Schalke auf Konter gespielt hat. Damit ist der krasse Abfall in den Pässen pro Spiel zu erklären.

Geschwindigkeit ist seine Super-Power

Leroy Sané spielt sehr auffällig spektakulär, so wurde er schnell zum Liebling des Publikums und der Medien. Meist wurde er dabei als rechter Flügelstürmer eingesetzt, kam aber auch schon zentral oder auf links zum Zug. Von dort aus spurtet er immer wieder in Höchstgeschwindigkeit am Verteidiger vorbei und stößt hinter oder zwischen die Linien. Er wird gern von seinen Mitspielern geschickt, in dem der Ball in den Raum hinter die Verteidigung gespielt wird und er seinen Gegenspieler stehen lässt.

Besonders Spektakulär sind allerdings die Momente, wenn Sané den Ball am Fuß hat und zum Tor zieht. Im eins-gegen-eins hat er in dieser Saison starke Fortschritte gemacht und scheint viel von Choupo-Moting gelernt zu haben. Immer besser setzt sich Sané in direkten Duellen durch. Oft legt er den Ball aber auch am Gegenspieler vorbei und läuft außen um ihn herum zum Ball und zieht weiter zum Tor.

Vor besonders große Herausforderung stellt er die gegnerische Verteidigung mit seinen gefürchteten Diagonalläufen. Er spurtet dann quer über den Platz, von einem Flügel zur gegenüberliegenden Eckfahne. Gleichzeitig laufen aber ein bis drei andere Schalker Offensivkräfte gerade nach vorne auf’s Tor. Damit hat die gegnerische 4er-Kette das Problem die Spieler gedeckt zu halten. Einen Spieler zu übergeben ist in der Bundesliga keine große Kunst mehr. Wenn Spieler kreuzen wird’s schon kniffliger. Und wenn das Ganze dann noch derart überfallartig passiert, dann werden Verteidiger mehr unter Druck gesetzt und zu Fehlern genötigt. Vielleicht ist dann Sané nicht frei sondern er zieht Verteidiger für einen anderen Stürmer weg. Der Effekt ist der gleiche: Offensivkraft ohne Verteidiger in Strafraumnähe.

Leroy Sané wurde in Amerika bei der Rückrundenvorbereitung im vergangenen Januar oft Sane (wie das englische Wort für zurechnungsfähig) gerufen, obwohl er eigentlich aber Saneeeh und eben nicht Sahne ausgesprochen wird.
Anekdote nach Roman Neustädter.

Lauf, Leroy, Lauf!

Häufig bei so schillernden Offensivkräften tritt auf, dass das Defensivverhalten nicht sonderlich ausgeprägt ist. Es wird überliefert, dass Norbert Elgert besagten Leroy Sané gelegentlich früh auswechselte, weil dieser unmotiviert nach hinten trabte. Zu Beginn der Saison war das auch deutlich sichtbar. Im Laufe der Saison jedoch, wurde das deutlich besser. Besonders in der ersten Halbzeit rennt er inzwischen immer wieder mit der gleichen Geschwindigkeit nach hinten, mit der er zuvor nach vorne gespurtet ist. Im Laufe der zweiten Halbzeit lässt das nach. Der Grund dafür liegt aber vermutlich eher in der kräftezehrenden Spielweise, denn der Motivation.

Sein Stellungsspiel defensiv ist gar nicht so schlecht. Meist besteht seine Aufgabe ja darin den Gegner anzulaufen und im Forechecking unter Druck zu setzen. Außerdem geht es darum, wenn der Ball schon näher am Tor ist, Rückpässe zu unterbinden. Seine Zweikämpfe sind selten überzeugend, dafür fängt er relativ viele Bälle ab. Damit versorgt er sich sozusagen selbst mit Futter und kann seine eigenen Konter einleiten.

Denn das ist seine große defensive Stärke, wenn man so will, das Umschaltspiel in die Offensive. Hier kommt seine Geschwindigkeit wieder voll zur Entfaltung. Er setzt sich mit gutem Timing ab, so dass er ein paar Schritte Vorsprung hat. Mit seinem Schnelligkeitsvorteil sorgt er so für diverse gute Kontermöglichkeiten. Oder zumindest für eine gute Ausgangslage dafür. Denn im Ausspielen von Kontern war Schalke in der vergangenen Saison etwas schlampig (siehe Analyse der Breitenreiter Saison).

Sein Kryptonit

Bei aller Lobhudelei hat Leroy Sané auch zwei große Schwächen: Das Kombinationsspiel und die Ballbehandlung. Bevor ich das vertiefe, möchte ich aber nochmal hervorheben, dass Der Mann erst 20 Jahre ist. Da ist noch allerhand Zeit für weitere Entwicklung. Allein in der abgelaufenen Saison hat er sich deutlich verbessert. Als herausstechendes Beispiel sei das Defensivverhalten angesprochen, hier hat er sich enorm gesteigert. Und ich bin sicher, dass ihm seine Schwächen bewusst sind und er daran arbeitet.

Die Statistiken oben zeigen, dass Sané deutlich weniger Pässe spielt als die meisten anderer auf ähnlichen Positionen. Das kann durch die unterschiedliche Spielweise erklärt werden, Schalke ist deutlich vertikaler ausgerichtet als viele andere. Doch fällt im Spiel auf, dass er den Kopf oft nicht hoch bekommt. Immer wieder scheint er gut/besser postierte Mitspieler nicht wahrzunehmen. Statt abzuspielen stürmt er dann auf’s Tor zu und versucht Verteidiger und Torhüter auszutanzen um den Ball selbst zu versenken. Selbstverständlich gibt es viele Beispiele in denen das dann genau so auch geklappt hat. Und das sind dann meist Anwärter auf das Tor des Monats, zwingend Mannschaftsdienlich ist das dann aber nicht. Und recht häufig verliert er so unnötig den Ball.

blauerBlitzAuch etwas gröber gefasst, scheint Leroy Sané zu sehr auf sich selbst und auf das Tor fixiert als Teil des Kombinationsspiels zu sein. Schalke hatte Probleme sich durch tiefstehendes Abwehrbollwerk zu manövrieren, Durchbrüche basierten großteilig auf Einzelaktionen wie von Sané. Das ist spektakulär und wird gefeiert, gleichzeitig wird das schlechte Kombinationsspiel bemängelt. Die Frage ist hier natürlich, was will ich als Mannschaft erreichen, es geht um die Spielphilosophie. Hero-Fußball gegen Kollektiv-Spiel. Sané hat viele Tore erzielt, auch ohne sich am Kombinationsspiel zu beteiligen. Gleichzeitig hat er aber genau den Teil der Mannschaft damit geschwächt, der dafür zuständig ist, unabhängig von individuellen Glücksmomenten zu Torchancen zu kommen. Letztlich sind so ziemlich alle Torszenen von Sané das Ergebnis von Einzelaktionen. Ganz ähnliches wird CR7 übrigens auch immer mal wieder vorgeworfen…

Ein weniger abstraktes Problem ist seine Ballbehandlung. Schon allein die Ballannahme macht ihm ziemliche Probleme. Das war früher schon so, nur konnte er das in der Jugend meist mit seiner Schnelligkeit wettmachen. In der Bundesliga ist das anders. Die gegnerischen Verteidiger wissen darum und versuchen ihn bei Zuspielen einfach eng zu decken um ihm so den Ball wieder abzunehmen, bevor er ihn eigentlich hat. Das ist natürlich schlecht, besonders weil seine Spielweise ja darauf ausgelegt ist den Ball irgendwie schnell anzunehmen und schnell weiter zu machen. Meist ist es aber so, dass ihm der Bal zunächst verspringt und er dann erstmal damit beschäftigt ist diesen irgendwie unter Kontrolle zu bringen.

Aber auch, wenn er den Ball dann mal am Fuß hat, bereitet es ihm immer wieder Probleme diesen zu kontrollieren. Selbstverständlich ist das bei der Geschwindigkeit auch nicht trivial, es behindert ihn aber immer wieder selbst. Das ist der Punkten an dem er am aller nötigsten arbeiten muss.

Schnelldurchlauf

Leroy Sané ist erst 20 Jahre alt und schon ein herausragender Flügelstürmer mit starkem Zug zum Tor, der sehr von seiner Geschwindigkeit lebt. Besonders auffällig sind seine Diagonalläufe, mit denen er die gegnerische Hintermannschaft verwirrt und Räume öffnet. Er ist stark im eins-gegen-ein und auch sein Defensivverhalten hat sich stark verbessert. Allerdings bekommt er den Kopf nicht hoch und verpasst es oft den Ball an Mitspieler zu geben die mehr damit anfangen können. Die größte Schwäche ist aber seine Ballbehandlung, die er zwar versucht mit Geschwindigkeit auszugleichen, der aber immer wieder gute Gelegenheiten zum Opfer fallen. Hieran wird er arbeiten.

Leroy Sané ist aber auch ein sehr junger Mensch, der öffentlich wie ein Preisschild mit hübschem Lächeln behandelt wird. Das finde ich doof.

Wer mehr zu dem jungen Schalker Superhelden lesen möchte, dem seien die beiden schönen Texte von Christoph Biermann (11 Freunde) und Torsten Wieland (Königsblog) empfohlen.

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

Kategorie: Spiel & Spieler

Tobias Escher: Vom Libero zur Doppelsechs » « Die Geschichte der Fußballtaktik

3 Comments

  1. Ironiescherweise war mein Eindruck über die Saison das eine große Stärke von Sané war besser positionierte Mitspieler in Szene zu setzen. Dies war meistens nur dann nicht der Fall wenn er aus dem Halbfeld zum Sechzehner zog und den „Robben-Abschluß“ suchte. Aber auch in den Situationen hat er öfter versucht einen Meyer oder Chupo in besseren Positionen anzuspielen.
    Eine Ausnahme davon bildeten die Anspiele auf Huntelaar. Da hatte ich den Eindruck das die Anspiele nicht kamen weil zum einen dieser versucht hat einen Gegenspieler zu binden. Andererseits aber auch weil dieser steil lief und die Kugel erst an sich hätte vorbei legen müssen. Wenn Huntelaar dann den Ball annimmt fehlte ihm in der letzten Saison die letzte Fitness um vom Speed her nicht direkt von einem Gegensoieler gestellt zu werden.
    Allerdings könnte ich mir auch vorstellen, dass eine Traineransage die Schalker Mannschaft dazu ermutigt hat aus der zweiten Reihe zu schießen. Ein eklatantes Problem dieser Mannschaft in den letzten Jahren und nicht erst seit gestern ist meiner Meinung nach, dem manchmal fehlendem Willen in der Zweikampfaggressivität und dem erobern und verarbeiten 2. Bälle nach Standarts, dass zu wenig Tore aus dem Mittelfeld geschossen werden (vlt mit Ausnahme der vergangenen Saison, da hier alle Mannschaften außer den Bayern und Dortmund Probleme hatten). Hier schnitten Teams gleichen Anspruchs in den letzten Jahren gefühlt deutlich besser ab. Das Problem resultiert aber aus der Kaderzusammenstellung für eine Kontermannschaft ähnlich Gladbach nachdem die Maßnahmen von Favre zuerst gegriffen haben. Diese Milchmädchenrechnung zahlt sich bei Schalke allerdings nur international aus, da die meisten Etatmäßig kleineren Mannschaften der Liga Schalke einfach den Ball geben, abwarten und die blauen dann über Fährmann spielen. Zurück zu Sané: Ich denke also das Breitenreiter klar gefordert hat den Abschluß aus der 2. Reihe zu suchen, damit Schalke unberechenbarer wird und tiefer stehende Gegner dadurch gezwungen werden etwas höher zu verteidigen was mehr Räume schafft die Schalke bei der spielerischen limitation dann über Laufspiel besetzen sollte.

  2. Hallo Karsten, vielen Dank für Deine Arbeit. Der Bericht enthält für mich sehr viel Neues, hätte nie gedacht, dass Sanè ein Sohn von Regina Weber ist. Absolut tolle Qualität, viel mehr Infos und Analysen im Vergleich zu dem was man in den Zeitungen lesen kann. Ich hoffe wir haben noch viel Spaß mit Leroy auf Schalke und nochmals mein Dank an Dich.

  3. Sehr schöner und informativer Beitrag über eines unserer größten Talente wie ich finde. Sehr schade, dass er bislang nicht einmal kurz bei der EM eingesetzt wurde. Aufgrund der Wichtigkeit der nächsten Partie(n) gehe ich leider nicht davon aus, dass er die Chance bekommen wird. Seine Zeit wird aber kommen und ich freue mich schon darauf ihn im DFB Trikot stürmen zu sehen.

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