Darmstadt ist, so die weitläufige Meinung, lediglich ein Jahr Bundesligatourist und würde als Absteiger eigentlich schon feststehen. Genauso spielten sie auch. Nicht wie ein Absteiger, sondern wie eine Mannschaft, die keine Chance hat, diese aber nutzen will. Ein unangenehmer Gegner, der Schalkes schwächen nutzte.

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Das Spielgeschehen

Die Geschichte des Spiels spiegelt sich in 3 Zahlen wieder:

  • Schalke hatte 78% Ballbesitz
  • Schalke hat 21 Schüsse abgegeben
  • Dabei aber nur 5 Mal direkt auf’s Tor geschossen

Solche Zahlen sprechen für ein einseitiges Spiel gegen eine vermeintlich (deutlich) schwächere Mannschaft, die sich vor dem eigenen Strafraum verbarrikadiert und an der sich die vermeintlich stärkere Mannschaft die Zähne ausbeißt. Solche Spiele kennt jeder. Das Ergebnis ist mal so, mal so, hier kam eben ein Unentschieden rum. Überzeugend ist dann jedoch typischerweise keines der beiden Teams.

Und ganz genau so war auch dieses Spiel. Darmstadt säte Offensivaktionen spärlich, und stand in Hauptsache in zwei 4er Ketten vor dem eigenen Tor rum. Die Lilien brachten nicht mal jeden zweiten Ball an den Mitspieler (48% Passerfolgsquote), insgesamt waren das nur 76. Zum Vergleich, Roman Neustädter alleine spielte 88 erfolgreiche Pässe.

Die Angriffe waren natürlich schnelle Konter. In wenigen Zügen zum Abschluss. Mehr als 4 Darmstädter kamen dabei eigentlich nie gleichzeitig in die Schalker Hälfte. Es baute sich dann eine Art 4-2-4 auf, die beiden 6er blieben im Mittelkreis, währen die offensiven Außen auf eine Höhe zu den Stürmern aufschlossen.
Die Verteidigung allerdings, die stand bombenfest. Da kam fast nichts durch. Eine solche defensive Leistung hatte Roberto Di Matteo in dem einen oder anderen Spiel auf Schalke im Sinn.

Schalke fand die Lücke nicht

Dass die Lilien so auftreten würden war nicht überraschend. Breitenreiter hatte das auf der Pressekonferenz vor dem Spiel bereits treffend analysiert und die Mannschaft entsprechend angepasst…

Schalke wie gegen Duisburg. Immer wieder ließ sich Draxler fallen oder tauchte ins Zentrum um die Abwehrreihen durcheinander zu wirbeln. Der Effekt bei den Zebras war aber deutlich größer als jetzt bei den Lilien.

Caicara statt Riether. Schalke sollte Druck auf den Flügeln machen, bei gegnerischen Kontern aber immer schnell genug wieder zurück sein. Ein Kombinationsspiel wie von Bremen war eher nicht zu erwarten. Darum die Maschine und nicht den Fuchs.

Höger statt Goretzka. Damit sollte das Mittelfeld für den Kampf gewappnet sein (der es ja auch wurde). Während Goretzka der filigranere und Spielstärkere ist, so ist Höger deutlich Zweikampfstärker und brachialer. Höger jedoch schien zu weiten Teilen des Spiels ein bisschen wie ein Fremdkörper, die Aktionen waren wenig mit denen der anderen synchronisiert. Aber Caicara hatte das gleiche Problem.

Zweikämpfe. Schalke gewann über 60% der Zweikämpfe. Genau das wurde in diesem Spiel gebraucht, da die Darmstädter Schalke immer wieder in Zweikämpfe verwickelte. So konnte der Ballbesitz gewonnen und gefährliche Konter unterbunden werden. Schalke selbst vermied jedoch Zweikämpfe wo möglich und presste Darmstadt nur, bis sie unter Druck den Ball „freiwillig“ hergaben.

Der zweite Ball. Ralf Fährmann hat eine unglaublich hohe Passerfolgsquote (88,6%), weil er fast keine Abschläge machte. Es war klar, dass Darmstadt immer wieder versuchen wollte einen zweiten Ball zu erobern um dann schnell einen Konter zu spielen. Darum provozierte Schalke fast nie eine solche Situation, fast alle gingen von Darmstadt aus. Meist nach Befreiungsschlägen der Verteidigung der Gäste. Und meist wurden die zweiten Bälle dann erobert.

Schalkes Probleme

Breitenreiters Plan war es immer wieder den Ball vom Flügel oder aus dem Halbfeld scharf ins Zentrum zu bringen und dort den Abschluss zu suchen. Doch für solche Hereingaben braucht es Lücken und präzise hereingaben. Besonders bei einer so diszipliniert verteidigenden Mannschaft. Letztlich waren es Abstimmungsprobleme, die so etwas nur einmal gelingen ließen.

Schalkes hereingaben und generell die Pässe im letzten Drittel sind die nächste große Aufgabe vom neuen Chef-Coach. Auffällig war der rechte Flügel hier. Caicaras Abspiele waren selten präzise. Choupo-Motings Abspiele waren selten. Persönlich würde gern Sydney Sam mal in der Rolle sehen.

Da die Stürmer im Strafraum oft drohten zu verhungern, ließ sich einer der beiden regelmäßig ins Mittelfeld fallen um sich aktiv ins umspielen der Defensive einzuschalten. Mit Choupo-Moting hat das in der Hinrunde der Vorsaison recht gut geklappt. Zu meiner Überraschung war das hier jedoch meist Huntelaar, dachte ich doch, dass Di Santo genau dafür geholt worden sein, weil er spielstärker sei. Nach einer kurzen Recherche hat sich ergeben, dass er das nicht ist. Im Schnitt hatte er in Bremen eine Passerfolgsquote von 60%, was nochmal deutlich unter dem ist, was der Hunter abliefert (74%). Eine optimale Lösung ist das jedoch sicher nicht. Dafür hätte dann Meyer spielen müssen, der kann das. Meyer kam aber nicht (oder erst spät) zum Zug, weil ja mit Hereingaben gearbeitet werden sollte, und Meyer nun mal kein guter Abnehmer für Flanken ist. Di Santo schon. Nicht nur weil er deutlich größer ist.

Darüber hinaus ist im kompletten Mittelfeld die Abstimmung noch sehr Rudimentär. Darmstadt fiel es auffällig leicht, die Schalker in Deckungsschatten zu stellen. Schalker auf der anderen Seite, konnten sich daraus nicht wirklich befreien. Die so oft zitierte Dreiecksbildung kam gefühlt nur zufällig zu Stande.

Ein wichtiger Faktor wären auch noch Tempowechsel. Im Prinzip hatte Schalke nur einen Gang. Es war ein recht hoher, immerhin, Variabilität hätte Schalke aber mehr Luft verschafft. Ein schönes Beispiel ist, dass die Innenverteidiger, besonders Neustädter, bei Ballgewinn gelegentlich gezögert und den Ball nicht direkt nach vorne gespielt haben. Damit sollten die Darmstädter gereizt und zum Angriff gezwungen werden. Das klappte gelegentlich, doch prinzipiell hätte die ganze Mannschaft hier und da ein paar Gänge zurückschalten sollen, um dann später wieder überraschend den Turbo zu zünden. Sowas bedarf aber einiger Vorbereitung, so weit ist Schalke einfach noch nicht.
Noch.

Das Hauptproblem ist und bleibt allerdings die eklatante Abschlussschwäche. Auch hier gab es genügend Gelegenheiten deutlich zu gewinnen. Genutzt wurde keine davon. Wenn Schalke weiterhin derart viele Torgelegenheiten auslässt, stehen noch dummere Punktverluste ins Haus.

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.