Halbfeld­flanke

Einwechslung steigert Ballsicherheit, Schalke 04 – Bayern München, 1:1

Pünktlich zum ersten Heimspiel der Saison scheint Schalke mit der Vorbereitung abgeschlossen zu haben. Königsblau präsentierte sich engagiert und schaffte es streckenweise den WM-Geschwächten Bayern die Stirn zu bieten. Besonders ein Wechsel hatte da großen Anteil dran.

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

So spielten die Bayern

Bayern München positionierte sich in einem 4-4-2 oder 4-2-2-2, frei nach Gusto. Die Außenverteidiger der 4er-Kette rückten meist sehr weit auf. Und auch ein, bewegten sich doch beide nicht nur auf den Flügel sondern auch in den Halbräumen. Davor die Doppel-6 Aus Rode und Xabi Alonso, letzterer stand meist sehr tief, kippte zwischen die Innenverteidiger ab und verteilte aus dem Hintergrund lange Bälle. Die beiden offensiven Flügelspieler Shaqiri und Götze orientierten sich ebenfalls stark in die Halbräume. Davor bewegte sich Lewandowski zentral aber sehr ausweichend und Müller mit Tendenzen auf die rechte Seite.

Ganz allgemein gab es einen starken Fokus auf die Halbräume. Das ist der Bereich zwischen dem Zentrum und dem Flügel. Dort stellte Bayern immer wieder Überzahlsituationen her, in dem nicht nur die Flügelspieler den Raum beherrschten, sondern auch die 6er schnell hinzu kamen. Der ballferne der offensiven Flügelspieler orientierte sich oft ins Zentrum, lediglich der Außenverteidiger gab breite. Dadurch schafften es die Bayern immer wieder Druck auf Schalke auszuüben, den ballnahen Flügel zu besetzen und das Mittelfeld weitestgehend zu sperren.
Dazu hat München immer wieder mit langen Bällen gearbeitet. Alonso hat sich da besonders vorgetan (13 lange Pässe gespielt, 9 davon erfolgreich), steckte die Bälle durch die Reihen von Schalke und überspielte so weite Teile des Mittelfelds.

Defensiv spielte Bayer wie immer ein aggressives Pressing, nahezu über den ganzen Platz. Beim Ballverlust wurden den Schalkern direkt mit einem starken Gegenpressing begegnet und auch beim Spielaufbau wurden die Innenverteidiger früh angelaufen, so dass Fährmann oft keine Wahl hatte und den Ball weit ins Mittelfeld schlug. Das Mittelfeld war aber unter Bayern Herrschaft und so stellten sich diverse Balleroberungen ein.

So spielte Schalke

Schalke bleibt seinem System treu, 4-2-3-1 offensiv, 4-4-2 defensiv. Die Auslegung jedoch in diesem Spiel deutlich anders als zuletzt. Während Schalke sich in der letzten Saison weg von einer Kontermannschaft hin zum Ballbesitzfußball entwickelte, war gegen die Bayern genau das wieder die Devise: Kontern. Sich mit Bayern München um den Ballbesitz streiten zu wollen wäre maximal dämlich und in keinem Fall von Erfolg gekrönt. Darum versuchte Keller das auch gar nicht erst und wollte viel mehr den Defensivverbund stärken und bei Ballgewinn schnell nach vorne ziehen.

Die Angriffe gingen meist über die Flügel. Ferner wollte Schalke die Ballorientierung der Münchner mit vielen Spielverlagerungen umspielen. Oft habe ich in der letzten Saison bemängelt, dass Schalke das Spiel nicht verlagert. Das klappte in den ersten beiden Spielen dieser Saison und ganz besonders hier ganz ausgezeichnet. Schalke schafft es mit ein bis maximal drei Kontakten den Flügel zu wechseln. Oft auf hin und her und wieder zurück. Oder einen Flügelwechsel antäuschen und vom Zentrum wieder zurück. Damit sollte Platz gefunden werden um näher an das gegnerische Tor zu kommen, wo dann auch meist mit Flanken gearbeitet wurde.

Defensiv erhöhte Schalke die Mannorientierung. Das gab einige Probleme, weil die Bayern recht clever waren und das ausnutzten um Verteidiger weg zu ziehen und Raum für andere zu schaffen. Einer derart spielintelligenten Offensivreihe mit Lewandowski, Müller, Götze und Shaqiri stand so ein Santana gegenüber. Der versucht typischer weise fehlende Spielintelligenz mit Geschwindigkeit wett zu machen. Doch (Vorsicht, Binsenweisheit) der Ball ist schneller als die Beine. Dadurch entstanden diverse gefährliche Situationen und das Tor.

Ansonsten versuchte Schalke den Gegner sehr hoch anzupressen und das Ballbesitzspiel zu verzögern. Hier war der Unterschied nach 20 Minuten sehr deutlich spürbar…

Die ersten 25 Minuten

Schalke fing mit sehr viel Respekt an. Traute sich nicht so richtig nah an den Gegner, ständig in der Befürchtung, dass dieser einfach vorbeiziehen könnte und dann viel Raum hätte. Auch mit dem Ball hatte Schalke viel Angst, dass der Gegner den Ball einfach klauen würde und direkt mit viel Platz auf’s Tor stürmen könnte. Die Angst zeigte sich insofern unbegründet, als dass sie genau das provozierte: Ein Gegentor.

Schalke ließ den Bayern in der Anfangsphase viel zu viel Platz. Sowas nutzen sie natürlich aus. Gleichzeitig ist Schalke in dieser Saison ja immer noch auf der Suche nach der eigenen Ballsicherheit. Das im Hinterkopf ließ sich Schalke von der Schickeria einfach schikanieren.

Ein zusätzlicher Unsicherheitsfaktor war das Mittelfeld. Höger und Kirchhoff versuchten irgendwie den Kopf über Wasser halten, kam aber fast immer zu spät. Durchs Wassertreten holten sich auch beide ihre gelbe Karte ab. Das Mittelfeld kam auf keinen grünen Zweig und konnte daher auch die Flügel nicht so unterstützen wie es vermutlich nötig wäre. Ergebnis waren immer wieder weit nach vorne geschlagene Bälle, die auf Grund der schlechten Staffelung der Schalker und der guten Staffelung der Bayern häufig verloren gingen.

Und danach

s04-fcbDoch nach 20-30 Minuten änderte sich das Gesicht Schalkes radikal. Keller stand immer wieder brüllend am Spielfeldrand und dirigierte die Mannschaft um. So konnte beobachtet werden, dass Schalke nach dem Tor von Angriff zu Angriff höher stand und die Bayern früher attackierte.

Ein wichtiger Faktor war, dass die Ballsicherheit Fortschritte machte. Der Spielaufbau gelang speziell Ayhan in Zusammenspiel mit Sam immer besser. Der entscheidende Punkt hier war jedoch die Einwechslung Roman Neustädters in der 40. Minute. Die Ballsicherheit im Zentrum und im kompletten Schalker Spiel stieg direkt deutlich an und die Bayern hatten plötzlich stärker Probleme sich durch das Mittelfeld zu schlagen.

Auch Höger kam mit Neustädter als Partner besser ins Spiel und konnte die Räume besser nutzen. Besonders auffällig waren aber die beiden offensiven Flügelspieler Draxler und Sam. Beide machten ein gutes Spiel. Da wegen des defensiveren Höwedes viel über rechts ging war Sam sehr auffällig. Immer wieder behauptete er den Ball und band seine Mitspieler gut ein. Hier gab es aber auch eine Menge Verständigungsprobleme. Sam hat gute Ideen und steckt den Ball sauber durch, dort steht aber niemand, weil die vermeintliche Anspielstation nicht damit gerechnet hat, bzw. die Situation z.T. völlig anders eingeschätzt hat.

Herausheben möchte ich auch noch Benedikt Höwedes, der ja wie bei der WM als linker Verteidiger auflief. Nicht nur machte er dort einen grandiosen Job er zeigte auch wie wertvoll er für die Mannschaft ist. Klar, das Tor, aber davon ab. Er führte die Manschaft. Immer wieder sah man ihn in Diskussionen mit verschiedenen Mitspielern oder wie er alle anstachelte und der gleichen. Und durch die vielen Verletzten sprang er auch in den Positionen. Innerhalb von wenigen Minuten wechselte er vom Linksaußenverteidiger zum Rechtsaußenverteidiger und dann zum Innenverteidiger. Und überall machte er einen guten Job. Das finde ich persönlich phänomenal und wahrlich: Weltmeisterlich.

Fazit

Das Unentschieden ist völlig verdient, für beide Mannschaften. Bayern ist noch weit von einer Bestform entfernt, zeigte einige Unsauberkeiten und wurde von Schalke effektiv ausgebremst. Gleichzeitig hatte Schalke aber auch noch viel mit sich selbst zu tun um gegen diese Bayern mehr rauszuholen. Immerhin: Engagement und Laufbereitschaft war da. Und als Neustädter dann noch dazu kam ging die Sonne auf. Schalke hat aber immer noch herbe Probleme, was die Ballsicherheit oder das Aufbauspiel angeht. Die können nicht weggerannt werden. Jedoch zeigt das Momentum nach oben. Hoffentlich kann Jens Keller die Länderspielpause nutzen und die Mannschaft weiter entwickeln.

19uhr4 Hangcast zum Spiel

Wie in letzter Zeit häufiger war ich wieder zu Gast beim 19uhr4 Hangcast zum Spiel. Gemeinsam mit Tobias (SchalkeWeb) und Gastgeber Max diskutieren wir aber auch über die Casa KPBoateng und die neue Marketing Kampagne des S04.

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

Kategorie: Spielbericht

Ein kurzer taktischer Blick auf Borussia Mönchengladbach – FC Schalke 04, 4:1 » « Die Suche nach der Ballsicherheit: Hannover 96 – Schalke 04, 2:1

6 Comments

  1. Viele Dank für den Klasse-Artikel. Da ich die ersten 20 Minuten vom Spiel verpasst habe, war mein Gesamteindruck von der Partie sehr positiv. Es gab nach Balleroberung eine einigermaßen flüssige und kontrollierte Zirkulation, das Guardiola-Gegenpressing war nicht wirklich griffig, auch wenn der Ball letztlich dann von Fährmann oder den IV weit nach vorne geschlagen wurde. Die Strategie der Bayern ist mir immer noch ein komplettes Rätsel. Gerade nach einem frühen 1:0 schieben sie sich den Ball doch gerne hin und her bis der Gegner die Lücken aufreißt, die sie dann bespielen können. Gerade gegen die Schalker, die nicht gerne hoch pressen, wäre das doch eine sichere Strategie gewesen. Stattdessen haut der Alonso einen weiten Pass nach dem anderen nach vorne und gibt den Schalkern somit die Chance in die Zweikämpfe zu kommen. Und dann ist so eine Mannschaft wie Bayern fast ideal für Schalke, weil sie eben nicht tief stehen und damit die Räume für Konter lassen, was Draxler, Sam und Co. bekanntlich beherrschen.

    Zu Eurer Boateng-Diskussion: Ich wüsste nicht, wo ich ihn in der ersten Elf einsetzen würde. Um zu erkennen, dass Neustädter und Höger auf der Doppel-Sechs ein absolutes Traumpaar sind, und das ganze Spiel der Schalker mit den Beiden einen ganzen Quantensprung an Qualität gewinnt, dafür hätte es noch nicht einmal des Bayern-Spiels bedurft. Auf der 10 ist Mäxchen Meyer der spielintelligentere, und in den Engen bessere Spieler. Auf den reinen Außen haben Sam und Draxler Vorteile, und als klassischer Achter sehe ich Goretzka lieber als Boateng. Am Besten ist er wohl als Box-to-Box-Spieler mit der Lizenz auch mal ganz vorne reinzugehen. dann müsste sich z.B. ein Goretzka entsprechend fallenlassen. Wäre vielleicht nicht uninteressant. Aber Schalke spielt die Systeme ja eher statisch runter, und in dem jetzigen 4-2-3-1 sehe ich Höger klar als zweiten Sechser vor Boateng.

  2. Hmmm, wo einsetzen… Ich finde es großartig viele verschiedene Typen für die gleiche Position zu haben. Durch Variationen in der Austellung kannst Du so das eigene Spiel schon stark umfärben. Guck Dir an, was Guardiola bei den Bayern macht. Dort wurde es in der letzten Saison zum Teil ja auf die Spitze getrieben. Ein Spieler wird ausgewechselt und die ganze Mannschaft spielt plötzlich völlig anders.

    Boateng kommt im Vergleich zu Höger deutlich mehr über den Kampf, hat aber auch einen stärkeren Offensivdrang. Höger dagegen hat Vorteile in der Beweglichkeit und Geschwindigkeit. Wenn Du sowas weißt, kannst Du damit ja spielen.

    Die Frage ist ja: Wer passt besser zur Spielweise, die wir uns für den kommenden Gegner vorstellen?

    Wir basteln ja nicht an allgemeingültigen Superaufstellungen. Das macht nichtmal Real Madrid.

  3. Im Prinzip gebe ich Dir recht mit Deinem Argument der Variabilität. Und neben Guardiola kann man ja auch Tuchel nennen, der in jedem Spiel in Mainz gleich auf 4 oder mehr Positionen umgestellt hat, um die für den Gegner passende Formation zu finden. Ich hatte aber bei Schalke eher den Eindruck, dass dieses variable taktische Anpassen eher selten geschieht (wir spielen doch so oder so konstant 4-2-3-1), sondern dass Keller eine feste Stammmannschaft bevorzugt (die sich leider oft genug wegen der Verletztenliste von alleine aufgestellt hat). Und in der Stammmannschaft wünsche ich mir Neustädter/Höger, weil sie zusammen eine große defensive Stabilität erzeugen und für ein intelligentes und passsicheres Aufbauspiel und eine Ballzirkulation sorgen, bei der es wieder Spass macht, dem Fussball zuzuschauen. Deine vielbeschworene Gruppentaktik kommt da ein stückweit von alleine (weil die Beiden schon die Bindungen schaffen). Kurz: Ja, Du hast recht. Lass uns aber bitte mal wieder 2-3 Spiele mit Neustädter/Höger sehen, und dann noch mal drüber reden.

  4. Wieder mal sehr lesenswerter Bericht und ebenso interessante Beiträge in den Kommentaren! 🙂

  5. Kannst Du Deinen Kollgen von goalimpact nicht mal fragen, ob er eine Auswertung machen kann, was das Paar Neustädter/Höger für einen goalimpact hat (bitte die Spiele rausrechnen, bei denen Höger Rechtsverteidiger ist)? Der Goalimpact von dem Paar muss gigantisch sein. Entschuldigung, vielleicht bin ich an dem Punkt gerade etwas obsessiv, aber wenn ich in derZeitung lese, dass sich Keller gerade mit der Frage quält, wer von ein Beiden neben Boateng spielen soll, kriege ich die Krise.

    • Ich glaube nicht, dass der Goalimpact bei sowas Sinn ergibt. Aber in der Hinrunde der letzten Saison wurde ja häufig aufgerechnet, dass Höger-Neustädter erfolgreicher sind alles andere. In der Rückrunde dagegen waren ja Boateng-Neustädter recht erfolgreich.

      Persönlich finde ich H-N spielerisch passender. Aber einen Boateng auf der Bank zu lassen muss man auch erstmal gut erklären können…

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