Halbfeld­flanke

Analyse 2014/2015: Mit schlechtem Timing zur 5er Kette und zurück

Nach einem mäßigen Start wechselte Schalke den Trainer. Der neue Mann schaffte es zwar die Defensive zu strukturieren und zu zementieren, doch die Mannschaft fiel gegen Ende der Rückrunde in sich zusammen und der neue Trainer wurde gegangen. Und jetzt zur Frage nach dem „Warum?“.

Keller geht

Jens Keller ging als Trainer in die neue Saison, weil die beste Rückrunde der Vereinsgeschichte unter ihm zustande kam. Dass der Fußball sich dabei keineswegs entwickelte, geschweige denn die Spieler, wird dann gerne außer Acht gelassen. Fußball ist Ergebnissport und derartige populistische Entscheidungen finden sich in den Bundesligen zu Hauf. Die Rechnung folgte dann bei Auftakten in Pokal und Bundesliga, beide verliefen eher so mittel.

Auch über die Sommerpause konnte Keller der Mannschaft keine Spielkultur einimpfen, Mechanismen installieren oder taktische Finessen entwickeln. Schalke spielte so irgendwie weiter, und als die Rückrunde in Vergessenheit geriet, wurde Keller entlassen. Nach dem 7. Spieltag. Timing ist alles.

Di Matteo kommt

Ersetzt wurde er durch Roberto Di Matteo. Dieser hatte die Aufgabe die Defensive zu stabilisieren, ein Unterfangen, was Keller in seiner Amtszeit nie so recht hinbekommen hat.

Dagegen kam RDM tatsächlich mit taktischen Raffinessen. Er ließ Schalke plötzlich mit einer 5er Kette spielen und alles wurde besser. Insgesamt wurden alle taktischen Schwächen der Vorsaison addressiert, Schalke verbesserte sich signifikant in der Individualtaktik der einzelnen Spieler, im gruppentaktischen Verhalten und in der Mannschaftstaktik. Dabei gab es hier und da sogar Ansätze auf dem Weg zum Ballbesitzspiel (vor allem im Heimspiel gegen Sporting).

Mit RDM kam eben nicht nur ein Trainer der mal irgendwie einen Champions League Sieg ermauert hat, sondern jemand, der aus Taktischer Sicht, einiges von seinem Handwerk verstand. Auch wenn ihm immer vorgeworfen wurde nur ein Catenaccio (gern auch Schalkenaccio genannt) spielen zu lassen. Die defensive zu stabilisieren war allerdings eine seiner Hauptaufgaben. Und die meisterte er lange eine Zeit lang mit bravour, auch wenn sein Konzept dabei öffentlich häufig kritisiert wurde. Immer wieder passte er das eigene Spiel stark an den Gegner an (siehe vor allem die ersten 14 Spiele unter RDM).

Di Matteo geht

Als Jefferson Farfán plötzlich wieder eingesetzt werden wollte, schwenkte Schalke zurück zur 4er Kette und das Drama nahm seinen Lauf. Doch dazu später mehr. Die Einschüsse kamen näher und wurden vor allem zahlreicher. Defensiv geriet Schalke immer mehr ins Wanken, gleichzeitig fehlte ein Plan wie denn Tore erzielt werden sollen.

Schalke geriet in einen Strudel und immer mehr unter Druck. Di Matteo schaffte es nicht in dieser Phase die Mannschaft wach zu rütteln. Es folgten taktische Disziplinlosigkeiten und schließlich sagte RDM er würde den Weg Schalkes nicht mit gehen (können).

Die Liga war schlecht

In der Bundesliga wurde in dieser Saison mit Superlativen nur so um sich geworfen. Von Liga der Weltmeister bis zum Spannendstem Abstiegskampf der Geschichte. Taktiker reden auch gern von der Pressingliga. Tatsächlich war die ganze Liga, mit 4 Ausnahmen, schlecht. Schalke gehörte da zwar noch zu den besseren, aber nur knapp. Damit ist eine Qualifikation für die Europa League gerechtfertigt. Mehr aber auch nicht.

Das der Abstiegskampf so spannend war lag nur daran, dass so viele Mannschaften wirklich mies waren. Alle spielten den gleichen Ideenlosen Fußball, kaum ein Team nutzte das eigene Potenzial. Dass es eine Mannschaft in weniger als einer Halbserie vom 18 Platz auf die Europa League Plätze schafft, ist bezeichnend.

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Dortmund ist ein schöner Vergleich. Der Verlauf des Torverhältnisses (siehe Grafik) spricht Bände. Dortmund, individuell stärker besetzt als Schalke, hatte eben wie Schalke eine Phase in der es so richtig schlecht lief. Die Hinrunde. In der Rückrunde schafften sie es dann sich selbst wieder aus dem Loch zu ziehen. Der Fußball war meist zwar immer noch nicht wirklich gut, aber immerhin schafften sie es die Qualität besser auf den Rasen zu bringen. Bei Schalke war es eher umgekehrt. Etwas verschoben, war eine Halbserie sehr gut. Und zwar die erste, abzüglich Holperstart. Mit der Rückrunde ging es dann bergab, spätestens ab dem Derby. Schalke landete letztlich knapp vor Dortmund, das war aber eine Frage des Timings. Letztlich gilt Dortmund gefühlt als der Sieger, weil es besser wurde, im Gegensatz zu Schalke.

Probleme im Spiel

Eine Zeitlang lief’s wirklich gut für Schalke. Die 5er Kette war installiert und die Gegner, mit Wolfsburg angefangen, bissen sich reihenweise die Zähne aus. Der spielerische Höhepunkt war dabei sicherlich das Champions League Achtelfinal-Rückspiel in Madrid, nach einem schon recht überzeugenden Hinspiel.

Dann ging’s plötzlich bergab. Alles fing damit an, dass der Rest der Liga inzwischen genug Zeit hatte sich auf die 5er Kette einzustellen. Immer häufiger konnten die Schwachpunkte (Fokus auf Zentrum und Konter) ausgenutzt werden. Darum musste Di Matteo umstellen. Genauer gesagt mit dem Spiel gegen Augsburg Anfang April. Ein 4-2-3-1 wurde gewählt, ohnehin Bundesligastandard und das bevorzugte System des wieder genesenen Jefferson Farfán. Doch es fehlte ein Plan Tore zu schießen.

Immer deutlicher wurde die Lücke im Zentrum und das generelle Problem im Angriffsdrittel. Zunächst setzte RDM auf klassisches Flügelspiel, was die Probleme noch einigermaßen auffangen konnte. Doch auch da stellten sich die Gegner drauf ein, beginnend mit Mainz. Und Schalke bekam richtige Probleme. Immer deutlicher wurde, dass jemand fehlte, der im offensiven Zentrum die Bälle verteilte, Spieler einbinden konnte und Chancen kreieren. Ein klassischer 10er.

Den Höhepunkt dessen gab es im Spiel gegen Stuttgart, wo RDM letztlich drei 10er einwechselte. Kevin Prince Boateng stach, entschied das Spiel und wurde eine Woche später rausgeworfen.

Probleme in der Mannschaft

Wenn’s Sportlich nicht läuft ist das Timing gut auch noch einen Nebenschauplatz auf zu machen. Offensichtlich wurde, dass die Mannschaft die Aufgabe Bundesliga nicht mehr gewissenhaft erfüllte. Die Bewegungsbereitschaft nahm immer mehr ab, die taktische Disziplin eben so. Das Ergebnis war, was häufig „Blutleere Vorstellung“ genannt wurde.

Mannschaftsintern scheint der Haussegen schief gehangen zu haben. Warum das so ist, vermag ich aus der Ferne nicht zu beurteilen. KPB, Sam und Höger als Lösungsansatz in die Wüste zu schicken, möchte ich aber zumindest hinterfragen. Denn das schmälerte die Qualität weiter.

Der Umbruch

Letztlich scheint daraufhin zumindest ein Trainerwechsel sinnvoll, auch wenn er zu einem unpassenden Zeitpunkt kommt. Das jetzt alle Welt einen Umbruch erwartet verstehe ich persönlich nicht. Denn eigentlich ist Schalke schon seit Jahren in einem Umbruch.

Schalke setzt immer mehr auf die eigene Jugend und verzichtet darauf, alteingesessene Spieler zu kaufen. Die Ausnahme bestätigt natürlich die Regel. Positionen die nicht angemessen besetzt werden können, werden von außen hinzugezogen (etwa Choupo-Moting oder Szalai). Da aber auch alle Welt immer wieder nach Type schreit und erfahrenen Haudegen, an denen sich die Jungen aufrichten können, kamen andere (etwa KPB, aber auch Santana). Aber das waren Ausnahmen, der eigentliche Fokus lag auf Jungspunden und Eigengewächsen.

7 Spieler aus der eigenen Jungend in der Startelf zuletzt kommen ja nicht von ungefähr. Und da ist weder Draxler noch Goretzka (nicht aus der Knappenschmiede, aber trotzdem noch u21) mitgezählt.

Was allerdings passieren muss, ist ein systematischer Umbruch. Es fehlt an einer weiterführenden Spielidee, die entwickelt werden muss. Die immer wieder genannten Aspekte „Defensive stabilisieren“ oder „mehr Tore schießen“ sind nichts mehr als symptome. Eine generelle Idee muss her. Und es muss allen Beteidigten klar sein, dass es Zeit braucht, bis diese wirklich entwickelt ist.

Ausnahmen & Ausreden

Einer der wenigen herausragenden Spieler ist Dennis Aogo, der erstaunlich beständig spielte. In jedem Spiel auf nahezu dem gleichen Niveau, ohne wirkliche Ausreißer. Selbst in seinem Finale gegen Paderborn, in dem die Mannschaft verunsichert war wie nie (Passerfolgsquote traurige 73%), erreichten noch über 90% seiner 51 Pässe einen Mitspieler. Natürlich ist er nicht der perfekte Über-Spieler, das größte Problem der Spieler auf Schalke in dieser Saison war allerdings die Beständigkeit. Und da waren Aogo und natürlich Ralf Fährmann die großen Ausnahmen. Matija Nastasic ebenfalls, aber der hat ja nur eine Halbserie gespielt, inklusive Eingewöhnung. Wer weiß wozu der noch alles in der Lage ist.

Immer wieder wird die Verletzungsmisere genannt, wenn die Leistung Schalkes diskutiert wird. Schalke hat in dieser Saison so viele Ausfälle zu beklagen gehabt, wie kein anderer Bundesligist. Aber erstens das ist ja auch nichts neues. Und zweitens kann das in der schwachen Liga keine Ausrede sein. 13 Punkte hinter dem 4. Platz ist ein Witz. Wer eine Saison ohne Niederlage gegen die Bayern (Hinspiel, Rückspiel) beenden kann, kann sich auch für die Champions League qualifizieren. Wer aber gegen Hamburg keinen Sieg zustande bekommt, macht was grundlegendes falsch. Dafür ist die Kaderqualität auch in der zweiten Reihe noch zu hoch.

Und trotz der extrem schlechten Schlussphase hab es nur 6 Mannschaften, die in der Rückrunde weniger Gegentore bekommen haben als Schalke. Die Defensive zu stabilisieren, das hat geklappt. Zumindest so halbwegs gut.

Fazit

Schalke wirft den Trainer raus, weil der die Mannschaft nicht weiter entwickelt. Der nächste Trainer schafft das, aber nicht nachhaltig genug. Und letztlich fällt die Mannschaft auseinander. Es fehlte an einem 10er, der die Fäden im Angriffsspiel zusammenhält. Mindestens. Oder gar an einer generellen Spielidee. Der neue Trainer ist letztlich auch daran gescheitert.

Letztlich schaffte es Schalke einmal mehr nicht, eine Spielkultur zu etablieren und seine Spiele weiterzuentwickeln. Der Ausflug in die 5er Kette war interessant, aber nicht nachhaltig genug. Der neue Trainer hat jetzt also Einfluss auf Transfers und kann die komplette Saisonvorbereitung machen, bevor er in sein erstes Spiel geht. Das ist großartig. Nicht so gut ist, dass Heldt dafür jetzt plötzlich einen geeigneten Kandidaten finden muss, während sich der Spielermarkt schon neu aufteilt.

Timing war noch nie Schalkes stärke…

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt.

Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

Kategorie: Spiel & Spieler

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5 Comments

  1. Vielen Dank für die interessante Analyse. Ich würde mir wünschen, dass das unsere sportliche Leitung mal lesen würde…

    Wenn ich an die nächste Saison denke, wird mir ganz schön bange – sollte Wilmots tatsächlich kommen. Ich habe mir mal die Analysen von spielverlagerung.de der Belgien-Spiele bei der WM angesehen und der Grundtenor war ziemlich negativ. Gruppen- und Mannschaftstaktisch sehr schwach. Und insbesondere ist es Wilmots wohl nicht gelungen irgendeine Idee von strukturierten Offensivspiel zu entwickeln. Erinnert mich alles sehr stark an Schalke unter Keller. Erstmal mit dem Ball ins Angriffsdrittel und dann hoffen, dass jemand durch seine individuelle Qualität einen rein macht. Ich fürchte, dass es mit so einem Ansatz schwierig wird wieder ins internationale Geschäft einzuziehen. Bayern, Wolfsburg, Leverkusen, Gladbach und Dortmund werden dann sicher ein Stück weg sein und man muss aufpassen, dass wir nicht hinter Hoffenheim, Augsburg, Bremen und Ingolstadt landen.

    Dann bitte lieber Armin Veh holen. Der hat immerhin schon bewiesen, dass er in der Bundesliga Erfolg haben kann. Mit Frankfurt hat er z.T. auch ein sehr attraktives ballbesitz-orientiertes Offensivspiel spielen lassen.

  2. Wie seht ihr jetzt der kommenden Saison unter Breitenreiter entgegen? Was ich verstehe ist Folgendes:
    1) Wir werden hohes Pressing sehen, höher als unter RDM, viel höher als unter Keller. Das wird laufintensiv und wird, wenn es geschickt gemacht wird, das Publikum mitnehmen.
    2) Schnelles Überbrücken nach vorne. Gut für Geis, gut für Draxler. Schlecht für Meyer, schlecht für Neustädter (?)

    Ballbesitz ist kein Muß. Das wird etwas mehr nach Leverkusen aussehen als nach Bayern.

    Was meint Ihr?

    • Sorry, der Kommentar ist mir irgendwie durch gegangen…

      1) Es wird auch viel gegengepresst werden, vermute ich. Hochgeschwindigkeit in engen Räumen. Ich erwarte, dass der Ball viel Zeit in der gegnerischen Hälfte verbringt, bei welcher Mannschaft auch immer.

      2) Draxler scheint ja gerade zu verschwinden. Aus genau Deiner Argumentation kann ich das aber nicht verstehen. Schalke stellt um auf seinen Fußball und er verschwindet…
      Bei Meyer bin ich mir noch unsicher. Es könnte wirklich eng her gehen, da würde Meyer dann großartig rein passen.
      Wie Neustädter neben Geis passt finde ich insgesamt spannend. Freue mich schon auf die ersten Testspiele mit Aussagekraft.

    • Das mit Draxler sehe ich genau so. Es könnte seine Saison werden. Aber 35 Millionen und mehr sind auch nicht zu verachten. Was ich ja gar nicht verstehe ist, was Juventus mit Draxler will. Er ist so ziemlich das genaue Gegenteil von Pirlo und Vidal. Aber nicht unser Problem.

      Mittlerweile sind wir mit Sam, di Santos, Choupo und Sane auf diesen Halbaussenstürmerpositionen supergut besetzt.
      Ich kann mir Neustädter gerade neben Geis gar nicht vorstellen. Offenbar lässt Breitenreiter auch meist Höger neben Geis auflaufen, was ich passender finde, wobei ich das gar nicht gut begründen kann.

  3. Geis-Neustädter fand ich recht gut gegen Porto. Besonders letzterer hat mich überrascht, weil er so vertikal war, wie selten. Bin gespannt, was Breitenreiter da sonst noch auf der 6 aufwartet.

    Di Santos hatte ich so gar nicht auf’m Schirm, muss ich sagen. Der Goal Impact ist nicht besonders überzeugend…
    Könntest Du da etwas zu schreiben?

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