Derby. Jedes weitere Wort ist überflüssig. Der Pott kocht. Die Ausgangslage tut zwar nichts zur Sache, ist aber klar: Dortmund hat sich in den letzten 3 Jahren als Deutschlands zweitstärkste Kraft etabliert, das Gegenpressing quasi im alleingang in der Bundesliga installiert und das Pressing perfektioniert. Schalke agiert dagegen sehr passiv und leidet zurzeit vor allem unter dem Verletzungspech, wichtige Stammkräfte wie Höger, Farfan oder Huntelaar stehen nicht zur Verfügung. Ganz genauso verlief das Spiel dann auch…

Die Grundformationen in der ersten Halbzeit: Schalke 04 - Borussia Dortmund

Die Grundformationen in der ersten Halbzeit: Schalke 04 – Borussia Dortmund

Formationstechnisch waren sich beide Teams einig: Eine 4er-Kette, eine Doppel-6 davor, dann einen 10er und zwei Außenstürmer sowie einen Mittelstürmer ganz vorne. Doch das war’s auch schon mit dem Gemeinsamkeiten. Die Interpretation dieser Formation hätte unterschiedlicher nicht sein können.

Dortmund

Die erste Viertelstunde lang hat Dortmund auch im 4-2-3-1 verteidigt. Doch Schalke fand vor der Abwehrreihe relativ viel Platz. Um das zu vermeiden schwenkte Klopp auf die 4-4-2 Staffelung die auch Schalke spielte.

Generell macht das Aufbauspiel macht sehr deutlich, was die Kernidee im Spiel ist. Beim BVB ist das ganz klar die Attacke. Selten benötigt Dortmund mehr als 2 Pässe um die Mittellinie zu passieren. Typisches Beispiel: Weidenfeller passt zu Sahin, der zwischen die Innenverteidiger abgekippt ist, dieser spielt weiter auf einen der Aufgerückten Außenverteidiger. Sind die gedeckt ist im Zentrum Platz für einen Pass. Außerdem beherrscht Dortmund das Mittel des langen Balls sehr gut. Wenn der Torhüter oder ein Abwehrspieler einen Ball in die gegnerische Hälfte schlägt, dann passiert das meist sehr präzise.

Die 6er bei Dortmund haben eine klare Rollenverteilung. Sahin ist für die kreativen Momente zuständig. Er übernimmt das Aufbauspiel und schaltet sich auch sehr aktiv in Angriffe ein. Bender dagegen ist ein freier Radikaler. Er unterbindet das gegnerische Spiel, nicht mehr und nicht weniger. Diese sehr statische Rollenverteilung ist sehr wichtig für das Dortmunder Spiel, weil es Stabilität bringt, welche das schnelle Umschalten erst ermöglichen.

Zum Umschaltspiel ein kleiner Diskurs: Der ehemalige Bayern Trainer Louis van Gaal hat die vier Phasen eines Fußballspiels definiert (schön erklärt von Spielverlagerung). Zwei der Phasen sind eigener Ballbesitz und gegnerischer Ballbesitz. Dazwischen jedoch sind die Übergangsphasen, also die Zeit die eine Mannschaft braucht bevor sie strukturiert einen Angriff vortragen kann, bzw. Verteidigen kann.

Diese Zwischenphasen sind die Kernkompetenz der ungeliebten Nachbarn. Die Zwischenphase nach Ballgewinn kann Dortmund so kurz halten, wie nur was. Aus praktisch jeder Lage kann direkt ein Angriff vorgetragen werden. Und das sind dann meist nicht nur Konter von ein oder zwei Spielern, sondern die Mannschaft als Verbund greift an.

Doch die wahre Stärke ist die Zwischenphase nach Ballverlust, hier spielt Dortmund das sogenannte Gegenpressing. Dabei handelt es sich um das Ausnutzen der Unstrukturiertheit des Gegners während der Umschaltphase auf Ballgewinn. Sobald der Gegner also den Ball gewinnt und kurz damit beschäftigt ist in die Angriffsordnung zu springen, wird er aggressiv attackiert. Und zwar nicht generell, sondern lediglich am und um den Ball.

Das Gegenpressing war im Spiel gegen Schalke gut zu erkennen, besonders in der ersten Hälfte. Schalke eroberte den Ball aufgrund guten Stellungsspiels, schaffte es aber nicht weit damit, weil die Dortmunder mittels Gegenpressing den Ball schnell zurück eroberten.

Schalke

Keller ist noch auf der Suche nach adäquaten Ersatz für Höger im defensiven Mittelfeld (siehe auch meine 6er Diskussion dazu). Nachdem Goretzka gegen Braunschweig nur mäßg überzeugen konnte, spielte diesmal Aogo neben Neustädter und das klappte ziemlich gut. Aogos dynamik kommt auf der 6 besser zur Geltung als auf der Außenbahn. Er war sehr umtriebig und hatte nach Matip zusammen mit Neustädter die zweitmeisten Ballkontakte auf dem Platz.

Als Farfan-Ersatz wurde Draxler auf links gekrempelt und spielte als rechter Außenstürmer. Das war neu und machte es dem Jungstar, der gerade ein bisschen nach seiner Souveränität sucht, nicht gerade leichter. Dennoch engagierte er sich, wie auch schon gegen Chelsea, sehr viel im Mittelfeld, in das er sich viel fallen ließ.

Boateng ließ sich ebenfalls viel Fallen. Aber überall hin. Zu weiten Teilen des Spiels sah es ein bisschen aus als würde Keller ein 4-3-3 spielen lassen, weil Boateng zusammen mit Neustädter und Aogo ein Zentrum bildeten. Ab der 30. Minute stand Aogo oft etwas höher als Neustädter, so dass es gelegentlich so wirkte als wären Aogo und Boateng auf den Halbpositionen vor Neustädter positioniert.

Im Aufbauspiel kippte diesmal wieder regelmäßig einer der 6er ab. Das allerdings nicht immer zwischen die Innenverteidiger sondern oft auch nur zwischen die ersten Verteidiger Dortmund. Das war kein großes Problem, da die königsblauen Außenverteidiger nicht direkt weit aufrückten.

Aggressiv gegen Passiv

Das Zauberwort beim BVB ist Pressing. Das aggressive Pressing, schon weit in der gegnerischen Hälfte, ist typischer Bestandteil von Klopps Spielphilosophie. Der Gegner wird unter Druck gesetzt und Fehler provoziert. Da das allerdings sehr kräftezehrend ist, gibt es meist einen Fokus. Im Derby hat Dortmund in Kolasinac eine Schwachstelle gesehen und oft wurde das Spiel um ihn herum zugezogen. Er bekam den Ball und war plötzlich starkem Druck ausgesetzt. Zusätzlich wurden seine Anspielstationen abgeschirmt. Was folgte waren viele Verzweiflungstaten wie weite Bälle oder riskante Pässe, das Resultat war oft der Ballverlust.

Schalke auf der anderen Seite spielt sehr passiv. Die Räume werden zugestellt, es wird verschoben was das Zeug hält, der Gegner selbst aber direkt eher selten unter Druck gesetzt. Letztlich bleiben viele Bälle in den engen Maschen hängen oder aber der Gegner findet einfach keinen richtigen Weg zum Tor. Passiv heißt übrigens nicht, dass die Spieler nicht sehr aktiv sind. Die passivität orientiert sich allerdings sehr am Raum, nicht an Gegenspielern.

Jetzt kann man aggressiv besser finden als passiv oder andersrum, das tut nichts zur Sache. Wichtig ist erfolgreich Fußball zu spielen, gemessen an den Gegebenheiten. Es gibt viele Mannschaften die heute passiv spielen, auch wenn der Trend gerade deutlich in der aggressivität liegt. Schwedens Nationalmannschaft ist so ein Beispiel, die spielt sehr ähnlich wie Schalke. Verteidigen tief und sehr passiv, lauern dabei auf Konter und versuchen diese schnell durch zu spielen. Chelsea spielt auch so, und hat auf diese Weise kürzlich sogar die Champions League gewonnen.

Die meisten großen Mannschaften sind heute allerdings aggressiv in der Verteidigung. Ajax Amsterdam und Barcelona haben’s ja schon vor Jahrzehnten vorgemacht (und waren damit sehr erfolgreich).

Ein weiteres Problem bei der Passivität ist, dass es für Zuschauer immer so aussieht als würde nichts passieren. Der Gegner wird nicht angegriffen, also sind die eigenen Mannen faul und feige. Das ist im Stadion ständig zu hören. Diese Wahrnehmung ist auch einer der Gründe für den großen internationalen Siegeszug der Lüdenscheider. Die Mannschaft begeistert durch ihre Aggressivität, die dann als „Hurra-Fußball“ tituliert und hochgelebt wird.
Begeisterung der Massen hat auf Schalke ja traditionell auch einen recht hohen Stellenwert…

Fazit

Schalke verliert das Spiel völlig zurecht gegen einen starken Gegner. Nur in Phasen in denen die Dortmunder vom Gas gingen (oder der intensiven Spielweise geschuldet gehen mussten) konnte Schalke sich ein paar Halbchancen erarbeiten. Wirklich gefährlich vors Dortmunder Tor kamen die Blauen dabei nur sehr, sehr selten. Und das tut weh.

Letztendlich war dieses Spiel aber viel mehr als nur das Derby zwischen den ewigen Rivalen aus dem Ruhrgebiet: Es war eine Demonstration. Gut gespieltes aggressives Pressing gegen gut gespieltes passives Pressing. Schalke hatte fast 60% Ballbesitz, zwischendurch häufig sogar weit mehr, und konnte nichts damit anfangen. Das Gros der Pässe fanden in der gleichen Zone statt wie die des Gegners: Viel zu nah dran an Hildebrands Kasten.

Ich hoffe, dass aus dem Spiel die richtigen Schlüsse gezogen werden. Man kann die Stellung des Nachbarn anerkennen, muss aber auch zwingend überlegen, wie man sich verbessern kann. Ich halte es für längst überfällig der Passivität den Rückenzuzudrehen und aggressives Pressing, sowie Gegenpressing einzuführen.

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.