Halbfeld­flanke

Verschlafen bis zur Trinkpause.
Eintracht Frankfurt – FC Schalke 04, 1:0

Mitten in den Endspurt der Transferperiode fällt das erste Ligaspiel unter Weinzierl. Zwei neue 6er wurden kurz zuvor dazugeholt. Dieses Spiel zeigte nochmal deutlich, warum das gut und nötig war, zeigte aber auch, dass die Mannschaft spielerisch noch zusammenfinden muss. 

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Am Main

Vor der Partie wurden auf dem Rasen 40°C gemessen. Auf die Frage wie man bei solchen Temperaturen Fußballspielen könne, erwiderten die Trainer, dass man viel Ballbesitz brauche, damit der Gegner mehr laufen müsse (Niko Kovač) und, dass man früh in Führung gehen müsse (Markus Weinzierl). Die Eintracht machte beides.

Von Anfang an hellwach und mit viel Druck begannen die Hausherren im 4-2-3-1, wobei Meier eher eine hängende Spitze war, denn ein spielgestaltender 10er. Die 6er spielten eine besondere Rolle. Während Makoto Hasebe eher tief stand, ausputzte und besonders den Schalker Meyer nicht aus den Augen ließ, agierte Omar Mascarell als Verbindungsspieler nach vorne und balancierte allerlei Offensivbewegungen der restlichen Mannschaft aus.

Immer wieder versuchte Frankfurt lange Bälle hinter die hoch schiebende Schalker Verteidigung zu bringen. Schalke wurde so ein ums andere Mal ausgekontert oder zumindest in echte Bedrängnis gebracht. Beide Außenstürmer stellten die Schalker Außenverteidiger immer wieder vor arge Probleme, weil diese nicht hinterher kamen, zu weit weg standen oder sich leicht verschaukeln ließen.

Von der Emscher

Schalke trat in einer Besetzung an, die vor einem Jahr schon so ähnlich ausgesehen hat. 4-2-3-1, mit dem Olympia-Silber-Gewinner Meyer auf der 10. Aogo und Geis auf der Doppel-6. Vieles wie schon in Testspielen gesehen. Nur Di Santo tauchte plötzlich auf dem Flügel auf.

Der Argentinier ist aber nunmal eigentlich kein Flügelspieler sondern ein beweglicher Strafraumstürmer. Und genau das wollte Weinzierl auf dem Flügel ausnutzen. Di Santo sollte die gegnerische Verteidigung beschäftigen. Plötzlich war er auch Zielspieler auf der rechten Seite, der Bälle behaupten und schnell verwerten kann. So versuchten Aogo & Geis immer wieder weite Diagonalbälle auf ihn. Da Caiçara aber meist zu spät aufrückte und Huntelaar und Meyer zentral auf Zuspiele von Di Santo warteten hatte Frankfurt leichtes Spiel diesen zu isolieren.

Das passte zur allgemeinen Lage, die von sehr niedriger Intensität geprägt war. Wie schon im Pokalspiel in der Vorwoche in Villingen wirkte Schalke träge und passiv. Naldo noch mehr als Höwedes schon, wirkten beide müde und langsam, körperlich wie im Kopf. Die beiden 6er standen viel zu tief, versuchten die Defensive zu stabilisieren, verloren aber die komplette Anbindung zur Offensivabteilung. Diese wiederrum wartete vorne auf Zuspiele, ohne sich durch besondere Bewegungsfreude hervor zu tun.

sges04_gapWenn aber weder der Berg noch der Prophet aufeinander zugehen, gibt’s ein Loch. In diesem machten sich die Gastgeber breit und bereiteten diverse Angriffe vor. Schalke kämpfte bis zur Einwechslung von Nabil Bentaleb in der 74. Minute, der es schaffte die Mannschaftsteile zu verbinden und die Offensive anzukurbeln.

Trinkpause als Kapitelmarke

In der 22. Spielminute rief Wolfgang Stark zur Trinkpause. Kurz vorher hatte Frankfurt einen Gang zurück geschaltet und ein paar Minuten davor den Führungstreffer, der ja zum Siegtreffer werden sollte, geschossen. Jetzt, in dieser kurzen Pause, nahm Weinzierl besonders Meyer in die Pflicht besagte Lücke zu stopfen. Also ließ sich dieser weiter zurück fallen, fehlte dafür aber vorne immer häufiger. Der Angriff schaffte es nur noch selten Überzahlsituationen zu generieren und Schalke kam nur selten nach Kontern zu Chancen.

Da Frankfurt den Gästen jetzt aber mehr Luft ließ, konnte Schalke den Ball sicher durch die eigenen Reihen gleiten lassen. Während in den ersten 20 Minuten die Eintracht fast 70% Ballbesitz hatte, Schalke hat den Ball fast nur weggebolzt, kam Schalke von der 20. Spielminute bis zum Abpfiff auf etwa 65% Ballbesitz.

Fehlende Pressingresistenz

Immer wenn Ralf Fährmann einen Gegner gesehen hatte, pfefferte er den Ball soweit er gerade konnte. Naldo versuchte noch Mitspieler anzupeilen, wirkte aber dabei auch meist überhastet. Aogo und Geis bewegten sich aus Pressingangst fast ausschließlich horizontal. Schalke schaffte es zu keinem Zeitpunkt sich dem Frankfurter Pressing zu entziehen. Selbst als die Hausherren in der zweiten Halbzeit den Spielaufbau nur noch anliefen, zwar früh und hoch, aber nicht besonders intensiv, hatte Schalke sichtlich Stress. Caiçara und Kolasinac sind ihren Gegenspielern oft nur hinterher gerannt, auch weil sie komplett allein gelassen wurden. Das gesamte Mannschaftsgefüge schien noch weit von dem entfernt zu sein, wo man hin wolle. Die Interviews nach dem Spiel unterstreichen dies.

Allerdings, und das ist die gute Nachricht, es wurde von Minute zu Minute besser. Zumindest nach der Trinkpause. Meyer steigerte sich unglaublich im Laufe der Partie. Die Lücke wurde kleiner und letztlich geschlossen, mit Breel Embolo kam fußballerische Qualität auf den Flügel, so dass Entlastung geschaffen werden konnte. Die gesamte Mannschaft wurde zusehends Kompakter und Ballsicherer.

Auf absehbare Zeit erwarte ich hier deutliche Fortschritte. Besonders weil das passende Personal in den Startlöchern steht. Allein Bentaleb von Anfang an, gemeinsam mit Goretzka auf der Doppel-6 und wir hätten ein komplett anderes Spiel gesehen. So war das zwar ein Spiel, was Schalke in den ersten 20 Minuten verkimmelt hat, das aber auch Mut für die Saison macht, weil eine deutliche Steigerung sichtbar wurde.

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

Kategorie: Spielbericht

Neue Spieler, neues Spiel.
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10 Comments

  1. Hallo Karsten, vielen Dank dass Du die Spielanalyse der Frankfurt-Enttäuschung noch gemacht hast. Es ist wie immer, alles sehr professionell erklärt und sehr interessant.
    Frankfurt spielte auch ganz anders auf, als in der letzten Saison und vor allen Dingen in der Relegation. Vielleicht hat Weinzierl, Frankfurt und Nico Kovac unterschätzt.

    • Besser spät als gar nicht. 😉

      Bin nicht sicher, ob Frankfurt unterschätzt wurde. In jedem Fall hat Schalke sich ein bisschen überrumpeln lassen, finde ich. Außerdem scheinen mir unsere Knappen noch nicht so weit zu sein, wie Frankfurt es schon ist.

  2. Hooligans unterstellt man ja eine latente Gewaltbereitschaft, ich Schalke eine latente Einschlafbereitschaft. Deine Analyse eines mentalen Themas in der Rückrunde der letzten Saison hat sich schlichtweg lückenlos fortgesetzt. Es ist leider ein spielsystemunabhängiges Problem. Es ist ernüchternd, dass der neue Trainer da keine Umstimmung erwirken konnte. Es bleibt für mich nur die Hoffnung, dass die neuen Spieler mal das tun, was ein Abstiegskandidat wie Frankfurt offensichtlich mal eben in der Sommerpause hinbekommt. Bis dahin halte ich mich dann mal an deinem Optimismus fest. Und daran, dass irgendwann mal Schöpf spielt. Der kann’s nämlich eigentlich aber über den redet irgendwie keiner.

  3. @ Capoeira
    Ich glaube, dass Frankfurt dieses Jahr deutlich weiter vorne landet und kein Abstiegskandidat mehr sein wird. Der Armin Veh hat es wohl nicht mehr drauf, es ist bei ihm nach seiner ersten Stuttgart Zeit nichts mehr viel gekommen und damals hatte er auch viel Glück, dass Stuttgart schon damals eine extrem gute Jugendarbeit hatte.
    Schöpf würde ich gerne auch mal wiedersehen.

  4. Danke für deine Analyse, die am Ende noch einen Hoffnungsschimmer bereit hält. Neben Weinzierl braucht unsere Mannschaft einen Mentaltrainer. Frankfurt kommt aus der Sommerpause, neues System, können die spielen. Selbst Absteiger Hannover hat ein neues System in kurzer Zeit umgesetzt. Und Schalke? Ich weiß keine Antwort, aber warum klappt es nicht?

  5. Der Spagath kann nicht klappen, und jeder weiß das: Einen strukturellen Neuaufbau und das gleichzeitige Errreichen ergeiziger Ziele in der jeweiligen Saison. Bei mir – in der Kneipe – fing schon nach 10 Minute das Möppern an. Die Unsicherheit (Naldo!) auf dem Platz war ja fast greifbar. Trotzdem unnötig. Ich finde eigentlich die Niederlage nicht dramatisch: Ich gebe Karsten recht, dass es im Spielverlauf immer besser wurde, sogar mit lustigen, „spontanen“ Tricks – wie beim Freistoß. Sowas vermisse ich seit langem bei S04. Normalerweise holst Du einen Punkt. Schwieriger ist die Dramaturgie der nächsten Wochen: Holen wir gegen die Bayern keinen Punkt, fahren wir ohne Punkte nach Hertha, da fängt das Nervernflattern richtig an. Ich würde mir sehr wünschen, wir würden uns mal alle ein halbes Jahr zurücklehnen und die Jungs einfach mal arbeiten und ausprobieren lassen. Das sind fast alle hervorragende Fussballer. (Ich gebe meinem Vorredner bzgl. Schöpf recht. Der ist toll. Wieso darf di Santo spielen?)

  6. Vielen Dank für den Artikel. Ein paar Anmerkungen: 1) Ich gebe Chris recht: Lasst den Weinzierl und die Jungs erst mal in Ruhe arbeiten. Ich jedenfalls werd mir das die ersten Spiele in Ruhe ansehen. Wenn da zu wenig Punkte rauskommen: Schade, aber nicht schlimm. Wichtig ist die Entwicklung. Diese Panik und negative Stimmung in den Medien nach einem Spiel: Gruselig.
    2) @Ingo: Vergleich mit Frankfurt ist nicht ganz fair. Kovac arbeitet da schon seit einem halben Jahr. 3) Mangelnde Pressingresistenz: Wir haben Matip und Neustädter abgegeben. Matip finde ich einen herben Verlust und ob ihn Naldo konstant ersetzen kann, wird sich noch zeigen. Neustädter könnte man vieles vorwerfen, aber sein zweiter Name war Pressingresistenz. Der Nachfolger mit Resistenz und Zweikampfstärke (Stambouli?) war noch nicht an Bord. 4) Ich wette überall, dass dies garantiert die letzte Saison für Fährmann als Stammtorhüter bei Schalke ist. WIe er die Bälle verteilt, ist einfach indiskutabel. ich glaube nicht, dass es 5 Torhüter in der BL gibt, die schlechter Fußball spielen können. In DER Pressingliga der Welt kann man es sich einen spielunfähigen Torwart auf dem Niveau schlicht nicht leisten. Frankfurt stellt mit 3 Leuten vorne die Anspielstationen zu, andere Torhüter chipen den Ball in so einer Situation präzise in die nächste Linie. Das hat unser Torwart schlicht nicht im Programm. 4) Aogo und Geis zusammen als 6er ist insgesamt unglücklich. Beide sind eher strategisch ausgelegt, und niemand ist da, der den Ball auch mal durchs Mittelfeld transportiert. 5) Wie Schalke demnächst spielen wird, hat man nicht nur bei den letzten 25 Minuten von Bentaleb gesehen, sondern auch auf rechts mit Baba und Choupo. Blitzschnelle, einstudierte Durchbrüche, und dann geht die Post ab. ich freu mich jedenfalls schon riesig auf die Saison. DIe Bayern werden es am Freitag schon nicht mehr leicht haben.

    • Danke. Ich wünsche mir deine Grundeinstellung x62.000 am Samstag.

    • Fährmann gehe ich mit. Habe mich bei dem Spiel ein paar mal erwischt zu überlegen, ob Giefer wohl Fußballspielen kann…

      Und Matip hab ich schon ganz vergessen. Gebe Dir völlig recht und bin auch nicht überzeugt davon, dass Naldo ein gleichwertiger Ersatz sein kann/wird. Was die Pressingresistenz angeht ist für mich das Hauptproblem einfach Geis. Ich würde gern statt dessen mal Bentaleg mit Goretzka auf der Doppel-6 sehen und glaube das die ganze Geschichte dann schon ganz anders aussähe. Damit haben wir noch keinen Neustädter, aber wenigstens die Fußballerische Qualität sich auch aus verzwicktesten Situationen spielerisch zu lösen.

      Ich bin sehr gespannt was die nächsten Wochen für uns bereit halten.

  7. ES hat die blitzschnellen Durchbrüche vorausgesehen, Karsten die Doppelsechs, Chris die spontanen Tricks (Bentaleb, Goretzka). Das machen wir jetzt immer so.
    Nervenflattern gibts erstmal nicht. Das Spiel war so eine Art paradoxe Initialisierung. Das hält jetzt erstmal.

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