Halbfeld­flanke

Meyer, wie Draxler, nur anders. FC Schalke 04 – FSV Mainz 05, 2:1

Spiel 1 nach dem Abgang Draxlers. Alle waren gespannt, wie Breitenreiter das kompensieren würde und wie er das System anpassen würde. Die Antwort ist, zumindest in diesem Spiel, viel einfacher als gedacht. Ein kurzer Blick auf’s Spiel, mit Fokus auf den linken Flügel Schalkes.

Die Startformationen zu Spielbeginn. Die Startformationen zu Spielbeginn.

Kurz zum Spiel

Die große Stärke von Mainz 05 ist das Umschaltspiel. Immer, wenn sie dazu kamen, wurde es Brandgefährlich, einmal klingelte es sogar danach. Um vom Umschaltspiel profitieren zu können, bedarf es eines Ballgewinns, in nicht allzu großer Entfernung vom gegnerischen Tor. Die Mannschaft muss also mit hoher Intensität recht hoch pressen. Das taten die Mainzer allerdings nur etwa eine halbe Stunde lang.

In den ersten 20 Minuten stand Mainz sehr tief und war darüber hinaus sehr passiv. Schalke bespielte das nach Belieben und kreierte Torchancen, die für 3 Spiele reichen sollten. Wie in jedem Spiel dieser Saison bisher war die Chancenverwertung jedoch haarsträubend.

Dann wachte Mainz auf, spielte höher und druckvoller, sodass Schalke ein paar Probleme bekam. Doch mit dem Ausgleich ließ die Intensität der Mainzer Stück für Stück nach, so dass es in der letzten halben Stunde zu einem Kampfspiel wurde. Schalke hatte nicht mehr freie Bahn wie zu Beginn des Spiels um sich alles zurecht zu legen, aber Mainz presste auch nicht mehr intensiv genug um die eigenen Stärken richtig ausspielen zu können.

Schalke wie immer

Taktisch gesehen glich diesem Spiel von Schalke dem gleichen Muster, dass es schon im Saisonauftakt in Duisburg zeigte. Ein klares 4-4-2 in dem es 2 Mittelfeldspieler gibt, der eine davon hält sich als 6er stark an die Defensive (Geis, dazu später mehr), der andere (Goretzka) spielt als 8er Box-to-Box und beackert so ziemlich das ganze Feld. Letzterer hat die Aufgabe überall zu unterstützen und die Flügel zu überladen, damit Überzahlsituationen entstehen.

Auf den Flügeln gibt es jeweils einen recht offensiv ausgerichteten Außenverteidiger und einen offensiven Flügelspieler. Der Außenverteidiger soll mit seinem Vordermann kombinieren und die Stürmer regelmäßig mit Hereingaben füttern. Aogo & Caicara kamen auf je 4 Flanken. Hier ist Gruppentaktisches Verhalten gefragt, speziell mit dem 8er gemeinsam. Das funktionierte auf links mit Aogo und Meyer recht gut, rechts dagegen eher nicht so. Es wurde offensichtlich, dass Caicara noch nicht ganz im Team angekommen ist und dass Coupo-Moting ein paar gruppentaktische Defizite hat. Bei den Stürmern lässt sich abwechselnd der eine etwas Fallen um als Anspielstation zu dienen, tendenziell lauern aber beide in Strafraumnähe auf zuspiele.

Bei aller Symmetrie sind die Rollen der offensiven Flügelspieler recht unterschiedlich. Choupo-Moting auf rechts spielt sehr klassisch, wie Farfán früher. Er klebte mehr oder weniger am Flügel und rannte hoch und runter. Erst spät zog er in den Strafraum.

… nur ohne Jule

Auf der anderen Seite stand zuletzt immer Julian Draxler. Jetzt steht er im Wolfsburger Zentrum. Die Baustelle hat Breitenreiter für mich überraschend mit Max Meyer geschlossen.

Draxler kommt gern mit Geschwindigkeit, ist stark im eins gegen eins und spielt starke lange Bälle. Sowohl auf’s Tor als auch auf die Mitspieler. Draxler hat dabei aber nicht zwingend die beste Übersicht. Meyer ist kürzer veranlagt. Damit meine ich nicht seine Körpergröße, sondern den Radius seiner Zuspiele. Meyer ist eher klein-klein, nicht dass er langsam wäre, aber eben auch nicht Pfeilschnell. Er kommt nicht über den freien Platz gespurtet, sondern sucht die Engen Räume um sich dort zu behaupten. Er ist darum deutlich kein Konterspieler, aber ebenfalls stark im eins gegen eins. Und im eins gegen zwei. Und im eins gegen drei. Die Bälle die er dann aber verteilt sind eher 10m als 30m weit, sowohl auf’s Tor als auch zu den Mitspielern. Dafür dann aber auch recht präzise und mit bereits recht guter Übersicht.

Die Stärken von Draxler kommen auf dem Flügel voll zur Geltung, die von Meyer auf der 10. Jetzt ist Draxler weg, und eine 10 gibt es im System gerade eh nicht, also setzt Breitenreiter denn Herrn Meyer auf den linken Flügel. Damit nimmt er eine Schwächung bei Kontern in Kauf, verspricht sich aber die Kreation von mehr Chancen. Begünstigt durch die fehlende Intensität der Mainzer kam’s in der Anfangsphase dann auch genauso. Schalke konterte weniger als zuletzt, biss sich aber am Strafraum fest, suchte und fand Lücken. Viel Gelegenheiten zu kontern hatte Schalke eh nicht, da Mainz sehr tief stand.

Zusätzlich hatte Draxler viele Freiheiten um seine Kreativität einzubringen. Die hatte Meyer ebenfalls. Immer wieder zog er ins Zentrum, wie Draxler auch, half aus und kombinierte mit den Kollegen. Anders als erwartet jedoch war Meyer dabei ein echter Flügelspieler. Als ich die Aufstellung sah, hab ich damit gerechnet, dass er eher den Halbraum beackert als den Flügel. Dem war aber deutlich nicht so. Meyer war ein Flügelspieler, der auch mal in den Halbraum zog, nicht umgekehrt.

Insgesamt wurde keine neue Rolle geschaffen, sondern die Draxler Rolle nur von Meyer ausgefüllt und im Detail ein bisschen angepasst. Der offensichtlichste Unterschied war, dass Draxler sich häufig in den Spielaufbau einschaltete, Meyer sehr selten. Das übernahm Geis jetzt mit.

Das Geis’sche Positionsspiel Problem

Draxler hat sich häufig in den Aufbau eingeschaltet und viele weite diagonale Bälle gespielt. Jetzt macht Geis das einfach selbst. Er verlagert das Spiel früh. Und wechselt die Flügel und spielt in die spitze gleichzeitig. Meyer und Choupo-Moting wurden so immer wieder gut eingesetzt.

Geis fällt immer häufiger durch mäßiges Positionsspiel auf. Das Gegentor hätte er leicht vermeiden können, hätte er nicht wild und unabgestimmt den Ballführenden attackiert, sondern das Zentrum weiter besetzt.

Auch im Aufbauspiel lässt er sich ständig extrem tief zwischen die Innenverteidiger fallen. Dabei kommt er denen immer wieder so nahe, dass es wirkt als wolle er sie decken. Oder er stellt die direkten Passwege  der eigenen Innenverteidiger unter einander zu. Damit macht er es den Gegner sehr einfach das Aufbauspiel zu stören. Xavi Alonso hat das gleiche Problem. Geis ist allerdings noch recht jung und wird sich da sicher noch verbessern. Die Innenverteidiger wichen dadurch immer weiter aus und standen immer breiter. Dadurch ist Geis, über den faktisch jeder Aufbau ging, gezwungen lange Bälle zu spielen. Zum Glück ist das eine seiner großen Stärken.

Fazit

Meyer spielt wie Draxler. Und das klappte erstaunlich gut. Zumindest solange Mainz nur mäßig Druck aufbaut. Die starke Phase von Mainz war gleichzeitig die schwächste von Meyer. Geschenkt, es ist ein neues System und eine neue Position. Insgesamt muss sich noch einiges finden auf dem Feld, es ist aber auch zu beobachten, dass hier von Spiel zu Spiel Fortschritte gemacht werden. Was bleibt ist der katastrophal fahrlässige Umgang mit Großchancen.

Positive Randnotiz: Kaan Ayhan wurde eingewechselt. Zwar erst Sekunden vor Schluss und ohne Ballkontakt, aber ich bin voller Hoffnung bald mehr von ihm zu sehen. 🙂

Nachschlag: Des Hunters Strafstoß Statistik

Eine Statistik die zurzeit sehr durch die Medien geistert, ist die der zuletzt 4 verschossenen Strafstöße in Folge. Das muss ein bisschen relativiert werden, denn das waren nicht die letzten vier Strafstöße Schalkes. Zuletzt hat Di Santo einen vergeben. Und in der letzten Saison hat Huntelaar gar keinen Strafstoß probiert. Die hat vor allem Choupo-Moting geschossen. Meist halbhoch links. Und auch in der Saison davor hat Huntelaar „nur“ zwei Strafstöße vergeben. Wir reden also über einen beträchtlichen Zeitraum. Und dann muss noch genannt werden, dass der Hunter letzten Sommer vom Punkt verwandelte und damit dafür sorgte, dass Holland gegen Mexiko gewann und ins Viertelfinale einzog. Wenn schon mit Statistiken jongliert wird, dann bitte auch richtig.

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

Kategorie: Spielbericht

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4 Comments

  1. alle welt redet von goretzka – und hier gibt’s grad mal einen nebensatz?!
    war der – taktisch betrachtet – so unauffällig?

  2. Muss ebenfalls sagen das ich Goretzka besser fand als Meyer. Gerade im Abschluss fehlt es Max noch gewaltig. Er wirkt teilweise viel zu überhastet. Ist aber vllt dem Alter geschuldet.

    Grotetzka hingegen sehr Zweikampfstark und abgeklärt… war wirklich auffällig.

    Mal sehen wies gegen in der Europa League gegen Nikosia ausschaut 🙂

    • Definitiv nicht unauffällig, aber eben auch nicht unerwartet. Auf Goretzka bin ich ja schon häufiger eingegangen und ich stimme Euch hier völlig zu. Aber der Fokus hier lag ja deutlich auf derBaustelle linker Flügel.

  3. Die Spielidee von Breitenreiter ist nach den ersten Pflichtspielen sehr offensichtlich: Er interessiert sich überhaupt nicht für die zentralen Räume, die weiter als 10 Meter vom gegnerischen Strafraum entfernt sind. Einfach, weil er sie für nicht relevant erachtet im Sinne der Generierung von Chancen, und im Sinne des Interesses für den Zuschauer. Dafür brauch er zwei Key-Positionen: 1) einen Quarterback, der diese Räume schlicht überspielt (Geis) 2) einen Box2Box-Spieler, der (defensiv) horizontal wie vertikal genau diesen Raum zuläuft und (offensiv) für entsprechende Überladungen sorgt (wahlweise Goretzka, Höjbjerg). Zusätzlich (weniger Key als angenommen, aber mehr Key in der Realität): spielstarke Innenverteidiger, die in diese Räume reinlaufen (wenn der Gegner sie mal freigibt), oder sich reindribbeln (Matip mehr geeignet als Neustädter). Diese Freigabe des zentralen Raumes hat einen (offensiven) Vorteil und einen (defensiven) Nachteil: 1) (offensiv): Er hat einen Spieler frei, den er als zweite Sturmspitze einsetzt, und damit erhöht er die kombinativen offensiven Potentiale, was für mich (trotz der offensichtlichen kombinativ-taktisch-passtechnischen Limitierung di Santos) entscheidend ist für die stark verbesserte Chancenerzeugung (gepaart mit offenbar stark verbesserten gruppentaktischen Abläufen, insbesondere auf links, wo sich Aogo in der Rolle pudelwohl fühlt) 2) (defensiv) der Mittelraum ist offen wie ein Scheunentor für überfallartige Konter des Gegners. Das wird man mit dieser Spielidee nur dadurch in den Griff bekommen, dass die Mannschaftsteile noch enger zusammenrücken bzw. die IV höher stehen und damit den Raum zumachen (wofür Neustädter wiederum genau der richtige wäre; was wiederum bedingt, dass Fährmann a lá Neuer höher steht und den größer werdenden Raum hinter den IV zumacht).

    Die ganze Spielidee 1) verspricht (den versprochenen) offensiven Fußball 2) funktioniert in der Tat unabhängig von Draxler (schlechter ohne Geis) 3) ist taktisch nicht wahnsinnig variabel, und mit einem sehr offensichtlichem Plan für den Gegner sozusagen auf dem Präsentierteller ausgestattet

    Zu 3: Ein einziger guter Spielplan gut ausgeführt kann manchmal viel weiter tragen als viele Spielideeen, aber nicht wirklich gut durchgeführt. Die Beispiele Klopp und Favre zeigen, wie weit man mit einer guten Spielidee kommen kann. Aber auch, dass irgendwann damit Schluss ist, wenn plötzlich nicht mehr die dafür ideale Spielerkombination auf dem Platz steht.

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