Halbfeld­flanke

Der Weinzierl Dreh – Wie das neue Schalke den Groove fand

Länderspielpause. Wie immer eine gute Zeit für ein Zwischenfazit. Weinzierl hat inzwischen 16 Pflichtspiele absolviert (9 Siege, 2 Unentschieden, 5 Niederlagen). In dieser Zeit ist viel passiert und Schalke hat sich stark verändert. Eine Analyse dessen, was hinter uns liegt und ein Blick auf das was folgt.

Rückblick

Die Sasion fing an, wie so eine neue Saison mit neuem Trainer und neuen Spielern anfängt. Einer wackligen Vorbereitung folgt ein Sieg im Pokal gegen einen unterklassigen Gegner (FC 08 Villingen nämlich) und ein Auftaktspiel (gegen Eintracht Frankfurt) das verloren ging, weil die erste Viertelstunde verschlafen wurde. Alles in allem wurde ein bisschen rumprobiert und es gab vor allem Stangenware.

Das Standardsystem war das 4-2-3-1, mit klarer Doppel-6. Es gab hier keine richtige 6-&-8-Aufteilung, sondern einen linken und einen rechten 6er, von denen nicht einer immer hinten blieb und der andere sich nach vorne orientierte. Stattdessen wurde das situationsbedingt gewechselt.

Schon früh wurde klar, dass Weinzierl besonders auf überfallartige Konter setzen wollte. Doch die waren noch nicht so überfallartig. Dafür achtete Schalke schon früh darauf nicht viel zuzulassen. Allerdings zeigte es sich gleichzeitig nicht besonders einsatzfreudig. Bis die Bayern kamen…

Schalke sucht seinen Rhythmus

Mit der Partie gegen München implementierte Weinzierl dem Spiel seiner Mannschaft die Laufbereitschaft. Es wurde hoch und aggressiv gepresst, die Bayern hatten damit deutliche Probleme. Gleichzeitig schaffte es Schalke aber nicht seine Konter auszuspielen und verlor. Das Publikum war trotzdem begeistert.

Auch wenn es eine solche Intensität anschließend nicht mehr zu begutachten gab, zeigte die Mannschaft von da an mehr Einsatz. Es wurde viel gelaufen und der Gegner gut gepresst. In dieser Phase machte Schalke in erster Linie die eigene Abstimmung zu schaffen. Immer wieder spielte Schalke zwar streckenweise nicht schlecht, konnte das Ganze aber nicht in Zählbares ummünzen und sorgte gleichzeitig dafür, dass der Gegner dies konnte.

Es war die Zeit der „individuellen Fehler“, die es natürlich gab, aber direktes Ergebnis der gruppentaktischen Unsauberkeiten waren. Hier wurden Spieler angespielt, die nicht hätten angespielt werden dürfen oder Spieler suchten Lösungen, die nicht hätten gesucht werden dürfen. Jeweils, weil es nicht zu dem passte, was der Rest gerade probierte. Brillante einzelne Leistungen auf Gruppen- und Mannschaftstaktischer Ebene wechselten sich mit völlig desolater Vorstellung der gleichen ab.

Aus diesen Unsauberkeiten wurden Unsicherheiten und während die öffentliche Wahrnehmung Schalke von Spiel zu Spiel schlechter sah, war eigentlich das Gegenteil der Fall. Schalke besserte sich. Es gab immer weniger aussetzer, aber der letzte Stich fehlte noch. Schalke spielte eigentlich gut, hatte aber noch Probleme den eigenen Groove zu finden (siehe Analyse gegen Hoffenheim und Köln).

Zeitgleich gab es viele Verletzte, einen unvorteilhaften Spielplan und hohen Reiseaufwand. Das machte es nicht leichter. Aber über sowas rumheulen überlässt man auf Schalke wie immer der Konkurrenz und arbeitet konzentriert weiter.

Jetzt hat Schalke seinen Groove

Und dann kam das Spiel gegen Gladbach, in dem plötzlich alles zusammen kam. Wie ein Orchester, dass plötzlich im Takt spielt. Zwar war es noch nicht perfekt, aber das Spiel war ein Quantensprung in der Entwicklung der Mannschaft. Die einzelnen Rädchen greifen besser und besser ineinander, Laufpensum und Aufteilung sind großteilig gut und die individuellen Stärken werden sauberer ins kollektiv eingebunden.

Der Grund dafür ist das klare System Weinzierls. Ob Schöpf oder Caicara spielt, macht eigentlich keinen Unterschied. Baba oder Kola, Choupo oder Di Santo oder Huntelaar oder Embolo. Die Rolle als solche bleibt die gleiche, auch wenn die individuelle Ausprägung sich natürlich leicht unterscheidet. Die Spieler kennen die Grundaufgaben der Positionen.

Das System Weinzierl

Schauen wir mal genauer auf Weinzierls System. Wer sich nur das Vorher-Nachher-Bild ansieht, erkennt eine starke Veränderung. Angefangen hat es in dieser Saison beim Pokalspiel mit 4er Kette, Doppel-6 und offensivem 3er Mittelfeld. Inzwischen spielt Schalke mit 3er Kette, pendelnden Flügelspielern, 3er Mittelfeld und Doppelspitze. Wer sich aber den Prozess genauer ansieht, wie Schalke zu dem System gekommen ist, was es heute spielt, der versteht Darwins Theorie plötzlich sehr konkret. Denn es gab Evolution statt Revolution. Eigentlich hat Weinzierl die Formation stetig ein bisschen weiter im Uhrzeigersinn gedreht.

Er fing an im 4-2-3-1, irgendwann kam Höwedes als Rechtsaußen rein, der schon von Natur aus, weniger Drang nach vorne hat als jeder andere Außenverteidiger. Ab diesem Zeitpunkt ergab sich also eine gewisse Asymmetrie. Links stand höher als rechts. Die offensiven Außen wurden davpn natürlich beeinflusst. Links konnte eher ins Zentrum ziehen, während rechts nicht zu hoch stehen durfte um kein Loch entstehen zu lassen.

Die Schalker-Formationsrotation. Noch schöner beschrieben und illustriert von Spielverlagerung-Autor Martin Rafelt.Das wurde weiter getrieben. Zunächst zog Höwedes immer seltener mit nach vorne und suchte immer stärker die Verbindung zu den Innenverteidigern. Dadurch hatte der linke Außenverteidiger immer mehr Freiräume nach vorne zu ziehen und der rechte musste immer mehr aufpassen die Verbindung nach hinten nicht zu verlieren.

Inzwischen ist die Transformation komplett, Höwedes ist Teil der 3er-Kette, der linke Offensive und der rechte Außenverteidiger wurden jeweils zu Flügelspielern. Beide haben den Auftrag nach vorne Druck aufzubauen und nach hinten die Verteidigung zu stärken. Daher pendeln sie.

Interessant ist im ganzen Formationsdreh die Rolle desjenigen, der mal der linke Spieler in der offensiven 3er-Reihe war. Er wurde zu hängenden Spitze, inzwischen meist von Meyer besetzt. Aber auch der Stürmer ist jetzt nicht mehr ganz alleine ganz vorne, der Bewegungsradius hat sich deutlich vergrößert. Ja, auch wenn Huntelaar spielt.

Das 3-5-2 in dem Schalke zur Zeit grundsätzlich spielt. Details sind abhängig von den Flügelspielern.

Das 3-5-2 in dem Schalke zur Zeit grundsätzlich spielt.
Details sind abhängig von den Flügelspielern.

Selbstverständlich gab es innerhalb dieser Formation Variationen. Mal reine 5er Kette (Stichwort Derby), mal ließen sich die beiden Flügelspieler nur sehr selten auf die Abwehrlinie fallen. Mal agierte das Mittelfeld in einem 1-2, mal in einem 2-1 und mal komplett gestaffelt (1-1-1). Mal war die hängende Spitze ein richtiger zweiter Stürmer, mal ein offensiver Mittelfeldakteur und alles dazwischen. Was ich hier beschreibe sind die grundsätzlichen Systemanpassungen über mehrere Spiele hinweg. Natürlich gibt es in jedem Spiel Anpassungen auf den Gegner.

Deckungsschatten & Mannorientierung

Unter Breitenreiter wurde Schalke zu einer der Mannorientiertesten Teams der Liga. Zum Teil wurde reine Manndeckung gespielt. Das spiegelt den generellen Trend im Welt-Fußball und auch in der Bundesliga wieder, immer seltener gibt es reine Raumdeckung. Auch unter Weinzierl gibt es eine deutliche Mannorientierung, die aber etwas runter gefahren wurde. Oft ist diese Mannorientierung begrenzt auf die Mittelfeldakteure. Der Grund dafür ist einfach, Schalkes Gegner werden konsequent von Deckungsschatten eingeschnürt.

Gegen die Bayern wurde jeder Spieler direkt unter Druck gesetzt. Jeder. Die Qualität in deren Kader ist durch die Bank so hoch, dass ohne diesen Stress jeder einzelne Spieler zu jedem Zeitpunkt eine gute Lösung finden könnte. Das wurde versucht zu unterbinden. Gleichzeitig wurde Alonso gedeckt. Nicht aber von einem Spieler dediziert, dafür wäre der Spanier auch viel zu clever, sondern er wurde vom Kollektiv in Deckungsschatten gestellt, so dass jeder Spieler Probleme hatte ihm den Ball zuzuspielen.

Das passiert inzwischen weiträumiger. Wer immer den Ball hat, dem fehlen die Anspielstationen. Großteilig sind sämtliche Passoptionen versperrt. So werden Fehler erzwungen, können Bälle abgefangen werden. Schalke schnappt sich den Ball und kontert. Inzwischen passt das recht gut und zuletzt hatte Schalke den höchsten Effektivitätswert der Liga.

Ins Blaue hinen: Die Zukunft

Das schöne an diesem Rollensystem ist, dass jeder das saugut spielen kann. Das blöde daran ist, dass der Gegner sich da saugut drauf einstellen kann. Die Entwicklung wird also weiter gehen, gehen müssen. Und Schalke braucht mehr Variabilität. Da dies System aber auch aus Variabilität geboren ist, macht mir das wenig Kopfzerbrechen.

Es wirkte in den letzten Spielen so, als drehe Weinzierl sein System weiter. Nastasic spielt mehr und mehr die Rolle eines Außenverteidigers, der auch den Spielaufbau maßgeblich mitgestaltet, Bentaleb und Geis mehr und mehr die einer Doppel-6 und Goretzka und Meyer die einer Doppel-10. Ich will das Bild des Formationsdrehens nicht überstrapazieren, das 3er Mittelfeld dreht da eher in die andere Richtung. Letztlich könnte Schalke aber demnächst wieder mit einer einzigen Spitze spielen und einer 2er Kette hinten. Weinzierl will Kontrolle im Mittelfeld um Bälle schnell zu gewinnen und saubere Konter auszuspielen. Strukturiertes Gegenpressing und hohes Mittelfeldpressing sind von Anfang an seine Mittel gewesen. Die Basis scheint gelegt, Schalke kann also Gas geben.

Wenig Basis gibt es dagegen beim Ballbesitzfußball, der muss allerdings dringend kommen. Gegen Nürnberg und Mainz gab es ein erstes Aufblitzen, gegen Krasnodar und Bremen wurde es dann wieder eher zur Konterschlacht. Keiner wollte den Ball länger als nötig haben. Offensichtlich hat das ganz gut funktioniert für Schalke, auch, weil Torchancen zurzeit so konsequent genutzt werden wie seit Jahren nicht. Allerdings waren es bei Bremen etwa ein Fernschuss und ein Freistoß, die den Sieg brachten. Auch wenn der Gegner jeweils so beherrscht wurde, dass nur wenig Gefahr ausging, so hatte Schalke doch Probleme selbst in aussichtsreiche Positionen zu kommen. Bremen etwa spielte zeitweise mit einer 6er-Kette. Wie Schalke gegen tiefstehende Konter-Teams bestehen will, ist die Frage mit der sich Weinzierl gerade intensivst auseinandersetzt, da bin ich sicher. Und ich gehe davon aus, dass wir die Antwort spätestens nach der Winterpause bestaunen dürfen. Am liebsten jedoch früher, denn viele der Gegner bis dahin spielen genau so. Tiefstehend und Konternd.

Der Grundtenor ist also weiterhin optimistisch. Ich habe vorher gesagt, dass Schalke sich nur noch richtig synchronisieren muss und dann läuft‘s rund. Und so kam es. Jetzt verspreche ich, dass sich Schalke ein Ballbesitzspiel erarbeiten wird um den Beton anrührenden Gegner zu knacken. Die Auflösung folgt spätestens in der Hinrundenanalyse. 🙂

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

Kategorie: Spiel & Spieler

Kaugummi Kaue. FC Schalke 04 – SV Darmstadt 98, 3:1 » « Deckungsschatten als Spielgestalter. Borussia Dortmund – FC Schalke 04, 0:0

10 Comments

  1. Danke Karsten, sehr cool, wie Du die einzelnen Punkte ⚽️ der vergangenen Spiele zu einem Ganzen verbindest und eine (fast) durchgängige Entwicklung aufzeigst. Spannende These von der Drehung im Uhrzeigersinn ⌚️ die anscheinend auch die Stärken einiger Spieler besonders gut hervorhebt. Nicht zu vergessen: es macht auch einfach wieder richtig Spaß, unsere Mannschaft spielen zu sehen.

  2. Meine Einschätzung in wunderschöne Worte verpackt. Echt tolle Analyse. Danke dafür

  3. Großartige Analyse, Danke Carsten. Es hat Spaß gemacht, sie zu lesen. Aber auch unsere Mannschaft spielen zu sehen macht wieder Lust auf jedes einzelne Spiel.

  4. Ich fand schon das Spiel gegen die Bayern eines der besten, dass ich seit langem gesehen hatte. Tolles Team. Aber die schlaflosen Nächte der ersten Wochen brauche ich nicht, das macht mich alle. Nach der Niederlage gegen Hoffenheim habe ich aufgehört, Alkohol zu trinken. Beide Serien halten seitdem. Eigentlich sollte der Verein mir dankbar sein.

  5. Starke und lesenswerte Analyse! Bin gespannt, ob Deine nächste Prognose auch zutrifft. Hätte nix dagegen! 😉

  6. 3 Unentschieden?

  7. Wenn ich noch ergänzen darf: 1) Basis des gesamten Schalker Spiels ist die gegenüber den Vorjahren stark verbesserte gesamt-mannschaftliche physische Stärke. Die von Dir schön beschriebene Pressing-Architektur führt dazu, dass der Gegner Pässe spielt, bei denen ein Schalker schon in der Nähe ist, Schalke also „in die Zweikämpfe kommt“. Aber diese Zweikämpfe müssen dann auch gewonnen werden. Beispiel die letzten beiden Spiele, Bremen und Wolfsburg, jeweils etwa 55% Zweikampfquote. Laufbereitschaft ist ebenfalls höher etc. Die Gegner wissen mittlerweile, es tut richtig weh gegen Schalke zu spielen, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Nachsetzen ist auch so ein wichtiges Thema. Sie haben schon sehr viele Tore erzielt, weil einfach ein Spieler gierig genug war, den zweiten Ball zu wollen. Kola und Bentaleb sind da genau die Bespiele für das notwendige physische und aggressive Auftreten. Über die Dreierketten müssen wir gar nicht erst reden.
    2) Rollenverteilung im Mittelfeld: Geis spielt immer die tiefe Position, hat von da aus einen weit geringeren Radius als Goretzka und Bentaleb, die oft weit auf dem Flügel oder im Strafraum zu finden sind. Geis stößt nie nach, das entspricht auch wunderbar seinen Fähigkeiten, er würde sich nur verlaufen Und was er aus seiner Position macht, ist dann jeweils Klasse, entweder sich schön als kurz-rhythmischer Verbindungsspieler anzubieten oder weite genaue Verlagerungen schlagen. Offensiv ist das dann manchmal ein 3-1-4-1-1 oder so, wobei die stark pendelnden Goretzka oder Bentaleb in so einem Nummernsalat schwer einzuordnen sind.
    3) Ganz sensationell und ganz wichtig finde ich Schöpf. Der spielt jetzt regelmäßig ein 13-Kilometer-Pensum runter, presst vorne, balanciert nach hinten, geht nach Außen oder Innen, je nachdem wie man es brauch. Ganz nebenbei macht er noch Tore und Torvorbereitungen wie gegen Bremen. Weil man nur je einen, statt normalerweise zwei Außen hat, sieht das dann in der Statistik so aus, dass die beiden Außen die meisten Kilometer haben (weil sie quasi einen 1,5 Leute-Job haben). Normalerweise sind es ja eher die 6er.

    • Ergänzungen sind immer gut. Vielen Dank dafür. 🙂

      Schöpf ist wirklich krass. Von Geis bin ich mir allerdings noch nicht ganz sicher, was ich da helten soll. Unbestritten aber natürlich, dass Weinzierl geschafft hat ihn mit seinen Qualitäten richtig gut einzubinden.

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