Halbfeld­flanke

Wie ein seriöses Testspiel. FC 08 Villingen – FC Schalke 04, 1:4

Das erste Pflichtspiel der Saison wurde seriös angegangen, wirkte ob des qualitativen Unterschieds aber wie ein Testspiel im offiziellen Rahmen. Daher gibt’s auch keine richtige Analyse sondern nur ein paar Anhaltspunkte, in welche Richtung das Schalker Spiel dieser Saison wohl gehen könnte.

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Beim Sechstligisten FC 08 Villingen trat Schalke nominell in Bestbesetzung an. Nastasic musste Naldo und Höwedes den Vortritt in der Innenverteidigung lassen. Vorne links spielte nicht Choupo-Moting, sondern der eigentliche Linksverteidiger Baba vor dem Linksverteidiger Kolasinac. Embolo machte den Sané auf rechts. Aogo spielte, wie schon bei so ziemlich allen Testspielen, im defensiven Mittelfeld. Außerdem gab es eine Doppelspitze mit Di Santo und Huntelaar.

Insgesamt spielte Schalke sehr verhalten. Die Devise war eine Runde weiter zu kommen, ohne Verletzungen. Und das wurde erfüllt. In aller Nüchternheit. Schalke ging Zweikämpfen etwas aus dem Weg, schien nicht die volle Geschwindigkeit zu gehen und auch die Abstimmung hatte noch deutliche Defizite. Aber der Reihe nach.

Asymmetrie von Hinten

Die Außenverteidiger schoben sehr hoch, die Innenverteidigung spielte sehr breit und Geis kippte dazwischen. Soweit, so erwartet und gewohnt. Doch der andere Teil der Doppel-6 überraschte. Aogo kam schon häufiger auch im defensiven  Mittelfeld zum Einsatz. Hier spielte er aber fast ausschließlich rechts. Das sogar recht tief, mit direkter Verbindung zu Naldo. Dadurch kann Caiçara höher schieben und Embolo kann sich stärker zum Zentrum orientieren.

Beide 6er spielten dabei immer wieder weite Pässe in die vordere Reihe. Besonders Aogo dabei meist diagonal. Zwei Quaterbacks auf eine ganze Reihe von Wide Receivers. Der Grundgedanke war hier wohl ein dichtes Mittelfeld zu überbrücken. So hat Villingen nur gar nicht gespielt. Kombinationen wären möglich gewesen, interessant war’s trotzdem. Bin gespannt wie sich das weiter entwickelt. Vermutlich bleibt das beständig im Werkzeugkasten um mal Konter einzuleiten oder ein dichtes Mittelfeld zu knacken.

Defensiv kamen da immer wieder Abstimmungsprobleme zwischen den 6ern untereinander, aber auch zum Rest der 4er-Kette zur Geltung.  Villingen konnte das gelegentlich ausnutzen um mal hinter die Verteidigung zu stoßen. Letztlich konnten solche Vorstöße meist abgefangen werden, was aber in erster Linie an der überlegenen individuellen Klasse lag.

Bewegungspotenzial vorne

Weinzierl brachte eine Neuauflage des Experiments, das bei Breitenreiter gescheitert ist und ließ Di Santo und Huntelaar als Doppelspitze auflaufen. Rechts zog Embolo stark in die Mitte, so dass es oft 3 Stürmer gab, die auf Zuspiele warteten. Links spielte mit Baba ein nomineller Außenverteidiger und versuchte das Zentrum mit Zuspielen zu füttern. Dazu machten noch die tatsächlichen Außenverteidiger viel Druck, standen hoch und versuchten immer wieder den Ball ins Zentrum zu bringen.

Vermutlich wollte Weinzierl dem Problem der letzten Saison entgegenwirken, dass es am gegnerischen Strafraum zu wenig Bewegung gab. Der unterklassige Gegner war als tiefsitzend vermutet worden, Betonanrührend, das gesprengt werden müsse. Das mit der Bewegung klappte allerdings nur so halb gut. Es gab zwar relativ viel Bewegung, jedoch meist ohne hohe Intensität und dann sah das auch noch sehr unkoordiniert aus.

Noch kurz zum Gegner

Villingen machte seine Sache gut. Versuchte nicht einfach nur tief zu stehen und zu kontern, sondern führte ein richtiges, wenn auch tiefes Mittelfeld-Pressing auf. Sie spielten einen couragierten Fußball, schafften es aber nicht, Schalke ernsthaft vor Probleme zu stellen. Das ist durch den Klassenunterschied keine Schande, im Gegenteil, ich finde gut, dass sie Fußball gespielt haben.

Schalke hat die Grenzen der Hausherren aber schnell einsortiert und sich entsprechend angepasst. Das zeugt von einer gewissen Seriosität, wir wissen ja alle wie ungern Pferde zu hoch springen.

Fazit

Schalke spielte smart, nicht mitreißend. Hatte das Spiel unter Kontrolle und doch einiges an Problemen. Die Abstimmungen passten oft deutlich noch nicht. Letztlich ist es aber eine neue Mannschaft, die sich noch finden muss. Außerdem fehlen ja auch noch Schlüsselspieler Goretzka und Meyer, sowie die lange angekündigten Verstärkungen.

So bleiben aber noch einige Fragen offen. Irgendwie ein Testspiel eben.

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

Kategorie: Spielbericht

Verschlafen bis zur Trinkpause.
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8 Comments

  1. Hallo Karsten, danke für Deine Kurz-Analyse. Ich wundere mich, dass Naldo und Aogo rechts spielen und Höwedes und Geis links. Hast Du darüber nachgedacht, ob das Sinn macht?

    • Naja, Geis spielt ja immer eher zentral. Da spielt das meiner Meinung nach die kleinste Rolle. Wo Naldo sonst so gespielt hat, weiß ich gar nicht genau und Höwedes spielte ja immer mal hier oder da. Interessant finde ich aber, das Aogo plötzlich den Flügel wechselt. So richtig kann ich mir das nicht erklären, finde aber, er hat seine Sache ganz gut gemacht.
      Was meinst Du? Hast Du vielleicht eine Theorie?

      • Ich hätte drei Ideen:
        1.: Durch die Falschfüßigkeit geht die Anbindung ins Zentrum nicht verloren.
        2.: Der rechte Flügel sollte einfach offensiver agieren, weil Caicara offensiv stärker und vielfältiger ist als Baba und Embolo außerdem ins Zentrum aufrückte. Deswegen war dort eine Absicherung mehr benötigt.
        3.: Es war interessanter zu testen ob Aogo diese Rolle rechts spielen kann, da er links ja schon ähnliches gemacht hat.

  2. Hallo Karsten,

    ich habe da leider keine Idee. Die meisten Trainer setzen die Linksfüssler doch dann lieber auch links ein. Mir fällt da nur Tayfun Korkut ein, der das in Hannover schon mal anders gemacht hat.

    • Hallo Zeitspieler. Ja, als Trainer kann man sowas aus verschiedenen Gründen mal machen. Oft hat das mit den individuellen Fähigkeiten und Gegneranpassungen zu tun. Ich würde aber vermuten, dass es hier auch noch ein bisschen darum ging Dinge auszuprobieren. Wir werden sehen, wie sich das in der Zukunft abzeichnet.

  3. So richtig schlau werde ich aus dem Fußball, den Weinzierl spielen lassen will, noch nicht. Was ich sehe:
    1. Er wird den Fussball nicht neu erfinden und auf ganz klassisches 4-4-2 setzen
    2. Das sieht nicht sehr zentrunslastig aus, sondern geht oft über die Außen, gerne mit vollständiger Überbrückung/Überspielen des Zenrums

    Ein anderes Thema: Ich werde immer unzufriedener mit Ralf Fährmann. Wenn ich z.B. den Horn bei Olympia sehe, wie cool und genau der die Bälle verteilt und mitspielt, gerade unter Druck; und dann sehe ich den Fährmann die Bälle gegen Villingen regelmäßig nach vorne dreschen: Das kann es einfach nicht mehr sein.

  4. @es
    Ich kann mir nicht vorstellen, dass Weinzierl ständig auf ein 4-4-2 setzt.
    In Augsburg hat er sich auch nicht auf ein einziges System festgelegt. Das 4-4-2 gegen Villingen wurde sicher auch so gespielt weil Max Meyer und Goretzka fehlten. Vielleicht wollte er aber auch die Santo und Huntelaar zusammen spielen sehen. Ich hoffe, dass Max Meyer ständig spielt und dann in einem 4-2-3-1. Wenn ihm auch noch ein bisschen die Torgefährlichkeit fehlt, als Ballverteiler ist er extrem gut.

    • Bin dabei, was Max Meyer und Goretzka angeht. Fand Meyer auch wieder im Endspiel überragend und unterbewertet von der Presse.

      Ich tue mich immer schwer mit dieser Zahlenspielerei, habe aber gelernt, dass man ein System am Besten von der defensiven Ausrichtung her beschreibt. Wenn Weinzierl mit zwei Stürmern spielt wie gegen Villingen, dann presst auch eine vordere 2-er Reihe, dahinter formieren sich dann zwei Viererreihen, selbst wenn zwei Sechser aufgeboten werden. Das ist dann für mich ein 4-4-2. Wenn er nur einen Stürmer aufbietet, presst z.B. ein Meyer daneben, also auch wieder 2-er reihe vorne, und dahinter zwei 4er-Reihen.

      Offensiv: Wenn man die Grafik oben liest, kann man ja fast von einem 2-4-4 sprechen, also zwei aufbauenden IVs, AVs auf etwa Höhe der beiden 6er, und 4 sehr offensive Spieler fast auf einer Reihe (oder 2-4-2-2, wenn man will).

      Egal wie, jedenfalls überhaupt nicht untypisch für Clubs aller Ligen in Dutzendwahre, also nicht besonders innovativ (musss es ja auch nicht sein, nur dann sollte es gut ausgeführt sein, was bei Weinzierl sicher noch kommen wird).

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