Halbfeld­flanke

Ein Derby zum Vergessen, Borussia Dortmund – FC Schalke 04, 3:0

Seit ich diesen Blog schreibe, hat Schalke noch kein derart schlechtes Spiel abgeliefert. Das ist schade, besonders weil es für jeden Schalker ein so wichtiges Spiel ist und sich alle Wochenlang drauf freuen. In gewohnt nüchterner Manier gucken wir aber mal, was da tatsächlich schief lief.

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Ein bisschen Statistik

Derby hin oder her, was war diesmal anders als in den letzten Wochen? Die Zweikampfquote als solche war es nicht. Die lag seit Beginn der Rückrunde nur einmal über 50%, beim Spiel in Frankfurt nämlich, stolze 59% der Zweikämpfe wurden da gewonnen. Genutzt hat’s nix. Ansonsten liegt Schalke immer etwas unter der Hälfte. Auch bei Siegen wie gegen Gladbach (46,8%) oder Hannover (48,3%). Das jetzt gegen Dortmund lag irgendwo dazwischen (47,7%).

Der Passerfolg ist so ein Kennwert, der in der Vergangenheit stark abgenommen hat. Unter Jens Keller gehörte Schalke zu den Passsichersten Mannschaften der Bundesliga. Das hat sich mit der Übernahme von Roberto Di Matteo deutlich geändert. Jetzt liegt der Fokus auf schnellen weiten Pässen nach vorne, da kann die Präzision nicht gewährleistet werden. Gegen die Bayern erreichte Schalke zwar nochmal einen Wert der an „alte Zeiten“ erinnerte, 82,5% nämlich, doch ansonsten liegen die Werte weit darunter. Die Werte aus den Spielen gegen Gladbach (71,4%), Bremen (72,8%) und Hannover (73,1%) zeigen, dass sich Schalkes Passerfolg bei knapp über 70% einpendelte. Gegen Dortmund war dies nochmal ein Stück schlechter (68%), wenn auch nicht dramatisch. Bei nur 301 gespielten Pässen machen 4% allerdings auch schon wieder 12 Fehlpässe aus.

Doch kommen wir zum Spiel.

Das Schalker System

Seit Schalke auf eine 5er Kette wechselte stellen sich die Mannschaften mehr und mehr darauf ein. Wolfsburg konnte noch davon überrascht werden, seit der Winterpause kennt jeder den Trick allerdings. Und die Gegner stellen sich immer besser darauf ein. Schalke macht die Mitte dicht, drängt Gegner auf die Flügel, und überlädt diesen dann. Mit Halbverteidiger, Außenverteidiger und 8er wird das Feld sehr eng gemacht, der Gegner hat dann meist nur die Wahl zwischen vermutlich Ballverlust und Rückpass. Besonders die Doppelung Halbverteidiger & Außenverteidiger hat sich noch in der Rückrunde als gewinnbringend gezeigt, besonders Fuchs hat von diesem gruppentaktischen Verhalten stark profitiert.

Die meisten Gegner der Schalker 5er Kette, speziell Real Madrid und der FC Bayern, haben die Enge nicht dauerhaft aufreißen können und sind so insgesamt nur zu einer Handvoll Torchancen gekommen. Jetzt ist Dortmund allerdings dafür bekannt sich in engen Räumen wohl zu fühlen.

Dortmund bespielt das Schalker System

Klopp wusste, dass Schalke Kontern wollen würde. Aber Klopp wusste auch, dass wenn Schalke kontert, das immer sehr vorsichtig macht. Mehr als 3 oder 4 Spieler stoßen dann nur selten mit nach vorne, um die eigene Deckung nicht zu vernachlässigen. Dementsprechend ließ Dortmund meist nur 3 bis 5 Spieler zur Sicherung zurück. Häufig waren das die beiden Innenverteidiger und ein Abkippender 6er. Dann schon deutlich davor befand sich der andere 6er und eventuell noch einer der Außenverteidiger. Doch das war dann schon stark gestaffelt. Denn damit waren wir schon bei der Offensive.

Das war der wirkliche Clou: Klopp ließ die 5er Kette mit bis zu 5 Spielern gleichzeitig attackieren. Aubameyang und ein weiterer Spieler der offensiven Außen um Reus, Mkhitaryan oder aber hängende Spitze & 10er in Personalunion Kagawa kümmerten sich um die 3 Innenverteidiger. Fast immer mindestens zu zweit, häufig zu dritt. Jetzt kam noch der Außenverteidiger oder der offensive Außen auf den Schalker Außenverteidiger zu und jegliche Form der Dopplung löste sich in Wohlgefallen auf. Schalkes 6er konnten kaum dazu kommen, weil dann ein weiterer Spieler im Zentrum frei würde, etwa der übrige Spieler aus der offensiven Dreierreihe oder einer der 6er.

Schalke schaffte es faktisch nie den Ballführenden unter Druck zu setzen, Dortmund konnte sich immer frühzeitig befreien, das Pressing umspielen und die gerissene Lücke bespielen.

Zerpresste Offensivbemühungen

Wenn Schalke dann aber doch mal an den Ball kam presste Dortmund. Und zwar stark. Schließlich war Derby. Schalke schaffte es nie sich dem Pressing zu entledigen oder dieses zu umspielen. Immer wieder kam man in Unerzahlsituationen, meist noch in der eigenen Hälfte. Oder es gab einfach keine Anspielstation, weil alle zugestellt waren. Zweite Bälle konnten fast nie behauptet werden.

Schalke versuchte die 5er Kette stabil zu halten und zu Kontern, kam jedoch nur in Unterzahlsituationen und nie nach vorne. Darum taumelte Huntelaar irgendwo herrum, ohne irgendwas mit dem Spiel zu tun zu haben. Und als Verstärkung für’s Mittelfeld gebracht wurde, Barnetta kam in der 64. Spielminute, wurde nicht der in diesem Spiel sinnlose Strafraumstürmer geopfert, sondern Mittelfeldspieler Boateng. Dabei wäre Verstärkung im Mittelfeld nötig gewesen.

Was Schalke immer wieder in Ansätzen versuchte waren die berühmten Flügelangriffe, die ich in der Analyse zum Spiel gegen Bremen erklärt habe. In Ansätzen, weil es selten so weit kam. Spätestens ab der Mittellinie wurde der Ballführende auf dem Flügel förmlich eingekesselt. Ohne Abspielgelegenheit und ohne Platz. Die Dortmunder Flügel-Pressing-Falle machte Schalkes letzte Zufallstreffer Hoffnungen zunichte.

Kommentar

Niemand schien den Schalkern gesagt zu haben, dass dieses Spiel das Derby war. Die Spieler wirkten früh lethargisch, Freilaufaktivitäten und Doppelungen wurden nur selten angestrebt. Es schien eher als wollte sich jeder in Position bringen um den Lucky Punch zu setzen. Zusätzlich wirkte das taktische Korsett viel zu starr. Früh war klar, dass der BVB das Mittel gefunden hatte um die defensive Stabilität zur Fragilität werden zu lassen. Doch Schalke machte so weiter und Dortmund generierte eine Großchance nach der anderen. Der Positionsgetreue Wechsel Di Matteos erschließt sich mir nicht. Das Mittelfeld zu stärken und damit die Defensive zu stützen hätte in meinen Augen Vorrang haben müssen.

In der Winterpause habe ich beschrieben (siehe Schalke 04 im Wandel), dass Schalkes tatkische Ausrichtung sicherlich flexibler wird. Das ist bisher nicht eingetreten, beziehungsweise nur in Nuancen. Eine veränderte Grundordnung hier, etwa der Wechsel zurück zu einer 4er Kette, hätte Klopps Plan vor die Wand fahren lassen. Schalke muss dringend an Flexibilität dazu lernen. Schema F hat eine Zeitlang gut funktioniert, aber jetzt ist ein zusätzlicher Plan B bitter nötig.

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

Kategorie: Spielbericht

Wenn ein Sieg weh tut. Real Madrid – FC Schalke 04, 3:4 » « Das Aufbau-Paradox, FC Schalke 04 – SV Werder Bremen, 1:1

8 Comments

  1. Starke Analyse. Hoffen wir, dass RDM einen Plan B hat.

  2. Sehr treffende Analyse mit spannenden Aspekten. Interessant, dass weder Zweikampfquote noch Passerfolgsquote auffallend schlecht waren; das hätte ich vermutet. Krass und erschreckend, dass RDM und das ganze Trainer-Team ebenso lethargisch agierten – und übrigens auch so aussahen! – wie die Spieler. Was meiner Meinung nach außer der Anpassungsfähigkeit fehlte, war bis auf einzelne Ausnahmen: Wille – gar nicht mal zum Siegen, aber wenigstens der Wille, sich nicht so zu blamieren…

    • Insgesamt gesehen halte ich eine Passerfolgsquote von unter 70% bei einem Bundesligisten schon für seeehr besorgniserregend. Aber es nur auf diese zu schieben wäre natürlich zu einfach…

      • So eine schlechte pass Quote ist doch die Folge des extremen Pressings?
        Kann man irgendwie nicht so ein Pressing Resistenz trainierten damit man sich auch mal daraus lösen kann? Wenn man so extrem gepresst wird muss doch irgendwo auf dem Spielfeld ein(ige) freien Mitspieler rumstehen die ansprechbar sein müssten mit einen langen pass?
        Irgendwie hatte ich die Ahnung das man versucht hat um mit ein kurz Passspiel das Pressing zu umgehen. Leider sind wir nicht in der Lage so ein kurz Passspiel zu spielen.

      • Naja, ich glaube nicht dass es am können liegt sondern viel mehr am wollen. Unter Keller wurden ja schon hauptsächlich sichere kurze Pässe gespielt. Jetzt ist die Devise eben schnell weite Strecken zu überbrücken. Dafür braucht man aber etwas Platz zum ausholen und so. Und dafür positionieren sich die Spieler eben auch. Frage ist mMn, warum sind sie so unflexibel und können nicht umstellen?

  3. Eine treffende Analyse….
    2 Sachen bereiten mir Sorgen. Wenn die NK die Mannschaft nach einem dämlichen 1:1 gegen Bremen abfeiert und sie hüpfen lässt, übermittelt man doch das Gefühl der Zufriedenheit. Wozu siegen, wenn doch auch schon so wenig reicht. Und das sitzt doch irgendwie im Hinterkopf. Anscheinend war auch keiner richtig Sauer. Die Geister, die ich rief.
    Des Weiteren habe ich gehofft, dass mit RdM eine gewisse taktische Flexibilität Einzug hält. Spätestens nach der Präsentation der Videoausschnitte in der Hz hätte reagiert werden müssen. Das wirt bei mir sehr viele Fragen auf und gibt mir einen herben Dämpfer bezüglich meinen Erwartungen.
    Gruß
    Jörg

    • Unter dem Aspekt (Pressingresistenz) fand ich es sehr schade, dass Neustädter wieder in die IV zurückbeordert wurde. Wenn ich in der 5er-Kette die AV nicht nach vorne ins Spiel bringen kann, wird die 5er-Kette problematisch, weil ich zu weit reingedrückt stehe, und mir dann die Präsenz vorne fehlt. Wenn sich die AV aber zurückhalten, die beiden 6er aber auch nicht nachrücken, ich wegen dem saustarken Pressing der BVBler aber auch keinen geordneten Angriff weder über die Flügel noch durchs Zentrum (auch nur ins zweite Drittel) hinkriege, hilft nur eins (was ja RDM auch schon praktiziert hat). Neustädter als Anspielstation. Er lässt im Wesentlichen prallen, und dann hauen die (hoffentlich dann 2) IV den Ball nach vorne, Hunter, Choupo und Boateng behaupten sich wegen der Physis im Zweikampf, aber dann rücken die 6er und AV (zumindest 2) nach, und das schöne Pressing der BVBler war für die Katz. Nicht schön, kann aber funktionieren, und zumindest ansatzweise Chancen kreieren – trotz unschöner Passquote. Wär mal ne Idee gewesen.

      Neben der schlechten Passsquote fand ich übrigens die Laufleistung (keiner über 11 km) bemerkenswert. Von Höger und Aogo hätte ich in der Position mehr erwartet (Boateng hat eh 1-2 km Raucherabzug). Da doch sicherlich die Motivation hoch war (und prinzipiell die Physis gegeben ist), gibt es zwei Erklärungen: a) Sie wussten in dem System nicht, wohin sie laufen sollten b) sie hatten strikte Anweisung, sich zurück zu halten. Spricht in beiden Punkten nicht für den Trainer. Weshalb züchte ich mir denn so physisch starke Laufmonster, wenn ich sie dann im System nicht eingebracht kriege.

      Ich hoffe inständig auf einen Ausrutscher, auf ein Entwicklungsplateau, und gegen Hoffenheim geht die Entwicklung endlich mal ein Stück weiter. Gegen Mainz haben wir doch gesehen: Erfolgreiche Systemwechsel gehen – sogar während der Partie. Mit nur einem System hat man nur eine Chance, wenn man darin perfekt ist (siehe Wolfsburg, siehe Gladbach, siehe BVB in den Meisterjahren)

      • Gut geschrieben, schöne Ideen.

        Mit Neustädter in der IV hatte man schon ein perfekte Möglichkeit um während des Spiels umzustellen. Wenn Neustädter nach vorne gerückt wäre hätte man alle Spieler auf dem Spielfeld für ein 4-2-3-1.
        Wenn Choupo-Moting nach links gerückt wäre hatte Boateng sogar seine lieblings Position spielen können. Sogar defensiv wäre das 4-2-3-1 stark besetzt.

        (Wie schön das man in so ein blog in hätte wenn und aber Scheiben darf)

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