Die Berliner spielten bisher eine starke Saison und Schalke nahm den Gegner durchaus ernst. Doch die rote Karte für Ibisevic in der 18. Spielminute brachte beide ein bisschen aus dem Konzept.

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Wie es begann

In der letzten Saison ermauerte die Hertha in erster Linie den Klassenerhalt. Neue Saison, neues Glück, jetzt spielt die alte Dame (also nicht die aus Turin jetzt) ansehnlichen Offensivfußball in einem 4-4-2. Recht vergleichbar zu Schalke eigentlich, viel über die Flügel mit zwei Spitzen vorne drin. So wurde das Spiel angegangen. Im Mittelfeld wurde viel rumgepresst und versucht schnell nach vorne zu kommen. Die Berliner versuchten früh zu stören und ließen bei Schalke keinen geregelten Spielaufbau, da mit den beiden Spitzen die Innenverteidiger konsequent angelaufen wurden. Dadurch wurden weite Abschläge erzwungen und zweite Bälle sollten erobert werden.

So war das Spiel ein Kampf ums Mittelfeld. Bis Ibisevic quer über den Platz spurtete um Meyer von den Beinen zu säbeln. Danach waren die Gäste erstmal etwas schockiert. Jetzt blieb nur noch Kalou vorne. Da es alleine schwierig ist zwei Innenverteidiger zuzustellen blieb die Hertha deutlich weiter hinten. Es wurde eine ganze Zeit erstmal etwas gemauert und gehofft, dass man irgendwie durch Schalkes anstehende Sturm und Drang Phase kommt.

Schalke lässt nach, Dárdai stellt um

Nach dem Platzverweis machte Schalke tatsächlich etwas Druck und schnell fiel das Führungstor. Doch dann ließ Schalke die Zügel wieder etwas lockerer. Es schlich sich mehr und mehr eine Lethargie ein, die von der Mannschaft bis zum Schluss nicht abgeschüttelt werden konnte. Pál Dárdai bemerkte das und baute um. Er nahm Kalou zurück auf den linken Flügel und schob Haraguchi vor, Cigerci wechselte die Seiten. Kalou ist stärker, wenn er etwas spiel vor sich hat und Haraguchi etwas Zeikampfstärker, was in der ersten Pressinglinie genutzt werden sollte.

Immer wieder wurden die Schalker Innenverteidiger jetzt doch wieder angelaufen, von Haraguchi und abwechselnd Kalou oder Darida, je nachdem welche Seite. Schaltete sich Geis zusätzlich in den Aufbau ein und kippte zwischen Höwedes und Matip, so rückte auch der andere von Kalou oder Darida mit vor. Das ganze verstärkte sich noch, als zur zweiten Halbzeit Alexander Baumjohann als Stürmer kam. Jetzt formierte sich eine offensive 3er Reihe aus ihm, flankiert von Kalou und Haraguchi vor den beiden 6ern. Da Mitchell Weiser meist sehr hoch stand, ergab sich nicht selten ein 3-3-3.

So ergab sich ein harter Kampf in dem Schalke zwar mehr Ballbesitz und auch mehr Chancen hatte, Letztlich wurde aber auf beiden Seiten nur viel gekontert.

Die Grundformationen zu Beginn der zweiten Halbzeit.

Die Grundformationen zu Beginn der zweiten Halbzeit.

Wie kam’s zum Gegentor?

Meyer stand nominell auf dem Flügel, war aber de Facto ein 10er, den es immer mal wieder auf den Flügel zieht. Dadurch wurde das Zentrum deutlich gestärkt. Choupo-Moting und Goretzka tummelten sich da ebenfalls, so wurde versucht den Fokus weg von den Flügeln zu ziehen, wo die Hertha ja auch viel unterwegs ist. Das funktionierte auch relativ gut, durch die Halbräume und das Zentrum kamen recht viele Chancen zustande. Goretzka allein hatte 3 fast-drin-Kopfbälle.

Wenn Meyer ja aber im Zentrum sein Unwesen treibt, fehlt ja jemand außen. Das hat Aogo zu spüren bekommen. Denn zum einen, hatte er nur selten eine Anspielstation auf dem Flügel und zum anderen durfte er den ganzen Flügel verteidigen und immer wieder auch Flanken schlagen. In dem Loch, das da blieb machte sich Weiser breit. So auch beim Tor der Hertha. Weiser hatte viel Platz, Aogo stand bei der Flanke zu weit weg und hätte attackieren müssen, die Innenverteidiger im Zentrum auch.

Schalker Überzahl-Lethargie

Generell schien Schalke sich in Überzahl sehr sicher zu fühlen. Es wurde nach dem Tor und spätestens zur zweiten Halbzeit ein Gang raus genommen. Es schien als wollte die Mannschaft den Sieg über die Zeit bringen ohne dabei viel zu investieren. Hertha nutzte das für sich und konnte fast noch einen Punkt mitnehmen. Die Berliner zeigten eine engagierte Mannschaftsleistung, von Schalke kam nur Stückwerk.

Immer wieder gab es zu sehen, was alle noch aus den letzten Jahren kennen. Irgendwer hat den Ball am Fuß und dringt ins letzte Drittel ein. 4-6 andere Schalker wollen ein Tor machen und versammeln sich um den 11m Punkt. Umzingelt von einem ganzen Rudel Gegner und damit eigentlich unanspielbar. Da der Ballführende aber keine Optionen hat, versucht er den Ball trotzdem rein zu bringen. Ein Gegner fängt ihn aber ab und leitet einen Konter ein. Schalke wirkt überrascht und eilt zurück. Zwei Schritte zu spät.

Die Lösungsansätze

Das Problem ist dem Schalker Trainer-Team natürlich auch aufgefallen und hat entsprechend zwei deutliche Maßnahmen ergriffen.

Mehr Bewegung. Schalke musste sich mehr bewegen und dadurch die Überzahl ausnutzen und den Gegner müde spielen. Viel Bewegung gab es allerdings nicht. Also brachte Breitenreiter Pierre-Emile Højbjerg um im Mittelfeld für Wirbel zu sorgen. Wirbeln tat er, lief ein bisschen herum als hätte er Hummeln im Hintern. Leider ließ sich davon aber niemand so recht anstecken. Dazu hatte er es wirklich schwer sich ins Spiel einzufinden.

Mehr Leute. Kurz nach dem Ausgleich wurde die 4er Kette aufgelöst, so dass einer der Innenverteidiger einfacher mit nach vorn gehen kann. Höwedes und Matip stießen immer wieder vor und versuchten Räume zu nutzen, die sich auf Grund der Personalsituation ergaben. So kam es auch dazu, dass Matip in der Nachspielzeit recht viel Platz nach vorne hatte und einen Laserpass auf Sané spielen konnte. Und während Choupo-Moting sich im 5er hinter 4(!) Gegenspielern versteckte brach Meyer vor und konnte den Ball ins Netz wemsen.

Alles in allem…

Zu Beginn der Saison verlagerte Schalke das Spiel häufig. In diesem Spiel war dem nicht so, dabei wäre das ein ausgezeichnetes Mittel gewesen. Der Gegner würde viel Laufen müssen und Schalke selbst kann sich immer wieder neu sortieren und Lücken suchen. Spielverlagerungen gab es aber besonders in der zweiten Hälfte sehr wenig. Natürlich baute sich die Hertha auch so auf, diese zu vermeiden, aber sowas sollte eine spielstarke Truppe eigentlich nicht davon abhalten das Spiel trotzdem schnell zu verlagern.

Sané gefiel mir übrigens gar nicht in diesem Spiel. Er schaffte es nicht sein Tempo gewinnbringend einzusetzen (vom Last Minute Tor natürlich mal abgesehen). Außerdem ist sein gruppentaktisches Verhalten nicht immer gut. Er tut sich schwer darin mit anderen Mitspielern zu kombinieren. Choupo-Moting, der traditionell das gleiche Problem hat, brachte sich in dieser Partie dafür deutlich besser ein. Breitenreiter scheint die gleichen Probleme bei Sané zu sehen und tritt deshalb regelmäßig auf die Bremse. Ich glaube nicht, dass das reines Taktieren ist um ein junges Talent auf dem Boden zu halten, sondern halte es für fachlich deutlich begründet.

Insgesamt ist dies mal wieder eins von den Spielen gewesen, die Schalke hauptsächlich über die individuelle Klasse gewann. Es wird spannend zu sehen, wie sich die Knappen schlagen, wenn jetzt Gegner kommen die individuell besser besetzt sind.

Fazit: Der Kapitän ist wieder an Board!

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.