Halbfeld­flanke

Schalke 04 im Wandel: Die ersten 14 Spiele unter Roberto Di Matteo

Seit dem 7. Oktober 2014 ist Roberto Di Matteo nun Trainer auf Schalke. Seit dem ist einiges passiert und eine sehr strubbelige Hinrunde wurde noch recht erfolgreich beendet. Alle reden dabei von der 5er Kette, letztlich ist sie aber nicht viel mehr als ein Symptom. Der wahre Grund ist ein anderer.

Karikatur von Russ Cook.

Karikatur von Russ Cook.

In der letzten Saison und ganz besonders zu Beginn dieser Saison wurde Jens Keller für sein Wirken bei Schalke 04 kritisiert. Die Hauptkritikpunkte waren strategischer Natur. Das konnte Roberto Di Matteo auf Anhieb beheben.

Bei Amtsantritt gab der neue Chef-Coach zu Protokoll, dass zunächst die Defensive stabilisiert werden müsse. Obwohl das selbstredend eine Binsenweisheit und sowieso tägliches Handwerk eines Trainers ist, gab es ein großes Medien-Echo. Letztlich machte Di Matteo direkt etwas, das in dieser Deutlichkeit bei Keller nicht zu sehen war: Er stellte die Ausrichtung seiner Mannschaft detailliert auf den Gegner ein.

Phase I: Die Defensive Festigen

Der Trainerwechsel fand in der Länderspielpause statt. Offensichtlich gab es wenig Zeit für tiefgründige Systemänderungen. Auch in den folgenden Englischen Wochen war dafür wenig Zeit. Und doch lässt sich eine immer größer werdende defensive Stabilität beobachten.

Hertha BSC, 2:0

Für das Auftaktspiel ließ Di Matteo generell erstmal alles beim alten. Allerdings gab es ein paar Anpassungen. Die Außenverteidiger hielten sich deutlich stärker zurück als zuletzt unter Keller. Das war dem Berliner Flügelspiel geschuldet und dem Versuch sich keine Kontertore zu fangen. Erfolgreich, wie sich rausstellte.

Sporting Lissabon, 4:3

Das zweite Spiel war eins der interessantesten bisher unter Di Matteo (siehe Analyse). Schon in der Pressekonferenz vor dem Spiel gab er zu Protokoll, dass Sporting mit dem Ball schwer zu schlagen ist. Schalke spielte sehr aktiv auf Ballbesitz und zeigte hier sehr gute frühe Ansätze. Allerdings Fehlte es an Abstimmungen und so wurde es nochmal knapp. Letztlich war das Erfolgsrezept allerdings Sporting über den Ballbesitz am eigenen Spiel zu hindern.

Bayer 04 Leverkusen, 0:1

Leverkusen zeichnet sich in dieser Saison durch unglaubliches Umschaltspiel und extrem aggressives Pressing im Mittelfeld aus. Geregelter Spielaufbau ist gegen die Werkself darum sehr gefährlich. Di Matteo entschied sich darum für ein Catenaccio, was zwar weitläufig kritisiert wurde, jedoch fast zu einem Punktgewinn gereicht hätte. Schalke war nicht so weit spielerisch gegen eine solche Mannschaft zu bestehen. Aus dieser Einschätzung wurden passende Schlüsse gezogen. Die defensive Ausrichtung war die logische Konsequenz.

FC Augsburg, 1:0

Das Spiel war sehr eng und etwas glücklich. Letztlich versuchte Di Matteo hier hoch zu Pressen und den Rhythmus häufig zu wechseln. Damit kam Augsburg nur schlecht zurecht. Gepaart mit der immer sicherer werdenden Defensive reichte dies zum Erfolg.

Sporting Lissabon, 2:4

Beim Rückspiel in Lissabon ging einiges schief. Der große Unterschied war, dass Di Matteo diesmal der Meinung war, die Defensive hält inzwischen den Sporting Angriffen stand und eigene Konter seien effektiver und erfolgsversprechender als das wenig geprobte Ballbesitzspiel. Nun, Fehleinschätzungen lassen sich im Nachhinein einfach feststellen. Die Analyse auf Grund er Vorüberlegungen ist durchaus schlüssig.

SC Freiburg, 0:2

In die gleiche Kerbe schlug auch Freiburg. Zu denken, dass die Defensive erstarkt sei, zeigte sich im zweiten Spiel in Folge als Fehleinschätzung. Gleichzeitig verteidigten die Freiburger so eng, dass es für die Schalker Offensive kein Durchkommen gab.

Phase II: Die 5er Kette

Dann gab es wieder eine Länderspielpause. Diesmal konnte Di Matteo die Zeit nutzen und hat die Mannschaft Taktisch auf Variabilität getrimmt. Alles begann mit einer riesen Überraschung…

VfL Wolfsburg, 3:2

Um die Defensive weiter zu stabilisieren und mit Rücksicht auf den zur Verfügung stehenden Kader, fährt Di Matteo eine 5er Kette auf (siehe Analyse). Damit hatte Wolfsburg arge Probleme und konnte sich offensiv erst spät entfalten. Die 5er Kette hatte noch verschiedene Kinderkrankheiten, die bereits zum Ende des Spiels analysiert und bespielt wurden.

FC Chelsea, 0:5

Die Engländer hatten im Vergleich zu den Wölfen eine noch stärkere Offensiv-Abteilung und hatten Zeit sich auf die 5er Kette einzustellen. Nach diesen Überlegungen ist es naheliegend so ein Experiment nicht einzugehen. Stattdessen versuchte Di Matteo wie bereits sein Vorgänger im Hinspiel in erster Linie Chelsea daran zu hindern Tore zu schießen. Diesmal gelang es aber deutlich nicht gut. Chelsea kreiselte durch die beiden 4er Ketten, die starke Abstimmungsprobleme hatten.

1. FSV Mainz 05, 4:1

Zurück auf die Erfolgsspur ging’s wieder mit der 5er Kette, im wohl ersten Bundesligaspiel ohne 4er Kette seit langem (siehe Analyse). Zu Beginn wurde Mainz überrannt, bevor dann die eigenen Schwächen eingegangen wurde und Schalke in der 2. Halbzeit auf ein 4-4-2 wechselte. So konnte das Ergebnis gesichert werden, ohne Mainz wirklich gefährlich werden zu lassen.

VfB Stuttgart, 4:0

Stuttgart war schlecht auf die 5er Kette vorbereitet und bekam überhaupt keinen Zugriff, was Schalke schnell und schlau ausnutzte und nach nur 20 Minuten schon 3:0 führte. Damit war das Spiel gelaufen.

NK Maribor, 1:0

Das Endspiel der Champions League Gruppenphase wurde zum erwarteten Kampf. Schalke hatte erhebliche Mühe gegen die stark verteidigenden Slowenen anzulaufen. Die eigene Verteidigung stand aber großteilig sicher. Den Unterschied machte Meyer, der sich in den engen Räumen vor dem Strafraum Maribors besser durchsetzen konnte.

1. FC Köln, 1:2

Gegen Köln zeigte Schalke eigentlich ein gutes Spiel. Meyer & Barnetta brachten Bewegung ins letzte Drittel und Schalke kam zu guten Chancen. Davon konnte aber keine genutzt werden. In der 2. Halbzeit ging dann die Kraft abhanden und Köln kam besser ins Spiel und gewann sogar glücklich.

SC Paderborn 07, 2:1

Das Überraschungsteam der Saison war so gut auf das neue Schalker System eingestellt, wie noch keine Mannschaft zuvor. Die offenen Flügel und die Probleme damit diese zu decken wurden konsequent bespielt, dem Mittelfeld wurde zielstrebig aus dem Weg gegangen und das diagonale Aufbauspiel unterbunden, bzw. abgefangen, besonders in der ersten Halbzeit waren die Westfalen bockstark. Dass es doch noch zum Sieg reichte war in erster Linie der individuellen Klasse zuzuschreiben und der deutlichen Steigerung in der zweiten Halbzeit.

Hamburger SV, 0:0

Hamburgs Gefahr geht eher vom Mittelfeld aus, als von den Stürmern. Um das zu relativieren, standen die Außenverteidiger höher als zuletzt. Außerdem bildete das 3er Mittelfeld diesmal mit Aogo und Höger eine echte Doppel 6, die es so zuvor nicht gab. Beim Hinrundenabschluss war zu merken, dass die Mannschaft auf dem Zahnfleisch kroch. Wie schon gegen Köln hatte Schalke das Spiel dennoch im Griff und kam zu zahlreichen Chancen. In der zweiten Halbzeit, als die Kräfte dann endgültig nachließen wurde Hamburg zwar stärker, dennoch fehlte es den Blauen in erster Linie etwas an Glück um tatsächlich den verdienten Sieg davon zu tragen.

Fazit

In jedem Spiel gibt es viele Anpassungen an den Gegner. Das ist die Aufgabe eines Trainers und das war auch schon unter Keller so. Di Matteo treibt das jedoch oft noch weiter auf die Spitze. Besonders die Spiele gegen Leverkusen oder das Hinspiel gegen Sporting sind Beispiele dafür. Die 5er Kette entstand aus der Überlegung, wie mit den verfügbaren Spielern die Defensive am besten gesichert werden kann. Das funktionierte zum Teil ganz gut, ein Allheilmittel ist das aber keineswegs. Die Gegner stellen sich immer besser darauf ein.

In Zukunft wird Roberto Di Matteo weiterhin seine Mannschaft genau auf den Gegner einstellen. Ein Schlüssel dafür wird die taktische Variabilität sein, die auch jetzt schon stark im Vordergrund steht. Für all das braucht man kein Wahrsager zu sein, das lässt sich klar aus den vergangenen 14 Spielen ableiten.

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

Kategorie: Spiel & Spieler

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7 Comments

  1. Toller analyse. Du hast mal wieder einige details heraus kristallisiert die ich auf anhieb so nicht erkannt hatte.

    Aber wenn ich so drüber nach denke konnte man von allem in die 5-3-2 spielen im aufbau immer wieder eine andere ausrichtung der 3er reihe erkennen.

    Das das vorallem der gegner einstellung verschuldet war hatte ich in die form nicht gedacht

    • Vielen Dank. Der Gegner ist beim Fußball ja immer ein entscheidender Faktor. Keller hatte da allerdings eher eine gerade Linie, Di Matteo versucht über Flexibilität da schon mehr raus zu holen. Das ist ja auch das Erfolgsrezept von Klopp oder Guardiola…

  2. Vielen Dank für die sehr schöne Zusammenfassung. Für mich sind die wesentlichen Punkte (dabei wiederhole ich im Wesentlichen das meiste von dem, was Du gesagt hast): 1) taktische Variabilität (sogar innerhalb eines Spiels; Mainz) 2) klarere Strukturen und Aufgaben (die Spieler scheinen zu wissen, was ihre Aufgaben sind, defensiv wie offensiv; und das macht im Gesamtkontext Sinn (bespielsweise Rolle der AV in der 5er-Kette) 3) offensiv besseres gruppentaktisches Zusammenspiel und gemeinsam herausgespielte Chancen 4) geringere Konteranfälligkeit (weniger Abhängigkeit von der „letzten“ Grätsche von Benny oder der notwendigen tollkühnen Parade (weil weniger Gefährliches durchkommt)) 5) in Teilen bessere Ausnutzung der individuellen Fähigkeiten (Bsp. Offensivstärke Fuchs bei Absicherung seiner Defensivschwächen) 6) Ansätze zum flüssigen Ballbesitzspiel (streckenweise auch z.B. gegen HSV).

    • Ich möchte bei Punkt 2 wiedersprechen und damit Punkt 3 bestärken. 🙂

      Ich glaube die Rollenverteilung war unter Keller wesentlich klarer. Einfach dadurch, dass er immer das starre 4-2-3-1 spielen ließ. Jetzt hat jeder mehr Freiräume entsprechend der Fähigkeiten. So wie der Fuchser etwa eingebunden wird, das hat unter Keller ja nie gepasst. Aber ich denke, da sind wir uns einig, die Spieler werden jetzt besser eingebunden. Das ist ja auch Dein 5. Punkt.

      • Zu Punkt 2: Das System war bei Keller klar, weil immer dasselbe:4-2-3-1. Aber ist dadurch immer auch die Aufgabe der einzelnen Spieler im System klar? Zum Beispiel die AV. Sie müssen Druck über Außen machen, aber gleichzeitig nach hinten absichern. Da sind die AV auch manchmal überfordert in der Priorisierung (so kam es mir unter Keller manchmal vor). Ebenso die 6er. Unter RDM ist das klarer, z.B. für die AV: Prio 1 bei Ballbesitz: Weit nach vorne schieben (Fuchs),Aufbauspiel (Uchida), Breite geben. Kümmert Euch nicht um das Umschalten in die Defensive, da steht erst mal die Dreierkette, das gibt Euch Zeit Euch in die Fünferkette einzuordnen. Ja, Bei RDM mehr Freiheiten entsprechend den Fähigkeiten, und mehr Fluidität (große Bandbreite in den Mittelfeldrollen, Höger, Boateng, Choupo), aber dennoch klarer in den Aufgaben. ich tue mich gerade schwer, mich verständlich zu machen, und bin mir auch nicht sicher, ob das so stimmt. Aber ich habe das Gefühl, unter RDM wissen die Spieler klarer, was strukturell ihre Aufgabe ist, und können das auf dem Platz auch leisten.

  3. Wie immer sehr lesenswert, deine Analyse. Die einiges aufzeigt, was sonst gerne mal untergeht. Jetzt bin ich vor allem darauf gespannt, was sich auf Schalke noch transfertechnisch tut und was RDM in der Winterpause den Spielern in der Lage ist, einzutrichtern. Traue ihm da einiges zu.

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