Halbfeld­flanke

Der Grund der Intensitätsprobleme. VfL Wolfsburg – FC Schalke 04, 3:0

Zwei Mannschaften mit starkem Flügelfokus stehen sich gegenüber. Der Mittelkreis wurde quasi zur Sperrzone erklärt. Was darum herum aber passierte war vor allen Dingen von unterschiedlicher Intensität. Woher die kamen erkläre ich hier.

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Personalprobleme – Der Plan

Breitenreiter beklagte schon seit Dienstantritt Personalknappheit. Diesmal hatte dies einen deutlichen Einfluss auf die Aufstellung. Geis Defensivarbeit ist nicht ausreichend um allein vor der Innenverteidigung zu stehen, alle möglichen 6er im Kader (Goretzka, Höger, evtl. sogar Meyer) sind aber deutlich zu offensiv, weil Neustädter ja in die Innenverteidigung muss. Bleibt noch Aogo, der ins Zentrum rochierte. Seit knapp einem Jahr eh eine Bank, sollte er vor der Abwehr Staubsaugen und Bälle Verteilen.

Doch was passiert außen? Aogos nomineller Backup ist Kolasinac. Der hat Probleme mit dem Stellungsspiel, ist aber robust und sollte, so die Hoffnung, Vierinha in Schach halten.

Insgesamt lassen wir die 4er Kette lieber sehr kompakt stehen, der Angriff von Wolfsburg ist nicht ohne. Also viel verschieben und eng abwarten und gut herausrücken. Daher auch lieber Riether also Caicara, wir müssen vorsichtig sein.

Vorne musste zusätzlich was passieren. Gegen Klose und Naldo kann man nicht einfach hoffen, dass eine Flanke durch flutscht, es muss mehr ins Zentrum kombiniert werden. Definitiv nicht die Aufgabe von Di Santo. Eigentlich auch nicht von Huntelaar, aber irgendwer muss ja das Tor machen können.

Gleichzeitig brauchen wir viel Geschwindigkeit drum herum. Damit ist das bevorzugte 4-2-2-2 aber raus. Wir brauchen einen 10er. Meyer ist allerdings zu langsam für die schnellen Konter, wen anderes gibt es leider nicht. Dann also Draxler ins Zentrum. Der fehlt jetzt natürlich links. Also muss Sané dahin, auch wenn der besser auf der anderen Seite wäre. Aber das gleiche gilt für Choupo-Moting. Der muss aber rechts, damit er seine Dribblings besser einsetzen kann. Sané soll vor allem mit seiner Geschwindigkeit arbeiten. Und alle drei sollen ein bisschen durchwechseln, besonders Draxler.

Abstimmungsprobleme – Das Spiel

Vierinha war der beste Mann auf dem Platz. Zum einen ließ er es gar nicht dazu kommen, dass Kolasinac seine Stärken ausspielen konnte und umspielte dessen druckvollen Zweikämpfe federleicht. Zum anderen musste Kolasinac sich an die 4er Ketten Strategie halten und kam beim herausrücken logischerweise ständig einen Schritt zu spät, weil Vierinha massig Platz hatte. Nicht zuletzt weil die Verteidigungsarbeit von Sané sicher ausbaufähig ist und dieser zusätzlich noch mit Träsch alle Hände voll zu tun hatte. Träsch & Vierinha sind hervorragend eingespielt und hatten fast freie Hand. Kolasinac & Sané dagegen deutlich nicht und hatten das ganze Spiel über deutliche Abstimmungsprobleme. Besonders Kolasinac sah dadurch häufig nicht gut aus.

Auch vorne hatte Schalke damit zu kämpfen, dass eine solche Zusammenstellung vermutlich nicht häufig trainiert wurde. Es gab eklatante Abstimmungsprobleme in allen Bereichen. Immer wieder gab es Dribblings weil der Ballführende nicht wusste wohin mit dem Ball. Aus dem gleichen Grund gab es immer wieder auch lange Pässe. Die wirkten jedoch sehr unkoordiniert. So wurde Ballbesitz schnell und häufig verspielt, weil der Ball einfach von Wolfsburg eingesammelt werden konnte.

Und dazu: Intensitätsprobleme

Sicherlich ebenfalls der zusammengewürfelten Besetzung geschuldet waren die Intensitätsprobleme, denn aggressives Pressing und erst recht Gegenpressing muss gut abgestimmt sein. Von beidem war wenig zu sehen.

Schalke spielte sehr Passiv, noch passiver als in den vergangenen 3 Spielen. Wolfsburg störte bereits den Spielaufbau und jeder Ballführende Schalker direkt von mehreren Seiten eingekesselt wurde. Schalke dagegen versuchte nur die Anspieloptionen zuzustellen, der Ballführende wurde nur selten in Zweikämpfe verwickelt. Dabei war die erste Reihe der Verteidigung (Draxler und Huntelaar) im Mittelkreis zu finden. Dann erstmal lange nichts und dann zwei 4er Ketten vor dem Strafraum. Ein bisschen wie Darmstadt kürzlich.

Die Ketten haben versucht sehr eng und kompakt zu bleiben. Das schafften sie auch großteilig und Wolfsburg kam in letzter Konsequenz nur selten zu wirklichen Torchancen. Schalke wollte sich hier auf keinen Fall auseinander ziehen lassen und speziell die Außenverteidiger sollten erst spät raus rücken. Blöder weise kam genauso das erste Gegentor zu Stande.

Ein Spiel auf den Flügeln

Beide Mannschaften bespielten faktisch nur die Flügel. Ballbesitz im Mittelkreis gab es fast nie. Wolfsburg hatte darin aber offensichtlich mehr Übung und war schnell mit den Spielverlagerungen. Schalke tat sich da schwerer. Mitspieler wurden nicht gefunden und jeder einzelne  versuchte zwar engagiert, aber scheinbar Planlos, durch viel Bewegung Möglichkeiten zu öffnen. Das klappte nur selten, die Gruppentaktik fehlte.  Besonders bei den Hereingaben vom Flügel fiel es Schalke schwer Gefahr zu entwickeln. Und so das Mal gelang, verpuffte diese, die Abschlussschwäche der letzten Spiele setzt sich fort.

Nach etwa 20-25 Minuten ließ Wolfsburgs Intensität, bereits in Führung liegend, deutlich nach. Erst jetzt fand Schalke etwas ins Spiel. Insgesamt hatte ein gut eingespieltes Wolfsrudel aber wenig Probleme sich die auf reine Basisfunktionalität beschränkenden Schalker zurecht zu legen. Dass es eigentlich nur zu einem Tor aus dem Spiel reichte, zeigt die individuelle Klasse von Schalke. Dass zwei weitere Gegentore innerhalb von wenigen Minuten durch den gleichen Trick bei einer Ecke fielen, zeigt das Gegenteil.

Als Draxler später auf den Flügel wechselte wurde auch er stärker und konnte sich stärker in den Spielaufbau einschalten. Seine Probleme auf der 10 wurden schon vor zwei Jahren von Spielverlagerung diskutiert. Aber hier interpretierte er seine Rolle eher als ein Flügelspieler im Halbraum neben dem Flügelspieler. Das Problem war natürlich, dass er so ständig zwischen den Flügeln pendelte, dadurch wirkte er mit der Umstellung deutlich stärker. Allerdings hielt er auch vorher schon in dem Chaos die Fäden zusammen.

Die Meinung des Autors

Und noch was, ich bin der festen Überzeugung, dass jeder Trainer immer das macht, was er (oder sie) nach bestem Wissen und Gewissen für die beste Lösung hält. Breitenreiter hat viel mehr Informationen über die eigenen Spieler und über den Gegner als ich. Denken wir allein an die Trainingseindrücke. Dennoch möchte ich hier mal ein Novum anführen: Was hätte ich anders gemacht? Dazu lade ich Euch ein zu diskutieren.

Ich glaube Ayhan in der Innenverteidigung und Neustädter auf der 6 würde eine ganze Menge Energie frei setzen. Nicht nur in der Defensive, sondern ganz besonders auch im Aufbauspiel.

Die Überlegungen in der Offensive halte ich jedoch für Verständlich. Nach dem Spiel würde ich sagen, dass Meyer vielleicht eine gute Idee gewesen wäre, um das Spiel etwas mehr ins Zentrum zu ziehen. Allerdings wartet da ja auch Gustavo, also wäre das auch nicht zwingend erfolgsversprechend.

Insgesamt hinterlässt mich das Spiel etwas Ratlos zurück und es scheint, als würde auf dem Transfermarkt noch einiges passieren. Das schließt aber schon bald. Wir werden sehen.

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

Kategorie: Spielbericht

Auf ein neues Schalke – Die 7 Baustellen des André Breitenreiter » « Gegen die Waffen eines Aufsteigers, Schalke 04 – Darmstadt 98, 1:1

3 Comments

  1. Es ist für mich kein stimmiger Kader, der durch den Weggang Draxlers auch noch geschwächt wurde. Mir fehlen Flügelspieler, die auch die Linie bearbeiten oder ein spielstarker Stürmer um durch das Zentrum zu kommen. Außerdem scheinen alle Flügelspieler mehr auf Rechts ihre Stärke zu haben. In der Defensive sehe ich ebenfalls einige Defizite, die bei einem Ausfall nicht kompensiert werden können.
    Danis Avdijaj entwickelt sich in Graz in die richtige Richtung und könnte als Halbstürmer mit Di Santo ODER Huntelaar gut harmonieren. Vielleicht schon nach der Winterpause.
    Es wird eine harte Saison. Ein einstelliger Tabellenplatz in der Hinrunde wäre schon ganz ok. Sollte Breitenreiter mit dieser Mannschaft die Saison unter die ersten 4 kommen, wäre im das sehr Hoch anzurechnen.
    Gruß
    Jörg

  2. Ganz kurz zu zwei positiven Aspekten, im Vergleich zu den Vorjahren: 1) Fährmann spielt mit, der Spielaufbau von ganz hinten läuft über ihn. Im besten Fall kommt Schalke damit zu geordnetem Spielaufbau, ein langer Pass von Geis, ein steiler Flachpass von Neustädter, Zurückfallen von Draxler oder ein typischer Matip-Ausflug. Lauter Optionen, und alle besser als der lange Fährmann-Ball der letzten Jahre. Der Rückfall war nach dem 3:0 wieder da, aber da war Schalke eh im Panikmode. 2) Schalke kombiniert sich durchaus nach vorne und hat Chancen. Letztlich nicht weniger als Wolfsburg, und mit der gleichen Chancenverwertung wie diese, wäre was drin gewesen, trotz der prinzipiellen Wolfs-Feldüberlegenheit.

    Negativ, wie von Dir beschrieben, und überraschend, denn da hatte ich von Breitenreiter mehr erwartet, und letztlich spielentscheidend: Das schlechte hohe Pressing. Das führt dazu, dass Wolfsburg ruhig aufbauen kann, schnell verlagert, und letztlich geduldig die Lücken zwischen den 6ern suchen kann, mit anschließendem Durchbruch auf dem Flügel wie beim 1:0. Vier aktuelle Ursachen für das schlechte hohe Pressing: 1) Mangelnde Intensität (angesprochen) 2) mangelnde Koordinierung, vermutlich auf Grund nicht ausreichendem Eingespieltsein (angesprochen) 3) schlechtes individuelles Verhalten. Hier war insbesondere Draxler, dem als 10er eine Schlüsselrolle beim antizipierenden Zustellen der Anspielstationen zukommt, wenn die vorderste Reihe drückt, ganz schlecht. Meyer kann sowas besser 4) schlechte Staffelung. (angesprochen). Geis und Aogo und mit ihnen die 4erKette im Schlepptau rücken nicht mit vor. Teilweise war das grotesk, wenn drei Schalker in der vordersten Reihe drückten, und dann reichte ein einfacher Lupfer in den Raum hinter den Dreien, um die Kette zu überspielen (siehe hier auch das Problem 3: Draxler). Schalke hat mehrfach lehrbuchhaft demonstriert, wie man hohes Pressing nicht spielen sollte.

    Und damit zum Personal: Mit dem Weggang von Draxler wird sich das Pressing der Schalker verbessern. Sollte das zu Lasten der Konterstärke gehen, stehen mit Choupo und Sane zwei konterstarke Spieler in den Startlöchern, mit übrigens teils ähnlichen diagonalen Bewegungen wie Draxler, was ich z.B. gegen Darmstadt kontraproduktiv fand. Höjbjerg scheint genau der Box2Box-Spieler zu sein neben Geis, der die Lücken zwischen den Reihen stopfen soll. Insofern genau die Spieler im Abgang und Zugang, die das Pressing wegen 3) und 4) verbessern werden. Dazu mal eben 35 Millionen: Der Deal ist gut, auch wenn er psychologisch ein bisschen schwierig ist (eigenes Jugendjuwel an Konkurrenten etc.).

    • Draxler… klar ist der Deal gut. Aber dafür gibt’s jetzt eine riesige Baustelle „linker Flügel“. Im Mittelfeld war das Problem mEn nicht so eklatant. Selbst mit Draxler hätte es einen Backup geben müssen, finde ich. Nun gibt es da niemanden mehr, von Verlegenheitslösungen abgesehen.
      Ich bin gespannt, ob Breitenreiter daraufhin von seinem Flügelspiel abweicht.

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