Ähnlich wie bei den Duellen mit PAOK in der Champions League zuletzt, traf Schalke mit Hoffenheim auf einen guten Bekannten, der das Gros der Schalker Spieler aus dem Effeff kennt: Markus Gisdol. Ralf Rangnick brachte ihn als Co-Trainer mit, nach dessen Abtreten galt Gisdol unter Huub Stevens sogar als Taktikflüsterer.
Das Spiel selbst war eines dieser mit zwei sehr unterschiedlichen Halbzeiten, bei dem Schalke am Ende mit dem Unentschieden noch gut bedient ist. Ich gucke mal genau hin, warum das so ist.

Startaufstellungen: TSG 1899 Hoffenheim - FC Schalke 04

Startaufstellungen: TSG 1899 Hoffenheim – FC Schalke 04

Die Kontrahenten

Beide formierten sich sehr ähnlich, offensiv in einer 4-2-3-1 Formation und defensiv im Pressing mit einem 4-4-2. Allerdings gab es da viele Unterschiede wie diese Formationen umgesetzt wurden.

Hoffenheim spielte mit einem sehr beweglichen Firmino auf der 10. Er kippte viel auf den rechten Flügel und ließ sich weit fallen. Die Flügelspieler Volland und Elyounoussi machten Druck und stießen immer wieder in die Spitze. Generell spielten die 4 Offensivspieler fast auf einer Linie.

Schalke musste ohne nominellen Stürmer auflaufen. Darum setze Keller den jungen Meyer auf die 10 und schob Boateng nach vorne. Letzterer spielt ja eh sehr fluide und taucht in verschiedenen Teilen des Spielfelds auf. Darum band sich Boateng, untypisch für einen klassischen Stürmer, stark in das Spiel ein und agierte wie das, was man derzeit gern eine falsche 9 nennt. Faktisch unterschied sich seine Rolle großteilig nicht von der in vorherigen Spiele. Oft agierte er mit Meyer auf einer Höhe. Die beiden waren auch defensiv die Spitzen.

Ansonsten alles wie immer: Starker Fokus auf den rechten Flügel im Angriffsspiel und mit passivem Pressing in der Defensive. Die Probleme im Aufbauspiel wurden besonders in der zweiten Hälfte wieder stark sichtbar. Außerdem lässt sich Jones durch seine Mannorientierung immer wieder leicht aus der Verteidigung ziehen. Die Löcher werden dann meist nur halbherzig gestopft. Und Neustädter sitzt auf der Bank…

Die erste Halbzeit

Die beiden Halbzeiten waren wie Tag und Nacht. Schalke schaffte es in der ersten Hälfte viel Druck zu machen. Über Meyer und Boateng als spielenden Stürmer konnten immer wieder Überzahlsituationen hergestellt werden. Das ständige rochieren der Offensivspieler irritierte die Hoffenheimer Verteidigung zusätzlich. Schalke rückte sehr weit auf und spielte mit atemberaubendem Kurzpassspiel den Gegner schwindelig; die Schalker kreiselten wieder.

Auf der anderen Seite fand Firmino erst sehr langsam ins Spiel, Salihovic gar nicht. Den Verteidigern fehlte zu Beginn die Anbindung ans Mittelfeld, was dann später durch Firmino und Polanski verbessert wurde.

Über die gesamten 45 Minuten schaltete Schalke immer wieder sehr schnell um und Hoffenheim hatte dem nichts oder nur wenig entgegenzusetzen.

Die zweite Halbzeit

Doch dann kam die zweite Halbzeit. Da schickte Gisdol Strobl für Salihovic auf’s Feld um das Mittelfeld zu stärken. Zusätzlich presste Hoffenheim jetzt deutlich höher und deutlich aggressiver. Firmino kam immer besser ins Spiel und war jetzt der entscheidende Aktivposten im Hoffenheimer Angriffsspiel. Schalke konnte sich dagegen nicht befreien, verlor den Ball häufig und schaffte es kaum noch geregelt bis vor’s Tor der TSG.

Keller versuchte das durch die Einwechslung von Goretzka zu kontern. Dieser spielte sehr variabel und versuchte das Mittelfeld zu überladen. Aogo übernahm den linken Flügel jetzt fast komplett allein und die Schalker postierten sich stark asymmetrisch. Doch durch mangelnde Geschwindigkeit und die jetzt sehr kompakten Hoffenheimer, die auch gut verschoben, wurde nichts daraus. Ein weiterer Effekt waren viele hitzige Duelle zwischen Volland und Aogo, letzterer bekam da ja jetzt wenig Unterstützung auf dem Flügel.

Szalai kommt spät, dann aber jegliche Anbindung an das Schalker Spiel. Auf der anderen Seite hat Hoffenheim noch einige 100%igen, scheitert aber letztendlich an der eigenen Chancenverwertung.

Zum Spiel insgesamt

Zwei krass unterschiedliche Halbzeiten. Doch warum, was fehlte? Zum einen hat Hoffenheim die erste Halbzeit verschlafen. Und in der zweiten Halbzeit hat Schalke zu sehr geglaubt, dass es ein Selbstgänger würde, während Hoffenheim stärker wurde. Das wurde zunächst verpennt und dann ist Schalke nicht aus der Lethargie erwacht.
Was fehlte war Pressingresistenz. Was fehlte war jemand der dabei helfen konnte sich vom Druck zu befreien. Was fehlte war Roman Neustädter.

Clemens auf dem linken Flügel für Draxler fand überhaupt nicht ins Spiel. Er versuchte ganze 10 Pässe, von denen nur 4 einen Abnehmer fanden. Insgesamt war er lediglich 17 Mal in Ballbesitz. Sicherlich hat dies auch mit der Omnipräsenz von Aogo zu tun, der den gesamten Flügel beackerte. Goretzka, der für Clemens nach einer Stunde kam, hatte ein ganz ähnliches Problem, auch wenn er sich viel variabler ins Spiel zu drängen versuchte.

Auffällig waren die ungewöhnlich vielen Fehlpässe für Schalke. Lediglich 77% kamen beim Mitspieler an, insgesamt landeten 89 Bälle beim Gegner. Typischerweise gehört Schalke zu den passsichersten Mannschaften der Bundesliga, mit einer Passquote die 5 bis 10 Prozentpunkte höher liegt als in diesem Spiel. Das schlechte Ergebnis liegt allerdings nicht an einer Person allein, sondern am Gegner. Alle Spieler lagen etwas unter ihren Möglichkeiten und das über’s ganze Spiel. Bereits zur Halbzeit hatte Schalke die gleiche Passquote.

Deutlich wurde bei dem Spiel einmal mehr, dass es für jeden Gegner gefährlich wird, wenn Schalke das Tempo hochfährt. Das passiert allerdings nicht häufig genug, Schalke windet sich viel zu oft in eigener Behäbigkeit. Auch beim Pokal-Spiel gegen Darmstadt unter der Woche wurde das deutlich. Ich glaube ausdrücklich nicht, dass es hier an einem „Leader“ mangelt, sondern halte das für ein Coaching Problem, und vielleicht sogar auch ein Konditionelles.

Und sowieso kann ich nicht verstehen wieso Keller die extrem erfolgreiche Doppel-6 auflöst…
Pro Höger & Neustädter!

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.