Halbfeld­flanke

Rotation mal anders. FC Schalke 04 – Borussia Mönchengladbach, 4:0

In den 5 Niederlagen in der Liga zuvor schoss Schalke nur halbsoviele Tore wie in diesem Spiel. Woher die plötzliche Steigerung kommt und warum Schalke jetzt zwar etwas Ruhe hat, aber noch lange nicht über’n Berg ist, soll hier beleuchtet werden.

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Gladbach

In kurzer Zeit ist Borussia Mönchengladbach vom fast-Absteiger zum Champions League Team mutiert, das den großen FC Barcelona an den Rand eines Punkteverlust spielt. Und noch immer steckt eine ganze Menge Favre im Team. Schubert lässt meist im 3-4-3 auflaufen, so auch hier, das allerdings recht variabel interpretiert wird. Und das ist letztlich auch die große Stärke dieses Systems. Aus dem Mittelfeld können jederzeit ein oder auch zwei  Spieler die Verteidigung unterstützen, gleichzeitig ist im Mittelfeld viel Personal vertreten, so dass das Zentrum gut dicht gemacht werden kann. Und auch der Sturm ist gut besetzt und kann ebenfalls von den Flügelspielern unterstützt werden.

Während Christensen hier den 6er gab, tauschen Kramer und Dahoud oft die Positionen, jeweils als tieferer oder höherer Spielmacher. Insgesamt schien Gladbach aber mit ordentlich Respekt in den Pott gereist zu kommen. Speziell in der ersten Halbzeit wurde versucht nicht in Konter zu laufen. Das wurde in der Zweiten Halbzeit geändert, personifiziert mit der Auswechslung von Vestergaard. Christensen gab dann den zentralen Verteidiger, Kramer gab mit Dahoud nun die Doppel-6 und Stindl wurde als neuer 10er eingewechselt, sollte das Zwischenlinienspiel stärken.

Gelsenkirchen

Weinzierl ist ein starker Verfechter der 4-2-3-1 Offensive und 4-4-2 Defensive. Das war auch unter Breitenreiter schon so. Nun ist beides gegen eine 3er Kette immer etwas schwierig, weil man Überzahl in Positionen hat, in denen sie nutzlos ist und Unterzahl, wo’s entscheidend ist. Entsprechend müssten die Spieler ihre Grundordnung verlassen, was schnell zu einer Unordnung führen kann und eingeübte Abläufe zerstören kann. Darum dachte sich Weinzierl einen Trick aus: er drehte die Aufstellung einfach ein wenig im Uhrzeigersinn.

Kolasinac schon weiter vor, der Rest der 4er Kette zog ein bisschen mit und wurde so selbst zur 3er Kette. Diesen Kniff hat man in der laufenden Saison schon häufiger bestaunen dürfen, zumindest situativ. Aber dann geht’s los…
Um den Platz neben Höwedes auf den rechten Flügel zu füllen, zog Schöpf dafür ein wenig zurück. Um den Platz vorne jetzt wiederrum besser zu nutzen, wurde aus Choupo-Moting und Embolo eine Quasi-Doppelspitze. Fertig war die optimale Aufteilung gegen das Gladbacher 3-4-3, und die Grundstruktur konnte beibehalten bleiben. Asymmetrie, juchee.

Die Schalker-Formationsrotation. Noch schöner beschrieben und illustriert von Spielverlagerung-Autor Martin Rafelt.

Die Schalker-Formationsrotation.
Noch schöner beschrieben und illustriert von Spielverlagerung-Autor Martin Rafelt.

Diese Rotation hat allerdings auch ein paar Nebenwirkungen. Auch defensiv zog Choupo-Moting jetzt weiter nach vorne und Schalke schien in einem 4-3-3 zu spielen. Allerdings nur so halbgar, denn oft blieb eine Lücke vor Kolasinac. Häufig versuchte Gladbach diese Lücke auszunutzen (42% der Angriffe über rechts) und immer wieder versuchte Kolasinac diese Lücke zu schließen.

1. Halbzeit in einer Hälfte

Mit dem Sieg gegen den FC Salzburg im Hinterkopf, zeigte Schalke ein gutes Offensivpressing. Gladbach wurde früh hanglaufen und zugestellt. Insgesamt zog die ganze Mannschaft so hoch, dass die Fohlen zwar die meiste Zeit den Ball hatten, der aber die Abwehrreihe praktisch nicht verließ. Choupo-Moting, Embolo & Goretzka stellten den Aufbau konsequent zu und wenn der Ball dann doch mal ins Mittelfeld gelangte, zog Schalke sich um den Ball zu, so dass der Ballführende unter Druck gesetzt wurde, gleichzeitig keine Anspielstation hatte und der Ball wieder zurück nach hinten ging.

Schalke versuchte zu kontern, kam so auch zu 2-3 Halbchancen, letztlich agierte Gladbach aber so zurückhaltend um genau solche Situationen zu unterbinden. Und das war erfolgreich. Selbst gelang es den Borussen aber nur extrem selten die Mittellinie zu überqueren.

2. Halbzeit: Wer anderen eine Grube gräbt…

Gladbach entschied, dass das Spiel zu langsam sei und wollte durch oben beschriebene Auswechslung mehr Druck machen. Dafür wurde die Sicherheit etwas runtergefahren und die Risikobereitschaft etwas erhöht. Schalke schien davon zu Beginn etwas irritiert, konnte die schöne Ordnung aus der ersten Halbzeit nicht mehr so leicht aufrechterhalten und hatte Probleme das eigene Pressing richtig aufzuziehen. Die Gäste auf der anderen Seite schienen Fuß zu fassen, kamen jetzt deutlich leichter in die Nähe des Fährmann’schen Strafraum, konnten jedoch durch die starke Schalker Endverteidigung gestoppt werden. Besonders Bentaleb und Geis wurden jetzt stärker gefordert.

Gleichzeitig öffneten die Fohlen jetzt aber auch Räume und ließen Platz für Schalker Konter. Und besser als zuvor, wussten sie diese Chancen jetzt zu nutzen. Alle 4 Tore waren nach einem direkten Konter entstanden. Schalke gewann den Ball, schaltete schnell um, stieß vor und gelangte in den Strafraum. Durch die Formationsumstellung Schalkes hatten die Gäste es dabei schwer Überzahl in der Defensive zu erzeugen, was den Knappen in die Karten spielte.

Ist der Knoten jetzt geplatzt?!

Blöde Phrase. Erstmal ist gut, dass Schalke es geschafft hat, einen Champions League Teilnehmer zu besiegen. Dass so viele Konter plötzlich verwandelt werden, kann sicher als Glück verbucht werden, letztlich hatte Schalke aber zuletzt auch einiges an Pech, das geht schon in Ordnung, finde ich.

Letztlich hat Schalke aber eben gut gegen einen guten Gegner gespielt. Wie schon gegen die Bayern. Jetzt will ich die beiden nicht in einen Topf werfen, aber letztlich haben beide Teams ein eigenes Ballbesitzspiel. Schalke konnte sich auf die Verteidigung konzentrieren und hat sich prinzipiell hinten rein gestellt. Auch wenn hinten hier vorne war. Ihr versteht schon. Gut ein Viertel Ballbesitz (27,6%) sprechen da eine deutliche Sprache.

Wenn Schalke jetzt aber auf Augsburg, Krasnodar, Mainz und Nürnberg trifft, sieht das ganz anders aus. Das sind Teams die selbst versuchen werden den Ball nicht haben zu müssen. Schalke wird da reines Konterspiel nicht viel Nützen. Und gegen tiefsitzende Gegner eine Idee zum Torerfolg zu haben, war in der Vergangenheit das größte Problem. Nicht erst seit der EM gilt dies ohnehin als Königsdisziplin.

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

Kategorie: Spielbericht

Der Kampf gegen den Spiegel.
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9 Comments

  1. Vielen Dank Karsten. Was Du schreibst ist immer gut erklärt und nachvollziehbar – auch wenn ich das sooo nie aus dem Spiel lesen könnte. Schön finde ich immer dein Fazit und den Ausblick. Bei der Suche nach dem königsblauen Groove klang dein Fazit noch hoffnungsvoller: „spielerisch steht Schalke kurz davor zu begeistern. “ Gestern war ich schon begeistert, gleichwohl mir klar ist, dass es gegen tiefstehende Mannschaften ungleich schwerer ist, Wege zum Tor zu finden, bist du jetzt eher pessimistisch geworden angesichts der bevorstehenden Spiele?

    • Hallo Ingo, ich war auch schwer begeistert. So negativ war das eigentlich gar nicht gemeint. Ich glaube nur, um mal beim Bild zu bleiben, dass Schalke erst noch zeigen muss, ob es den Groove jetzt tatsächlich gefunden hat oder ob es nur durch die Konstellation so wirkte.
      Mein Optimismus aber ist ungebrochen. 🙂

      • Danke für die Antwort. Ich war ein bisschen verwundert, verstehe jetzt aber, was du meinst. Beruhigend, dass du noch optimistisch bist. Lets groove Schalke.

  2. Unabhängig von taktischer Analyse wollte ich an dieser Stelle mal loswerden, dass ich das aktuelle Team wahnsinnig sympathisch finde.

  3. Finde das Team auch sympathisch :).

    Und ich finde es sehr schön, dass Schalke endlich wieder kontern kann. War bis zur Ära di Matteo/Breitenreiter ja auch eigentlich mal ein Stärke vom S04.

  4. Sehr schön dargestellt. Danke.

    Zur ersten Disziplin: Pressing. Ich dachte erst, das ist doch ein 4-3-3 Pressing, das die spielen (weil die vorderste Reihe eine so klare Dreierreihe war,) aber in Wirklichkeit war es ein 3-4-3. Egal wie, jedenfalls war das das beste Pressing, was ich seit drei Jahren gesehen habe. Keller und RDM haben ja sowieso eher tief gestanden und sich auf die exzellente Endverteidigung verlassen, Breitenreiter war in den Abläufen zu ungenau. Wie sich Goretzka da zwischen Vestergaard und dem 6er (Christensen?) bewegt hat, da kann man einen Lernfilm raus machen. War auch gut, dass die sich nie haben reizen lassen, noch aggressiver vorzugehen (und den Gladbachern die Räume dahinter anzubieten). Das Spiel zwischen den beiden schwarz-weiß-grünen IV haben sie nie unterbrochen (was dann 72,9% des 73%igen Ballbesitzes von Gladbach ausgemacht hat (ich finde, die 27% Ballbesitz von Schalke sprechen da eben keine so deutliche Sprache). Wenn man nörgeln will: Mir haben die vertikalen Abstände nicht gefallen. Ich hätte mir Geis und Bentaleb etwas näher an Goretzka ran gewünscht und Nastasic/Naldo entsprechend höher. Aber alles in allem: Schalke ist in Sachen Pressing endlich auf Bundesliga-Niveau angekommen.

    Zweite Disziplin: Umschaltspiel . Durch den enorm beweglichen, schlauen und technisch guten Embolo, der mittlerweile auch die Bälle gut halten kann, hat man schon einen prima Zielspieler. Wenn dann Kola dampfwalzenähnlich angerauscht kommt, wird das schon schwer zu verteidigen, wenn Platz ist.

    Dritte Disziplin: Ballbesitzspiel. Da ist sicherlich Luft nach oben. Ist ja auch die Königsdisziplin. Gladbach hat ja am Sonntag ein herrliches Beispiel abgegeben, was mit schönem Ballbesitzspiel wird, wenn das zu behäbig wird und man es defensiv nicht ausbalanciert bekommt. Auch der BVB ist gegen Leverkusen in Schönheit gestorben.

    Aber wenn der Trainer nicht Guardiola oder Tuchel heisst, oder sonst ein Überflieger ist, dann kommen erst 1) und 2). Und wenn das satbil ist, dann 3). Insofern richtiger Weg.

  5. Zuerst mal: schöne Analyse! Es macht immer wieder Spaß die Spiele hier taktisch aufbereitet nachzulesen.

    Aber jetzt zur eigentlichen Sache. Ich konnte das Spiel zwar leider nicht sehen, aber deine schöne Grafik unterstreicht einen Eindruck, den ich in den letzten Wochen verstärkt bekommen hatte: uns fehlt der Rechtsverteidiger. Höwedes kann zwar defensiv unglaublich gut absichern, aber in der offensive sind dann mehr oder weniger große Mängel ersichtlich. Riether und Caicara scheinen für Weinzierl keine validen Alternativen zu sein.
    Also meine erste Frage: Warum ist Caicara auf dem Abstellgleis gelandet? Und siehst du Chancen auf ein Comeback?

    Das alles ist im 4-2-3-1 ja noch abzufangen, aber wurde gegen Gladbach nicht eher ein verkappter 5-3-2(defensiv) – 3-5-2(offensiv) – Hybrid versucht? Die Dreier- bzw Fünferkette wurde ja schon in der Vorbereitung mehrfach als Alternative gegen ballbesitzstarke Teams hevorgehoben…
    Nur finde ich Schöpf ist in dieser Aufstellung etwas fehl am Platz. Ich sehe den Spieler immer unglaublich gerne für uns spielen, aber eben lieber auf der 10 oder ggf im rechten Angriff. So defensiv wie im vergangenen Spiel sehe ich ihn, auch aufgrund seiner Physis, nicht optimal aufgestellt.
    Und damit zur zweiten Frage: Siehts du irgendwo im Kader noch bessere Alternativen? Oder muss man zwangsläufig auf die Genesung von Coke warten?

    • Hmmm, eigentlich war Höwedes ja weniger rechtsverteidiger, sondern viel mehr hat Schalke mit einer 3er Kette gespielt. Und wenn doch, dann waren die eh so defensiv, dass Höwedes da meiner Meinung nach einen tollen Job gemacht hat. So wie bei der WM in Brasilien.
      Warum Caicara raus ist, weiß ich nicht. Defensiv ist er ja nicht der stärkste, vielleicht liegt’s daran. Wir werden sehen, ich geh davon aus, dass viel rotiert wird diese Saison…

      Schöpf war auch nicht so weit hinten, wie Du es vielleicht verstanden hast. Er hat halt einen glasklaren Flügelspieler gegeben und hat das ziemlich gut gemacht, finde. Niemand hat mehr Meter gemacht als er, mehr intensive Läufe auch nicht und nur Kola einen Sprint mehr. Als 10er sehe ich ihn dagegen überhaupt nicht. Auf dem Flügel macht er einen guten Job. Weiter so. Besonders, mit Embolo in der Spitze, die beiden harmonieren nicht schlecht, finde ich.

      Coke… tja… Das wäre schon interessant ihn da zu sehen. Hinter Schöpf. Vielleicht die neuen Farfan/Uchida. 😀
      Ungelegte Eier, müßig darüber zu philosophieren. Freuen wir uns darauf, wenn er Fit wieder ist.

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