In einem vergleichsweise ruhigen Heimspiel setzt Schalke sich gegen die Berliner durch, die nach ihrem Misserfolg gegen Dortmund wieder von der Fünfer- zur Viererkette zurückwechselten. Davor stellte die durch Ausfälle geschwächte Hertha Stark (nomineller Innenverteidiger) und Lustenberger als Doppelsechs auf. Schalke wiederum hielt an der erfolgreichen Aufstellung gegen Bayern fest und präsentierte sich im Spielaufbau mit einigen Verbesserungen, die gegen die passive Herthaner Spielweise ausreichten. Anders als gegen Frankfurt spielten Kolasinac und Schöpf diesmal wieder sehr offensiv.

Dieser Beitrag wurde ursrpünglich am 12.2. auf Schalke goes Zentrum veröffentlicht, da Elias aber inzwischen bei halbfeldflanke schreibt zieht der Beitrag hierher um.

Was macht eigentlich Hertha da oben?

Hertha ist eine der vielen Überraschungsmannschaften diese Saison und ihren Erfolg zu erklären, fällt sogar den Taktik-Experten bei spielverlagerung schwer. Zum Einstieg möchte ich mich mal also daran wagen, ein bisschen den Grundlagen des Berliner Erfolges auf die Schliche zu kommen. Defensiv kann Hertha ein relativ stabiles tiefes Mittelfeldpressing aufbieten, das jedoch keine Mannschaft wirklich dominieren kann. Ihr Angriffspressing ist normalerweise akzeptabel, wirklich stark ist eigentlich nur die Endverteidigung. Der Trumpf Herthas liegt wohl eher im Ballbesitzspiel. Durch ihre tiefe Ballzirkulation schläfert Hertha gewissermaßen das Spiel ein.

Sie spielen sich hinten den Ball zu um dann auf einmal blitzartige Vorstöße zu starten, bei denen sie sich relativ schnell bis ins letzte Drittel kombinieren. Bei gegnerischem Angriffspressing kann Hertha sich häufig noch durch Einbindung des Torhüters Rune Jarstein retten, der sehr spielstark ist und auch ziemlich konstant richtig entscheidet, ob gerade ein hoher oder ein flacher Ball die richtige Wahl darstellt. Wenn mal der hohe Ball kommt, lässt sich Ibisevic meistens fallen und kann den Ball dann häufig zusammen mit den Sechsern festmachen. Auch die insgesamt hohe individuelle Klasse, die gegen Schalke aufgrund von Weisers und Skjeblreds Fehlen nicht ganz zum Tragen kam, ist ein wirkliches Pfand von Hertha BSC – es gibt eigentlich kaum Schwachstellen im Kader, den ich persönlich zu den besten neun der Liga zählen würde. Von dieser individuellen Klasse profitiert besonders das Konterspiel und auch die sehr effiziente Chancenverwertung hängt von Akteuren wie Kalou und Ibisevic ab.

Was bedeutete das nun für Schalke? Die großen Probleme gegen Frankfurt waren die Folge eines wirklich hohen Angriffspressings, dergleichen war von Hertha nicht unbedingt zu erwarten. Zugleich hatte Hertha das Potential, über Konter und Schnellangriffe, unserer Mannschaft gefährlicher zu werden, als es der Eintracht gelang. Ein anderes Problem war die fehlende Spielkontrolle gewesen, doch gerade die, drohte Hertha durch ihr tiefes, konstantes Aufbauspiel an sich zu reißen. Das worst-case-Szenario wäre wohl gewesen, dass Schalke durch die Schnellangriffe und Konter Herthas auseinandergenommen wird und aufgrund erneut fehlender Spielkontrolle kaum zu Torchancen kommt.

Schalker Ballbesitzansätze

In den ersten 15 Minuten sah es tatsächlich so aus, als könnte genau dies eintreten. Schalke hatte immer nur kurz Ballbesitz und Hertha über Kalou in der 13. einen ganz guten Konter. Doch auch in dieser Anfangsphase waren bereits einige gute Ansätze im Ballbesitz zu erkennen. Ab der 10. Minute wurde das Schalker Aufbauspiel dann deutlich ruhiger, während man zuvor versuchte die Angriffe ähnlich wie gegen Frankfurt schnell durchzudrücken, zog man sich nun aus engen Situationen immer wieder zurück und versuchte Lücken im Mittelfeld zu öffnen. Wenn Hertha in der ersten Halbzeit höheres Pressing versuchte, konnte Schalke sie eigentlich immer schnell umspielen, dadurch entwickelte sich ein Spiel in dem die Berliner die Königsblauen meist bis zur Mittelfeldlinie vorrücken ließen, um dort in einem 4-2-4/4-4-2 zu pressen, in dem die Flügelspieler häufig mit Stürmer Ibisevic und Zehner Stocker auf einer Linie standen und im Pressing teils auch ins Zentrum liefen. In ihrem tiefen Mittelfeldpressing ignorierten sie zunächst die Innenverteidiger und schoben eigentlich nur auf den jeweils ballführenden Schalker Mittelfeld- oder Flügelspieler raus. Um sich aus diesen Situationen zu befreien, Anschlussmöglichkeiten herzustellen und Lücken im Verbund der Berliner aufzureißen, bediente sich Schalke verschiedener Bewegungsmuster, auf die ich jetzt kurz ein bisschen eingehen möchte.

In den drei Farben rot, schwarz und blau finden sich hier drei häufiger benutze Bewegungsmuster, bei denen Raum geschaffen wurde. Ich habe hier jeweils die beiden wichtigsten Bewegungen eingezeichnet, wobei die ganze Mannschaft auf die Veränderungen zumeist harmonisch reagierte. Durch Ausweichbewegungen nach links, in deren Folge Kolasinac aufrückte, öffnete Bentaleb Raum für Vorstöße Badstubers. (schwarz) Um sich nach vorne drehen zu können, ließ Bentaleb sich immer wieder in den Sechserraum fallen, worauf Goretzka aufrückte, um eine Anspielstation im Zentrum zu schaffen und die Herthaner am eigenen Aufrücken zu hindern. (rot) In Situationen, in denen Schöpf der Passweg ins Zentrum zugestellt war, lief Goretzka sich gerne mal auf den Flügel frei und ließ sich von Schöpf anspielen, der dann in den nun freien Achterraum lief, wo Goretzka ihm den Ball wieder zupassen konnte. (blau) Vorstöße Goretzkas und das Einrücken und Vorderlaufen (wie Hinterlaufen nur ins Zentrum hinein) von Schöpf wurden überhaupt häufig benutzt.

Diese und ähnliche Muster wurden zwar auch schon in anderen Spielen verwendet, wurden diesmal allerdings deutlich mehr fokussiert und waren besser eingebunden. Vor allem brach Schalke in Situationen, in denen es ihnen nicht gelang große Räume zu öffnen, die Angriffe wieder ab und baute von hinten auf. In anderen Fällen, in denen raum zwar geöffnet wurde, aber der ballführende Spieler gerade mit Blick auf das eigene Tor von hinten unter Druck gesetzt wurde, nutzte Schalke die Innenverteidiger gut, die dann vorstießen und Pässe in den Zwischenlinienraum spielten. Schalke verwendete mehr gruppentaktische Elemente als sonst und agierte mannschaftstaktisch einheitlicher, so brachten sie eine strategisch reifere Spielweise auf das Feld, als noch gegen Frankfurt.

In obiger Szene aus der 25. Minute wurde im Zentrum ordentlich Raum geöffnet (dunkelroter Kreis), den der zurückgefallen Bentaleb bespielen kann. Durch die Verschiebebewegungen von ihm, Goretzka und Stambouli (entsprechend dem 2. Muster aus der Grafik zu den Aufbaubewegungen) kann er sich drehen und spielt dann Caliguri an (schwarzer Strich), der in dieser Szene zusammen mit Burgstaller auf den Flügel gekommen war. Caliguri geht ins Dribbling (roter Strich), für das ihn Burgstaller mit seinem Lauf (roter Strich) Raum öffnet und kann dann, den heransprintenden Goretzka (roter Strich) anspielen, gegen den sich Jarstein in dieser Szene allerdings im 1gegen1 durchsetzt. So konnte Schalke immer wieder die Mittelfeldüberlegenheit in Torchancen ummünzen.

Caliguri und Burgstaller beackerten im letzten Drittel die ganze Breite, agierten zumeist als Pärchen, wobei Burgstaller durch Läufe Räume öffnete und Torgefahr ausstrahlte oder den Ball kurz auf dem Flügel hielt, um Aufrücken zu ermöglichen, während Caliguri vor allem durch Dribblings und einige ganz kreative Pässe glänzte. Wobei Burgstaller in der 12. zeigte, dass man auch bei ordentlicher Technik ganz gute Dribblings einstreuen kann, wenn man sich intelligent bewegt. Somit kann dieses Duo durchaus Torgefahr erzeugen, doch leider können die beiden nicht wirklich viel zum Kombinationsspiel im Mittelfeld beitragen. Caliguri kann gute Pässe spielen, aber langfristiges kombinieren ist nicht seine Stärke und Burgstaller kann mal am Flügel einen Pass spielen, aber zur Spielkontrolle im letzten Drittel trägt er auch nicht viel bei. 11tegen11 zeigt das auch mit seinen tollen Passgrafiken (dritte Grafik, ist die Passmap für Schalke) – die beiden sind kaum an den Rest angebunden. Da aber das tiefe Mittelfeldspiel gut funktionierte, und die Stürmer in den wenigen Situationen, in denen sie ins Spiel eingebunden wurden, ihre Fähigkeiten gut einbringen konnten, und  es zu sehr wenigen tiefen Ballverlusten kam, zeigte Schalke mit Ball insgesamt eine gute Leistung, die durch das Tor von Burgstaller belohnt wurde.

FC Schalke 04 defensiv – Hertha BSC offensiv

Da es hier wenige Veränderungen gab, werde ich diesen Abschnitt deutlich kürzer halten, als den letzten. Durch das sehr vorsichtige und ruhige Aufbauspiel, gab es wenige gefährliche Ballverluste und eine sehr gute Absicherung, da auch stets genug Spieler hinter dem Ball blieben. Gefährlich wurde Hertha eigentlich nur über Verlagerungen, da besonders Schöpf häufig nicht rechtzeitig wieder neben die Dreierkette einrücken konnte. Anders als gegen Bayern und Frankfurt, für die sich dadurch teils extreme Großchancen ergaben, konnten die Berliner Spieler zumindest meistens so abgedrängt werden, dass sie schlechte Schusswinkel hatten. Gegen das Aufbauspiel rückten Caliguri und Burgstaller sehr weit auf die breitstehenden Innenverteidiger heraus und Bentaleb und Goretzka orientierten sich zentral an Stark und Lustenberger. Letztere tauschten sehr häufig die Seite (auch das kann man bei der entsprechenden Pass- und Positionsgrafik von 11tegen11 sehen – da stehen die beiden fast auf einem Fleck) und immer wieder ließ sich einer flexibel fallen, wurde dann aber einfach von einem der Achter verfolgt. Ging der Pass wieder auf Jarstein zurück, dann lief einer der Stürmer ihn an, folgte darauf der hohe Ball dann rückte Naldo in den Sechserraum vor und konnte so die Kopfballstärke des ebenfalls zurückfallenden Ibisevics ausgleichen. Wenn die Alte Dame dann doch mal flach ins Zentrum spielte, rückte einer der Halbverteidiger aus, die Achter eilten nach hinten und der Angriff konnte zerdrückt werden.

Defensiv und offensiv möchte ich Schalke als stabil und konstant beschreiben. 11tegen11 veröffentlich auch einen Wert namens expected goal, der versucht Torchancen anhand der Schussposition zu bewerten. Es wird einfach geguckt, wie häufig Schüsse von dieser Position erfolgreich sind und wie häufig nicht, woraus sich dann ein Erwartungswert ergibt, wie viele Tore im Durchschnitt fallen. Den findet ihr für das Spiel gegen Berlin  hier in der ersten Grafik. Für die erste Halbzeit ergibt sich ein Verhältnis von ~ 1,0:0,2 für Schalke. Ein kontrollierter Sieg.

Änderungen zur Zweiten Halbzeit

Dardai brachte zur Halbzeitpause Darida ins Spiel, der eine ordentliche Leistung zeigte, und es gab auch ein paar taktische Änderungen. Im Spielaufbau ließ sich einer der Sechser nun häufiger direkt zwischen die noch breiter stehenden Innenverteidiger fallen. Schalke entschied sich dagegen hier weiter zuzustellen und zog sich vielmehr etwas zurück. Hertha kam so zwar zu mehr allerdings wenig gefährlichem Ballbesitz. Defensiv gingen die Berliner nun häufiger ins Angriffspressing und rückten im Mittelfeld- und auch im Gegenpressing aggressiver raus. Schalke entschied sich mit der Führung im Rücken Drucksituationen einfach mit langen Bällen aufzulösen. Wenn sich klar offene Räume ergaben, dann wurden diese jedoch genutzt, so wie vor dem 2:0:

Zu Beginn der Szene hatte Badstuber den Ball (schwarzer Punkt). Er entschied sich dann aber gegen den Pass auf den Flügel, den sicher sehr viele spielstarke Innenverteidiger gewählt hätten, und trifft die strategisch optimale Entscheidung ins Zentrum zu spielen. Ich erinnere mich tatsächlich mir gedacht zu haben: „wenn er da auf Bentaleb spielt, muss das zu einem Torschuss führen“. Auch wenn sein Pass an sich einfach zu spielen ist, kann man aufgrund der wichtigen Entscheidung, überhaupt das Zentrum zu bespielen, Badstuber durchaus einen großen Anteil am Tor zuschreiben. Bentaleb muss dann nur noch ins Zentrum lupfen (schwarzer Bogen), in das Goretzka bereits sprintet (roter Strich). Caliguri und Burgstaller ziehen wiederum auf links die Abwehr auseinander. Alles in allem gab es jedoch weniger Schalker Ballbesitz und weniger Torszenen, wobei ab der 35. Minute ein neues Aufbaumuster vermehrt verwendet wurde, auf das ich kurz eingehen möchte.

Bentaleb und Stambouli öffneten durch ihr Aufrücken den Sechserraum (erster roter Kreis), indem sie die Herthaner nach hinten drücken, wodurch der zurückgezogene Goretzka sich nun bequem drehen kann. Er spielt dann auf Schöpf, läuft in den, durch sein eigenes fallen lassen, geöffneten rechten Achterraum (zweiter roter Kreis), wo Schöpf ihn dann bedient. Burgstaller geht wiederum auf den Flügel raus und hindert so den Außenverteidiger am Rausrücken. Im Prinzip ein simpler Doppelpass, der aber gut eingebunden ist, und so zum effektiven Mittel zur schnellen Raumüberbrückung wird. Doch wie gesagt, insgesamt suchte Schalke in der zweiten Halbzeit seltener das Offensivspiel. Da aber Hertha auch mit weniger Druck nicht sonderlich viel zustande brachte, kam es zu einem relativ ungefährdeten Sieg für den FC Schalke 04. Gegen Ende wurden dann noch Kehrer und Meyer eingewechselt und präsentierten sich beide ganz gut, und ganz am Ende durften wir noch das Hunter-Comeback erleben.

Fazit

„Man of the Match“, und bis jetzt auch “of the Season”, war für mich Bentaleb. An wirklich jedem Angriff war er beteiligt und hat zwei Tore direkt vorbereitet. Auch defensiv gab es wenig auszusetzen – im Moment ist er das Zentrum des Schalker-Spiels. Goretzka fand ich ebenfalls stark (er schoss nicht nur das 2:0, sondern eroberte zusammen mit Höwedes vor dem 1:0 auch den Ball zurück), doch er war nicht im gleichen Maße notwendig dafür, dass Schalke sein Spiel aufziehen konnte. „In Bentaleb we trust“ kann ich in Anbetracht einer solchen Leistung nur sagen. Stambouli mit seinen flexibleren Positionierungen und seinen Fähigkeiten bei kurzen Pässen und im Defensivspiel, war wiederum ein wichtiger Baustein unserer Leistung. Geis hätte diese Rolle nicht ausfüllen können und dürfte zumindest vorerst auch keinen Stammplatz mehr haben. Wie sieht es nun für die nächsten Wochen aus? Schalke war auf die Gegner gut eingestellt, spielte nur zu Beginn etws hektisch, danach aber sehr souverän, beinahe schon reif. Man sollte den Sieg gegen Hertha nicht überbewerten, die haben gegen die stärkeren neun Teams der Liga häufig Probleme, dennoch zeigte Schalke im Offensivspiel eine Reihe von Verbesserungen, die mir auf jeden Fall Vorfreude auf das Spiel gegen Köln gemacht haben.

Elias

Elias

Anders als der durchschnittliche Taktikblogger, denn die Jungs von spielverlagerung sind größtenteils gute Fußballer, entspricht Elias tatsächlich dem Klischee. Ein eher unsportlicher Mensch, der selbst gar nicht sonderlich gut Fußball spielt. Während viele ja eher über die Liebe zum Fußball die Liebe zur Fußballtaktik finden, kam er von der Liebe zur Taktik zur Liebe zum Fußball. Bewusst, aktiv und begeistert verfolgt Elias „die schönste Nebensache der Welt“ erst seit sieben Jahren.

Wieso genau Elias als Taktik-Begeisterter ausgerechnet Fan des FC Schalke 04 wurde, das kann er auch nicht erklären. Vermutlich waren es die Leidenschaft der Schalker-Fankurve und das 5:2 gegen Inter Mailand.
Elias

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