Halbfeld­flanke

Der Kampf gegen den Spiegel.
FC Augsburg – FC Schalke 04, 1:1

Wie erwartet trifft Schalke mit Augsburg auf einen Gegner mit einer sehr ähnlichen Spielanlage. Dass Weinzierl diese Mannschaft geprägt hat, ist sicher einer der Gründe dafür, dass es eigentlich ein Spiel gegen sich selbst war. Auf vielerlei Art.

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Hüben wie drüben: Alles gleich

Augsburg und Schalke spielten nahezu identisch: Beide traten im 4-2-3-1 auf und sind eigentlich noch mit der Feinjustierung beschäftigt. Beide waren in erster Linie bemüht dem konternden Gegner keine Möglichkeiten zu bieten, entsprechend zaghaft die Angriffe und entsprechend diszipliniert die Defensive. Diese übrigens jeweils im 4-4-2 mit starker Mannorientierung.

Hauptsächlich versuchten beide Teams erfolgreich zu sein, indem der Gegner wenig Platz bekommt, sich also selbst nicht entfalten kann. Und sobald man den Ball gewinnt, würde dann schnell nach vorne gestoßen. Über die Flügel in der erster Linie.

Mit der Nummer 10: Weinzierls Superman!

Beide hatten jeweils einen 10er, ein Kind des Kohlenpotts, das sehr Beweglich war und versuchte Angriffe ein- und umzuleiten. Darüber hinaus hatten beide aber auch einen Spieler mit der Nummer 10, der eigentlich Teil der Doppel-6 und der wirkliche Spielgestalter war.

Daniel Baier ist einer der Spielverlagerungs-Lieblingsspieler. Das kann vermutlich schon für sich so stehen bleiben, aber gern noch ein bisschen mehr Fleisch: Baier gehört zu den Spielern der Bundesliga mit der vielleicht höchsten Spielintelligenz. Weinzierl hat sein ganzes Spiel auf dessen Schultern aufgebaut. Er balanciert die ganze Defensive aus und steuert das komplette Spiel, erkennt Räume und Situationen deutlich bevor den meisten um ihn herum. Dazu ist er technisch dermaßen versiert aus diesen Erkenntnissen auch Profit schlagen zu können. Pressingresistenz versteht sich von selbst.

Witziger weise hat Weinzierl jetzt mit Nabil Bentaleb einen Spieler auf den diese Beschreibung eigentlich ebenfalls so zu trifft. Nur, dass dieser eben noch deutlich jünger ist, über 10 Jahre nämlich. Dennoch waren beide die Schlüsselspieler dieser Partie, nicht nur weil sie für die Tore sorgten.

Beide standen in direkter Verbindung zur Defensive, im rechten Halbraum­. schoben aber auch mit vor und banden sich, besonders in der zweiten Halbzeit, immer mehr in Offensivaktionen ein. Baier fiel schon kurz nach der Pause mit einem Weitschuss auf, bei dem er seine starke Technik zeigte. Eine halbe Stunde später war der genau gleiche Schuss dann drin. Dazwischen noch genau das gleiche von Bentaleb. Das erste Hawkeye Tor der Bundesliga, so viel Zeit muss sein. Sonntagsschüsse kann man das nennen. „Fernschuss aus zweiter Reihe“ klingt nüchterner. Aber aus der ersten Reihe ging halt nix.

Wie eine Platte mit Sprung

Gegenseitig nahmen sich die Mannschaften dermaßen die Butter vom Brot. Disziplin stand deutlich im Fokus. Keiner wollte etwas zulassen und tat es auch nicht. Dadurch konnte aber eben auch nicht wirklich Druck nach vorne aufgebaut werden. Riskantes Spiel wurde minimiert, dadurch gab es weniger Optionen, das Spiel wurde berechenbar und dadurch träge. Witziger Weise auf beiden Seiten.

Ständig passierte das gleiche. Torhüter schlagen schnell ab, Augsburg und Schalke kloppen sich um den zweiten Ball, irgendwo kommt der Ball dann hin, langsam geht’s ins Mittelfeld, da fehlt dann die große Möglichkeit (immer) und der Ball geht zurück nach hinten (gern mal) oder bleibt unterwegs irgendwo beim Gegner hängen (häufiger). Und das ganze wieder von vorne. Immer wieder. Mal auf der anderen Seite, aber vom Muster eigentlich kein Unterschied.

Der kleine Unterschied

Naja, kein Unterschied ist stark verallgemeinert. Schalke spielte, wie schon gegen Gladbach so erfolgreich, mit dieser Asymmetrie, als wäre das 4-2-3-1 leicht gedreht. Choupo etwas höher, Höwedes deutlich tiefer, in einer quasi 3er Reihe im Angriff und Verteidigung. Gegen Gladbach was das Erfolgreich, weil so eine Mannorientierung zum 3-4-3 der Fohlenelf herstellen konnte. Hier war das gar nicht weiter nötig. Darum verpuffte da auch jeder Effekt. Ansonsten hielt sich nahezu alles die Waage. Die Statistiken sind so ausgeglichen wie selten, dieses Spiel hätte in 100 Jahren keinen Sieger bekommen…

Fazit: Die Prophezeiung erfüllt sich

Wie bereits angekündigt hat Schalke mit Teams größere Probleme, bei denen es das Spiel machen müsste, als wenn es sich auf die Arbeit gegen den Ball konzentrieren könnte. München, Gladbach, Dortmund demnächst. Solche Spiele liegen der aktuellen Schalke Mannschaft.

Dennoch hat das Spiel gegen Augsburg einen Fortschritt gegenüber Spielen wie Frankfurt, Köln oder Hoffenheim gezeigt. Defensiv steht die Mannschaft jetzt besser. Leider auf Kosten der Offensive. Ungünstig in Rückstand zu gelangen kann da schnell das Aus bedeuten. Seien wir also gespannt, wie Weinzierl die Entwicklung weiter vorantreibt, mit seinem Daniel Baier namens Nabil Bentaleb.

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

Kategorie: Spielbericht

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4 Comments

  1. Danke Karsten, fundiert und flüssig geschrieben – so wird für uns verständlich, was so kompliziert klingen kann: Fußball-Taktik ⚽️ Interessanter Ansatz, dass sich hier zwei Weinzierl-Mannschaften egalisiert haben.
    Eine Frage mal: Gibt es aus taktischer Sicht eine Erklärung, warum wir so oft einen schnellen Ausgleich kassieren (Köln 2 min, Hoffe 13 min, Augsburg 12 min)?

    • Ich glaube solche Fragen gehen nicht in die Taktik, sondern eher in die Psychologie. Und vermutlich in den Bereich des Zufalls. Und dann würde ich noch hinterfragen ob alles über 10 Minuten überhaupt als schnell und direkt gilt im Fußball.

  2. Hatte wieder einmal sehr viel Spaß beim verschlingen des Textes. Weiter so!

    War es nicht zu erwarten, dass sich beide Teams mit ähnlicher Herangehensweise neutralisieren? Weinzierl hat das Defensivkonzept für Augsburg entworfen und dabei sicherlich keine Hintertür eingebaut! Und jetzt trifft das Team, dass diese Taktik im Laufe der vergangenen Jahre vollkommen verinnerlicht hat, auf die individuell zwar besser besetzten, aber eben nicht so gut eingespielten Schalker.

    Zum Thema Eingespieltheit: Wo siehst du Fortschritte, die die Weinzierltruppe seit Saisonbeginn gemacht hat? Und was erwartest du als nächste Schritte?

    Ich persönlich würde mich freuen, wenn wir endlich auch in Umschaltmomenten nicht mehr so anfällig wären. Ein vom Augsburger Mitspieler am Strafraumrand angefälschter Schuss lässt sich sicherlich schwerlich antizipieren und in der Folge verteidigen, unmöglich kann es aber nicht sein…

    • War natürlich zu erwarten. So hatte ich das ja schon vorhergesagt. Dass Weinzierl da so schnell kein Mittel gegen gefunden hat, zeichnete sich ja schon ab zuletzt. Ich finde allerdings schon, dass Schalke inzwischen bei Umschaltmomenten weniger anfällig ist. Natürlich geht das auf Kosten der Offensive. Genau das wird ja gemeinhin kritisiert. Nach vorne kann nunmal nicht viel passieren, weil krasse Unterzahl besteht. Das hat auch nichts mit Einsatz, Laufbereitschaft, Kampfeswillen zu tun. Wenn 5-7 Spieler immer hinten bleiben, Hat der Rest vorne nunmal einen schweren Stand.

      Fortschritte sehe ich besonders im gruppentaktischen Verhalten der Defensive. Übergeben von Spielern, Ausbalancieren von Bewegungen, Kompaktheit, Herausrückverhalten all sowas ist mMn schon deutlich besser geworden.
      Was natürlich fehlt ist das Ballbesitzspiel. Hier gibt’s zwar auch ein paar gruppentaktische Motive die besser geworden sind als das was Schalke bis vor ein paar Wochen zu bieten hatte, aber insgesamt steht Weinzierl hier mMn noch ein ganzes Stück Arbeit bevor.

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