Halbfeld­flanke

Das frühe Pokalaus: Dynamo Dresden – Schalke 04, 2:1

Ein Traditionsverein in schwarz-gelb bittet zum Tanz. Dresden ist zwar noch weiter östlich als Lüdenscheid, den Schneid haben sich die Schalker dennoch abkaufen lassen. Königsblau scheint noch mitten in der Vorbereitung zu sein und lässt sich vom Drittligisten auskontern. Dabei werden altbekannte Schwächen sichtbar, aber auch ein paar kleine Fortschritte.

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Doch zunächst zum Gastgeber. Dynamo Dresden spielte genau wie man es von einem Drittligisten mit jungen Spielern erwartet: Stark in der Defensive und schnell im Umschaltspiel. Immer wenn der Ball die Richtung änderte, eilte die ganze Mannschaft wie der Wind in die neue Ordnung. In einem Moment spannte Dynamo noch ein engmaschiges Netz aus 8-9 Verteidigern im und um den eigenen Strafraum, im nächsten Moment, nach Ballgewinn nämlich, stürmten 4-7 Dresdner nach Richtung gegenüberliegenden Strafraum.

In Ballbesitz baute sich Dresden in einer 4-2-3-1 Ordnung auf, die aber auch oft wie ein 4-2-1-3 aussah. Dabei war die einzige Devise den Ball schnell nach vorne zu bringen. Gelegentlich wurde der Weg durch die Mitte gesucht, das war aber von wenig Erfolg gekrönt. Darum gab es meist lange, diagonale Bälle (besonders auf Eilers vorne rechts), die das schön gestaffelte Schalker Mittelfeld einfach überbrücken. Die Schalker 4er-Kette wurde hier als Schwachpunkt ausgemacht. Jeder einzelne hier (und besonders Santana) leistete sich einige Aussetzer, die Dresden zu bespielen wusste.

Defensiv zeigte Dynamo ein tiefes Mittelfeldpressing und ging dabei durchaus aggressiv in die Zweikämpfe. Formativ pendelte sie zwischen dem 4-2-3-1 und einem 4-4-2, wobei das gar keine große Rolle spielte, weil eine starke Mannorientierung aufgezogen wurde.

Schalke spielt Ball

Nach der letzten Saison blieben einige Fragen unbeantwortet. Und wie so oft unter Keller sind wir jetzt ein bisschen schlauer. Ein kleines bisschen. Doch ging das alles eh in einer schlampigen Vorstellung unter.

Schalke kann keinen geregelten Spielaufbau, Schalke fehlt jegliches gruppentaktische Verhalten und Schalke kann enges Pressing nicht umspielen. All das wurde in diesem Spiel widerlegt, zwar nicht sonderlich eindrucksvoll, aber es kann als Schritt in die richtige Richtung gewertet werden. Immer wieder kippte ein 6er neben die Innenverteidiger um das Spiel über den Flügel anzukurbeln. Der Außenverteidiger konnte dann aufrücken und den offensiven Mittelfeldspieler hinterlaufen, der dann nach innen zog. In diversen Variationen war dieser Spielzug immer wieder zu beobachten, oft mit Integration anderer Spieler. Auch durch die Mitte klappte es recht gut, ein Innenverteidiger rückte mit Ball weit auf, spielte zu einem der 6er, der auf einen Flügel, und dann ein paar weitere innen-außen-innen-außen Kombinationen. Das sah alles in allem schon nach Fußball aus und die Blauen schafften es relativ leicht bis in Strafraumnähe. Und mehr gutes gibt es über das Spiel der Schalker eigentlich nicht zu sagen…

Die offensive Grundordnung war das altbekannte 4-2-3-1, durch die neuen Leute auf den Flügel allerdings etwas neu interpretiert. Choupo-Moting auf links spielte eigentlich sehr klassisch. Blieb lange auf dem Flügel und dann mit starkem Zug zum Tor. Sein Gegenüber war da deutlich anders. Man merkte es an, dass Sidney Sam nicht viel Erfahrung im Spiel mit 10er hat. Häufig ließ er den Flügel verweisen und zog nach innen. Nur war da ja eigentlich schon Meyer. Außerdem fehlte Höger so eine Anspielstation, weil Dynamo Sam dann leichter abschirmen konnte.

Apropos Meyer, der hat ja anscheinend den Kampf um die 10er-Position gewonnen. Genutzt hat’s nix, denn Dresdens Moll nahm ihn in Manndeckung. Meyer fand keine rechten Mittel dagegen, schien aber auch schnell frustriert und dann demotiviert. Die Ausweichbewegungen, die Draxler dort später zeigte, hätten dem Spiel der Schalker gut getan.

Wenn auch kein 10er so wuchs KPB mit verlauf der ersten Halbzeit immer mehr in die Spielgestalterrolle hinein. Sein Aktionsradius war enorm, er trieb seine Mitspieler an und verteilte Bälle wo er konnte.

Ballverluste

Schalke zeichnete sich in der vergangenen Saison durch eine hohe Ballsicherheit aus. Das war diesmal nicht so. Schalke ließ sich von Dresden in teils unnötige Zweikämpfe verwickeln und verlor das Gros davon. Während zuletzt alle Geflucht haben, dass Schalke immer nur auf Sicherheit spiele, wünschte man sich jetzt ein bisschen davon zurück.

Gleichzeitig fehlte die Bewegungsfreude. Schalke schien schlapp, unkonzentriert und unmotiviert. Das mache ich an den zweiten Bällen fest, noch so eine Paradedisziplin der Schalker. Wenn ein Ball herrenlos durch den Raum irrt, dann standen Schalker oft richtig und konnten den Ball so zurückerobern oder weiter in den eigenen Reihen halten. Das klappte in diesem Spiel überhaupt nicht, im Gegenteil, Dynamo eroberte einen nach dem anderen dieser zweiten Bälle. Das 2:0 entstand so.

In der zweiten Hälfte wurde dann manches Besser. Neustädter fand endlich ins Spiel und sorgte für Ballzirkulation, Draxler spielte sich als 10er frei und Clemens blieb etwas mehr auf dem Flügel, so dass Höger auch besser nach vorne spielen konnte. Doch da war das Spiel bereits verloren.

Fazit: Dresden schnell und beweglich, Schalke unsortiert

Schalke ist keine Kontermannschaft mehr, das wissen wir inzwischen. Schalke ist auf dem Weg zu einer Ballbesitzmannschaft. Dennoch ist Schnelligkeit ein wichtiges Element. Und das fehlte. Dazu wirkte die Verteidigung unsortiert wie lange nicht und die Ballsicherheit schien völlig abhanden gekommen. So eine Leistung im Pflichtspieldebüt kann nur als desolat bezeichnet werden. Da muss sich noch viel ändern…

Hangcast zum Spiel

Gemeinsam mit Tobias Weckenbrock vom SchalkeWeb eine kurze Diskussion zum Spiel und ein Ausblick, wie’s weiter gehen könnte.

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

Kategorie: Spielbericht

Die Suche nach der Ballsicherheit: Hannover 96 – Schalke 04, 2:1 » « 19uhr4 Saisonkickoff

11 Comments

  1. Sehr schöne Analyse, Vielen Dank! ich habe auch ein paar positive Dinge gesehen, z.B. unzählige flache, scharfe und präzise Bälle von Matip sowie seine typischen Läufe. Ein paar Ergänzungen:
    1) Dresden hat zwar tief gestanden, aber von da aus sehr aktiv schon den Spielaufbau gepresst. Das war nicht einfach, das Spiel nach vorne zu tragen.
    2) Spielerisch war das schon enorm stark, was Höger auf rechts gemacht hat. Den haben wir schon vermisst. Wäre noch schöner, wenn er statt auf rechts wieder neben Neustädter als zweiter 6er spielen würde.
    3) Man hat gesehen, dass Schalke sehr schnell ins Gegenpressing gehen wollte und deshalb sehr dicht zum Ball hin stand. Was wiederum zu einigen weiten Spielverlagerungen der Dresdner (Schalker linke Seite, Kola) geführt hat. Ist m.E. nach erst mal nicht verwunderlich. Wäre die Frage, wie kann man das besser machen?
    4) Bei der Entsehung der beiden Tore sah alles gar nicht so schlimm aus. Bei Tor No. 1 war das eigentlich kaum ein Konter, sondern ein langer Ball. Dadurch, dass Boateng aber stehen blieb statt den Raum zuzumachen und Dürholtz am Durchbruch zu hindern, wurde da ein konterartiger Vorstoss raus. Bei Tor No. 2 waren auch genug Schalker auf der Höhe, und Höger konnte seinen Gegenspieler noch nach aussen drängen. Danach aber zu viel Unordnung, da muss man doch in der Lage sein, schneller wieder zur Ordnung zu kommen, oder?

  2. Noch zwei Sachen:
    1) Neustädter war im Wesentlichen manngedeckt. Da konnte sich KPB freier bewegen. Würde ich als Gegnertrainer auch so machen.
    2) Ja, Ballbesitzspiel verbessert. Aber insgesamt zu wenig lange, saubere Ballstafetten. und im letzten Drittel wars meistens aus mit sauberem und sicherem Passspiel.

  3. Etwas anders ausgedrückt: gruppentaktisch passiert am und im Strafraum viel zu wenig. Das führt dazu, dass die Offensiv-Spieler zu früh individuelle Aktionen versuchen, die im Strafraum für Gefahr und Verwirrung sorgen würden, aber zu früh bestenfalls verpuffen, schlimmstenfalls zu Ballversuchen und (wenn offensichtlich nicht gut abgesichert) zu gefährlichen Gegenaktionen führen. Die Aktionen wurden zu selten abgebrochen, um über eine neue Zirkulation wieder für Gefahr zu sorgen.

  4. Hallo ES,

    Ja, vieles von dem was Du schreibst geht ja Hand in Hand mit dem was ich hier schreibe. Zwei Dinge habe ich trotzdem…

    Ich fande nicht, dass Neustädter unter Manndeckung stand. Zumindest nicht mehr als alle anderen. Jeder in Strafraumnähe wurde in Manndeckung genommen. Doch das war Zonenorientiert, inklusive aller übergaben. Die einzige Ausnahme war Meyer, der wurde nun wirklich überallhin verfolgt. Neustädter dagegen fand ja besonders in der ersten Hälfte meist im Mittelkreis statt und da stand von Dresden ja nur Comvalius der Stürmer.

    Darüber ließe sich streiten, aber bei Deinem letzten Punkt muss ich aufs Heftigste wiedersprechen! Gruppentaktisch passiert am und um den Strafraum viel zu wenig? Gruppentaktisch passiert in der gegnerischen Hälfte überhaupt nichts. Darum habe ich ja die neuen Motive herausgehoben, weil ich mich noch in der Saisonanalyse darüber ausgelassen habe, dass Schalke fast komplett auf Gruppentaktik verzichtet und frei improvisiert.

  5. Wie immer sehr interessante Analyse. Sehr lesenswert. Auch die Kommentare von ES, übrigens! 🙂

    Ich bin echt mal gespannt, ob und was sich bis zum kommenden WE noch weiterentwickelt. Denn es muss sich was weiterentwickeln. Ansonsten stimmt das, was ich gestern schon diverse Male las, dann sitzt im Oktober nen anderer Trainer bei uns auf der Bank, vorzugsweise Tuchel.

    Und nein, ich wünsche mir das nicht. Noch nicht.

  6. Du hast vollkommen recht. Meine Anmerkungen waren nicht als Widerspruch gedacht. Zu Neustädter: Leider habe ich keine Aufzeichnung vom Spiel, deshalb kann ich es nicht noch einmal verifizieren. Aber er wurde schon stark abgedeckt im Spielaufbau. Wenn mal nicht in direkter Manndeckung, dann mindestens in starkem Deckungsschatten, wenn auf die IV gepresst wurde.
    Ab welcher Zone nur sehr wenig und wann gar keine Gruppentaktik mehr stattfindet, kann man auch streiten. Hast Du eigentlich eine Idee woher das kommt? Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass imTraining kein oder zu wenig Gruppentaktik einegübt wird. Dafür ist doch Peter Herrmann zuständig.

    Übrigens finde ich es extrem geil, dass Du hier eine Taktikseite für Schalke aufgebaut hast. Auch wenn das unter Keller eher eine traurige Berichterstattung ist. Es kommen sicherlich auch noch andere Zeiten. Vielen Dank dafür!

  7. Noch eine Bemerkung zu Eurer interessanten Hangcast-Diskussion und dem Punkt Meyer versus Draxler. Draxler hat sich durch seine Ausweichbewegungen der Manndeckung entzogen und ist dann in typischer Draxler-Manier den Raum nutzend mit Dynamik und Technik in Richtung Strafraum gegangen. Das sieht gut aus, o.k.. Aber gruppentaktisch ist das auch kein Beitrag. Wir brauchen auf der 10 jemanden, der in den Engen eine Anspielstation ist und dort die richtigen Aktionen einleitet, und wenn es nur darum geht, die Ballzirkulation weiter hoch zu halten, oder mit kurzer Drehung das Spiel auf den anderen Flügel zu verlagern. Das kann Meyer viel besser als Draxler. Oder der Trainer findet ein interessantes Konzept, wie der dann verwaiste 10er-Raum durch nachstoßende Spieler besetzt werden kann. Das kann sehr spannend werden. Dafür bringe ich aber nicht Barnetta. Sondern Höger als Achter mehr ins Zentrum, der dann abwechselnd mit Neustädter hier reinstößt, oder Choupo spielt tiefer und zentraler. Aber einfach ohne Konzept Draxler ausweichen lassen, hilft nicht.

  8. Erstmal vielen Dank für das Lob, freut mich dass es Dir gefällt.

    Bei Draxler als 10er bin ich genau Deiner Meinung. Finde aber, dass er in einer festgefahrenen Situation mal etwas Wind machen kann, wie bei diesem Spiel eben. Generell ist das aber natürlich keine Lösung für das Problem.

    Warum es auf Schalke kaum erkennbares gruppentaktisches Vorgehen gibt sondern alles auf Individualtaktik zurückfällt habe ich mich auch oft gefragt. Etwas wirklich plausibles ist mir aber noch nicht eingefallen. Sobald ich da aber auf etwas stoße, wird’s hier als erstes stehen. 😉
    Bis dahin freue ich mich einfach an den Spielzügen die es hier und da mal gibt. Und aus der Perspektive war das Dresden-Spiel tatsächlich ein Schritt nach vorne. Finde ich, zumindest.

  9. „Übrigens finde ich es extrem geil, dass Du hier eine Taktikseite für Schalke aufgebaut hast. Auch wenn das unter Keller eher eine traurige Berichterstattung ist. Es kommen sicherlich auch noch andere Zeiten. Vielen Dank dafür!“

    Dem schließe ich mich mal an!

    PS: Gibt es eine Möglichkeit, dass man eine Mail bekommt, wenn hier neue Kommentare kommen zu Beiträgen, die man selber auch kommentiert hat? Kenne ich so von diversen anderen Blogs. Würde das regelmäßige nachschauen in älteren Artikeln ersparen, ob es denn zwischenzeitlich was neues in den Kommentaren zu lesen gibt.

  10. Hmmm, ich glaube nicht, dass der Blog hier sowas kann. Aber es gibt einen RSS für Kommentare, falls Dir das weiterhilft:
    http://www.halbfeldflanke.de/comments/feed/

    Und im Footer stehen immer die neuesten 5 Kommentare.

  11. Ich denke das hilft, dann abonniere ich einfach den Feed auch noch. 😉

    Edit: Scheint zumindest zu funktionieren. Schön, dann verpasse ich jetzt auch keinen der Kommentare mehr! 🙂

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