Halbfeld­flanke

Kaugummi Kaue. FC Schalke 04 – SV Darmstadt 98, 3:1

Tiefstehende Gegner. Lange Zeit Schalkes Kryptonit. Selbst das Spiel machen müssen, immer wieder anrennen und die Nerven nicht dabei verlieren. Weinzierl hat’s den Blauen beigebracht. Mit mehr Bewegung und Souveränität. 

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Der Sportverein geht in Führung

Der frühe Rückstand nach einem Tor, wie ich sie auf der Xbox schieße. Beziehungsweise meist nicht, denn selbst da ist sowas eigentlich unmöglich. Außer du heißt Messi. Dann auch in echt. Insgesamt war das natürlich ein Kollektivversagen. Meyer hat das taktische Foul nur angedeutet, Bentaleb nimmt die Eckfahne in den Deckungsschatten und Schöpf ist nur in den Strafraum gelaufen um eine gute Sicht zu haben, seinen Gegenspieler, Torschütze Heller, ignorierte er da zumindest.

Über die gesamte Spieldauer suchten die Gäste die Flügel. Da hat Schalke Lücken. Formationsbedingt. Wenn die einzige Kraft auf Außen überspielt wird, ist viel Platz. So gut Sead Kolasinac und Alessandro Schöpf ihre Aufgaben da erledigen, Nachbarspieler zur Unterstützung sind zum Teil weit weg.

Der Fußballclub dreht das Spiel

s04d98_fluegelDass die Blauen ein bisschen Anlaufzeit brauchen ist ja aber nicht besonders neu in dieser Saison. Ein Grund warum ganz Schalke recht unbeeindruckt weiterspielte. ‚Confident‘ nennt Torsten Wieland das. Hier brauchten sie ein bisschen, die Flügel gesichert zu bekommen. Die Halbspieler unterstützten die Außenspieler jeweils stärker, als zuletzt. Also, Goretzka Schöpf und Bentaleb Kolasinac. Aber auch sonst war etwas Bewegung drin um die Gäste auseinanderzuspielen.

Meyer wich viel nach rechts aus. Choupo-Moting eher nach links. Da zog Kolasinac gern in die Halbräume und Bentaleb wich auf den Flügel aus. Und zwischendurch zog Höwedes, wie gern mal in letzter Zeit, mit nach vorne. Dabei wirkte das Team immer souveräner, je länger das Spiel andauerte.

Das Spiel war wie erwartet, die Gäste standen tief und die Hausherren rannten dagegen an, klebten aber fest und mussten vor Kontern zittern. Das ging zwar immer souveräner, aber so richtig schaffte Schalke es nicht Darmstadt einzuschnürren. Zumindest die erste Halbzeit.

Denn dann kam Yevhen Konoplyanka. Goretzka machte dafür Platz. Aber Konoplyanka spielte auf der Meyer Position, welcher auf die Goretzka Position nach hinten rückte. Zumindest defensiv. In der offensive war nämlich extrem viel Bewegung drin und faktisch keiner hielt sich an irgendwelche Zonen. Der Ukrainer ist ja schon häufiger durch seinen großen Aktionsradius aufgefallen. Bentaleb balancierte und leitete ein, dezent nach hinten orientiert, zumindest im Vergleich zu den anderen dreien. Viel Bewegung, viel Wirbel, viel brotlose Kunst. Die Einschüsse kamen näher, ein Tor gelang so aber erst kurz vor dem Abpfiff, als Darmstadt schon aufmachte um noch einen Ausgleichstreffer zu erzielen.

Und davor, nach dem Führungstor nämlich, schaltete Schalke auch schon etwas zurück. Stambouli stand dann für Bentaleb deutlich tiefer. Insgesamt spielte Schalke jetzt mit deutlich weniger Zug zum Tor, gern mal ein paar extra Pässe hinten rum. Die Flügelspieler rückten deutlich verhaltener nach vorn. Dass Schalke inzwischen seinen Groove gefunden hat merkt man auch daran, dass Schalke so eine Führung nach Hause schaukelt und mit dem Abpfiff sogar noch erhöht.

Klar kamen die Darmstädter noch ein paar Mal gefährlich nah. Aber Schalke war eben auch souverän genug und ließ sich nicht nervös machen. Das ist neu. Das ist toll.

Kaugummi

Darmstadt spielte wie Kaugummi. Im letzten Jahr hat Schalke noch mehr drunter gelitten als jetzt, das Muster war aber eigentlich sehr ähnlich. Nicht zuletzt, dass Torhüter Esser in der 7. Spielminute wegen Zeitspiels ermahnt wurde spricht hier Bände.

Der Kaugummi-Effekt kam jedoch in erster Linie dadurch, dass sie es wie kaum eine andere Mannschaft versteht dem Gegner den Druck aus den Segeln zu nehmen. Schalke wurde über die komplette Spielzeit effektiv daran gehindert das eigene Konterspiel anzubringen. Schnell umzuschalten war praktisch unmöglich, weil die Süd-Hessen alle offensiven Anspieloptionen gut zustellten. Viel mehr kam da aber auch nicht…

Insgesamt aber viele Nichtigkeiten, weil sich beide Mannschaften gut neutralisierten. So waren die Schlüsselmomente großteilig irgendwie in der Nähe von Standardsituationen.

Aber die Ausnahme bestätigt die Regel. Einmal rückten sie hoch auf, Schalke gewinnt im eigenen Strafraum kurz nach einem Einwurf den Ball und kontert überfallartig. Flanke, Ausgleich. Und einmal schieben die Gäste im Aufbau nach vorne, der lange Ball wird aber abgefangen, Meyer dringt in den Strafraum ein und bedient Choupo-Moting. Hereingabe, Führung.

Sonst no‘watt?

Überhaupt, Bentaleb. Spielte 43 Pässe und jeder einzelne kam an. 100% Passerfolgsquote. Sowas hab ich noch nie gesehen. Unglaublich.

Schalke zeigt wieder schöne Ansätze von Ballbesitzfußball, ohne darin zu überzeugen. Zwei Drittel Ballbesitz und es wirkte nie als wüsste Schalke nicht was tun. Und besonders die Fluidität zu Beginn der zweiten Halbzeit hat schon Lust auf mehr gemacht.

Allerdings hat Darmstadt auch das Problem Schalkes offengelegt. Die Flügel. Zum Glück geht’s nächste Woche ja zum Tabellenführer nach Leipzig. Ich hab gehört, die hätten ihre Flügel grad verliehen…

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

Kategorie: Spielbericht

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4 Comments

  1. Wieder schön erklärt für Dummies 😀
    Danke!

  2. Vielen Dank! Ich habe Heller eigentlich auf links gesehen. Oder haben die auch rotiert? Der hat/die haben Schöpf ganz schön lange die Lockerheit in der Offensive genommen, weil er immer ein Auge auf das „Überrannt-werden“ haben musste.

  3. Hab Bentalebs Statistiken auch gerade nochmal nachgelesen: Krasser Shit bei 43 Pässen!

    Aber nur 12% Zweikampfquote, normalerweise ist das immer sein Steckenpferd. Vielleicht verständlich mit der Maske nicht allzu kompromisslos reinzugehen.

  4. Hallo Karsten, wie immer hast Du alles super erklärt und wie immer macht es sehr viel Spaß Deinen Blog zu lesen. Besonderen Dank für Deine Analysen während der ersten Spiele, die mir sehr geholfen haben, geduldig zu bleiben. Freue mich schon auf die Taktikanalyse nach dem Leipzig Spiel. Wird sicher ein sehr interessantes Spiel.

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