Schalker sind verunsichert. Spielt Di Matteo jetzt mit 3er Kette oder 5er Kette? Oft ist sogar zu hören, dass bei Ballbesitz jetzt mit 3er Kette gespielt würde, die dann gegen den Ball zu einer 5er Kette werde. Darum schlage ich vor, wir gucken uns einfach nochmal genauer an, was so eine Kette eigentlich ist.

Europa- und Weltmeisterschaften waren schon immer ein Gradmesser für den Internationalen Fußball und haben die Ligen nachhaltig beeinflusst. Das jüngste Beispiel hierfür ist die allgemeine Abkehr vom 4-2-3-1. Was im Sommer in Brasilien passierte hält inzwischen Einzug in der Bundesliga. Immer mehr Mannschaften laufen in einer Variation von Systemen auf. Immer Häufiger gibt es jetzt auch in der Bundesliga eine 3er Kette zu sehen. Dabei ist das mit den Ketten noch gar nicht so alt.

Geschichtsstunde

Anno 1992 durfte die dänische Nationalmannschaft zur Europameisterschaft nach Schweden fahren, obwohl sie sich eigentlich gar nicht qualifiziert hat. Das hatte nämlich eigentlich Jugoslawien, doch da kam der Balkankonflikt in die Quere. Und der Rest war dieses bunte Medienspektakel, dass die Dänen ja eigentlich schon im Urlaub waren und dann als Party Truppe das Turnier aufmischten. Und gewannen. Im Finale gegen Deutschland.

Den Wahrheitsgehalt eines solchen Märchens können andere überprüfen. Fakt ist, dass es eine sehr torarme EM war. Und, dass Dänemark in 5 Spielen lediglich 6 Tore geschossen hat. Und auch obwohl Dänemark damals eine starke Truppe hatte, war der Weltmeister Deutschland nominell natürlich haushoch überlegen. Tatsächlich war es das moderne Spielsystem, dass den Titel gewann. Das feiern sie heute noch.

Mit dem Catenaccio wurde Mitte des letzen Jahrhunderts der Libero eingeführt, der letzte Mann. Ein Spieler, der keinen direkten Gegenspieler in der Manndeckung zugewiesen war, sondern alles ausputzen sollte, was dem eigenen Tor zu nahe kommt. Und da war es schon, das Schlüsselwort: Manndeckung. Jede Mannschaft spielte in einer Manndeckung, jedem Spieler war vor Anpfiff klar, mit wem er die nächsten 90 Minuten verbringen würde („… notfalls bis auf’s Klo!“).

Doch Dänemark hatte sich für die EM etwas anderes ausgedacht. Sie orientierten sich nicht am Gegner, sondern am Ball. Das Finale 1992 geriet so gesehen zu einem Kräftemessen, traditioneller Manndeckungsfußball gegen die frische Ballorientierung. Libero gegen 4er Kette. Das moderne System gewann 2:0.

Nach der EM wechselten immer mehr Mannschaften auf das neue System. Nur in Deutschland nicht. Die Bundesliga war Libero Gebiet. Ganze 6 Jahre später noch, die 4er Kette hielt bereits Europaweit Einzug, erklärte Ralf Ragnik das „neue“ Prinzip mustergültig im Sportstudio und wurde als Fußball-Professor abgestempelt (ZDF Mediathek). Erst 2002 spielte die deutsche Nationalmannschaft erstmals Ballorientiert. Und kam prompt ins Finale der WM. Etwa zur gleichen Zeit wurde in der Bundesliga umgeschwenkt. Deutlich später als überall sonst.

Die große Revolution wurde jedoch nicht von den Dänen angestoßen. Bereits 3 Jahre zuvor gewann Arrigo Sacchi ballorientiert mit dem AC Milan zweimal in Folge die Champions League. Dieser allerdings orientierte die Ballorientierung anschließend deutlich offensiver und presste auch höher als die Dänen. In Deutschland machte Volker Finke mit dem SC Freiburg Anfang der 90er die ersten Schritte der Ballorientierung im deutschen Profifußball.

Ballorientiertes Abwehrspiel

Die Grundidee, die zum Libero führte war, dass Überzahlspiel die Chancen auf Ballgewinn erhöhen. Wenn jetzt nicht nur ein Spieler dafür zuständig ist, sondern immer jemand dafür in der Nähe ist, dann können wir Überzahl an allen Ecken herstellen. Soweit so offensichtlich.

Das Schlüsselprinzip nennt sich Raumverknappung, es geht darum das Spiel eng zu machen. Die verteidigende Mannschaft sieht zu, dass die angreifende Mannschaft keinen Raum hat sich zu entfalten. Je weniger Raum ein Spieler hat, desto schlechter stehen die Chancen auf einen Torabschluss, bzw. einen solchen erfolgreich einzuleiten.

Eine Kette aus 4 Verteidigern.

Eine Kette aus 4 Verteidigern.

Ballorientiertes Verteidigen ist also nichts anderes ein Pressing auf den Ballführenden. Wichtig ist dabei, dass die ganze Mannschaft mitarbeitet. Denn sowas nur auf 2-5 Verteidiger zu beziehen wäre natürlich Unsinn. Und dennoch möchte ich hier, um das Prinzip zu verdeutlichen, mal auf 4 Verteidiger gucken, die im Verbund nebeneinander stehen: Eine 4er Kette.

Beispiel 1: Angriff auf dem Flügel

4erKette-2Wenn jetzt ein Gegenspieler mit Ball auf diese Kette zuhält, ist es die Aufgabe des ballnächsten Verteidigers den Gegenspieler anzulaufen. Dafür muss er aus der Kette herausrücken. Es geht in der ersten Linie gar nicht unbedingt darum einen Zweikampf zu erzwingen. Dieser könnte verloren gehen und der Weg zu Tor stünde frei. Es geht darum um den Angriff zu lenken. Der Verteidiger gibt dem Angreifer eine Richtung frei, indem er entweder den Flügel auf macht oder ihn nach innen ziehen lässt. Der Verteidiger muss dabei berücksichtigen, wo Unterstützung befindet. In der Beispiel-Grafik wäre der Flügel frei, ein weiterer Verteidiger aber am Strafraum. Es gilt also den Angriff zu lenken und zu verzögern, bis Hilfe zum Doppeln da ist. Also versucht der Verteidiger den Flügel zu versperren, so dass der Angreifer nach innen ziehen muss, sofern ein Ballverlust nicht provoziert werden soll.

Bei einem solchen Angriff ist das herausrücken des ballnächsten Verteidigers aber nicht die einzige Aktion des Abwehrverbunds. Auch die anderen Verteidiger müssen direkt reagieren und verschieben. Der herausrückende Verteidiger hat ein Loch hinterlassen, dass muss geschlossen werden. Außerdem wartet der herausgerückte Verteidiger ja auch noch auf Unterstützung. Dementsprechend muss sein Nebenspieler nicht nur die Lücke schließen, sondern ebenfalls etwas herausrücken. Auch die anderen beiden Verteidiger verschieben zum Ball, so dass der Abwehrverbund in sich geschlossen bleibt, aber stark auf den Ball zieht.

Beispiel 2: Angriff aus dem Zentrum

4erKette-3Wenn der Gegner aus zentraler Position kommt, ändert sich an dem generellen Prozedere eigentlich nicht viel. Der Ballnächste Spieler rückt aus, die Nebenspieler rücken nach, und der ballfernste Spieler rückt nach. Die Spieler bewegen sich günstigstenfalls wie an einer Schnur miteinander verbunden. Wenn ich an einer Perlenkette ziehe, bewegen sich alle Elemente mit. Daher der Begriff Kette.

Entscheidend ist aber zu erkennen, dass nicht immer stumpf die gleichen Abstände zwischen den Spielern bestehen müssen. Es geht darum von überall Zugriff auf den Ball herzustellen. Dafür muss sich die Abwehrkette (ob sie nun aus 2, 3, 4, 5 oder gar 6 Spielern besteht, spielt dabei keine Rolle) im Kollektiv bewegen. Die Kette muss gemeinsam aufrücken oder sich Fallenlassen, je nachdem was der Gegner gerade mit dem Ball veranstaltet. Die Kette muss verschieben und einzelne Spieler aus ihr herausrücken, je nach dem wo sich der Ball gerade befindet.

Abstände & Übergeben

Die Abstände zwischen den Verteidigern in der Kette sind dabei ein entscheidender Faktor. Sind sie zu klein, steht die Kette zwar horizontal sehr kompakt und es gibt kein durchdringen, bei einer Spielverlagerung müssen die Spieler aber große Strecken zurücklegen. Sind die Abstände zu groß, kann zwar ein großer Teil des Feldes abgedeckt werden, aber die Gefahr, dass Gegenspieler durch die Zwischenräume spielen (etwa der gefürchtete Schnittstellenpass), wächst.

Besonders das zweite Beispiel macht deutlich, dass eine ballorientierte Verteidigung nicht nur Aufgabe der Abwehrkette sein kann. Der Angriff findet ja im 6er Raum statt, defensive Mittelfeldspieler müssten da nachrücken. Außerdem gibt es ja wenige Angriffe, in denen tatsächlich eine ganze 4er Kette da steht, aber nur ein Angreifer mit Ball auf diese zu hält. Hier muss sich die Kette dann auch an den weiteren Spielern orientieren, ebenfalls herausrücken und dem Spieler im Ballbesitz Passoptionen versperren.

Da wir uns ja jetzt am Ball im Raum orientieren und nicht mehr am Spieler, bleibt die Frage, was passiert wenn sich der Gegenspieler mit dem Ball jetzt horizontal an einer Abwehrkette vorbeibewegt. Das Stichwort hier heißt: Übergeben. Der ballnächste Verteidiger bewegt sich ein Stück weit mit, bevor dessen Nebenspieler ausrückt um den Gegenspieler zu übernehmen. Wenn es dazwischen nicht möglich ist, den Gegenspieler zu doppeln und in einem Zweikampf den Ball zu erobern, wird der Spieler eben übergeben und auf eine bessere Gelegenheit gewartet.

Fazit

Eine Abwehrkette hat das Ziel den Angreifern den Raum zu nehmen sich zu entfalten. Im Angriff kann es daher keine Ketten geben. Die Bewegungen wären kontraproduktiv, schließlich versucht der Angriff ja Räume zu schaffen und zu besetzen. Im Angriff wäre der korrekte Sprachgebrauch also etwa eine 3er Reihe, mit der Schalke schon seit Ewigkeiten spielt. Jones war lange Zeit der 6er, der zwischen die Innenverteidiger abgekippt ist.

Ziel der ballorientierten Verteidigung ist es, den Angriff zu versperren und in Situationen zu lenken, in denen die Verteidigung in Überzahl ist. Daher ist kollektive Bewegung der ganzen Mannschaft entscheidend. Ein einzelner Spieler, der nicht mit aufrückt reißt ein Loch, dass der Gegner nutzen kann.

In der Pressingliga Bundesliga ist das heute Standard. Zu verdanken haben wir das Arrigo Sacchi, Danish Dynamite und nicht zuletzt Professor Ragnik.

Die Entwicklung ist aber auch damit natürlich nicht am Ende. In der letzten Zeit wird die Manndeckung wieder stärker. Wenn auch anders als in den 70er und 80er Jahren, nämlich Raumorientiert. Aber dazu kommen wir ein anderes Mal.

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.