Im 4-3-3, so wie Leverkusen es spielt und so wie es das klassische System der Niederlande ist, wird der Fokus auf das Zentrum gelegt, die Flügel werden dagegen oft zum Problem. Das ist keine taktische Finesse, das ist eine Binsenweisheit. Doch Schalke ließ sich darauf ein und war am Ende mit etwas Glück, erfolgreich.

Die Formationen zu Spielbeginn.

Die Formationen zu Spielbeginn.

Leverkusens 4-3-3

Auch wenn natürlich nicht jedes 4-3-3 gleich ist und es natürlich gewisse Unterschiede zum klassischen Spielsystem der Niederlande gibt, so haben sie alle ein Ziel gemeinsam: Das Mittelfeld zu bevölkern. Am Seitenaus steht ein Spieler im Vergleich zur Spielfeldmitte immer mit dem Rücken zur Wand und wird einer ganzen Menge Anspieloptionen beraubt. Wenn ich das Zentrum also Eng mache, habe ich viele Überzahlsituationen, im Vergleich zum 4-4-2 etwa. Gleichzeitig nehme ich aber in Kauf, dass die Flügel weitestgehend offen bleiben.

Leverkusen löst dieses Problem durch sehr aktive Außenverteidiger und relativ breite Außenstürmer, die dann nach innen ziehen. Das passt zum Stil der Werkself, die ja auf Konter ausgelegt ist und auf dem Gebiet die erfolgreichste Mannschaft der Bundesliga ist. Sie machen den Raum sehr eng um dann, durch situative Überladungen und Pressing im Mittelfeld, den Ball zu erobern, nach vorne zu stürmen und Zielspieler Kießling zu suchen.

Schalke Eng, aber nicht Kompakt

Viele Gegner Leverkusens versuchen die offenen Flügel zu bespielen und geben das Mittelfeld mehr oder weniger Kampflos auf. Keller dagegen wollte Feuer mit Feuer bekämpfen. Ein deutliches Zeichen hierfür ist Goretzka. Dieser spielte ähnlich wie im letzten Jahr in Bochum und orientierte sich stark ins Mittelfeld. Zwar rochierte er nicht viel mit Meyer, kombinierte aber viel mit ihm.

Selbst Farfán auf der anderen Seite stand deutlich weniger breit, als man das von ihm gewohnt ist. Zusätzlich ließ Huntelaar sich oft dazwischen fallen und/oder Boateng rückte weit auf. Aus dem nominellen 4-2-3-1 wurde so häufig situativ ein 4-2-4-0 oder ein 4-1-4-1. All das aber sehr eng, so dass im Endeffekt lediglich die halbe Breite des Spielfelds bespielt wurde.

Parallel zur horizontalen Enge fehlte allerdings die vertikale Kompaktheit. Der Abstand zur 4er Kette war sehr groß. Dabei stand diese gar nicht so tief. Oft rückten lediglich die Offensiv-Spieler weit auf, sobald Leverkusen in die Pressingzone (ca. auf Höhe des Mittelkreises) kam. Oft war dann Neustädter der einzige Verbindungsspieler, da Boateng den Angriff orchestrierte.

Die Idee dahinter war die Linien der Leverkusener auseinander zu ziehen um ihnen das Kontern zu erschweren. Die 8er der Werkself standen oft weit entfernt von den Außenstürmern und konnten im Konterfall oft nicht schnell genug aufrücken um gegen die Schalker 4er-Kette Überzahlspiel herzustellen. Darum waren die Offensivspieler häufig gezwungen den Abschluss selbst zu suchen. Das war zwar so schon häufig gefährlich, konnte aber im Großen und Ganzen recht gut verteidigt werden.

Ein weiteres Problem der fehlenden Kompaktheit ist das Aufbauspiel. Hier war Schalkes Plan mit langen Bällen die erste Linie Leverkusens zu durchbrechen. Besonders Matip spielte unglaublich gute Pässe flach ins Mittelfeld. Aber auch hohe Bälle wurden eingesetzt. Schalke versuchte dann den zweiten Ball zu ergattern. Beides hat schon gegen Hannover gut geklappt und wurde auch hier, besonders in der ersten Hälfte, sehr erfolgreich praktiziert.

Und die Flügel?

Im Mittelfeld wurde also von beiden Seiten munter gepresst und kombiniert, so dass die Flügel irgendwann relevant wurden. Zu Beginn hatten beide Mannschaften Angst vor des Gegners Flügelspiel. Die Außenverteidiger blieben dementsprechend sehr konservativ mit direkter Verbindung zu den Innenverteidigern.

Nach der Anfangsphase wurde Leverkusen da aber aggressiver. Besonders Boenisch rückte jetzt immer weiter auf. Das schuf einerseits Raum für Farfán, machte ihm aber auch etwas Arbeit. Meist wurden die Außenverteidiger allerdings von den Außenverteidigern gedeckt. Schalkes Mannorientierung wurde sehr deutlich. Die Farfán und Goretzka orientierten sich an Can und Bender, während Boenisch und Hilbert von Hoogland und Kolasinac übernommen wurden.

Da Boenisch viel stärker den Flügel rauf und runter rannte als Hilbert, welcher sich eher als Zulieferant für Castro verstand, rückte Hoogland nur sehr selten auf und versuchte die Deckung aufrecht zu erhalten. Kolasinac dagegen hatte gelegentlich viel Raum und wusste diesen zu nutzen. Insofern passte das Spiel auch gut zu dem Goretzkas, der sich ja in die Mitte orientierte, und somit mehr Platz für Kolasinac schuf. Auf der anderen Seite wirkte Farfán oft allein. Relativ breit und weit weg vom Außenverteidiger hinter ihm.

Schalke band die Flügel allerdings durch viele Verlagerungen ein. Boateng wechselte oft die Seite, so dass Leverkusen verschob und verschob, bis sie nicht mehr mitkamen und sich eine Lücke öffnete. So ergaben sich zwar relativ wenige gute Gelegenheiten, die waren jedoch häufig Qualitativ wertvoll.

Druck von Leverkusen

Bayer hatte deutliche Probleme mit den Schalkern. Sie wurden zum Aufbauspiel gezwungen und das können sie ja eigentlich nicht so recht. Can kippte oft zu den Innenverteidigern, doch wirklich gewusst was er mit dem Ball machen möchte, hat er auch nicht. Benders Spielaufbauversuch endete ja in Goretzkas großartigem Tor. So blieb meist nur noch der hohe Ball, der in der ersten Halbzeit häufig von Schalke ergattert wurde.

In der zweiten Halbzeit änderte sich das etwas. Leverkusen versuchte jetzt kompakter zu stehen. Dadurch wurden mehr zweite Bälle gesichert und es konnte besser gekontert werden. Schalke machte hier den Fehler etwas zu passiv zu sein. Das war in dieser Saison schon häufig zu sehen, nach einer Führung wähnte sich Schalke zu sicher und ließ die Zügel etwas schleifen.

Als Leverkusen dann auch noch anfing die Flügel verstärkt einzusetzen, fing sich Schalke den Ausgleichtreffer. Die Werkself machte jetzt das Spiel breit und zog Schalke auseinander. Dadurch entstanden immer wieder Lücken, die Leverkusen nutzte und in aussichtsreiche Positionen brachte. Letztendlich gab dies aber auch Räume frei, die Schalke wiederrum gelegentlich für Konter nutzen konnte.

Alles in allem…

… war das sicher ein glücklicher Sieg für Schalke. Keller fehlte ein Plan B und fing, nach der zweiten Führung aus dem Nichts, an zu Mauern. Er warf einen Innenverteidiger, einen Außenverteidiger und einen defensiven Mittelfeldspieler auf den Platz. Schalke hätte aber eher reagieren müssen und nicht Tatenlos dabei zusehen, wie Bayer das Spiel breit macht.

Allerdings Schalke machte auch vieles richtig. Es zeigte sich etwa, dass das Mittelfeld sich gefunden hat. Man beachte allein die drei besten Passquoten auf Schalke: Meyer 91%, Boateng 90%, Neustädter 87%. Huntelaar nutzte seine enge Bewachung und riss viele Löcher in die Leverkusener Abwehr, kein Schalker lief mehr als er (fast 12km). Das Pressing und das Gegenpressing funktionieren immer besser, auch wenn Schalke das nicht auf die komplette Spieldistanz anzuwenden im Stande ist.

Grundsätzlich machte Schalke, was schon seit November zu beobachten ist: Keller will keinen Ballbesitz. In der zweiten Halbzeit hatte Schalke nur ein Drittel Ballbesitz. Vorm eigenen Tor wurden lediglich 45 Pässe gespielt, Leverkusen hatte hier 120. Schalke versucht immer den Ball möglichst schnell in die Gefahrenzone zu bringen und vertraut bei Ballverlust auf das eigene Gegenpressing. Besonders die erste Halbzeit hier hat gezeigt, dass das erfolgreich sein kann, wenn es konsequent so umgesetzt wird.

Außerdem glaube ich, dass Hyypiäs Idee Sam zu schonen, die Mannschaft zwar geschwächt hat, aber für den Spieler sicher nicht schlecht war. Vielleicht hätte er ein Tor erzielen können. Vielleicht hätte er aber auch kurz vor Schluss knapp am Tor vorbei geschossen. Im ersten Fall hätte ihm auf Schalke sicher niemand ernsthaft etwas krumm genommen. Im zweiten Fall wäre er in Leverkusen aber ein gebranntes Kind. Sam ist für die Werkself zu wichtig, als dass Hyypiä so etwas riskieren wollte und dachte sich eine merkwürdige Ausrede aus. In der Premier League gibt es für so einen Fall keine Regel. Es ist gelebte Praxis nicht gegen den Verein zu spielen, von dem man ausgeliehen wurde, aber zukünftige Arbeitgeber… das irritiert selbst Engländer.

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.