Halbfeld­flanke

Catenaccio… Watt?!

Spätestens seit dem Champions League Finale 2012 in München, das Chelsea mit seiner krassen Hinten-zu-und-versuchen-schnell-zu-kontern-Taktik gewann hat Roberto Di Matteo seinen Ruf weg. Dazu ist er auch noch Italiener. Und die spielen ja eh immer nur Verteidigung. Kennt man ja. „Catenaccio“, muss man dann sagen. Aber was ist das eigentlich?

Catenaccio heißt so viel wie Kette oder Riegel. Um aber herauszufinden warum und wie es dazu kam, müssen wir einen Blick auf die Fußball-Geschichte werfen. Und zwar nicht nur auf die Italienische…

Der Schweizer Riegel

Karl Rappans Catenaccio.

Karl Rappans Catenaccio.

Der Österreicher Karl Rappan war Angreifer in der ruhmreichen Fußball-Zeit im Wien der 1920 Jahre, bis er 1930 zu Servette Genf wechselte und Spielertrainer wurde. Der Kader von Servette war damals eher semi-professionell und Rappan musste dies kompensieren um sich gegen die überlegenen Gegner durchzusetzen. Seine Idee war, die Außenläufer (Position 4 & 6) neben die Verteidiger (Position 2 &3) kippen zu lassen, während der Mittelläufer (Position 5) im defensiven Mittelfeld vor der Abwehr agierte. Damit schaffte er eine 4er Abwehr mit Außenverteidigern, die auch deutliche Offensivaufgaben hatten und zwei Innenverteidigern. Doch diese spielten meist gestaffelt. Der jeweils ballnahe Außenläufer und Verteidiger greift an, während der andere Verteidiger dahinter absichert.

So gab es einen Spieler vor der Abwehr und einen dahinter. Beide gemeinsam bewegten sich dann wie ein Riegel auf den Ball zu, wodurch der Begriff „Schweizer Riegel“ bekannt wurde. Rappan war damit sehr erfolgreich. Der Geniestreich des Riegels war, dass es immer einen freien Spieler zur Absicherung gab. In der Schweiz sagte man damals Verrou dazu, später wurde daraus dann der Libero.

Doch International wurde der Ansatz zunächst nicht wirklich weiter verfolgt. Zu der Zeit als der Schweizer Nationaltrainer Rappan Deutschland bei der WM 1938 in Frankreich aus dem Turnier warf, war das Russische Team Krylja Sowetow Kuibyshev (heute Samara) noch gar nicht gegründet. Doch Mitte der 1940er übernahm genau dort ein gewisser Alexander Kuzmich Abramov, der eigentlich aus dem Turnsport kam. Die Spieler bemängelten häufig, dass ein Großteil des Trainings ohne Ball stattfand, doch Abramov brachte eine Laufstarke Truppe auf’s Feld, die deutlich variabler spielte als es damals üblich war. Auch er verschob das übliche System so, dass ein Spieler hinter der Verteidigung von Manndeckungsaufgaben befreit war. Hier wurde es Wolga Klammer genannt und auch hier war man durch einen Libero nicht unerfolgreich. Doch auch das war noch nicht dessen Durchbruch. Der kam natürlich in Italien…

The Italian Job

Angeblich ohne Wissen über den Schweizer Riegel (obwohl es damals eine Menge Austausch zwischen der Schweiz und Norditalien gab) behauptet Gipo Viani den Libero erfunden zu haben als er 1947 damit anfing bei seinen Spielen mit U.S. Salernitana 1919 immer einen Spieler ohne Manndeckungsaufgaben hinter der Abwehr zu haben. So stieg Salernitana etwa als beste Verteidigung der Serie B (die war damals mehrgleisig) in die Serie A auf, blieb dort jedoch ohne Auswärtssieg.

Etwa zu der Zeit kam der Name Catenaccio auf und es kristallisierte sich ein Muster heraus: Es gab einen freien Spieler hinter der Abwehr und die ganze Mannschaft fokussierte sich darauf geschlossen zu verteidigen. Das Catenaccio wurde in Italien damals als probates Mittel für die kleinen Mannschaften angesehen. Bis Alfredo Foni 1953 mit Inter Mailand die Scudetto mit gewann. Defensive Disziplin gepaart mit Individueller Klasse für den Angriff war hier der Erfolgsfaktor. Aber es ging oft darüber hinaus, Trainer die Catenaccio spielen ließen galten oft als verbissen und stachelten ihre Spieler zu aggressivem Verhalten an. Es galt auf Teufel komm raus nicht zu verlieren.

All das wurde von Helenio Herrera auf die Spitze getrieben. Der Argentinier behauptet ebenfalls ohne Kenntnis des Schweitzer Riegels den Libero erfunden zu haben, in den 1940er Jahren in Frankreich nämlich. Herrera machte seine Spieler richtiggehend wild und kontrollierte auch deren Privatleben. Man sagt ihm nach ein hervorragender Psychologe gewesen zu sein, aber auch mit guten Kenntnissen in Pharmazeutik. In jedem Fall aber war er ein großer Taktiker. Ebenfalls mit Inter Mailand lehrte er Mitte der 1960er Jahre Europa das Fürchten und gewann Titel am laufenden Band. Il Grande Inter ging mit Herreras Catenaccio in die Geschichtsbücher ein.

Das Catenaccio von Helenio Herrera.

Helenio Herreras Catenaccio.

Herreras spielte anders als der Schweizer Riegel, eine Art asymmetrisches 4-4-2. Ein Libero (Position 5) hinter zwei Innenverteidigern (Position 2 & 4) mit einem Außenverteidiger (Position 3) auf einer Seite. Dieser hatte auch deutliche Aufgaben im Angriff und musste von Hinten heraus den ganzen Flügel beackern. Davor gibt es 3 Mittelfeldspieler, die ähnlich wie in einem Modernen 4-3-3 spielen, einer davon war häufig der Spielmacher (Position 10) und postierte sich eher Zentral. Davor gibt es einen Seitlichen Mittelfeldspieler (Position 7), der, gegenüber von dem Außenverteidiger, für den gesamten Flügel verantwortlich ist. Vorne gibt es dann eine echte und eine hängende Spitze (Positionen 9 & 11).

Dabei ließ Herrera bei Ballgewinn mit hoher Geschwindigkeit und sehr vertikal spielen. Seine Ansage war mit nicht mehr als 3 Pässen vors gegnerische Tor zu gelangen. Überfallartige Konter aus felsenfester Defensive, das war Herreras Catenaccio perfektioniert und das war auch schon im Rappans Schweizer Riegel die Grundidee.

Genug Geschichtsstunde… Was ist Catenaccio?!

Catenaccio wurde geboren aus der Not gegen überlegene Gegner bestehen zu wollen. Dabei ist die Spielweise sehr fokussiert darauf nicht zu verlieren. Untrennbar damit verbunden ist die Kreation des Liberos. In einer Manndeckungswelt eine Rolle, die keine Manndeckung spielt, sondern nur für die Absicherung da war. Aber auch wenn das Catenaccio und der Libero in einem Schritt entwickelt wurden, so kann man doch das eine ohne das andere betrachten. Denn wenn wir das ganze jetzt mal von dem Libero als Einzelkämpfer abstrahieren, so bleibt als Philosophie das Überzahlspiel in der Defensive. Dafür wird ein Teil der Mannschaft von sämtlichen Offensivaufgaben befreit und arbeitet ausschließlich dafür hinten dicht zu halten.

Das Angriffsspiel ist gleichzeitig aber auch immer ein elementarer Teil des Catenaccios. Die Defensive steht sehr tief, so dass der Gegner hoch aufrücken muss. Wenn jetzt der Ballbesitz wechselt, gibt es viele Räume, die mit einem schnellen Angriff genutzt werden können und man so gefährlich vors gegnerische Tor kommt. Dabei ist es gar nicht nötig viele Spieler einzubinden, Geschwindigkeit ist der Schlüssel. Außerdem soll die eigene Defensive ja nicht entblößt werden.

Schalkenaccio

Seit Roberto Di Matteo auf Schalke ist, geistert das Catenaccio Gespenst durch die blau-weißen Köpfe und Medien. Schließlich hat er mit Chelsea ja ach so gruseligen Fußball gespielt. Dabei wird etwas vergessen: Die Motivation. Und das ist der entscheidende Faktor. Warum also hat Roberto Di Matteo mit Chelsea 2012 so spielen lassen? Die Antwort ist so simpel wie einleuchtend: Weil Chelsea hoffnungslos unterlegen war. Gegen die Bayern im Finale, gegen Barcelona im Halbfinale und schon gegen Neapel im Halbfinale. Außerdem ist es deutlich komplizierter ein überzeugendes Ballbesitzspiel aufzuziehen als eine wasserdichte Defensive. Mourinho zeigte das gleiche mit, mal wieder, Inter Mailand nur zwei Jahre zuvor.

Auf Schalke sollte sowas aber, wie in vermutlich nahezu nirgenswo, eine Neuigkeit sein. Schon der Jahrhunderttrainer, der Knurrer von Kerkrade, Huub Stevens prägte den Satz „Die Null muss stehen!“. Generell wäre dies nicht das erste Mal, dass ein Trainer versucht zunächst die Defensive zu stabiliseren und dafür auf einen Klassiker zurückgreift.

Letztlich hat das Catenaccio viele Gesichter. Nicht alle davon sind die fiese Fratze, mit welcher es oft in Verbindung gebracht wird.

Fazit: Catenaccio ist nichts schlimmes, aber meist werden nur schlimme Spielweisen Catenaccio geschimpft.

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

Kategorie: Theorie & Geschichte

Di Matteo packt die 5er-Kette aus, FC Schalke 04 – VfL Wolfsburg, 3:2 » « Der Beginn des Ballbesitzfußballs, FC Schalke 04 – Sporting CP Lissabon, 4:3

2 Comments

  1. Ha… packt RDM tatsächlich die 5er-Kette aus und gewinnt gegen den Tabellenzweiten!! :-O

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