Halbfeld­flanke

Von Über- und Unterzahl. FC Schalke 04 – Bayer Leverkusen, 0:1

11 gegen 10 ist unfair. Absurder weise, wirkte das Kräfteverhältnis im Spiel lange falschrum. Und das, weil Schalke es schaffte die Unterzahl nicht in Unterzahlsituationen ummünzen zu lassen.

Ein bisschen Theorie vorneweg

Beim Fußball geht es darum Tore zu schießen. Bei der Fußballtaktik geht es darum das Toreschießen möglichst zu erleichtern. Das wiederrum wird meist über Über- bzw. Unterzahlsituationen erreicht. Oder versucht zu erreichen.

Aber was ist eine Überzahlsituation? Schließlich spielen ja immer 11 gegen 11. Eigentlich zumindest (zum Spiel kommen wir weiter unten). Aber wie viele Spieler können jeweils tatsächlich direkt ins Spielgeschehen eingreifen? Genau, eine Handvoll. Wenn zwei Stürmer vor einem Verteidiger stehen, ist das eine Überzahlsituation. Wenn der Außenverteidiger und der herausrückende 6er allein plötzlich 3 Offensivspielern gegenüberstehen, ist das eine Unterzahlsituation.

Überzahlsituationen sind darum so wichtig, weil die man zu zweit einen alleine wunderbar ausspielen kann, aber umgekehrt nunmal so gar nicht.

Genau diese Überzahlsituationen sind es, warum wir davon reden Kompakt stehen zu wollen und dann zu verschieben. So wird eng gestaffelt und das Risiko in Unterzahl zu gelangen ist minimal. Das Gebilde wird dann über den Platz bewegt (lies: verschoben) um überall das gleiche zu erwirken. Spieler rücken auf oder kippen ab um eben Überzahl in speziellen Bereichen zu erzeugen. Und wir versuchen Dreiecke zu bilden um Passoptionen zu haben und dem Gegner das Erzeugen von Überzahlsituationen zu erschweren.

Problem mit Ball aber ohne Überzahl

Allerdings, wird der sachkundige Leser jetzt einwerfen, garantiert eine Überzahlsituation ja mal gar nix. Völlig korrekt. Sie erhöht aber die Chancen. Selbst bei Gleichzahl stehen die Chancen so eher gegen die Angreifer. Umgekehrt ausgedrückt, wer sich mit Ball nicht in einer Überzahlsituation wiederfindet hat’s schwer. Zwei Verteidiger etwa können auch zwei Angreifer relativ gut in Schach halten. Allerdings sind natürlich aus solchen Situationen schon Tore entstanden. Dafür gibt es dann meist einen von zwei Gründen: Entweder die Verteidiger haben einen Fehler gemacht oder die Angreifer hatten einen Geistesblitz und die Verteidiger so ausgetrickst. Wobei das genaugenommen das gleiche ist, nur die Perspektive ist unterschiedlich.

Beides, sowohl Über- als auch Unterzahlsituationen lassen sich eintrainieren. Jedoch sind die Unterzahlsituationen kniffliger, weil die Spieler mehr mit ihrer Kreativität und Technik arbeiten müssen, dabei aber auch die Nerven und den Überblick nicht verlieren dürfen. Bei Eric-Maxim Choupo-Moting etwa sehen wir recht häufig, dass er es oft allein schafft sich gegen eine Überzahl durchzusetzen, den Ball hinterher aber mit einer mäßigen Entscheidung (etwa ein schlechter Pass der leicht abgefangen werden kann oder ein Schuss aus ungünstiger Position) gern mal vertändelt. Das ist es was Kontern so schwierig macht. Nur weil ein Spieler allein über’s halbe Feld mit Ball am Fuß gerannt ist, heißt das eben noch lange nicht, dass er anschließend noch eben die beiden Innenverteidiger austanzen kann. Wir haben aber die spektakulären Tore im Kopf die so erzielt wurden und durch alle Kanäle ständig wiederholt werden. Tatsache ist aber, dass sowas nur extrem selten funktioniert. Darum wird das ja so häufig wiederholt.

Doch kommen wir zum Spiel…

Die Grundformationen ab der 4. Spielminute.

Auf Kohle geboren

Von den ersten vier Minuten hab ich nicht viel mitbekommen, da war ich noch mit meinem Stadionschnitzel beschäftigt. Und dann war Schalke auch schon nur noch zu zehnt. Auf dem Platz war Schalke also jetzt in Unterzahl. Das macht das erzeugen von Überzahlsituationen pauschal schonmal nicht leichter…

Johannes Geis ging auf die Naldo-Position, interpretierte diese aber eher wie ein 6er der zwischen Innenverteidiger kippt (weil er ja als 6er auch oft zwischen Innenverteidiger kippte), etwas vor den beiden Halbverteidigern, nicht dahinter, wie Naldo es spielen würde. Leon Goretzka rückte dafür auf die frei gewordene Position im defensiven Mittelfeld und Max Meyer von der hängenden Spitze auf den rechten 8er. Choupo-Moting blieb allein vorne, was bei dessen Aktionsradius kein großes Problem ist. Eigentlich gaben die beiden Letztgenannten aber mit Konoplyanka die Abteilung Attacke und das sehr variabel.

Aus dem Chemie-Labor

Leverkusen spielt prinzipiell genauso wie Leipzig oder Salzburg, wo Roger Schmidt zuvor Trainer war. Also sehr vertikal, sehr direkt und  sehr schnell. Gerne in die Zweikämpfe, die sie durch aggressivität und durch situative Überzahl gewinnen. Doch dafür brauchen sie Bewegung und Räume. Doch Schalke wollte ihnen diese nicht geben. Horizontal zwar recht breit gestaffelt dafür vertikal sehr kompakt. So verschmolz die 5er-Kette oft mit dem 3er Mittelfeld.

Das machte den Gästen das Leben schwer. Immer wieder standen sie an der Abseitslinie wie aufgereiht. So gab es wenig Bewegung und folglich auch selten gefährliche Situationen. Die Stürmer, die eh überhaupt nicht harmonierten, versuchten jetzt mit anderen zu kombinieren. Da aber alle mehr oder weniger nebeneinander standen gab es nicht viel zu kombinieren. Also kam dann mehr Personal dazu. Jedoch mit dem gleichen Ergebnis. Jetzt hatte Schalke aber die Räume und konnte bei Ballgewinn nach vorne preschen.

Zu zehnt Besser

So schaffte Schalke es die Gäste völlig zu entschärfen. Leverkusen kam gelegentlich zu zwei oder drei Chancen, aber überzeugend war das nicht. Schalke dagegen machte das Spiel. Ließ Leverkusen den Ball, sah ihnen dabei zu, wie sie nichts damit anzufangen wussten und trumpften dann bei Ballgewinn voll auf. Dabei hat Schalke das sonst so typische Flügelspiel vernachlässigt und kam jetzt häufiger über das Halbfeld (besonders links) und das Zentrum. Auf dem Flügel hätte Leverkusen es zu leicht gehabt Überzahlsituationen herzustellen und daraus Konter zu kreieren.

So kam Schalke auf stolze 30,7% Ballbesitz und durch die Konter, in denen es darum ging schnell nach vorne zu kommen, auf ganze 69% Passerfolgsquote. Aber und das ist ein schönes Beispiel dafür, wie wenig aufschlussreich diese Daten sind, wenn für sich selbst genommen werden, das war auch gut so. Denn nur so schafften sie es Leverkusen den Schneid abzukaufen. Schalke zeigte den Willen, der sich nicht nur durch Lautstärke im Stadion und „Körpersprache“ bemessen, sondern auch richtig. 9 Schalker liefen mehr als 10km. Das ist das ganze Team. Bei Leverkusen waren es nur 5, wobei man natürlich der fairness halber dazu sagen muss, dass die früh viel gewechselt haben.

Genutzt hat’s nix

Zuerst hatten wir kein Glück und dann kam auch noch Pech dazu. Als Schalke langsam die Luft ausging und sich hinten reindrücken ließ, kam es wie es kommen musste. Ein vielleicht etwas zu ungestümes Tackling in Strafraumnähe, eine der wenigen Unachtsamkeiten im Spiel beim Freistoß, Gegentor. Das ist Pech und sehr, sehr ärgerlich. Aus taktischer Sicht hatte Leverkusen im ganzen Spiel kein Mittel gefunden 10 Schalker ernsthaft in die Bredouille zu bringen.

Ob das in Vollbesetzung gelungen wäre, würde ich spontan anzweifeln. Unser Omma sacht immer: „Hätte der Hund nicht geschissen, hätte er’n Hasen gefangen“. Müßig darüber zu philosophieren. In jedem Fall ist dies eine Niederlage von der man zehren kann. Emotionaler Sieger ist Schalke allemal.

Ich möchte aber ein bisschen relativieren, dass Schalke seine Konter hätte besser ausspielen müssen, wie häufig zu lesen war. Es war ein kleines Wunder, dass Schalke überhaupt zu diesen Kontern und in Strafraumnähe kam. Dort aber war Schalke immer in Unterzahl. Das machten die Gäste schon nicht so schlecht. Und einen Unterzahlkonter nach einem Spurt vom eigenen Strafraum in der Drucksituation erfolgreich zu gestalten… da gehört nunmal so einiges zu. Es fehlte ein bisschen Glück, aber auch noch ein bisschen Handwerk. Denn Konter auszuspielen ist in letzter Zeit häufiger auf der Strecke geblieben.

Insgesamt würde ich sagen, dass Schalke defensiv ein bomben Spiel hingelegt hat und offensiv das Glück nicht weit genug erzwingen konnte.

Der überragende Kehrer

Goretzka lobend zu erwähnen ist mir langsam zu albern. Das mache ich ja hier gefühlt jedes Mal. Also konzentrieren wir uns mal auf Thilo Kehrer. Mein lieber Schwan. Macht erst sein drittes Spiel von Anfang an und bereits so abgebrüht und souverän. Tolles Timing beim herausrücken, erstaunliches Stellungsspiel und keiner hat mehr Bälle abgefangen als er (9). Der Hammer. Der wird uns noch viel Freude bereiten.

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

Kategorie: Spielbericht

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3 Comments

  1. Die Führungsqualitäten von Goretzka nehmen jedoch von Spiel zu Spiel zu, unabhängig von den sich ausdifferenzierenden und weiter entwickelnden fussballerischen Qualitäten. Das finde ich erwähnenswert. Das Spiel ist – nach dem Bayernspiel – die zweite Niederlage, an deren Ende ich – auch – gut gelaunt war.

  2. schöne Idee, vor der Spielbetrachtrung einen Exkurs zu machen. Gern mehr davon.

    Klar waren die Abschlüsse allesamt schwach, aber unsere Defensive bereitet mir grad Freude. Und mit Kehrer haben wir wirklich ein viel versprechendes Backup. Und wenn sich jetzt Uschi noch bewährt und Coke einsteigt, wow, dann können wir uns wahrscheinlich auch auf mehr Power in der Offensive freuen.

  3. Großartig. Danke. Kleine Fußballtheorie verständlich erklärt. Einfach nur Klasse. Du weißt immer wieder zu überraschen in deinem Blog. Ich freue mich immer und immer wieder, wenn du deine Analysen präsentierst. Jedes Mal lerne ich mehr.

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