Halbfeld­flanke

Angstgegner Ballbesitz.
FC Schalke 04 – SC Freiburg, 1:1

Im letzten Heimspiel des Jahres und dem ersten Samstagsspiel der Saison wollte Schalke groß aufspielen. Daraus ist nichts geworden. Hauptsächlich lag das aber an zwei altbekannten Problemen dieser Saison (und eigentlich auch darüber hinaus): Neues Personal und Ballbesitz.

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Der Sport-Club aus’m Süden

Der fabelhafte Christian Streich stellte seine Mannschaft so auf, wie es dem Trend der Liga entspricht. Tief stehend, eng und kompakt, auf Konter lauernd. Das versuchen gefühlt mindestens 2/3 der Liga. Und Freiburg, das bestätigt der Tabellenplatz, ist nicht so schlecht darin.

Freiburg spielte das sehr konsequent, mit viel Einsatz. Extrem kompakt drückten sie Schalke auf die Flügel. Dazu wurde der Ballführende immer schnell unter Druck gesetzt. Schalke hatte nur wenig Mittel dagegen, es hapert nach wie vor an Pressingresistenz, was sicher auch damit zu tun hat, dass die Mannschaft so alles andere als eingespielt ist.

Gleichzeitig konnten die Gäste den jeweils Ballführenden so gut unter Druck setzten und gleichzeitig isolieren, dass meist nur der Querpass oder ein Abspiel nach hinten möglich war. Wenn überhaupt. Den Raum für Spielverlagerungen fanden die Schalker fast nie. Das haben die Freiburger schlau gemacht, weil Spielverlagerungen nunmal ein gutes Mittel sind sich solchem Druck zu entledigen.

Der Fußballclub aus’m Westen

Schalke auf der anderen Seite hatte es mit seinem Angstgegner zu tun: Dem Ballbesitz. Stolze 65,4% der Zeit mit Ball am Fuß, doch das in viele Chancen zu wandeln schaffte Schalke nie. Die Anhängerschafft hinterließ das Ratlos, weil das Spiel in der Vorwoche gegen Leverkusen in Unterzahl doch so viel dynamischer wirkte.

Schalke spielte wieder in seinem System, dass nach langer Evolution bei einem 3-3-2-2 gelandet ist. Den zentralen Verteidiger gab diesmal von Anfang an Geis, der jedoch sehr hoch stand, dass es gelegentlich wie eine 4er Kette mit tiefem 6er wirkte. Die zentrale Figur war aber wieder Leon Goretzka hinter den beiden 8ern Bentaleb und Meyer und der Doppelspitze aus Konoplyanka und Reese.

Wieder einmal glänzte Schalkes Endverteidigung, die fast Fehlerfrei war. Der einzige Fehler, Probleme beim Stellungsspiel und der Übergabe von Gegenspielern, resultierte im Gegentor. Ansonsten konnte man ihnen eigentlich wenig vorwerfen, kurbelten sie doch den Spielaufbau gehörig an.

Benedikt Höwedes spielte 102 Pässe, davon 92 erfolgreich (90,2%). Ich kann mich nicht erinnern schonmal einen Spieler auf Schalke mit über 100 Pässen gesehen zu haben. Auch Thilo Kehrers Wert ist mit 83 Pässen (88%) sehr hoch. Und Johannes Geis war mit 54 Pässen in 56 Minuten (90,7% Passerfolgsquote) auf einem ähnlich hohen Kurs.

So viel wie in diesem Spiel ist Schalke aber noch nie gelaufen: 124,7km. Gegen Köln waren es 118km, gegen Darmstadt 117km und gegen Wolfsburg 116,7km. Das waren schon hohe Werte. Doch gegen Freiburg wurde die bisherige Topleistung um fast 7 km geschlagen. Das sind schon Welten. Freiburg ist übrigens noch ein bisschen mehr marschiert (128,6km), wie es für defensive Teams üblich ist.

Die Probleme

Das Spiel ging eine gute Stunde fast ausschließlich über rechts. Höwedes spielte 24 Pässe auf Schöpf. Insgesamt gingen 46% der Angriffe über rechts, 20% durch die Mitte und 24% über links. In den letzten 20 Minuten kam dann Baba und belebte auch den linken Flügel. Er band Spieler, machte ordentlich Dampf und sorgte so nicht zuletzt für den Ausgleichstreffer.

Nur 8 von 34 Hereingaben fanden den Mitspieler.
Quelle: FourFourTwo

Das Kernproblem konnte er aber auch nicht lösen. Schalke kam über die Flügel, oft auch halbwegs erfolgreich nach vorne, aber dort wurden dann die Abstimmungsprobleme deutlich sichtbar. Im engen Freiburger Verteidigungsgeflecht versuchte Schalke irgendwie den Ball in den Strafraum zu bringen. Doch dort, also im Strafraum, standen immer mindestens 6 Gegenspieler. Die konnten dann die Angriffe relativ gut entschärfen. So spielte Schalke 34 Hereingaben, davon kamen aber nur 8 beim Mitspieler an und gefühlt wurden sie alle direkt entschärft. Mit Ausnahme des Tores, natürlich.

Die Ursache liegt natürlich ganz klar in der starken Freiburger Verteidigung. Allerdings ist die Abteilung Attacke zur Zeit auch sehr zusammengewürfelt. Der 8er Goretzka, der für viele Vorbereitungen zuständig war, fehlt. Dafür spielt Meyer, der eigentlich weiter vorne stand. Vorne stehen jetzt aber Spieler die eigentlich Bankdrücker waren. Nicht zuletzt weil 4 Stürmer fehlen. Selbstverständlich hat Schalke einen großen Kader und selbstverständlich ist jeder Ersetzbar. Alle gleichzeitig und so plötzlich ist aber schwierig.

Außerdem sollte es klar sein, dass es hier um Details geht. Im Groben funktionieren die alle prima miteinander. Nur die Nuancen waren nicht 100% stimmig. Das ist erklärbar, aber resultiert halt in solchen Spielen, in denen mehr drin gewesen wäre.

Schöne Bescherung

Tiefstehende Mannschaften drängen dir den Ballbesitz auf, weil sie Kontern wollen. Das trifft auf den Großteil der Liga zu. Nur ein paar wenige Mannschaften wollen tatsächlich den Ball haben und wissen auch etwas damit anzufangen. Schalke gehört nicht dazu. Wird aber meist in diese Rolle gedrängt und muss unbedingt schnell ein eigenes Ballbesitzspiel installieren, damit solche Spiele besser gestaltet werden können.

Gegen Leverkusen konnte in Unterzahl das Spiel übrigens positiver gestaltet werden, auch wenn es einen negativeren Ausgang nahm, weil Schalke es so schaffte Leverkusen den Ballbesitz aufzudrücken. Gegen Hamburg wird das wieder nicht gelingen. Hoffentlich stehen die nicht so diszipliniert und Schalke kommt dazu die Hereingaben auch mal in Torchancen zu wandeln.

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

Kategorie: Spielbericht

Die erste Halbserie unter Markus Weinzierl – Das Hinrunden-Fazit » « Von Über- und Unterzahl. FC Schalke 04 – Bayer Leverkusen, 0:1

7 Comments

  1. Würdest du Bentaleb, aufgrund der guten Pressingresistenz, lieber etwas tiefer sehen?
    Möglicherweise neben, oder sogar im Tausch mit Goretzka?

    • Hmmm, spannende Frage. Wie würde ich die Spieler sortieren? Ich glaube die Aufteilung passt eigentlich ganz gut. Allerdings hätte ich Stambouli in die 3er Kette gesetzt. Der wirkte zwar bisweilen ein bisschen hektisch, ist aber dynamischer. Und der Große Wurf mit Geis‘ Diagonalbällen oder Standards gelingt auch arg selten.

      Insgesamt hab ich mich vielleicht auch nicht klar ausgedrückt. Die Spieler als solches sind schon Pressingresistent. Besonders Goretzka und Bentaleb. Allerdings ist das ja nicht nur durch’s Individuum getrieben sondern auch dadurch was es für Optionen gibt. Wenn das Drumrum verwirrend ist, oder zumindest ungewohnt, dann erschwert das natürlich die Entscheidungsfindung. Es geht hier also meiner Meinung nach in erster Linie darum, dass Reese sich selbstverständlich anders bewegt als Choupo-Moting.

      Wenn ich jetzt den Ball unter Druck bekomme, denke, ich kann den einfach da hin spielen, da steht der Choupo schon, plötzlich aber merke, dass der Choupo da überhaupt nicht steht, sondern der Reese, aber auch nicht da, sondern irgendwo anders… Das sind schon Gedankengänge die wertvolle Zeit verbrennen. Sowas kann durch Rotation und lange eingewöhnung natürlich abgefangen werden. Gleichzeitig 4 Personen zu ändern, macht’s das natürlich schwerer. Nicht unlösbar natürlich, aber im Gesamtkontext erhöhte das Ganze die Komplexität schon deutlich.

      Weinzierl sagte, dass das Spiel mit einem der 4 Stürmern gewonnen worden wäre. Ich neige dazu zuzustimmen. Dadurch hätten Angriffe und Konter ganz anders aus- und vor allem zuendegespielt werden können. Das wäre ein ganz anderes Spiel gwworden.

    • Auch wenn die Frage nicht an mich geht, sprichst Du bei mir mein aktuelles Lieblinsthema an, und meiner Ansicht eine Schwäche beim Weinzierl-Aufbau.

      Um mal anders anzufangen: Die tollen Passquoten der Dreierkette zeigt doch, dass sie keine Anspielstation in der Mitte hatten. deshalb haben sie sich den Ball selber zugeschoben oder an die jeweiligen Außen weitergegeben. Das machen sie sehr sicher und dominant, aber trotzdem steckt wenig Risiko dahinter und führt zu hohen Passquoten. Manchmal gab es die mittlerweile berühmten Diagonalschläge von Geis, manchmal ein Pass auf den einizgen „Mittelefd“-Spieler Goretzka, der den Ball angesichts der Meute im Rücken schnell wieder auf die Dreierkette abgelegt hat.

      Die Idee vom Weinzierl-Spielaufbau ist tatsächlich, über die Aussen aufzubauen, und dann in schnellen Kombinationen Durchbrüche zur Grundlinie zu erzielen. Dazu brauch er im hohen Halbfeld präsente und spielstarke Achter. Das Tor war eine prima Demonstration, wie er sich das vorstell. Baba kombiniert mit Bentaleb , und bricht durch. So weit so gut. Ich finde nur folgende Probleme mit der Idee: 1) das ist wenig variantenreich und deshalb leicht zu verteidigen 2) es bindet einen so präsenten Spielgestalter wie Bentaleb auf vorne links (@Luca, Dein Thema). Der hat dann leider nur mit den Angriffen zu tun, wenn sie über links gehen, den hätte ich aber gerne in einer früheren Phase des Angriffs, und auch dann eingebunden, wenn was über rechts geht 3) man verzichtet ganz auf Angriffe durch die Mitte, was doch schwieriger zu verteidigen ist 4) man hat mit Meyer nicht den Idealtypus für diese Speilweise auf rechts, und verschwendet sein eigentliches Potential 5) man hat nicht den Brecher in der Mitte, der dann auch robust die Bälle verwertet, wenn Durchbruch und Flanke mal kommen 6) das Ganze wirkt etwas auseinandergefallen (hatte ich gegen Leipzig schon angemerkt): Hier die Dreierkette, da Goretzka, rechte Seite, linke Seite, und vorne die armen Schweine Meyer und Reese, die sich körperlich nicht durchsetzen können. Zu wenig Mannschaft, auch wenn alle vorbildlich laufen.

      Alternative? Goretzka, Bentaleb und Meyer enger zusammenstehen lassen, die sich dann durch die Mitte kombinieren können. Wenn dann mal 2 Freiburger ausgespielt sind, und dann der Ball nach Außen kommt, ist das gleich viel gefährlicher.

      Ja, dazu muss Bentaleb deutlich tiefer stehen.

      Aber das sind nur Überlegungen. Ich bin kein Trainer und es lässt sich leichter vor dem Fernseher philosophieren als von den Bank.

      • Interessant. Ich bin da ein bisschen zwiegespalten irgendwie. Eigentlich trifft das meiste was Du über Bentaleb schreibst ja auch auf Goretzka zu, finde ich. Und mit abstrichen sogar auf Meyer. Alles drei mMn starke Spielgestalter. Aber die können halt nicht alle in die Zentrale. Und zum kombinieren sind das halt eigentlich zu wenige, weil es ja nur auf ein Dreieck hinausläuft. Die Frage ist ja eigentlich, wieso kombinieren die anderen nicht mit?

        Das mit den auseinanderfallenden Mannschaftsteilen sehe ich ähnlich. Und das der krasse Flügelfokus nichts auf Dauer ist, sollte auch klar sein. Besonders, wenn das Mittelfeld derart besetzt ist.

        Weinzierl möchte ja viel Kontern. Wie glaubst Du passen solche Filigrankräfte da überhaupt rein? Besonders Meyer ist ja nunmal kein Konterspieler, oder siehst Du das anders?

      • Möglicherweise habe ich mich nicht richtig ausgedrückt. Es kombinieren schon alle miteinander, aber unter Umgehung des Zentrums. Das wird eigentlich gar nicht bespielt, ja nicht mal besetzt. Überspitzt formuliert kombinieren alle auf einem Kreis, bei dem die Mitte nicht gefüllt ist. Das gibt auch Dreiecke, aber nicht alle, die man haben könnte. Ja, Goretzka hat ähnliche Fähigkeiten wie Bentaleb. Beide können gut Box-to-Box spielen, treffen kluge Entscheidungen, sind erfolgreich in Einzelaktionen und rücken auch mal zum Abschluss in den gegnerischen Strafraum. Warum die Beiden nicht als Doppel-Sechs, wobei je einer situativ nach vorne geht, während der andere nach hinten balanciert? Meyer in die Mitte als Zehner.

        Wie man sich am Besten fürs Kontern aufstellt, kann ich leider nicht beantworten. Das Spiel gegen Leverkusen hat gezeigt, dass es am Herausspielen der Konterchancen nicht mangelt, aber an der konsequenten Durchführung. Reese scheint definitiv zu langsam für Konter zu sein. Meyer kann eine erstklassige Zwischenstation für Konter sein mit genau dem richtigen Timing für den Pass. Aber er brauch schnelle Leute um sich herum. Wäre ein Argument mehr, ihn auf die 10 zu setzen. Schon ein Trauerspiel, dass Embolo fehlt.

        Noch eins: Wenn Bentaleb sich gleich sehr hoch stellt, versucht Meyer das intuitiv oder nach Absprache auszugleichen und lässt sich fallen, um Verbindungen herzustellen. Damit steht der falsche Spieler tief.

  2. Hallo Karsten, vielen Dank für Deine treffende Analyse, die sich zudem auch noch sehr gut und verständlich lesen lässt. Danke auch für den Link auf das YouTube Video mit Christian Streich, kannte ich zwar schon, kann man aber immer wieder mal hören und hilft bei Diskussionen mit Sportkameraden.
    Zum Spiel gegen den HSV bin ich anderer Meinung, ich denke schon, dass der HSV in der jetzigen Situation, beim letzten Spiel in 2016, dazu ein Heimspiel, versuchen wird, selbst das Spiel zu gestalten. Außerdem ist deren Abwehr nicht besonders sicher, da kann es schnell zu einem Rückstand kommen und Markus Gisdol denkt doch meiner Meinung nach, eher offensiv. Morgen Abend schon, wissen wir mehr.
    Ich wünsche jetzt schon mal, schöne Feiertage und alles Gute für 2017

  3. Ich lese und schaue so ein Spiel schon ein wenig anders, seit ich Deinen Blog lese, Karsten, Dafür vielen Dank. Am Samstag war ich hin und her gerissen zwischen Gastritis (erste Halbzeit) und Herzrasen (zweite Halbzeit). Ich bin mittlerweile allerdings begeistert, wie das Team immer wieder versucht, alles herauszuholen. Neben der taktischen Weiterentwicklung – die ihr ja hervorragend beschreibt — ist die gestiegene Moral eine wesentliche Verbesserung gegenüber früheren Tagen. Und manchmal hängt m.E. nach an der Tagesform einzelner: Schöpf hat auf rechts einfach kein Bein auf die Erde und keinen Ball vernünftig in die Box bekommen. Da verraucht dann schon eine Menge Energie im Schlot, wenn er jedes 1 gegen 1 verliert. Wahrscheinlicher als die These „Mit Stürmer hätten wir gewonnen“ finde ich die These „mit Geis bis zum Schluss hätten wir wahrscheinlich kein Gegentor bekommen“. Die Streicher waren schon ganz schön harmlos nach vorne.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

Copyright © 2017 Halbfeld­flanke

Theme by Anders NorenUp ↑